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Brauchen wir einen neuen Feminismus?

Von Antje Schrupp

Ein Uni-Kongress zur Standortbestimmung feministischer Theorie und Praxis.

FlyerUnter dem Titel „Brauchen wir einen neuen Feminismus“ veranstaltete das „Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse“ an der Universität Frankfurt/Main am 14. und 15. Februar einen internationalen Kongress. Die sehr unterschiedlichen Beiträge enthielten eine Fülle interessanter Aspekte, Analysen und Informationen, so dass ich es lohnend finde, meine – allerdings durchaus subjektive – Mitschrift zu veröffentlichen. Zumal die Medien, außer einem kleinen Radiosender, nicht über den Kongress berichtet haben. In voller Länge werden alle Beiträge in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift „Feministische Studien“ veröffentlicht, die gleichzeitig mit dem Kongress ihr 25-jähriges Bestehen feierte.

Anlass für die Veranstaltung war nach Auskunft der Initiatorinnen ihr „Unbehagen an der medial vermittelten Feminismusdebatte der letzten Jahre“, wie es Mechthild Rumpf, Beirätin der „Feministischen Studien“ formulierte. Es seien viele „paradoxe Aussagen über den Sinn des Feminismus“ im Umlauf, konstatierte Ursula Apitzsch (Frankfurt). Solange der neue Feminismus nur von einzelnen Frauen im Fernsehen zelebriert werde, sei er keine soziale Bewegung, betonte Ute Gerhardt (Frankfurt/Bremen): „Wenn einzelne Frauen reüssieren, verändert das nicht die Welt.“

Panel 1: Feminismen im internationalen Vergleich

Den ersten Vortrag in diesem Panel hielt Gudrun-Axeli Knapp (Soziologin, Hannover). Forschungen zum Gebiet „Gender“ seien heute an den Unis sehr gefragt, so ihre Beobachtung, „aber die feministische Theorie, aus der diese Analysekategorie kommt, wird nicht herangezogen.“ Knapp skizzierte die verschiedenen „Turns“ in der akademisch-feministischen Theoriearbeit der letzten Jahrzehnte und zeigte, wie dabei neue Einsichten jeweils über die vorhergegangenen Positionsbestimmungen hinausführten. Feminismus sei ein „Projekt mit paradoxen Wirkungen“, das müsse in veränderter Situation jeweils neu reflektiert werden. Sie beklagte eine zunehmende „Ökonomisierung des Sozialen“ und forderte auf, einen europäischen Feminismus zu entwickeln: „Das Politikverständnis darf keine Identitätspolitik sein, wir sollten das nicht aus den USA importieren.“

