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Rubrik denken

Kapitel 1: Politik als Arbeit an der Kultur

Von Antje Schrupp, Dorothee Markert, Andrea Günter

Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht. Nach der Einleitung folgt nun das 1. Kapitel: Politik als Arbeit an der Kultur.

Die gesellschaftlichen Probleme, mit denen wir gegenwärtig konfrontiert sind, werden meist als Fragen der Wirtschaft, des Sozialen, der Moral bzw. der Werte dargestellt. Damit sind sie aber noch nicht wirklich verstanden; es sind Probleme der Kultur. Kultur ist die Art und Weise, wie wir die existenziellen Momente des Daseins – Geburt, Erwachsen- und Altwerden, Tod, Schutz gegen Gewalten der Natur, die Erfindung und Herstellung von Gütern, die Verteilung materieller Güter und den Austausch immaterieller Werte – organisieren. In erster Linie aber ist Kultur die Art und Weise, wie Menschen Beziehungen untereinander leben. Politik ist für uns nicht die Folge einer Übereinkunft oder eines Vertrages zwischen vermeintlich autonomen, unabhängigen Individuen, die sich zum Schutz vor Feinden oder zur Überwindung des Mangels notgedrungen zusammenschließen, sondern sie beruht im Gegenteil auf der Erfahrung, dass gelingende Beziehungen unter Menschen möglich und lustvoll sind. Politik ist nichts anderes als das Ermöglichen und Erhalten gelingender Beziehungen zwischen Menschen in ihrer Verschiedenheit.

Nicht nur im engen Bereich dessen, was herkömmlicherweise als „Wirtschaft“ gilt, sondern in allen Aspekten des Lebens sind Beziehungen unter Menschen vor allem Tauschbeziehungen. Tauschen, verhandeln, aushandeln, vermitteln sind Grundformen menschlicher Kommunikation. Auf diesem „Tauschmarkt“ finden wir nicht nur Geld, Güter und Dienstleistungen, sondern auch Zuwendung, Fürsorge, Dankbarkeit und vieles mehr. Patriarchat und Kapitalismus beruhen gerade auf der künstlichen Trennung und Hierarchisierung all dieser Bereiche und verursachen auf diese Weise die kulturelle Unordnung, in der wir uns befinden. Gelingende Beziehungen sind hingegen darauf angewiesen, dass der Verhandlungsraum für die Kommunikation zwischen allen Bereichen möglichst offen gehalten wird.

Es wird keine Erneuerung der Ökonomie, keine Lösung der wirtschaftlichen Probleme ohne eine Erneuerung der Beziehungen geben. Vor allem Frauen haben in den letzten dreißig Jahren viel dafür getan, die Beziehungen der Menschen zueinander neu zu ordnen und festgefahrene Konstellationen wieder für neue Verhandlungen zu öffnen – dies betrifft die Geschlechterbeziehungen, die Familienstrukturen, die Teilhabe an einer Gemeinschaft oder der Gesellschaft insgesamt, die Arbeitsbeziehungen, Beziehungen zwischen Nachbarinnen und Freundinnen, die Liebesbeziehungen.

Was das politische Leben betrifft, scheint dies jedoch bislang wenig Wirkung zu haben und auch kaum wahrgenommen zu werden. Hier herrscht immer noch das Dilemma der falschen Alternativen vor. Die kulturelle Gestaltungsfreiheit der Menschen scheint angesichts der Vorherrschaft wirtschaftlicher Erwägungen auf ein Nichts zusammengeschrumpft. Wirtschaft ist zum Synonym für Kapitalismus geworden, und das Damoklesschwert der „Globalisierung“ hängt über allen Entscheidungen. Gegenüber solchen „Marktgesetzen“, die im allgemeinen Bewusstsein offenbar längst den Charakter von Naturgesetzen angenommen haben, wird höchst hilflos auf verlorengegangene „Werte“ gepocht, denen doch gleichzeitig überall systematisch der Boden entzogen wird: In der politischen Propaganda wird zwar noch die Illusion der gelingenden Beziehungen verbreitet, in Wahrheit aber erheben marktwirtschaftliche Analysen längst den Anspruch, die ganze Welt zu erklären, und Management-Prinzipien geben vor, die Welt gestalten zu können. Doch die Konkurrenz um Eigentum und Besitz ist nicht das Ursprüngliche der Politik. Zudem gibt es so viele Wirtschaftssysteme, wie es menschliche Kulturen gibt – beides ist nicht voneinander zu trennen. Die Beziehungen zwischen Menschen in den Blick zu nehmen und zu verändern heißt deshalb, die Ökonomie zu verändern.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019.

