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Rubrik unterwegs

Pilgerinnen: Mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Händen berühren

Von Antje Schrupp

Ich bin eine Pilgerin, das heißt, ich schätze den materiellen Kontakt. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, wie ich beim Schreiben meiner Diss einmal in der Bibliothèque Nationale saß und eine Originalausgabe von Juliette Adams „Idées Anti-Proudhoniennes“ in der Hand hielt, mit einer handschriftlichen Widmung von ihr selbst auf der ersten Seite. Ich fand es sehr erhebend, ein Buch in der Hand zu halten, von dem ich wusste, dass die Autorin selbst exakt dieses Buch vor über hundert Jahren auch in der Hand gehalten hatte. Ich stelle mir vor, es sind bestimmt einige Moleküle zwischen uns ausgetauscht worden.

Für mich gibt es einen Qualitätsunterschied zwischen materiellem Kontakt und medial vermitteltem Kontakt. Nicht im Sinne dass das eine besser als das andere ist, sondern in dem Sinne, dass beides unterschiedlich ist. Man kann materiellen Kontakt nicht durch virtuellen ersetzen, davon bin ich überzeugt. Dabei kann auch materieller Kontakt in die Irre führen, das ist mir schon klar. Aber ich bestehe darauf, dass die beiden nicht austauschbar sind.

Das gilt für Menschen, die ich erst dann wirklich kenne, wenn ich sie in Fleisch und Blut gesehen habe, aber auch für Orte, die wenn man da ist, sich anders anfühlen, als wenn man sie nur medial vermittelt erlebt. Verstehen hat für mich nicht nur etwas mit Verstand und Denken zu tun, sondern mit Dabeisein, mit Anwesend sein. Dasein ist eine Form der Erkenntnis (was natürlich nicht bedeutet, dass man etwas automatisch versteht, wenn man dabei oder anwesend ist, wie gesagt, es geht mir nicht um Besser und Schlechter, sondern um Anders, und es gibt eine bestimmte Qualität des Verstehens, die das voraussetzt).

Ich will dahin gehen, wo etwas war. Ich stand in New York an der Adresse, wo Victoria Woodhull die erste englischsprachige Sektion der Internationale gegründet hat, war in Homer/Ohio, wo sie geboren wurde, war in Paris vor dem Haus, in dem André Léo gewohnt hat und in Lyon bei der Adresse, wo Virginie Barbet ihren Weinhandel hatte (die Hausnummer gibt es aber nicht mehr). Ich besuche fast jedes Mal, wenn ich Paris bin, die Stelle, wo die Kommunarden erschossen wurden. Ich war auch in Jerusalem, da hat es mir aber nicht gefallen, da war kein Spirit.

Ich bin also eine Pilgerin. Und deshalb war ich sehr entzückt, bei Rita Nakashima Brock und Rebecca Ann Parker von Egeria zu lesen, einer spanischen Pilgerin, die im 4. Jahrhundert von Galizien aus über Konstantinopel nach Palästina, Ägypten, Syrien und Mesopotamien gereist ist. Von ihr gibt es zum Beispiel wertvolle Informationen über das antike Christentum.

Der Herder Verlag hat jetzt Egerias Reisetagebücher in einem sehr schönen Bändchen auf Deutsch herausgebracht. Es gibt eine sachkundige Einleitung des Übersetzers Georg Röwekamp, schöne Abbildungen, enthalten sind aber leider nicht ihre Aufzeichnungen über die frühchristlichen Liturgien, die mich auch sehr interessiert hätten, schade.

Ich erfuhr allerdings, dass Egeria damals offenbar nicht die einzige Pilgerin war, sondern dass es zahlreiche Frauen gab, die „das Heilige Land“ bereisten. „Ich bin nämlich ziemlich neugierig“, wie Egeria selber zur Begründung angibt, (S. 14), und das galt wohl auch für die anderen, die die Stätten aufsuchten, von denen die Bibel – sowohl die Tora wie auch das Neue Testament – erzählen. Andere namentlich bekannte Pilgerinnen der Antike sind etwa die Römerin Paula, Helena und Eutropia, die Kaiserin Eudokia, Meliania die Ältere mit ihrer Enkelin Melania der Jüngeren, die Diakonisse Marthana, Marana und Cyra aus Syrien (S. 23) – und das sind ja nur die, deren Namen man kennt.

Offenbar bin ich mit meinem Wunsch, an die Orte von Ereignissen zu reisen, nicht allein, und offenbar ist dieser Wunsch schon ein sehr alter. Tatsächlich unterscheidet sich das Pilgern (das dieser Frauen damals und mein eigenes heute) sehr von bürgerlichen Bildungsreisen. Das wird auch in Egerias Reisetagebuch deutlich.

