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Gefährliche Nähe

Von Antje Schrupp

Foto: Andrew Neel/Unsplash.com

Vor Kurzem war ich bei einer Wochenendtagung von Diotima in Verona, jener Gemeinschaft italienischer Differenzfeministinnen, mit denen wir in diesem Forum politisch verbunden sind. Im Sommer treffen sie sich immer, um das Thema für ihre jährliche Herbstvorlesungsreihe festzulegen. Diesmal liefen die Diskussionen auf folgendes Stichwort heraus: „pericolose vicinanze“.

„Gefährliche Nähe“ also, oder „gefährliche Nachbarschaft“, und zwar als philosophisches und vor allem politisches Problem. Ein Beispiel für das, was gemeint ist, war die „Nachbarschaft“ zwischen der feministischen Beschäftigung mit der Bedeutung der Muttersprache und der derzeitigen Verteidigung regionaler Dialekte von Seiten der rechtspopulistischen Lega in Norditalien. Bei flüchtigem Hinschauen gibt es Ähnlichkeiten, zum Beispiel die Kritik an einer abstrakten, bürokratischen Sprache oder die Aufmerksamkeit für konkrete Beziehungen in Familien und Quartieren. Aber wenn man genau hinschaut, sind es zwei vollkommen verschiedene Dinge.

Mir fallen spontan viele weitere Beispiele für solche „gefährlichen Nachbarschaften“ ein. Das Verhältnis von Macht und Politik zum Beispiel ist eine solche, wozu es einen ganzen Sammelband von Diotima gibt, den wir ins Deutsche übersetzt haben. Darin auch das Bild, dass beides, Politik und Macht, auf demselben Spielfeld abläuft, so als würde man auf demselben Brett Schach und Dame gleichzeitig spielen – „gefährliche Nähe“ eben.

Ein anderes Beispiel ist die Unterscheidung von Sexarbeit und Prostitution, über die ich kürzlich erst geschrieben habe. Hier ist die Ähnlichkeit so groß, dass die beiden Worte normalerweise wie Synonyme verwendet werden, nur dass man je nach politischer Haltung oder Absicht das eine oder das andere benutzt. Ich argumentiere hingegen, dass die beiden zwar von außen oft ähnlich aussehen, aber sehr prinzipiell unterschiedliche Angelegenheiten sind.

Eine andere gefährliche Nachbarschaft, mit der ich mich schon lange herumschlage, ist die Nähe zwischen der Anerkennung von unbezahlter weiblicher Hausarbeit auf der einen Seite und einer Verklärung des Apfelkuchenbackens à la Eva Herman auf der anderen. Immer wieder kommt es zum Beispiel zu Missverständnissen, wenn ich über die politische und ökonomische Bedeutung unbezahlter Hausarbeit spreche und darüber, dass sie anerkannt werden muss: Vertreterinnen eines „klassischen“ Feminismus in der Tradition von Simone de Beauvoir hören dabei zuweilen ein konservatives „Zurück an den Herd“ heraus.

Gefährlich ist auch die Nähe zwischen meinem Versuch, das Schwangerwerdenkönnen aus der Ignoranz-Zone feministischer Reflektion zu holen und einer essenzialistisch-biologistischen Interpretation der Geschlechterdifferenz; ein Vorwurf, der mir manchmal von LGBTQI- oder Queerfeministinnen gemacht wird, während ich mich Galaxien vom biologischen Essenzialismus entfernt sehe.

Möglicherweise ist auch die aktuell unter dem Stichwort #metoo diskutierte Ähnlichkeit zwischen einer erotischen Überschreitung körperlicher Grenzen und einer übergriffigen Überschreitung der körperlichen Selbstbestimmung eine solche „gefährliche Nähe“, die es verdiente, genauer untersucht zu werden.

Es zeigt sich für mich jedenfalls ein gewisses Muster in diesen Beispielen: Für diejenigen, die den prinzipiellen Unterschied zwischen zwei oberflächlich ähnlichen Konzepten sehen, also etwa zwischen Care-Revolution und 50er-Jahre-Hausfrauentum oder zwischen Erotik und sexualisierter Gewalt oder zwischen Differenzfeminismus und Essenzialismus … – für die ist es ein Skandal und vollkommen unvorstellbar und eine echte Zumutung, wenn andere diesen Unterschied nicht sehen und alles in einen Topf werfen.