Autorin: Antje Schrupp, Dorothee Markert, Andrea Günter
Eingestellt am: 03.01.2020

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Dieser Text spricht mir aus der Seele!
    Versuche als freischaffende Malerin immer wieder das Bewußtsein dafür zu öffnen, dass Kultur und Kunst ein „Grundnahrungsmittel“ und kein Luxusgut ist und Kultur bereits mit unserer Kommunikation untereinander beginnt. Das Kultur und Kreativität im weitesten Sinne Kommunikation ist, die uns in größere, existenzielle Lebens- oder Sinnzusammenhänge einbettet.

  • Ute Plass sagt:

    „Es wird keine Erneuerung der Ökonomie, keine Lösung der wirtschaftlichen Probleme ohne eine Erneuerung der Beziehungen geben.“

    Das eine bedingt wohl das andere, sprich: Eine Erneuerung der Ökonomie fördert auch mit eine Erneuerung der Beziehungen. Daher gut, immer mit der Erneuerung zu beginnen, die im Hier u. Jetzt schon möglich ist. Sehr passend dazu Antjes BGE/Care-KriseVortrag:http://www.antjeschrupp.de/nur-ein-baustein-nicht-die-loesung

    Auch das Luxemburger Beispiel betrachte ich als Baustein zur
    bedingungslosen Existenzsicherung, welches mit zu einer Erneuerung der Beziehungen zueinander führen könnte:
    https://www.deutschlandfunk.de/verkehrswende-in-luxemburg-bus-und-bahn-bald-kostenlos.795.de.html?dram:article_id=467066

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Ein großartiker Artikel! Es wäre gut, wenn auch Männer diesen Text lesen würden – und vor allem, wenn es ihnen gelänge, andere Schwerpunkte in ihrem Leben zu setzen und vermehrt Kunst und Kultur in ihr Denken und Handeln zu bringen. Noch ist das wunderbare der Kultur und auch des Kunstschafffens vor allem im weiblichen Leben zu sehen, nicht im männlichen. Auch hier müssen wir etwas ändern.

  • Ute Plass sagt:

    „Die Beziehungen zwischen Menschen in den Blick zu nehmen und zu verändern heißt deshalb, die Ökonomie zu verändern.“

    Unbedingt!

  • Ulrich Wilke sagt:

    Politik besteht aus Maßnahmen oder Unterlassungen,welche
    dazu dienen, Macht zu erringen oder zu erhalten.
    Wirtschaft und Kapitalismus sind keineswegs Synonyme:
    Kapitalismus ist eine Wirtschaftsform, bei der die Produktionsmittel Privateigentum sind und die Arbeitskraft
    eine Ware ist. Der Gestaltungsspielraum ist größer als Null
    (wer das nicht wahrhaben will, lähmt seine Aktivität). Wir müssen für den Frieden kämpfen, für die Erhaltung der natürlichen Ressourcen, für die Gleichberechtigung der Frauen,
    für die Verringerung der Ausbeutung, für Bildung und damit
    für die Entfaltungsmöglichkeiten jeder Persönlichkeit.

  • Volle Zustimmung. Das war ja auch ein Ansatz der „neuen Linke“ in den 60er Jahren. Die ist leider verschwunden bzw. hatte sich nicht weiter entwickelt. Schade, dass anscheinend immer wieder von vorne angefangen werden muss.

    Wenn ich mir anschaue, was neoliberale Karrierefrauen in der Politik machen, würde ich keinerlei Hoffnung rein auf ein Geschlecht machen. Das wäre ja sexistisch. „Frauenpolitik“ findet allzuoft im engen Rahmen des herrschenden Wirtschaftssystems statt.

  • Ute Plass sagt:

    Da die Autorinnen der Flugschrift sicherlich von Hannah Arendt mit inspiriert wurden, verweise ich hier auf die von Mithu Sanyal besprochene Graphic Novel:
    https://www.deutschlandfunk.de/ken-krimstein-die-drei-leben-der-hannah-arendt-ekstatische.700.de.html?dram:article_id=467122

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