Den zweiten Vortrag hielt Tristana Dini (Philosophin, Trento/Italien), Philosophin und Redakteurin der Online-Zeitung „Ada teoria feminista„. Politische Theorien, die „auf theoretischer Festigkeit ruhen“, sind ihrer Ansicht nach nicht in der Lage, aktuelle politische Revolten wie etwa die Proteste bei den Weltsozialforen zu verstehen. Feministische Theorie habe hier einen Vorteil gegenüber anderen, weil sie immer „situativ“ sei. Drei Punkte sind ihrer Meinung nach zurzeit wichtig: Erstens ein breiterer Dialog mit den Männern, auch wenn er von den Frauen ausgehen muss. Dini will in diesem Zusammenhang auch neu über die Beteiligung von Frauen an den politischen Institutionen nachdenken. Diese sei vom radikalen Feminismus in Italien (Mailänder Frauenbuchladen und Philosophinnengemeinschaft Diotima) nie vertreten worden, der stattdessen die Theorie vertrat, Frauen sollten von ihrer „Fremdheit“ gegenüber den politischen Institutionen profitieren und sie nicht als Schwäche, sondern als Stärke verstehen. Heute stelle sich aber das Problem der Anschlussfähigkeit feministischer Politik. Die prekäre Situation auf Arbeitsmarkt und an der Uni sei nicht allein ein Problem von Frauen, sondern „eine ganze Generation hat Schwierigkeiten, sich Autorität zu nehmen“, so Dini. Auch die traditionelle alternative Kultur sei in einer Krise. Es gebe heute keinen Generationenkonflikt wie bei den 68ern, daher finde auch kein Aushandlungsprozess statt. Ein neuer Feminismus soll, so Dini, „ohne Muttermord auskommen“, aber „affidamento“ (Autoritätsbeziehungen von Frauen untereinander, A.S.) als Praxis reiche nicht aus. Sie vermutet, dass deshalb auch nur wenige junge Frauen bei Diotima/Libreria aktiv sind. Zweiter Punkt: Zentrales Thema sei heute das (biologische) Leben, die Biopolitik. „Biomacht bewegt sich nicht nur auf der Ebene der Rechte. Der Feminismus ist zwischen den Fronten der Kirche und der Naturwissenschaft eingeklemmt und findet keine eigene Antwort“, kritisierte Dini. Alte Frauenbewegungsthemen wie Abtreibung und Fortpflanzung verwandelten sich auf eine neue Ebene. Zum Dritten sei Gewalt gegen Frauen wieder ein großes Thema. „Wie kann Politik entstehen, wenn das Subjekt keine Stimme hat?“ Norm und Recht, Öffentlichkeit und Privatheit seien ununterscheidbar geworden. Es bestehe die Gefahr, dass feministische Begriffe vom Neoliberalismus absorbiert werden. Dini wünscht sich mehr Kommentare von Frauen zu aktuellen Themen, die die Menschen bewegen, zum Beispiel hätten sie in „Ada teoria femminista“ einen Artikel über das Müllproblem in Neapel aus philosophischer Sicht geschrieben. „Die Theorie muss besser verbreitet werden.“

Den dritten Vortrag in diesem Panel hielt Rita Casale (Erziehungswissenschaftlerin, Zürich/Schweiz). Sie beschäftigte sich mit dem Phänomen, dass zurzeit die 40-Jährigen – ihre eigene Generation – den Feminismus „entdecken“. Sie seien aufgewachsen in einer Zeit des politischen Pragmatismus, die geprägt war von einer Ent-Institutionalisierung der Politik durch neue soziale Bewegungen. Ihre politischen Ergebnisse waren nicht in institutionellen Erfolgen zu messen. Für Casale ist heute nicht nur eine Analyse der Situation gefragt, sondern auch ein Urteilen. Sie beobachtet Wechselwirkungen zwischen Theorie und Praxis: „1989 war nur die Realisierung dessen, was als Ende der Politik und der Ideologien schon lange gesagt worden war.“ Der 11. September hingegen sei die Krise des Neoliberalismus gewesen und der Beweis, dass die dahinter stehenden Annahmen illusorisch waren, weil die gegenseitige Abhängigkeit sichtbar geworden ist. Daher sei dieses Datum auch ein symbolischer Anknüpfungspunkt für die Forderung der „F-Klasse“ nach einem neuen Feminismus. Es gehe darum, alte Fragen in der heutigen historischen Situation zu stellen. „Die große Erzählung gibt es nicht (mehr) und damit auch nicht den großen Theorieentwurf.“ Auch Casale forderte, es müsse mehr feministische Stimmen geben, die sich in die großen sozialen Debatten einmischen und sich nicht außerhalb davon denken. „Die Verwertungslogik existiert, es ist nicht die Frage, ob wir sie wollen oder nicht, sondern wir müssen uns dazu verhalten.“ Sie bedauerte, dass „vieles, was in der Theorie erarbeitet wurde, in der Praxis gar nicht virulent ist.“

Panel 2: Wie praktisch sind feministische Theorien heute?