Wir haben in unserer Kultur eben wenig Kompetenz und Übung darin, mit diesen „gefährlichen Nachbarschaften“ umzugehen. Ganz im Gegenteil: Normalerweise wird ja so getan, als ob politische Positionen umso weiter voneinander entfernt sind, je unterschiedlicher sie sind. Das zeigt sich paradigmatisch in der Rede von „Links“ und „Rechts“, wobei die am weitesten voneinander entfernten Punkte die „Extremen Linken“ oder die „ganz weit Rechtsaußen“ sind.

Konsequenterweise äußert sich das Bemühen, die „Rechten“ zu bekämpfen, dann häufig so, dass man sich möglichst weit von ihnen entfernt. Dass man also versucht, sich in möglichst Vielem von ihnen zu unterscheiden: Sagen sie „Heimat“, erklären wir das Wort für prinzipiell unbrauchbar. Kritisieren sie die „Systempresse“ müssen wir die Medien auf jeden Fall in Schutz nehmen. Jede Position, die Rechte vertreten, wird prinzipiell problematisch, weil man damit automatisch in den Verdacht gerät, ebenfalls rechts zu sein: Was, du backst gerne Apfelkuchen? Aber Eva Herman!!!

Meine These ist, dass dieses Modell, politische Positionen und ihr Verhältnis zueinander zu bewerten, nichts taugt. Zum Beispiel stehen wir ja schon länger etwas ratlos vor dem Phänomen, dass ehemalige Linke auf einmal ganz Rechtsaußen sind, ohne dass man so recht weiß, was da passiert ist. Das sind ja inzwischen wirklich keine Einzelfälle mehr. Rassistische oder antimuslimische Wendungen von ehemals aufrechten Feministinnen sind ebenfalls Beispiel für solche Seitenwechel.

Gleichzeitig stehen wir vor dem Phänomen der konkurrierenden „Rechten“: Auf der einen Seite gibt es die nationalistisch-rassistischen „Lokalisten“ à la AfD, Kurz, Putin, Erdogan, Trump, und auf der anderen die neoliberal-kapitalistischen „Globalisten“ à la Merkel, Macron usw. (um es etwas schlagwortartig zu sagen). Diese beiden Varianten von „Rechts“ sind wirklich sehr weit voneinander entfernt, was Habitus, Lebensstil, politische Markierungen und auch konkrete politische Maßnahmen betrifft. Trotzdem wollen sie aber unterm Strich ähnliche, nämlich „rechte“ politische Verhältnisse hervorbringen, und behindern somit „unser“ Projekt einer freiheitlichen, feministischen, sozialen und so weiter Welt gleichermaßen, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln.

Beides, das offenbar so mühelose Überwechseln ehemaliger Linker nach rechts ebenso wie das weit aufgespaltene Feld von unterschiedlichen (und einander auch bekämpfender) Rechten lässt sich kaum erklären in einem Modell, das die Unterschiede zwischen politischen Positionen danach bemisst, wie weit sie voneinander entfernt sind, wie stark sie sich voneinander unterscheiden.

Das Modell der „gefährlichen Nachbarschaften“ hingegen bietet einen anderen Zugang: Wenn der Übergang zwischen Links und Rechts (ich verwende diese platten Begriffe mal im Wissen um ihre Unschärfe, nur um meinen Punkt hier klar zu machen) nicht so vonstatten geht, dass man eine weite Entfernung zurücklegt, um vom einen zum anderen zu kommen, sondern dass man ganz in der Nachbarschaft quasi durch eine falsche Tür geht, dann erklären sich beide Phänomene. (Science Fiction-Begabte können statt der Metapher der Nachbarschaft auch das Wurmloch nehmen).

Die relevante politische Unterscheidung wäre dann nicht „links“ und „rechts“, sondern vielleicht „freiheitlich“ und „repressiv“: Es gibt eine freiheitliche Art, Apfelkuchen zu backen, und eine repressive. Es gibt eine freiheitliche Art der Globalisierung und eine repressive. Es gibt eine freiheitliche Art der Wertschätzung regionaler und lokaler Eigenheiten und eine repressive. Es gibt eine freiheitliche Art, über patriarchale Denkmuster zu diskutieren und dabei ausdrücklich in Bezug auf kulturelle und religiöse Hintergründe zu nehmen, und eine rassistische. Und so weiter und so fort.