Ein Teil des Manuskriptes ist verschollen, allerdings hat im 12. Jahrhundert ein Diakon namens Petrus in einem eigenen Buch über „die Heiligen Stätten“ ausführlich daraus zitiert, sodass sich einiges rekonstruieren lässt. Auf diese Weise lässt sich die unterschiedliche Herangehensweise gut zeigen: Während Egeria subjektiv schildert, was sie sieht und erlebt, ihre eigenen Gefühle und Eindrücke reflektiert und vor allem transparent macht, wie sie zu ihren Erkenntnissen kommt (was sie gesehen hat, wer ihr was erzählt hat), destilliert Petrus Diakonus daraus nur die objektiven Informationen raus, aus dem persönlichen „ich“ wird ein angeblich neutrales und universelles „man“, und so weiter. Während Egeria auch klar macht, an wen sie schreibt („Meine verehrte Damen Schwestern“ – der Herausgeber vermutet, dass sie zu einer Art frommen, aber nicht klösterlich lebenden Frauengemeinschaft gehörte), schreibt Petrus für ein anonymes, allgemeines Publikum, für „alle“, oder, wie man es in entsprechender Literatur auch gerne formuliert, „den Leser“.

Ich finde das einen sehr bedeutsamen Unterschied, bis heute. Er hat etwas mit dem Streit zwischen Universalismus versus Pluralismus zu tun: Verstehen wir Welterkenntnis als etwas, das sich in einem persönlichen Austausch zwischen mir, der Welt, und denjenigen, mit denen ich darüber spreche herausbildet? Oder ist Welterkenntnis, was sich „objektiv, allgemeingültig“ aufschreiben lässt, ein Wissen, das unabhängig ist davon, wer es spricht und zu wem? Wie Luisa Muraro gezeigt hat, ist es dabei wichtig, Relativismus und Relativität unterscheiden. Die Alternative zu einem falschen Universalismus, der von konkreten Umständen abstrahiert und Kontingenzen unberücksichtigt lässt, ist nicht, dass alles gleichwertig und unverbunden nebeneinandersteht und eins so gut sei wie das andere. Sondern dass die Unterschiede durch aktiv gepflegte Beziehungen zu einem Gemeinsamen verknüpft werden.

Und die Praxis dafür ist das Pilgern (im Unterschied zur Forschungsreise). Beim Pilgern lassen sich keine universellen Erkenntnisse gewinnen, denn es ist eine grundsätzlich kontingente Angelegenheit. Nicht nur ich bin involviert, sondern ich in meiner Körperlichkeit, und meine Begegnung mit einem Ort fällt unterschiedlich aus, je nachdem, ob es regnet oder die Sonne scheint, ob ich gut geschlafen habe oder mit Durchfall kämpfe, ob ich einen guten Reiseführer habe oder einen schlechten.

Deshalb fühle ich mich mit Egeria auch sehr verbunden, mehr jedenfalls als mit den Kreuzrittern einige Jahrhunderte später, die mit ganz anderen Methoden und Motiven das „Heilige Land“ heimsuchten. Aber auch mehr als mit dem Herausgeber dieses Büchleins, der die Autorin mit leisen Untertönen dafür kritisiert, dass sie von einem klaren persönlichen Erkenntnisinteresse geleitet ist und daher versäumt, alles aufzuschreiben, was „den Leser“ möglicherweise interessieren könnte. wenn er schreibt: „Alles Nicht-Biblische tritt bei Egeria in den Hintergrund zugunsten einer religiösen Betrachtung: Sie interessiert sich praktisch nur für biblisch und religiös bedeutsame Stätten, Landschaften und Ruinen… Über die Bräuche der Bevölkerung hört man nur am Rande“. (S. 12f)

Aber genau das ist eben der Unterschied: Egerias Anliegen ist nicht dasselbe wie das späterer Forschungsreisender, die fremde Länder, Kulturen und Kontinente „entdeckten“, indem sie in sie eindrangen (eine klar mit Männlichkeit konnotierte Herangehensweise, wie Christina von Braun und Bettina Mathes gezeigt haben). Sondern sie geht als Pilgerin, also mit ihren eigenen persönlichen Fragen, sie will sich kein objektives Bild machen, sondern ein eigenes. 

Der Herausgeber missbilligt das, wenn er bemängelt: „Egeria sieht mehr, als man eigentlich sehen kann – sie ’sieht‘ mit den Augen des Glaubens“ (13). Ihr Desinteresse geht sogar noch weiter: „Auch dogmatische Fragen scheinen Egeria nicht zu interessieren“, shame on her!

Aber genau das ist eben der Punkt. Egeria: I hear you!

Egeria – Itinerarium. Der antike Reiseführer durch das Heilige Land. Eingeleitet und übersetzt von Georg Röwekamp. Herder 2018, 203 Seiten, Hardcover mit vielen farbigen Abbildungen, 30 Euro. 

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.07.2019
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