Den ersten Vortrag in diesem Panel hielt Solveig Bergman (Sozialwissenschaftlerin, Oslo/Norwegen), ihr Thema war „Der junge Feminismus in den nordischen Ländern.“ Die skandinavischen Länder seien nicht nur von „gender-equality“ geprägt, sondern auch von einem „neuen Feminismus“ vornehmlich jüngerer Frauen. In Skandinavien sei Geschlechtergleichheit, ebenso wie in anderen europäischen Ländern, Teil der offiziellen Politik. Doch im Unterschied zum restlichen Europa gebe es in Skandinavien einen „Staatsfeminismus“ im Sinne einer engen Verbindung zwischen Staat und Feministinnen und einem zahlreichen Eintritt von Frauen in die Politik. Allerdings relativierte Bergman diesen Befund: „Es hat eher die Gleichheit gewonnen als der Feminismus“. Zusätzlich dazu gebe es seit Mitte der 1990er eine neue Feminismus-Welle in Kultur und Medien, mit zahlreichen Publikationen. In dieser Debatte würden alte feministische Themen wieder belebt. Bergman sieht darin eine Folge des aufsteigenden Neoliberalismus. „Die jungen Frauen waren wütend, weil die Gleichheit, für die Frauen vorher gekämpft hatten, in der Realität nicht existiert, trotz des Staatsfeminismus.“ Besonders stark wurde der Protest gegen sexualisierte Darstellung von Frauen in den Medien vorgebracht und es gab eine intensive Medienaufmerksamkeit für diese Debatte. Es gebe unter den jungen Feministinnen den starken Wunsch, mit etablierten Hierarchien wie rechts/links oder Frau/Mann zu brechen. In der starken Betonung eines sehr persönlichen Zugangs zum Feminismus sieht Bergman auch eine „Gegenreaktion zum Staatsfeminismus.“ Zielrichtung sei nicht die Politik, sondern die Medienlandschaft, es gehe darum, neue Bedeutungen zu schaffen, „Feminismus als diskursive Praxis“, Internet-Netzwerke. „So werden Diskrepanzen sichtbar zwischen dem Staatsfeminismus und den persönlichen Lebensgeschichten dieser jungen Frauen. Das hat politische Bedeutung und kann das nordische Selbstverständnis, in einem Frauenparadies zu leben, herausfordern“, sagte Bergman. Der neue Feminismus übe Kritik an einem engen Politikverständnis, trete ein für eine Politisierung der Kultur und umgekehrt.

Den zweiten Vortrag in diesem Panel hielt Paula-Irene Villa (Soziologin, Hannover). Sie wies darauf hin, dass die beschriebene Spannung zwischen Kultur und Staatsfeminismus schon alt sei, „es ist eher eine Frage der Orte als der Generation.“ Junge Frauen hätten oft einen eher stereotypen Blick auf die 70er, andererseits haben sie aber Genderstudies studiert. Sie haben nicht mehr so sehr das Bedürfnis, sich von der Hausfrau abzugrenzen, sie hatten bereits arbeitende Mütter und sehen jetzt die Diskrepanz: Dass es trotzdem immer noch männliche Dominanz gibt. Villa wendete sich aber „gegen die Semantik der Familisierung Mutter-Tochter“ bei der Beschreibung verschiedener Feminismus-Wellen, dies sei eine „begriffliche Vereinnahmung der faktischen Differenz“. Sie stellte die alte Frage: Warum das Rad immer wieder neu erfunden werden muss. „Vergessen und nachträgliches Vereinfachen“ sei der Grund dafür, aber bis zu einem gewissen Grad auch notwendig. „Der akademisch gewordene Feminismus erzählt die Geschichte chronologisch und vereinfachend.“ Villa hat eine widersprüchliche Wahrnehmung der jungen Frauen: „Einerseits ihre scheinbare Individualisierung und Entpolitisierung, andererseits knüpfen sie aber an feministische Erfolge unbekümmert an, das ist als Erfolg zu werten.“ Mit der Popularisierung feministischer Deutungen gehe ein symbolischer Wandel einher, allerdings hätten die feministischen Theorien dabei zwangsläufig an Komplexität eingebüßt. „Schablonen erhellen immer einiges, während sie anderes verdunkeln.“ Das sei zwangsläufig so, sonst wären sie nicht öffentlichkeitswirksam genug und nicht anknüpfbar an konkrete Praxen. „Es ist eine große Stärke des Feminismus, immer wie der neu zu sein, denn das Geschlecht ist eine ominöse Sache. Es gibt ein zwingendes Scheitern alltagspraktischer Begriffe. Was Feminismus ist, ist jederzeit wieder neu zu verhandeln.“ Aber Universitäten seien aufgrund der gegenwärtigen Ökonomisierungstendenzen immer weniger Orte, die Raum für solche Verhandlungen bieten, es gebe dort kaum noch Platz für die offene Reflexion.