Der Unterschied ist gewissermaßen qualitativ groß, aber quantitativ klein.

Und ohne dieses Bild, über das ich erst seit einigen Tagen nachdenke, nun gleich überstrapazieren zu wollen: Es liegen für mich auch Ideen auf der Hand, was diese andere Sichtweise bedeutet für die gegenwärtigen politischen Herausforderungen.

„Rechte“ wären nicht unbedingt welche, die ganz weit weg am anderen Ende einer langen Skala leben, sondern sie sind nebenan. Eventuelle Gemeinsamkeiten, die ich zwischen mir und meiner „rechten“ Nachbarin bemerke, müssen mich nicht gleich in Panik versetzen, weil sie nicht unbedingt ein Zeichen dafür sind, dass ich auch schon fast rechts bin. Im Gegenteil, sie können mir vielleicht dabei helfen, mit ihr ins Gespräch zu kommen und ihr die Tür (oder das Wurmloch) zurück „zu uns“ zu zeigen. Denn es ist kein weiter Weg.

Gleichzeitig müsste ich mir klar machen, dass meine lebensgeschichtliche, kulturelle und habituelle Einbettung in ein „linkes“ und feministisches Milieu leider überhaupt keine Gewähr dafür ist, dass ich nicht selber abdrifte. Weil eben die andere Seite, die repressive, sich nicht meilenweit weg am anderen Ende der Welt befindet.

Sie ist gleich hier, nebenan, gefährlich nahe.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 07.07.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Im postpatriarchalen Durcheinander (nach Ina Prätorius) verschwimmen in der Tat auch zwischen Feministinnen die Grenzen. Es ist eine Haltung der Differenzverträglichkeit (nach Hans Saner) angesagt; gerade auch in so kontrovers diskutierten Themenfeldern wie der von Sexarbeit und Prostitution. Ich habe deinen diesbezüglichen Kommentar in der ‚Zeit online‘ gelesen und finde all deiner Beispiele zum Trotz die Unterscheidung der beiden Begriffe je nach Kontext spitzfindig: Auch wenn die Bulgarin ohne Druck ihres Vaters schlussendlich „freiwillig“ in Deutschland anschaffen geht, macht sie keine Arbeit, welche eine Frau ihrer Tochter wünscht. Und sie tut es da wohl auch selten unabhängig. Ein System, welches einer Frau nur die Wahl lässt zwischen ihren Körper verkaufen oder in die Armut abzusinken, ist per se patriarchal. Das schleckt auch die sprichwörtliche Geiss nicht weg!

  • Antje Schrupp sagt:

    @Esther – Das System, das sehr vielen Menschen, und nicht allein Frauen, nur die Wahl lässt, in die Armut abzusinken oder irgend eine menschenunwürdige Arbeit zu machen, nennt sich neoliberaler Kapitalismus. Ich finde, die Situation wird falsch beschrieben, wenn man das Problem dieser Frauen „nur“ auf Patriarchat reduziert. Da fällt dann nämlich die Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Faktoren hinten runter, die ja hinter dem Ganzen stehen. Du kannst natürlich sagen, „Patriarchat“ ist ein Oberbegriff und auch für den Kapitalismus mit verantwortlich. Dann würde ich aber sagen, das ist eine zu allgemeine Analyse, die dem Thema hier auch nicht gerecht wird. Bei Sexarbeit aus Armutsgründen geht es in erster Linie um wirtschaftliche Zwänge, nicht um patriarchale, das ist in meiner Analyse der Unterschied zur Prostitution. Selbstverständlich behaupte ich nciht, dass wirtschaftliche Zwänge etwas Tolles sind und dass es Frauen, die unter ihnen leiden, gut geht. Ich sage, dass sie etwas anderes sind als patriarchale Zwänge.

