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Feminismus in zwei Sätzen?

Von Juliane Brumberg

Feminismus in zwei Sätzen zu beschreiben – ist das möglich? Alice Schwarzer hat es so ganz nebenbei getan in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung über Simone de Beauvoir. Sie fragte und antwortete dort en passant: „Doch was ist eigentlich der Kern des Feminismus? In zwei Sätzen gesagt: Es sind die uneingeschränkt gleichen Chancen, Rechte und Pflichten für Frauen wie Männer; sowie die Infragestellung des herrschenden männlichen Prinzips – zugunsten einer menschlichen Utopie. Das und nichts anderes waren Anfang der Siebziger die deklarierten Ziele der Frauenbewegung.“

„Ja“, dachte ich im ersten Moment und „nein“ im zweiten. Dann kam das diffuse Gefühl: Irgendwas fehlt. Das Tochter-Sein?Und außerdem rieb ich mich auch noch an der „menschlichen“ Utopie. Ist die Formulierung „zugunsten einer Zukunftsvision, in der Frauen und Männer ihre Verschiedenheit gleichberechtigt leben können“ besser? Und wie ist das mit den Pflichten? Können Frauen und Männer in ihrer Verschiedenheit die gleichen Pflichten übernehmen?

Wenn Alice Schwarzer mit ihrer Definition (nur) den Feminismus der siebziger Jahre meint, ist das Statement vielleicht zutreffend. Aber heute? Auf jeden Fall hat das F-Wort immer noch diesen kleinen Beigeschmack. „Natürlich bin ich für Gleichberechtigung, aber ich bin keine Feministin.“ Kaum eine, die diesen Satz nicht schon gehört hat.

Warum ist das so? Tief verinnerlichtes Patriarchat? Ich selber oute mich bewusst als Feministin und habe mir dafür folgenden Satz zurechtgelegt: „Ein glaubwürdiger Feminismus hat das Wohl von Frauen, Kindern und Männern zum Ziel“. Eine Definition ist das jedoch nicht.

Bei meiner Suche nach einer kurzen knappen Erklärung stellte ich Alice Schwarzers Zwei-Sätze-Definition in verschiedenen Frauengruppierungen zur Diskussion. Und natürlich bekam ich nicht „Feminismus in zwei Sätzen“ zur Antwort, sondern viele verschiedene Aspekte.

Eine schnelle Antwort kam von Antje Schrupp: „Für mich spricht einiges dafür, dass ihre (Alice Schwarzers) zwei Punkte sich gegenseitig widersprechen, das heißt, ich vermute, dass ‚die uneingeschränkt gleichen Chancen, Rechte und Pflichten’ selbst ein Bestandteil des ‚herrschenden männlichen Prinzips’ sind. Das heißt: nicht die Chancen, Rechte etc. als solche, aber die Vorstellung, dass sich dadurch gesellschaftliche Probleme und Ungerechtigkeiten beheben ließen.“ Antje Schrupp bringt deshalb den Aspekt der Bedürftigkeit ein und fragt außerdem nach der weiblichen Freiheit.

Diesen Gedanken kann ich mich anschließen. Die Bedürftigkeit einzubeziehen heißt für mich, und so bin ich auch mit meinen Kindern umgegangen: Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass alle immer das Gleiche bekommen, sondern jede Tochter und jeder Sohn das, was er oder sie braucht, aus meiner persönlichen subjektiven Verantwortung heraus.

Zur weiblichen Freiheit äußert sich auch Andrea Günter in ihrer Antwort an mich und weist darauf hin, dass Frauen immer schon aus ihrer Perspektive zu den Fragen ihrer Zeit Stellung genommen und gehandelt haben, unabhängig davon, ob ihnen Gleichberechtigung zugestanden wurde, oder nicht. Die Gretchenfrage ist für sie also nicht die nach der Gleichberechtigung, sondern die, wie das, was einzelne Frauen sagen und denken, aufgegriffen wird; oder wie Frauen miteinander in Beziehung gehen. Sie stellt fest, dass die Liebe der Frauen zur Freiheit, ihr Wunsch nach gelingenden Beziehungen zu Männern und Frauen und ihr Hunger nach Sinn die Welt verändert hat. Dabei ist die wesentliche Veränderung über die Sinnpolitik entstanden: dass Männer nicht das Sinnzentrum im weiblichen Leben sind, sondern die persönliche Notwendigkeit, die Frauen jeweils für sich entdecken können, gerade auch in der Beziehung zu anderen Frauen.

Eine andere Zuschrift bekam ich von Elisabeth Stiefel. Sie reibt sich an den „Pflichten“ und denkt dabei an die klassisch weiblichen Pflichten, die sie als eher als ökonomischen Begriff verstanden wissen will. „Care“, ein Begriff aus der feministischen Ökonomie, gehört für sie zu den menschlichen Aufgaben für alle.