Den dritten Vortrag hielt Alek Ommert (Soziologin, Frankfurt). Sie sprach über „Queer-feministische Praxen und Lady-Feste“ als Beispiel dafür, dass es schon viele neue unterschiedliche feministische Praxen gebe. „Diese Praxen brauchen Frauen, aber sie interessieren sich nicht so sehr dafür, was das ist“ (eine Frau). Die (theoretische) Dekonstruktion der Kategorie Frau könne trotzdem in eine Praxis führen. Beispiel dafür seien eben die „Ladyfeste“. Das sind selbst organisierte Festivals, nicht-kommerzielle Events, die sich in autonomen/linken Kreisen verankern. Das erste Ladyfest fand 2000 in der Nähe von Washington statt, seither hat die Bewegung sich ausgebreitet, hauptsächlich in den USA, Kanada, Australien und Europa. In Europa haben seither ca. 70 Ladyfeste stattgefunden. Es gibt eine internationale Vernetzung, die Verbreitung läuft größtenteils über das Internet, etwa mit Sites in myspace. Der Begriff „Lady“ spricht Frauen, Lesben, Transgender an: „Whatever your gender may be, if you feel like a Lady, be part of the Ladyfest.“ Transgender-Frauen werden expliziert eingeladen: „Ladies who feel to be men and ladies born as gentlemen“. Damit werden dekonstruktivistische Theorien aufgegriffen, wird die Kritik an einer ausschließenden und vereindeutigenden Kategorie „Frau“ zum Ausdruck gebracht, eine biologische Identität wird nicht gebraucht. Daher seien Ladyfeste und ähnliche Aktionen mögliche Orte für die Aushandlung von (theoretischen wie identitätspolitischen) Differenzen. Wenn man solche Aktivitäten stärker berücksichtige, umfasse der neue Feminismus nicht nur die F-Klasse, betonte Ommert.

Den dritten (improvisierten) Vortrag hielt Christel Eckart (Soziologin, Kassel). Sie ärgerte am „neuen Feminismus“, „dass die Journalistinnen auskommen ohne uns Theoretikerinnen“. Feministische Wissenschaft sei auch die „Kunst, Abstand zu halten vom Alltäglichen.“ Gleichwohl beklagte sie, dass es keine feministischen Intellektuellen gibt, die sich öffentlich zu Wort melden, „wir denken vielleicht zu sehr im Kollektiv“. Sie plädiert dafür, „dem Möglichen auf der Spur zu bleiben.“