  • Elisabeth Jankowski sagt:

    Liebe Antje, das ist ja schon mal ein schöner Anfang, über das Thema nachzudenken.
    Wenn ich aus den Ferien zurück bin, werde ich genauer dazu etwas britragen.
    Elisabeth Lisa Jankowski

  • Ute Plass sagt:

    „Eventuelle Gemeinsamkeiten, die ich zwischen mir und meiner „rechten“ Nachbarin bemerke, müssen mich nicht gleich in Panik versetzen, weil sie nicht unbedingt ein Zeichen dafür sind, dass ich auch schon fast rechts bin. Im Gegenteil, sie können mir vielleicht dabei helfen, mit ihr ins Gespräch zu kommen und ihr die Tür (oder das Wurmloch) zurück „zu uns“ zu zeigen. Denn es ist kein weiter Weg.“

    Finde ich sehr gut, dass du auf „eventuelle Gemeinsamkeiten“ hinweist. Ein wichtiger Türöffner um ins Gespräch zu kommen.

  • Ute Plass sagt:

    „Gefährliche Nähe“ ist eine doppeldeutige Bezeichnung, da diese ja auch mit den eigenen Feind/Abwertung -und Ausschlusskategorien in Kontakt bringen kann und so das unangenehm eigene Verdrängte bewusst werden lässt.

    Diese hochnotwendige Reflexion und Auseinandersetzung bewahrt evtl. vor moralischem Überlegenheitsgestus, mit dem heute doch sehr rasch Menschen als Nazis, Rassisten, Antisemiten…. etikettiert werden.
    Das heißt natürlich nicht, Menschen verachtendes, repressives u. verletzendes Verhalten und Denken als gegeben hinzunehmen.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    @Antje: Klar hast du Recht damit, dass sich beim Phänomen Sexarbeit/Prostitution neoliberaler Kapitalismus und patriarchale Strukturen und Mentalitäten verschränken. Worauf ich aufmerksam machen wollte ist, dass sich ein junger Bulgare wohl nicht prostituieren würde. Dass also wirtschaftliche Not auf patriarchale sexuelle Präferenzen stösst. Es ist m. E. also hilfreich, dass der Fokus mal auf die Freier, deren Sexualität und sie Geschlechterverhältnisse im Spätkapitalismus gelegt wird, wie es die neuste Kampagne der Frauenzentrale Zürich tut: http://www.stopp-prostitution.ch

  • Ute Plass sagt:

    Wie stark Kapitalismus u. patriarchale Strukturen/Mentalitäten
    miteinander verzahnt sind, zeigt sich ganz besonders im Bereich
    von sog. Friedenssicherung durch atomare Abschreckung:
    https://www.deutschlandfunk.de/spiel-mit-der-bombe-der-albtraum-vom-beherrschbaren.740.de.html?dram:article_id=422367

  • Michaela Lusru sagt:

    Der Versuch (!) der „Entwirrung“ der von dir als „gefährliche Nachbarschaften“ benannten Probleme ist lobenswert, bleibt jedoch rudimentär, weil z.B.:

    „Es gibt eine freiheitliche Art der Globalisierung und eine repressive.“ –
    Nein, gibt es nicht, da (diese) Globalisierung allein bereits nur als „Amerikanisierung“ (Zitat Henry Kissinger)damit bereits vom Wesen allein dem (US-)Amerikanischen Exceptionalismus folgt („Amerika first“/Trump, „Die USA wird überall auf der Welt IHRE Interessen durchsetzen /Obama auf Westpoint).
    Dass über dieses Verständnis für alle nicht“amerikanischen“ Beteiligten keinesfalls DEREN „freiheitliche“ entstehen kann sondern nur das Gegeteil möglich ist, ist auffällig einfach zu erraten.
    (Alt-Global-Kriegsherr Henry Kissinger: Globalisierung ist NUR Amerikanisierung).
    Ob der Globalisierung da für deine Sicht erst mal ein völlig anderer Inhalt mit tatsächlich freiheitlichem Namen zu verpassen ist, statt zwar feministisch verbalisiert das einfach hinzunehmen mit dieser Art der (gesellschaftlichen) Globalisierung?

    Desweiteren deine „rechts-links“ Nachbarschaften:
    Unsere menschliche Gesellschaft ist eine GANZHEIT, sie ent- und besteht nur aus den vorhandenen und nachwachsenden Menschen und ihren Gruppen und orientiert sich auf deren Gleichwertigkeit ihrer Würden und Existenzen, also unverzichtbar auch auf das, was du „Links“, „rechts“, oder eben randständig und alles dazwischen (der grosse Rest!) nennst.

