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Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert

Von Heike Brunner

Ausstellungsplakat im Eingang des Deutschen Historischen Museum Berlin. Foto: Heike Brunner

Die Ausstellung in Berlin:
Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“

Ich fange von hinten an: Warum Hannah Arendt keine Feministin oder Freundin der antiautoritären Erziehung war und das Private nicht als politisch sehen wollte, ist am Schluss der zeitgeschichtlich aufgebauten Ausstellung zu finden.

Dort, am Ende des Rundgangs, sind in einer Vitrine Bilder von nackt auf dem Essenstisch tanzenden, zwei- bis dreijährigen Kindern, zu sehen. Alltagsszenen aus einem antiautoritären Kinderladen der 1970er. Daneben ihr Zitat von 1958 : „Die Autorität ist von den Erwachsenen abgeschafft worden, und dies kann nur eines besagen, nämlich dass die Erwachsenen sich weigern, die Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in welche sie die Kinder hineingeboren haben.“1

Ich vermute, der antiautoritären Bewegung der 1968er war dieses Zitat verhasst und doch diskutieren wir heute wieder genau oder immer noch darüber, Verantwortung zu übernehmen. Eines der großen Themen der Hannah Arendt, vielleicht DAS Thema?

In der Ausstellung sind ihre Lebenslinien: weibliche jüdische Philosophin, Journalistin, Historikerin, Verfolgte des Naziregimes, Flucht, Auseinandersetzung mit neuer Staatsbürgerschaft – in diesem Fall mit dem amerikanischen Staat – und die Beobachtung der Entwicklung in der neugegründeten BRD aufbereitet und natürlich das, was sie dazu gedacht, gesagt und geschrieben hat, zu erleben, mitzudenken. Sie ist eine der prägenden Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Texte, Gedanken, Ahnungen, Abgrenzungen, ihre kontrovers diskutierten Einschätzungen, insbesondere zum Eichmann Prozess, ihre WeggefährtInnen und ArbeitsbegleiterInnen, FreundInnen, Männer, ihr Fotograf, all dies eröffnet sich der/m BesucherIn in dieser Ausstellung. Ein-Blick in und auf die Vor- und Nachkriegszeit und die weitere historische Entwicklung aus ihrer zwangsläufig besonderen internationalen Perspektive werden gegeben, so wie ihr Wirken war: international, zwischen den Staaten, zunächst zwangsweise und später freiwillig.

Viele der zu lesenden Zitate entstammen dem berühmten Interview von Günter Gaus aus den 60er Jahren. Sie war die erste Frau, die in dieser bekannten Interviewserie zu Wort kommen durfte. So, wie sie als eine der ersten Frauen eine Professur in Amerika erhielt. Die multimediale Ausstellung hat die interessantesten Thesen und Aussagen dieser politischen Theoretikerin und Publizistin aufgegriffen und mit Zeitdokumenten in Szene gesetzt.

Die gesammelten Zeitdokumente, Fotostrecken, private Gegenstände, – Ja, das Zigaretten Etui! -, lassen Hannah Arendt und ihre politisch, philosophische Auseinandersetzung lebendig werden. Ihre zeitlos gültigen Sätze und Thesen, die nach wie vor hoch aktuell sind, an denen die Gesellschaft immer noch und immer wieder zu knabbern hat, beeindrucken und wecken auf – in einer Zeit des angepassten Neoliberalismus und des erwachten Rechtspopulismus.

Besonders intensiv wird das Erleben jetzt in diesen Coronazeiten. Wir führen in der Ausstellung maskierte 1,5 m-Abstands-Choreografien aus. Das individuelle Fokussieren wird – gefühlt – genau dadurch verstärkt. Die Distanzregelungen schaffen auf spezielle Art mehr Raum für individuelle Konzentration. Das Gefühl von: Jede/r kann sie sehr intim aufsaugen, nachfühlen, versuchen zu erfassen, entsteht. Wenn wir zu stark berührt werden, hilft es auch, sich ein bisschen besser verbergen zu können, es geht schließlich um eine Verfolgte des Naziregimes, der Holocaust ist allgegenwärtig.

Nähe und Distanz – ein Thema das in Hannah Arendts Leben immer wieder zu finden ist, ausgelöst durch private und gesellschaftliche Zwänge. Vielleicht passt diese Ausstellung daher so gut in die aktuelle Zeit, die zum Nachdenken über Macht, das Böse und andere philosophisch-politische Aspekte anregen kann.

Persönlich würde ich vorab die Lektüre der biografischen Graphic Novel empfehlen und auch, sich das berühmte Interview mit ihr von Günter Gaus anzuhören. Beides als Hintergrundwissen mit zu bringen bietet die Chance, sich auf die inhaltlichen Details der umfassenden und sehr gelungen Ausstellung noch besser konzentrieren zu können.

Anmerkungen:
1Hannah Arendt: Die Krise in der Erziehung. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I., München 1994, hier (2000), S. 276

Autorin: Heike Brunner
Eingestellt am: 24.05.2020
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Brigitte Leyh sagt:

    Danke, Heike Brunner, für diese interessante Darstellung! Jetzt tut es mir richtig leid, dass ich weit weg von dieser Ausstellung wohne…

  • Anne Newball Duke sagt:

    Ja, liebe Heike, vielen Dank! Dein Text – vor allem dein Einstieg! – macht sehr viel Lust auf die Ausstellung… aber auch ich komme wohl kaum hin.

  • Vielen Dank, liebe Heike, für Deine Erfahrungen und die Tipps. Übermorgen ist es soweit und wir werden die Ausstellung besuchen. Ich bin schon sehr gespannt!

  • Heike sagt:

    Danke für Euer Feedback! Die Ausstellung läuft noch bis Oktober und wer weiß, vielleicht wird sie noch verlängert und ich überlege glatt, noch ein zweitesmal rein zu gehen, weil es so schön war.

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