Männerforschung und feministische Theorie

Zwischen den Panels gab es einen Vortrag des Männlichkeitsforschers Edgar Forster (Erziehungswissenschaftler, Salzburg/Österreich), der für eine „Universalisierung der Kämpfe“ plädierte. Er distanzierte sich von der organisierten Männerpolitik in Deutschland (z.B. Väteraufbruch), die er als politisch rechts und gegen Frauen gerichtet (Thema Unterhaltsrecht) einstufte. Kritische Männlichkeitspolitik müsse die historische Frauenforschung berücksichtigen und ihre Wurzeln im Feminismus anerkennen. Statt sich dem Thema über Begriffe wie „Identität“ und „Repräsentation“ anzunähern, will Foster wieder über Begriffe wie „Hegemonie, Artikulation und Patriarchat“ nachdenken, die seiner Ansicht nach Schlüsselbegriffe sind. Insbesondere „Patriarchat“ will Foster als kritischen Begriff rehabilitieren. „Männerforschung ist nicht komplementär zur Frauenforschung. Man muss daran erinnern, dass es ohne Frauenbewegung keine Männlichkeitsforschung gibt“, und zwar nicht als „dürre Historiografie“, sondern fest in das kulturelle Gedächtnis integriert. Kritisch sieht Foster den in der Männlichkeitsforschung verbreiteten Begriff der „hegemonialen Männlichkeit“ (der Vorstellung, es gibt ein vorherrschendes Männlichkeitsbild, an dem alle Männer sich orientieren müssen/sollen, A.S.). Dies werde oft als geschlossenes System dargestellt. Es sei gefährlich, Hierarchien zwischen Männlichkeiten (z.B. die Unterdrückung schwuler Männer durch eine solche „hegemoniale“ Männlichkeit) mit der Unterordnung von Frauen zu parallelisieren. Die Abkehr von vorherrschenden Männlichkeitskonzepten sei allein noch keine Lösung: „Die Vervielfältigung von Geschlechteridentitäten untergräbt das Patriarchat nicht per se.“ Hegemoniale Männlichkeit sei für Männer ein verführerisches Konzept, weil sie so das Patriarchat auf die „bösen“ Männer abschieben können. Es sei problematisch zu denken, dass nur bestimmte Männer bzw. Männlichkeitsformen hegemoniale Männlichkeit repräsentieren. „Eine Totalität braucht eine Grenze, die etwas anderes ist, als eine weitere Differenz, sondern es kann nur eine ihr äußere Negation sein.“ Neue und schwule Männer sprengen das Patriarchat daher seiner Ansicht nach nicht, weil sie ihm keine Grenze sein können. „Freiheit als Freiheit von Zwangsgewalt, Gleichheit als Freiheit von Diskriminierung“ – das ist laut Foster der Satz, der die Grenze des Patriarchats bestimmt, denn er „verbietet es, die Kämpfe zu begrenzen“. Man brauche einen Begriff des Universellen als Ideal, als unbegrenzte Forderung, die Idee eines Unbedingten in der Politik. Feministische Kämpfe könnten sich nach Ansicht von Foster konsolidieren, indem sie sich ausweiten. Feministische Praktiken von Frauen können nicht einfach so auf Männer übertragen werden. „Männer haben nicht das Problem der Kommunität, weil sie schon immer eine Tradition der Männerbünde haben.“ Als Beispiel nennt er den „Verein von Männern gegen häusliche Gewalt“, der keine Frauen im Vorstand zulässt, was Foster falsch findet, da Frauen Expertinnen für das Thema seien. Außerdem kritisiert Foster in der Männerforschung eine „starke Tendenz einer Biologisierung, die dazu führt, dass ‚natürliche’ Bedürfnisse identifiziert und Jungen wieder zu Aggressivität erzogen werden“. Diese „Psychologisierung der Pädagogik“ sei eine große Bedrohung für freiheitliche Politik.

Panel 3: Der „neue“ Feminismus, nur ein Medienfeminismus?

Den Auftakt zu diesem Roundtable machte die Journalistin Sibylle Plogstedt (Journalistin, Bonn). Sie betonte, Medien seien kein in sich geschlossenes System. „Alice Schwarzer ist nur das Sprachrohr des Feminismus geworden, weil niemand anderer diesen Platz eingenommen hat.“ Sie forderte Wissenschaftlerinnen auf: „Einfach Texte schreiben und hinschicken.“ Sie findet, dass sich die „neuen“ Feministinnen sich gar nicht so sehr von früheren unterscheiden, „neu“ heiße das nur, „weil die Medien eben immer was ‚Neues’ haben müssen“. Feminismus sei schon immer Medienfeminismus gewesen. „Wir selber müssen Verantwortung übernehmen. Wenn ganz viele aufschreien, wie bei Eva Herman, schaffen wir das.“ Problematisch sieht Plogstedt die fehlenden Proteste etwa gegen den Abbau von Frauenredaktionen in den Sendern. „Was geben wir auf, wenn wir es nicht lautstark besetzen?“ Gute Nachricht: Sämtliche alten Ausgaben der „Courage“ stehen jetzt auf der Homepage der Friedrich Ebert Stiftung im Netz.