    Für die aufgrund so nebeneinander (!) zwangsläufig entstehenden unterschiedlichen gesellschaftlichen Meinungen und Interessen und damit beschworenen Konflikte haben bereits die alten Griechen die auch nach ihrem Wissensstand nicht untadelige oder voll befriedigende Gemeinschaftsregulierung der DEMOKRATIE erfunden und sie gelebt, um Konfliktlösungen ausschliesslich friedlich zu ermöglichen.
    Bis heute hat sich uns keine sinnvollere und effektreichere Geselschaftsregulierung vorgestellt, als diese äusserst unvollkommene und oft unzureichende Demokratie, die jedoch nur dann ihre Potenzen ausschöpfen kann, wenn sie nicht nur die von sich selbst selektierenden bestimmten Gruppen ist, sondern die Demokratie ALLER vorhandener Gruppen (s. Gruppentheorie!).

    Das heisst, eine Stigmatisierung bestimmter Gruppen hebelt diese Demokratie bereits im Ansatz aus und beseitigt oder verhindert die Friedlichkeit.
    Dabei ist es völlig egal, welche dieser Gruppen oder deren Interessen sich in der Sache oder verbal „gefährlich nahe“ kommen oder medial (gruppeninteressengeleitet)dazu gestanzt oder degeneriert werden.

    Aus der Sicht einer erfolgsträchtigen Demokratie ist ein (Gruppen-)“Abdriften“ damit bei entsprechender demokratischer Basiseinstellung nicht möglich, oder bedeutungslos, oder verräterisches Zeichen für nichtverstandene rsp. nicht gelebte Demokratie.

    Weder rechts, noch links, noch liberal, noch konservativ oder „progressiv“ sind allein dadurch demokratiefeindliche oder -fördernde Positionen, solange sie GEMEINSAM daran nicht gehindert sondern praktiziert werden.

    Diese Aspekte erlaube ich mir ergänzend und offensichtlich nicht ohne Grund deinen Ausführungen hinzu zu fügen, mit dem sachten Hinweis, dass der Feminismus nur eine der vielen Gruppen und mitnichten die „first“ ist und eine Gesellschaft sich allen Gruppen zuzuwenden hat, will sie friedliches Zusammenleben sicherstellen.

    PS.:
    In diesem thematischen Zusammenhang darf ich an meine Frage an Dich erinnern, was denn nach der endgültigen Abschaffung des Patriarchats durch den Feminismus an dessen ordnende, organisierende und stimulierende Stelle treten soll, evtl. ein Matriarchalismus?
    Es ist noch kein anderes platzwürdiges Modell bekannt, und der Demokratie hätte auch diese und auch alle anderen Vorschläge Rechnung zu tragen …

  • Michaela Lusru sagt:

    @Esther Gisler Fischer sagt: 8. Juli 2018 um 19:50 Uhr
    „…beim Phänomen Sexarbeit/Prostitution neoliberaler Kapitalismus und patriarchale Strukturen und Mentalitäten verschränken.“
    Kann es sein, Esther, dass sich in einer Gesellschaft, die seit hunderten von Jahren patriarchalisch und seit hunderten von Jahren „neoliberal“ (genau genommenm war Kapitalismus NIE etwas anderes) entwickelt und profiliert hat, logischerweise Alles miteinander „verschränkt“, ohne dass da Neoliberalität oder Patriarchalität sich gegenseitig zwangsbedingen würden??
    Es ist mir zu billig und zu naiv, diesen beiden Phänomenen gegenseitig die Urheberschaft für das je andere zuschreiben zu wollen, zumal bekanntlich das „älteste Gewerbe der Welt“ lange vor der Neoliberalität und der Vormacht des Patriarchats im Sinne desw Wortes „fröhliche Urständ“ feierte – es gibt eben auich andere Ursachen für gesellschaftliche Erscheinungen, als „Das“ Patriarchat, oder „der“ Neoliberalismus, und damit nicht einfach konstruktionell abschaffbare, in welcher Art von Gesellschaft vauch immer …

