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Dem „medialen Unbewussten“ auf der Spur

Von Antje Schrupp

Bettina Mathes über das Geschlecht in den Medien

MathesSchon häufig haben wir über die Bedeutung des Geschlechts für die Inhalte von Medien nachgedacht: Über die Darstellung von Weiblichkeit in Literatur und Kino, über Frauenbilder in Malerei und Fotografie und so weiter. Wir haben daran gearbeitet, die Sprache zu entmännlichen und eine weibliche Perspektive in den Medien zu befördern.

Die Medien selbst – Schrift, Fotografie, Malerei, Film – stellen wir uns dabei aber meist als geschlechtsneutral vor. Diese Vorstellung, dass also das Schreiben, Fotografieren, Malen, Filmen und so weiter als solches nichts mit dem Geschlechtskörper zu tun hat, sondern die sexuelle Differenz erst durch entsprechende Inhalte (bewusst oder unbewusst) konstruiert wird, stellt Bettina Mathes in ihrem Buch in Frage. Sie vertritt die These, dass Medien selbst geschlechtlich kodiert sind, dass es also so etwas gibt wie ein „mediales Unbewusstes“, das die Medien gleichzeitig erzeugen wie auch zugänglich machen. Sie knüpft damit an die Psychoanalyse und die Sprachphilosophie an. Medien (und nicht nur mediale Inhalte) sind ihrer Ansicht nach „Botschafter“ oder auch „Geheimagenten“ (daher der Buchtitel) der Geschlechterordnung.

So sei etwa die Entstehung der Alphabetschrift untrennbar mit einer Verdrängung der Körperlichkeit sowie der Konstruktion des männlichen Subjekts verbunden: Insofern im griechischen Alphabet – anders als im Hebräischen oder Chinesischen – Vokale geschrieben werden, ist kein menschlicher Körper mehr notwendig, um den Sinn des Geschriebenen zu transportieren. Der „alphabetisierte“ Text ist für sich genommen lesbar, es ist kein konkreter menschlicher Körper mehr notwendig, also jemand, der bereits weiß, wie die Zeichen sich anhören. So wird, nach Mathes, „der Eindruck erweckt, die materielle Welt vollständig, ohne Zuhilfenahme des sprechenden (sterblichen) Körpers, reproduzieren zu können.“

Ich schwankte beim Lesen des Buches oft zwischen großer Faszination und großer Skepsis. Steht wirklich der Buchstabe A (Alpha) für den Phallus und den Mann, das B (wegen seiner zwei Bögen) für den Busen und die Frau? Bedeutet der Übergang zur Schriftsprache eine „symbolische Kastration“ des männlichen Subjekts, insofern es sich im Judentum dem Ritus der Beschneidung unterziehen musste, um an der in der „Heiligen Schrift“ niedergelegten symbolischen Ordnung teilhaben zu können? Und ist das Vergessen dieses Ritus der „männlichen Verletzung“ in der griechischen und römischen Kultur wirklich das ungelöste Problem westlicher Männlichkeit?

Zuweilen klingen Mathes Schlussfolgerungen an den Haaren herbeigezogen, dann wieder bringt sie höchst verblüffende Belege, etwa für den Zusammenhang zwischen der Entwicklung von visuellen Medien und der kulturellen Vorstellung von Jungfräulichkeit. So zeigt sie, dass in antiken östlichen Kulturen die Defloration als Verwundung gedacht wurde, deren Symbol das befleckte (oder, bei der Jungfrau, noch reine) Tuch war: Das Laken der Hochzeitsnacht, der Schleier. Jungfräulichkeit wurde symbolisch, also medial konstituiert, nicht medizinisch: In der Antike galt es nicht als Widerspruch, von jungfräulichen Müttern zu sprechen. Nicht beim ersten Geschlechtsverkehr, sondern bei der Eheschließung verlor eine Frau ihre Jungfräulichkeit. Dieses Symbol des Tuchs, der „Membran“, wurde dann mit der medizinischen „Entdeckung“ des Hymens den realen Frauen sozusagen „eingepflanzt“, und die Defloration verwandelte sich von einem Akt des männlichen Eindringens in einen bis dahin weiblichen, unzugänglichen Innenraum zur Zerstörung einer als ursprünglich intakt vorgestellten Grenze.