Als zweite sprach Beata Kozak (Journalistin und Aktivistin, Krakau/Polen). In Polen werde der Feminismus in den Medien sehr negativ dargestellt und nur in „sensationellem Ton“ davon gesprochen. Aber es gebe auch dort eine „dritte Welle“ des Feminismus, getragen meist von Studentinnen. Seit gut fünf Jahren veranstalten sie immer am 8. März große Demos unter dem Labal „Manifa“, ähnlich wie die Love-Parade, bunt und lustig, links-alternativ. Das Fernsehen berichtet breit darüber, aber „das geht langsam zu Ende, weil der Neuigkeitswert nicht mehr da ist.“ Die Demos seien „betont lustiger, der Spaß steht im Vordergrund, nicht wie die Arbeiterdemos mit Forderungen.“ In Polen würden Feministinnen als „Feindinnen“ der Nation gesehen, weil sie die polnische Kultur „schlechtmachen“ (wenn sie etwa bei der EU gegen die restriktiven Abtreibungsgesetze klagen). Der Begriff der „Nation“ habe große Bedeutung, die Zivilgesellschaft sei schwach. Es gebe offen antifeministische Aktionen, zum Beispiel gab es eine Kampagne der größten Tageszeitung unter dem Motto „Papa kommt zurück“ für mehr Väterbeteiligung in der Familie, die argumentierte, dass die Feministinnen mit ihren „überzogenen Forderungen“ daran Schuld seien, dass Väter sich nicht ihrer Verantwortung für die Familie stellen. Es gebe auch Proteste von Frauen gegen sexistische Werbung, was die Medien gerne aufgreifen, weil es um Sex geht. Aber auch die Kunstszene in Polen sei antifeministisch, z.B. gab es Aktionen von Künstlern mit erniedrigenden und karikierenden Darstellungen von Feministinnen mit Texten wie; „Wenn du blöd und frustriert bist, geh zum Psychologen oder werde Feministin“. Als Gegenaktion haben Feministinnen eine Plakatkampagne gemacht, bei der sie sich „schön“ gestylt fotografieren ließen, aber das ist nach Ansicht von Kozak zwiespältig, „weil man sich damit auf das Spiel einlässt“.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Klaus (Kommunikationswissenschaftlerin, Salzburg/Österreich) analysierte den neuen „konservativen Feminismus“ und seine Verwicklung in die „Strukturen der Medienproduktion“. Medien seien auch „Agenten der Macht“, es sei nicht nur einfach die freie Entscheidung von Feministinnen, „da rein zu gehen oder nicht“. In den Medien tobt nach Ansicht von Klaus zurzeit ein „Kampf um die Bedeutung des Frauseins“, es gebe eine „neokonservative Medienoffensive“ zum Thema Demografie, in die Namen wie Schirrmacher, Mattusek und Organisationen wie das Familiennetzwerk oder der Väteraufbruch involviert seien, die gemeinsam „Strategien zur Durchsetzung eines neokonservativen Familienbildes“ entwerfen. So sei in der Diskussion um Eva Herman ein konservativer Feminismus entstanden, von dem aus es Überschneidungen zum Elite-Feminismus gebe, und der in den Medien sehr dominant sei (Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Alice Schwarzer, Thea Dorn, Susanne Gaschke, Iris Radisch, Silvana Koch-Mehrin). Das Anliegen sei es, den Bedarf der Wirtschaft nach weiblichen qualifizierten Arbeitskräften zu befriedigen und mehr Kinder aus bürgerlichen Familien zu bekommen. Daher müsse die Vereinbarkeit von Beruf und Familie organisiert werden. (In den Worten von Schwarzer: „Das ist ein Beleg dafür, dass der Feminismus dort angekommen ist, wo er hingehört, in der Mitte der Gesellschaft“). Die sozial schwächeren Frauen (die für die Elite-Feministinnen putzen) hätte man dabei aus den Augen verloren. Klaus identifizierte vier Merkmale des „konservativen Feminismus“: 1. Abgrenzung vom „alten“ Feminismus. 2. Die eigene Erfahrung sei der Dreh- und Angelpunkt, Glück und Erfolg würden als individuelle Leistung interpretiert („Das Leben liegt uns zu Füßen“, Koch-Mehrin). „Sie singen das Hohelied auf die neoliberale Selbstvermarktung des Subjektes“, gemeinsame Gruppeninteressen und Handlungsschemata fehlten völlig, kritisierte Klaus. Es sei „reine Affirmation der bestehenden Gesellschaft.“ 3. Ihre Frauenpolitik komme ohne kritische Gesellschafts- und Machtanalyse aus. Der Fokus liege ganz „auf der weißen Oberschichts- und Karrierefrau“, Genderstudies kämen nicht vor, stattdessen werde wieder „die Re-Privatisierung sozialer und gesellschaftlicher Probleme gepredigt“. Dazu gehöre auch die pauschale Abwehr des Islam. 4. Die traditionelle Kleinfamilie erfahre in diesem Denken „eine Wiedergeburt als Schlüsselfigur zur Lösung gesellschaftlicher Probleme“, so Klaus, „und die Verantwortung dafür liegt allein bei den Frauen.“ Der mögliche Beitrag von Vätern interessiere nicht, eher werde gesagt, die Emanzipation hätte die Männer zum Schweigen gebracht. Klaus sieht aber die Popularität des konservativen Feminismus nicht nur negativ, weil dadurch der Begriff „Feminismus“ auch positiv besetzt und vielfältiger werde. Sie sieht den Auftrag nun darin, „wieder um die moralisch richtige und strategisch sinnvolle Bedeutung von Frauenbefreiung zu streiten“.