    Und:
    „Worauf ich aufmerksam machen wollte ist, dass sich ein junger Bulgare wohl nicht prostituieren würde.“ –
    Wie kommst du denn nun auf diese Art von Mustopfidee, wieso sollte ein junger Bulgare das nicht tun, wenn es doch viele deutsche und andere junge Männer auch tun?
    Es gibt docxh nicht nur Frauen und Frauenprobleme auf unserer Welt, und nicht jedes Frauenproblem ist eines, nur weil es Frauen gibt, oder weil das nur bei Frauen anzusiedeln ist.
    Z.B. die soziale Gleichstellung und -Teilhabe ist vor (!) allem Anderen und damit primär keine zwischen Mann und Frau, sondern zwischen unten und oben, und zwar sowohl für Frau wie für Mann, als eigentliche Ursache für die in der Folge entstehenden Zurücksetzungen von Frauen und deren Verfestigung in der Gesellschaft. Ohne grundsätzliche Lösung dieser Frage bleibt Feminismus ein Nischenproblem einer Gruppe Frauen. Es ist stets das GANZE zu sehen, bevor eilige oder naive Schlussfolgerungen das Handeln verqueren.

    Ob du insgesamt die Welt eventuell etwas zu simpel siehst, zu schwarz-weiss (gut-böse) ?

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Gemach gemach liebe Michaela Lusru:Prostitution oder euphemistisch Sexarbeit ist nicht das älteste Gewerbe der Welt, sondern ein Relikt der Sklavenhaltung(hier nachzulesen: https://www.stopp-prostitution.ch/info/mythen-ueber-prostitution. Welcher Erklärungskategorie du dies zuordnen möchtest, überlasse ich dir. Und klar könnte sich der junge Bulgare prostituieren, tut er vielleicht zur Not sogar, doch statistisch wahrscheinlicher ist wohl, dass er kriminell wird. Mit recht weisst du auf die intersektionalen Komponenten hin, welche unbedingt zu beachten sind, als da sind Rasse, Klasse, sozialer Status, aber halt auch und immer noch Geschlecht.
    Ich kann dich beruhigen: Ich sehe die Welt farbig und nicht schwarz-weiss.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Zu dieiner differenzierteren Analyse ist das Konstrukt des ‚Kyriarchats‘, welches von der amerikanisch-deutschen Bibelwissenschafterin Elisabeth Schüssler Fiorenza eingeführt worden ist um ‚miteinander verbundene, interagierende, multiplikative Systeme von Herrschaft und Unterwerfung zu beschreiben, in denen dieselbe Person in einem Kontext unterdrückt und in einem anderen Kontext privilegiert sein kann. Es ist eine intersektionale Festlegung des Begriffs des Patriarchats, es erweitert die Analyse der Unterdrückung jenseits geschlechtsspezifischer Diskriminierungen um die Dynamik des Rassismus, Heterosexismus, Klassismus, Ethnozentrismus, der Altersdiskriminierung und anderer Formen der internalisierten und institutionellen Diskriminierung.‘ (s.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kyriarchat)

  • Michaela Lusru sagt:

    @ Esther Gisler Fischer sagt:12. Juli 2018 um 16:44 Uhr

    „Sexarbeit ist nicht das älteste Gewerbe der Welt, sondern ein Relikt der Sklavenhaltung“ –
    abgesehen davon, dass du wohl die Gänsefüsschen am „ältesten Gewerbe der Welt“ entweder nicht gesehen oder nicht verstanden hast oder (dann wohl etwas humorlos) nicht wahrnehmen möchtest, gab es Prostituon sehr wohl vor den Sklaven, denn bereits durch (nach) Prostitution entstanden z.B. auch Sklaven, auch wenn das nicht in die festgefügten Rahmen bestimmter Ideologien passt –
    also abgesehen davon, ging es in meiner Bemerkung jedoch erkennbar nicht um diese Frage, sondern darum, dass
    „zumal bekanntlich das „älteste Gewerbe der Welt“ lange vor der Neoliberalität und der Vormacht des Patriarchats im Sinne desw Wortes „fröhliche Urständ“ feierte.“
    Anders:
    Prostitution gab es lange VOR den Patriarchaten (es gibt viele davon!) und vor der Neoliberalität, was auf auch andere (gesellschaftliche und personelle und naturelle) Kausalitäten hinweist- und was hier erwähnt werden sollte, ohne dies weiter auszuführen.