Eine Vorstellung, die laut Mathes anschließend wieder in die Medien zurück gewandert ist, wenn etwa ein Maler wie Wassily Kandinsky auf entsprechende Metaphern zurückgreift, um seinen Schaffensprozess zu beschreiben: „Erst steht sie wie eine reine, keusche Jungfrau da – diese reine Leinwand, die selbst so schön wie ein Bild ist. Und dann kommt der wünschende Pinsel, der sie bald hier, bald da allmählich, mit der ganzen, ihm eigenen Energie erobert.“ Heute, in Zeiten, in denen das „reale“ Hymen jegliche Bedeutung verloren hat (schon allein deshalb, weil Ärzte es jederzeit wieder „reparieren“ können), hat sich seine Bedeutung in die Medien als solche verlagert: Das Eindringen in das Verborgene und das Zerstören jeglichen Schutzraums um das Private gilt ja manchen Journalisten heute geradezu als das eigentliche Wesen ihres Jobs.

Auch in der Art und Weise, wie über das Medium Computer gesprochen wird, sind, wie Mathes zeigt, zahlreiche interessante Parallelen zur Geschlechterordnung zu finden. Wenn etwa vom (unzulänglichen, emotionalen, fehlerhaften) Menschen, der den Computer nutzt, als „Wetware“ gesprochen wird, dem es nicht gelingt, die (eindeutige, trockene, funktionstüchtige) „Hardware“ zuverlässig zu bedienen, dann lebt hier die antike dualistische Aufspaltung in „feuchte“, sumpfige, niedrig stehende Frauen und „trockene“, geistige, höher stehende Männer fort.

Dieses Buch gibt also zahlreiche interessante Hinweise und originelle Anregungen. Allerdings scheint es mir in mancherlei Hinsicht noch etwas unklar, nicht zu Ende gedacht – was ich nicht negativ meine. So manches habe ich auch nicht verstanden. Das Buch ist nicht leicht zu lesen und manche Schlussfolgerungen konnte ich nicht nachvollziehen. Mir sind aber beim Lesen einige Ideen, gekommen, die aber, da ebenfalls noch unausgegoren, lediglich Anstöße für weiteres Nachdenken sein können:

Wenn Mathes? These stimmt, dass Geschlechterkonnotationen in den Medien selbst unbewusst mitschwingen, und dass insbesondere die Alphabetschrift von der Konstituierung des männlichen Subjekts zeugt, dann könnte das vielleicht eine Erklärung für die Abneigung von mehr Frauen als Männern gegen eine schriftliche Ausformulierung ihrer Gedanken und Ideen sein – ein Umstand, der mir als Redakteurin schon häufig zu schaffen gemacht hat. Es ist sehr viel leichter, Männer als Autoren zu gewinnen als Frauen als Autorinnen (auch wenn natürlich Frauen längst ebenfalls die Position des männlichen Subjektes einnehmen). Und vielleicht wäre das auch eine Erklärung für eine gewisse Unlust am Schreiben, die ich seit einiger Zeit bei mir selbst beobachte: Ich halte viel lieber Vorträge oder führe direkte Gespräche, als etwas Schriftliches zu „hinterlassen“. Die Texte, die ich produziere (Bücher, Artikel) sehe ich zunehmend nicht als eigenständige Medien, sondern als Möglichkeit, zu anderen Menschen in eine Beziehung zu treten (und mit mir selbst in einer anderen Zeit, also mich später wieder an das schon einmal Gedachte zu erinnern). Dieser Versuch, Geschriebenes und persönliche Begegnungen zu verbinden, könnte, ebenso wie die Konzeption dieses Internetforums „Beziehungsweise“, als Versuch interpretiert werden, die Trennung von Schrift und Körperlichkeit zu überwinden.

