beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik leben

Auseinandersetzung mit Sexualität inflationär

Von Dorothee Markert

Zuschrift zu „Das öffentliche Sprechen über weibliche Sexualität“

Christine Pöllath schreibt zu dem Artikel von Birgit Kübler.

1. Der  mir zugeschriebene Satz „Sex wird total überbewertet“ fiel nicht in dieser  Plattheit, sondern in dem Kontext, dass die Bedeutung von Sex  (d.h. Sex wirklich haben, „guten“ Sex haben,  wenigstens scheinbar Sex haben und zum allermindesten über Sex sprechen)  für die Konstituierung von „Normalität“ einer Persönlichkeit ständig zunimmt.  Meinem Eindruck nach ist das Sprechen über Sex (in der Weise von „Sex + the City etc.), aber auch die Auseinandersetzung mit Sexualität (wie in den zum Teil auch hier rezensierten Büchern) geradezu inflationär.  Nun lässt sich dieser Umstand zu Recht so erklären, dass ein lange unterdrücktes Thema bzw. ein Teil der Persönlichkeit endlich „ans Licht“ strebt.  Allerdings besteht so mancher Beitrag letztlich in endloser Selbstbespiegelung oder anders ausgedrückt: ich will einfach nicht  jeden Scheiß über die Sexualität von Hinz/in und Kunz/in wissen.

2. Ich sehe die Entwicklung im Umgang mit der Thematik innerhalb der vergangenen 20, 30 Jahre keineswegs so wie Birgit Kübler. Weder war der Sex früherer Frauengenerationen nicht „wirklich“ lustvoll, wie Birgit es behauptet. Das scheint mir eine ungemeine Pauschalisierung. Allein aus der Tatsache, dass sexuelles Empfinden früher weniger öffentlich thematisiert war, lassen sich wohl kaum Rückschlüsse auf (nicht) empfundene Lust ganzer Generationen ziehen. Ebenso verallgemeinernd scheint mir der in Birgits Text beschriebene unkompliziertere Umgang mit Sexualität und Körperlichkeit, den junge Frauen heute mehrheitlich angeblich hätten.  Ich denke, dass die Situation weitaus vielschichtiger ist, dass natürlich einerseits Frauen freier und selbstbewusster und selbstbezogener ( im Gegensatz zu „männerbezogen“ ) mit  ihrer Sexualität umgehen. Andererseits erhöhen sich aber ständig die gesellschaftlichen „Standards“, denen Frauen wie Männer zu genügen haben, was „Attraktivität“ und sexuelle Aktivität ebenso betrifft wie der nachgerade Zwang, überhaupt irgendein illusionäres Lebensglück (Beruf, Familie, Sex etc.) zur Schau stellen zu sollen. Insofern sind  Menschen heute  stärkeren Normen unterworfen, wollen sie eben als „normal“ und „gesund“ gelten und sich nicht dem Verdacht der Verschrobenheit, Verklemmtheit oder Erfolglosigkeit aussetzen. Die Beziehung von Frauen egal welchen Alters zu ihrem Körper ist heute vielleicht „problembehafteter“ als früher, da die Paradigmen für einen „Nicht-Looser/innen-Körper“ rigider werden und  Menschen, die z.B. einfach arm sind, schon aus finanziellen Gründen ausschließen (weiße Zähne, schlank/fit bis ins Alter, Falten = Ungepflegtheit , „Unattraktivität“ als Karrierehemmnis etc.).  Körperbetonung und -betontheit von z.B. Mode können doch Zeichen für Selbstbewusstsein ebenso sein wie für Selbsterniedrigung. Da wirkt die programmatische Betonung der „rosigen“ Seite der Angelegenheit auf mich ein bisschen wie das Herbeiredenwollen einer gewünschten Realität.

Viele Grüße, Christine Pöllath

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 03.07.2008

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