    Im übrigen darf ich dich höflich darauf hinweisen, dass es seit über 60 Jahren wissenschaftlich erwiesen KEINE RASSEN unter den Menschen gibt (es sei denn, du meinst mit Rasse nur race – die amerikanische Bezeichnung für unterschiedliche soziale -nicht biologische- Gruppen), ich somit also von (Menschen)RASSE, einem Begriffsrelikt verfehlter nationalistisch geprägter Bestrebungen der letzten Jahrhunderte, nicht gesprochen habe.

    „Ich kann dich beruhigen: Ich sehe die Welt farbig und nicht schwarz-weiss.“ – Ja schon, zwei-, drei-, vierfarbig – oder bunt?

    @Esther Gisler Fischer sagt 12. Juli 2018 um 18:03 Uhr

    „…differenzierteren Analyse ist das Konstrukt des ‚Kyriarchats‘, welches von der amerikanisch-deutschen Bibelwissenschafterin Elisabeth Schüssler Fiorenza eingeführt worden ist“ …
    „… in denen dieselbe Person in einem Kontext unterdrückt und in einem anderen Kontext privilegiert sein kann. Es ist eine intersektionale Festlegung des Begriffs des Patriarchats, es erweitert die Analyse der Unterdrückung jenseits geschlechtsspezifischer Diskriminierungen um die Dynamik des Rassismus, Heterosexismus, Klassismus, Ethnozentrismus, der Altersdiskriminierung und anderer Formen der internalisierten und institutionellen Diskriminierung.‘“
    Zu „Rasse“ siehe vorstehend …
    Nun, offenbar ist nicht geläufig, dass lange vor der Kreation dieses Begriffes in den systemwissenschaftlichen Forschungen seit 100 Jahren (Bogdanow-Tektologie, Bertalanffy-Allgemeine Systemtheorie und viele nachfolgende ab 50er Jahre) die Rolle von GANZHEITEN (Systemen) und ihrer Teile Elemente und Komponenten) zueinander und zum Ganzen als systemisch organisiert / ausgerichtet beschrieben wurde und Dynamik dieser Beziehungen als Voraussetzung für alle auf Leben beruhenden Entitäten benannt wurde.
    Allein daraus erklärt sich, dass die „Doppelrolle“ von Teilen eines Ganzen als „Herrscher“ wie als „Unterdrückter“ (als System oder Subsystem …) die Daseinsweise von lebenden (organisch funktionierenden) Erscheinungen sein muss, das also weder etwas Besonderes noch etwas Neues ist.

    Da es keine Erscheinung im Leben der menschlichen Gesellschaft gibt, die frei von dieser systemischen (organischen) Einbindung System-Subsystem-Subsubsystem ist, ist es aufgrund dieser systemtheoretischen Erkenntnisse erklärbar, dass grundsätzlich davon auszugehen ist, dass es keine Erscheinung gibt, die nur „Herrscher“ oder nur „Unterdrückter“ ist.

    Ein spezieller Bezug auf Patriarchat lässt sich in dieser Erkenntnis nicht wiederfinden, es sei denn, wir verstehen auch dieses so, als auch wieder nur systemisch existierende Form dieses Verständnisses von Ganzheiten.

    Womit wir wieder bei der Frage wären, ob es nicht auch das Patriarchat (oder gerade das) trifft mit der Erkenntniss, dass Patriarchen stets sowohl „Herrscher“ als auch „Unterdrückte“ sind, sein müssen, und damit „Patriarchat“ nicht (allein) Synonym für Unterdrückung anzeigt.

    Dies wiederum zeigt auf die Grenzen der Wahrnehmung bestimmter feministischer Exaltierungen und damit auf deren Realitätsferne bei der Veränderung unserer Gesellschaft, z.B. der „Abschaffung des Patriarchats“ als gesellschaftliche Ordnungsweise (mehr ist das nicht!).
    Bisher hat niemand den genauen Zweck dieser „Abschaffung“ sowie deren Ziel benannt, auch nicht was (als Ordnungskriterium) an die Stelle des (vermeintlich bestehenden) Patriarchats treten soll.
    Antje Schrupp danach befragt, ergab die vage Antwort, dass eine solche „später erfolge“ …

    Nun, was also: Ein Matriarchat? Wie sollte das aussehen und wie käme man dahin?
    Vorschlag: Ein MaterPaternat – nur gehen wir nicht längst dahin?
    Und was könnte uns dabei das ‚Kyriarchat‘ ein aus meiner Sicht zurückweisender und Althergebrachtes verfestigend beschreibender Nebenschauplatz (zur Gesellschafts- und Systemtheorie) helfen, anstatt längst erkannte systemische Bedingtheiten zu nutzen?
    Unterdrückung ist nicht beendet, wenn Patriarchate ausgerottet sind, das sollte allen Interessierten klar sein, da ist wohl etwas mehr an der systemischen Fuktion unserer Gesellschaft und ihrer Vertikalen zu basteln.