Außerdem könnte der gegenwärtig zu beobachtende Bedeutungsverlust der Printmedien (insbesondere der Zeitungen) dann möglicherweise als Symptom für das Ende des Patriarchats gelesen werden. Es ist ja augenfällig, wie sich die männliche Differenz in diesem Medium immer weniger fruchtbar zu äußern imstande ist. Während die großen Zeitungen mit ihren unterschiedlichen Standpunkten früher profiliert gesellschaftlich wichtige Debatten vorantrieben, versammeln sich heute die drei bedeutendsten Chefredakteure Döpfner (Bildzeitung), Aust (Spiegel) und Schirrmacher (FAZ) in einem fast schon verzweifelt anmutenden Schulterschluss gegen den Rest der Welt, der alle Unterschiede zwischen ihnen auslöscht. Was auf den ersten Blick wie Stärke und „Medienmacht“ aussieht, könnte also in Wahrheit ein Symptom ihrer Schwäche sein: Möglicherweise sind sie nicht nur darin gescheitert, die Rechtschreibreform zu verhindern, sondern repräsentieren viel grundsätzlicher das Ende eines bestimmten Mediums, das, ebenso wie das Patriarchat, für diese Welt schlicht nicht mehr geeignet ist.

Bettina Mathes: Under Cover. Das Geschlecht in den Medien. transcript-Verlag, Bielefeld 2006, 183 S., 23,80 Euro.

Kommentar von Silke Teuerle:

Ich habe Deine Rezension über „Under Cover“ gelesen. Deine Unlust zu schreiben kenne ich selber und sie erinnert mich an meine Entwicklung in den letzten drei Jahren. Früher habe ich ja wirklich Schriftstellerin werden wollen, aber an dem Medium Schriftsprache stimmt tatsächlich etwas nicht. Es ist eine gewisse Unauthentizität, eine Kluft zwischen Subjekt und Text, die ich in der Sprache, also der Sprechsprache nicht erlebe. Schrift bleibt aber immer noch ein praktisches und für mich auch notwendiges Medium, das ich mittlerweile wieder mag aufgrund seiner Brückenfunktion. Ich erlebe nach wie vor seine Grenzen, kann die aber annehmen nach dem Motto: es ist für einen guten Zweck. Wir leben nunmal nicht in authentischen Umständen, also braucht es diese Brücke. Ich habe ja auch selber das Bedürfnis, Brücken zu bauen. Es ist aber etwas, was im „Paradies“, also der gesunden Gesellschaft, überflüssig ist. Dann können wir uns wieder einfach Geschichten erzählen. Und es sehnt mich oft nach dieser Einfachheit. Schrift ist eben tatsächlich Festhalten, und Sprechen Fluß.

Über die Weiblichkeit oraler Sprache, habe ich noch nie wirklich nachgedacht. Ich ärgere mich wohl sehr an Texten, die schwer zugänglich sind aufgrund einer ausgesprochenen Schriftsprache. Die deutsche Sprache ist ja gerne kompliziert. Ich spreche so gut wir nur noch Niederländisch, da fällt das natürlich besonders auf, sozusagen mir als Außenstehende. Die niederländische Sprache ist auch im Öffentlichen vielmehr eine Sprechsprache. Theoretische Texte sind leicht verständlich, Nachrichten natürlich. Ich bin die deutsche Nachrichtensprache schon gar nicht mehr gewöhnt und muss mich enorm anstrengen, um überhaupt zu verstehen, was die da sagen, obwohl ich ja nun durchaus geübt bin im Lesen trockener Texte. Mein Partner, der ja in Belgien aufwuchs, aber halbdeutsch ist, kennt Deutsch nur als Sprechsprache zu Hause. Bücher, die ich in Deutsch lese, sind für ihn unlesbar. Diese Diskrepanz zwischen Sprech- und Schriftsprache wird da besonders auffällig. Dass diese deutsche Sprache ausgrenzend ist (im Niederländischen ist das eigentlich nur die Juristensprache) habe ich nie wirklich zu Ende gedacht und es fließt ein in diese Stilfragen, die ich mir schon die ganze Zeit stelle.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 09.01.2007

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