Die Journalistin Uschi Schmidt-Lehnrad betont die Verschiedenheit – nicht nur von Männern und Frauen – als Fremdheit: jeder und jede von uns bleibt – in Abstufungen – für das Andere fremd. Und wir müssen lernen, das jeweilige Fremde ohne Angst zuzulassen.

Ja, Angst vor den Feministinnen und dem Fremden, dem Neuen, dem unsicher machenden, das sie leben und fordern, die gab es nicht nur in der Anfangszeit, sondern steckt auch heute noch in manchen Köpfen und Körpern.

Und auch den prominenten Frauen wird sie zugeschrieben, wie sich im Forum des Journalistinnenbund angesichts des Outings von Anne Will und ihrer Lebenspartnerin zeigt: „Kann es sein, dass Frauen, die sich als Lesben outen, besondere Furcht haben, in den Ruf zu geraten sie seien ‚Feministinnen’ oder würden Frauen irgendwie bevorzugen? Und dass sie deswegen möglichst viele Männer einladen?“

Ganz anders geht die Theologin und Ethikerin Ina Praetorius mit dem Thema um. In anderem Zusammenhang erklärte sie, dass sie sich zwar als Feministin fühle, es aber nach den Errungenschaften von 30 Jahren Feminismus sinnvoller findet, von „postpatriarchaler Politik“ zu sprechen, denn dadurch würde das Erreichte sichtbar und außerdem deutlich, dass auch die Männer angesprochen sind.

Ich bin beeindruckt, wie subjektiv die Bedeutung der Wörter und des Feminismus für jede Einzelne ist und wie spannend es ist, dies durch In-Beziehung-gehen zu erfahren.

Es ist noch nicht so lange her, da gab es den „Feminismus“ in keiner der großen Nachschlagewerke oder Enzyklopädien. Nicht-Wahrnehmen ist ja bekanntermaßen eine bewährte Form der Frauenabwertung. Heute bietet Wikipedia eine ausführliche ausgewogene Definition und jede Menge Zusatz- und Unterbegriffe: „Der Feminismus ist eine politische Bewegung mit dem Ziel, die Gleichheit, Menschenwürde und Entscheidungsfreiheit von Frauen, die Selbstbestimmung über deren Leben und ihren Körper zu erreichen. Er zielt auf eine Veränderung der Gesellschaft ab, in der die vom Feminismus analysierte geschlechtshierarchische Unterdrückung von Frauen nicht mehr vorkommt und die gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse durch Ebenbürtigkeiten geprägt sind. Der Feminismus sieht die in der bisherigen Geschichte vorherrschenden Gesellschaftsordnungen als männerzentriert und androzentrisch an und interpretiert diesen Umstand als Männerherrschaft (Patriarchat). Er interpretiert Ungerechtigkeiten als patriarchalisch verursacht und bezieht daraus seine Existenzberechtigung. Auf dieser Grundlage haben sich zahlreiche Strömungen und Ausprägungen entwickelt, die sich teilweise ergänzen, aber auch widersprechen. Ihre besondere Aufmerksamkeit gilt dem Abbau der Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern, jedoch auch dem Abbau der Vernachlässigung von als eher weiblich geltenden Denkweisen, Werten und Lebensentwürfen. Feministische Wissenschaftskritik und feministische Forschung in vielen Fachbereichen macht es sich zur Aufgabe, bisherige Ausblendungen weiblicher Geschichte und den Leistungen von Frauen sichtbar zu machen und auf diesen Gebieten nachzuarbeiten.“

Und dann folgt die Aufgliederung in Unterströmungen wie: Radikal- oder Gleichheitsfeminismus, dekonstruktivistischer Feminismus, psychoanalytisch orientierter Feminismus, Marxistischer und Freudomarxistischer Feminismus, materialistischer Feminismus, Differenzfeminismus, gynozentrischer Feminismus, kultureller Feminismus, magischer (esoterischer Feminismus), Individualfeminismus, anarchistischer Feminismus und Autonome Feministinnen.

Was ist das für ein Anspruch, bei dieser Fülle von Diversifizierungen Feminismus in zwei Sätzen definieren zu wollen? Doch ich halte dieses Anliegen für berechtigt und sogar für wichtig. In einer Zeit, in der vieles auf Schlagworte reduziert wird, will niemand lange Erklärungen hören und es ist förderlich, das, was einer wichtig ist, kurz und knapp vermitteln zu können.

Nach all diesem „Vorgeplänkel“ versuche ich es also noch einmal:

Für mich bedeutet Feminismus heute, dafür einzutreten, dass Frauen und Männer in ihrer Verschiedenheit ihre je eigenen Potentiale in Freiheit entfalten können, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sie von einer Frau geboren wurden. Das heißt auch, dass alle, Männer und Frauen, Verantwortung für lebensfördernde Tätigkeiten übernehmen.

Nichts muss so bleiben, wie es ist, und ich würde mich freuen, Verbesserungen oder andere Vorschläge zu hören und daran gemeinsam weiterzudenken.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 15.01.2008

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