Andrea Geier (Germanistin, Marburg) beschäftigte sich schließlich mit der „Rhetorik des Antifeminismus“ – sie hat damit Erfahrung, weil sie seinerzeit eine viel beachtete Replik auf die Polemik von Volker Zastrow in der FAZ gegen Genderstudies geschrieben hat. Geier wies darauf hin, dass die „Kamplinien“ heute nicht mehr so klar wie früher verliefen, z.B. habe Bild-Zeitung eine Kampagne über zu dünner Models angestoßen. „Es ist ein Spiel, Positionen sind nicht wichtig.“ Feministische und anti-feministische Artikel könnten in ein und derselben Zeitung stehen, vor allem in der FAZ seien solche Widersprüche sichtbar. „Die Linien der Auseinandersetzung“ seien verwischst, d.h. „jeder kann sich darauf herausreden, dass es doch ‚eigentlich’ nicht so ist.“ Viele jüngere Frauen kämen heute über die Geschlechterforschung zum Feminismus. Ein Stereotyp des neuen Antifeminismus sei der Vorwurf, dass Genderstudies überfinanziert und selbstreflexiv wären (Feministinnen erforschen nur sich selber), und dass es wichtigere Forschung gebe. Unterfüttert werde dieser Diskurs von neuem Biologismus und Naturalismus nach dem Motto, die Genderstudies nähmen „die unbequemen Wahrheiten der Natur nicht zur Kenntnis“. Evolutionsbiologie und Hirnforschung hingegen seien im Aufwind. Es gebe einen generellen Vorwurf gegen die Geisteswissenschaften, sie würden sich zur „Biologiefreien Zone“ erklären. Eine problematische Gegenreaktion darauf sei der Versuch, naturalistische Instrumente in die Geisteswissenschaften einzubinden (nach dem Motto: „Goethe und Gene“) – dies ist aber nach Ansicht von Geier ein „Einfallstor für Biologismen“, weil die Initiatoren oft „Leute ohne Genderblick“ seien.

Zum Weiterlesen:

„Der Kampf um Wohlbehagen“ – Eine Replik zum Kongressbericht von Andrea Günter.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 01.03.2008

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