  • Michaela Lusru sagt:

    @ Esther Gisler Fischer sagt:12. Juli 2018 um 16:44 Uhr

    Ach ja, zu:

    „Analyse der Unterdrückung jenseits geschlechtsspezifischer Diskriminierungen …“

    könnte man hinzufügen, was gegenwärtig als wesentlicher zentraler Hintergrund für „Unterdrückung jenseits geschlechtsspezifischer Diskriminierungen“ erkannt wurde:
    der (US-)
    Amerikanische Exceptionalismus.

    >bitte selber googeln oder hier:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Amerikanischer_Exzeptionalismus

    Textauszug:
    „Wegen ihrer Einzigartigkeit seien die USA an völkerrechtliche Vereinbarungen grundsätzlich nur insoweit gebunden, wie ihnen dies nützt.[8] Auch ließen sich ihre Taten grundsätzlich nicht nach den moralischen Normen bewerten, nach denen die USA die Taten anderer Nationen bewerten. Denn es könne grundsätzliche keine „moralische Äquivalenz“ zwischen den USA und anderen Staaten in der Bewertung ihrer Taten geben, da sich Verbrechen von ‚wesenhaft Guten‘ nicht mit Maßstäben bewerten ließen, die man an Verbrechen von ‚wesenhaft Schlechten‘ anlegt. Folglich mögen die USA zwar gelegentlich ‚Fehler‘ machen, könnten jedoch aus grundsätzlichen Gründen keine Kriegsverbrechen begehen – weder in Vietnam, noch im Irak oder in Syrien. Und aus ebenso grundsätzlichen Gründen könnten sie auch keine Zivilisten ermorden, sondern Zivilisten stürben einfach als ‚kollaterale‘ Folge bester Intentionen. Da die USA wesenhaft gut seien, entzögen sich ihre Taten auch grundsätzlich einer Bewertung nach völkerrechtlichen Normen.“

    Ja, du hast richtig gelesen …

    Diese Staats-Doktrin als Form einer auch weltweit praktizierten Unterdrückung artikuliert sich dann so, dass „Amerika überall auf der Welt seine (!) Interessen durchsetzen WIRD…“ (Obama auf Westpoint vor seinem versammelten Millitär öffentlich im TV) oder „Amerika-First“ (Trump zu jeder Gelegenheit).

    Solange diese in den USA geltende Staatsdoktrin, die dort keinesfalls unumstritten ist und sogar bekämpft wird, auch weltweit gegen jedes beliebige Land der Erde und seine Menschen amtlich praktiziert wird, mutet es wie ein schnuckliges Perlenzählen an, wenn wir von der Unterdrückung durch „das Patriarchat“ reden wollen – es sei denn, wir begreifen solche (auch in der EU aufkommenden) exceptionalistische Doktrinen ALS „Unterdrückung des Patriarchats“ in seinen heftigsten Auformungen.

  • Michaela Lusru sagt:

    zur Aufhellung
    Der letzte Satz muss im gemeinten Sinn besser so heissen:
    “ … es sei denn, wir begreifen solche (auch in der EU aufkommenden) exceptionalistische Doktrinen auch ALS „Unterdrückung durch Patriarchat“ in seinen heftigsten Auformungen.

  • Michaela Lusru sagt:

    @ Michaela Lusru sagt: 18. Juli 2018 um 14:12 Uhr
    Zu „MaterPaternat“:
    „Nun, was also: Ein Matriarchat? Wie sollte das aussehen und wie käme man dahin?
    Vorschlag: Ein MaterPaternat – nur gehen wir nicht längst dahin?“
    MaterPaternat kann in seiner GANZHEIT und inneren Parallelität nur differenzfeministisch begriffen werden und so real existieren …

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