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Rubrik lesen

Durchgang durch einen anderen Kontext

Von Elisabeth Jankowski

Die Diotma-Philosophin Elisabeth Jankowski hat Antje Schrupps Buch „Was wäre wenn“ gelesen

Was wäre wennBei diesem Buch denke ich an den westöstlichen Diwan, nicht weil es so poetisch geschrieben wäre, und auch nicht weil es mit Okzident und Orient zu tun hätte, sondern aus einem ganz anderen Grund. Genau wie Johann Wolfgang Goethe und Marianne von Willemer, anstatt eine Übersetzung der orientalischen Gedichtsammlung von Hafis aus dem Geist der Gedichte des Orients zu schreiben, ein neues Lyrik-Buch schufen, hat Antje Schrupp das Gedankengut der Diotima-Philosophinnen aufgenommen, weiterentwickelt und in eine deutsche Form umgegossen.

Früher hatte ich selbst schon öfter daran gedacht, mehr Diotima-Texte ins Deutsche zu übersetzen, aber dann immer wieder den Plan aufgegeben, denn schon als ich meinen eigenen Text über Muttersprache zu übersetzen versucht hatte, war ich auf große Schwierigkeiten gestoßen: Jeder Text ist eigentlich aus einem bestimmten Kontext heraus entstanden, für bestimmte Leser und Leserinnen geschrieben und grundsätzlich unübersetzbar. Überhaupt glaube ich, dass Sprache, je näher sie am Erfahrungsursprung ist und je mehr sie schöpferisch mit den Mitteln einer bestimmten Kultur umgeht, also etwas Neues schafft, was schon in der eigenen Sprache manchmal ungewöhnlich klingt, in der Fremdsprache noch schwieriger zu rezipieren ist. (Schon das Wort „madre“, „Mutter“, kann man nach der Verunstaltung durch den Nationalsozialismus nicht mehr so einfach gebrauchen wie es im Italienischen noch möglich ist.)

Gerade ein solches neues Sagen inspiriert die Leserin und den Leser besonders, macht jedoch eine Übersetzung umso schwieriger, wenn nicht ein ganz eigenständiges Werk entsteht, das dem anderen Kontext zuspricht und durch ihn hindurch neu entstanden ist. Bei diesem Durchgang durch einen anderen Kontext und durch andere Beziehungen, aus denen heraus die Autorin schreibt, wird ein neuer Gedanke geboren, der wie ein neues Glied zu einer Kette hinzutritt.

Da sich die Autorin mehr als Politologin denn als Philosophin mit dem Gedankengut der italienischen Philosophinnen auseinandersetzt, wird es einerseits zwar verständlicher, verliert andererseits aber auch seinen rätselhaften Charakter, der ja die Realität offen hält und nicht festschreiben will.

Aber vielleicht liegen der Autorin Begriffsbestimmungen sehr am Herzen, und sie versucht, den Feminismus der sexuellen Differenz von der Emanzipation, die das Männliche allein zum Maßstab macht, abzusetzen, kommt dabei aber in Schwierigkeiten, weil sie einerseits die Individualität der Frau und andererseits die Frauen als solche ontologisch, soziologisch und biologisch definieren will. Hingegen scheinen die konkreten Männer irgendwie nicht verantwortlich für die dualistische Welt des Patriarchats zu sein.

Dabei könnte es doch so leicht sein, wenn man Luisa Muraros Ausführungen in dem neuen Diotima-Band „Immaginazione e politica“ folgt: „Der ursprüngliche Gedanke der Frauenbewegung, der, wie jeder originelle Gedanke, das heißt jeder Gedanke, der noch fast nicht sagbar ist, sich von Anfang an seinen Neuanfängen und Wiederholungen anvertrauen muss, lief immer schon Gefahr, zu versanden. Und das, was im Begriff ist zu versanden, ist genau das gedankliche Ausweichen angesichts einer vorhersehbaren und offensichtlichen Realität.“ (Il pensiero originale del movimento femminista, che, come ogni pensiero originale, cioè prossimo alla indicibilità, deve affidarsi dal primo momento alle sue riprese e ripetizioni, non ha mai smesso di rischiare di perdersi. Quello che è sempre sul punto di perdersi, è proprio lo scarto del pensiero dalla realtà ovvia e prevedibile, Seite 9)

Und weiter sagt sie, indem sie Carla Lonzi zitiert, dass wir heute den Eindruck haben, dass wir selbst die Spielregeln bestimmen: „Ohne Gegenüberstellungen. Ohne den Anderen zu leugnen. Ohne aus dem ‚Es gibt noch etwas darüber hinaus’ einen Angelpunkt zu machen, um das Ganze verstehen zu wollen: Wenn wir unsere Beobachtungen vorbringen, wollen wir sie nicht als Gegensätze verstehen. Die Frau, schreibt Carla Lonzi weiter, lebt nicht in einer dialektischen Beziehung zur Welt des Mannes. Die Bedürfnisse, die sich bei ihrem Denken herausschälen, implizieren keine Antithese, sondern eine Bewegung auf einer anderen Ebene…“ (Übersetzung von mir).

Schließlich ist die Autorin eher pessimistisch, was den Einfluss der Frauen auf die Politik angeht. Sie würden sich eher in ihre freien, selbst verwirklichten Nischen zurückziehen. Antje Schrupp stellt außerdem fest, dass es durch die Gleichstellungspolitik inzwischen unbedeutend geworden ist, ob Mann oder Frau etwas tun, und die sexuelle Differenz zur Folklore verkommt, ohne weiterhin eine politische Energie darzustellen. Nach dem Motto „Frauen können nicht einparken und Männer kaufen keinen Lippenstift“. Aber die Autorin sagt selbst an einer Stelle sehr richtig, dass es darauf ankommt, „die Geschlechterunterschiede dort, wo sie sich zeigen, zu beobachten, sie arbeiten zu lassen und ihnen eine politische Bedeutung zu geben.“ Und sie kommt zu dem Schluss „Frauen wollen nicht nur etwas anderes als Männer, sondern sie wollen auch etwas anderes als andere Frauen“. Differenz zwischen Frauen und Männern und doch eine große Andersartigkeit einer jeden Frau.

Mit Hilfe der amerikanischen Philosophin Linda Alcoff definiert die Autorin die Frau als diejenige, die ihr Selbst nicht über Substraktion definiert. Den Kern der Persönlichkeit können wir nicht finden, wenn wir die Einflüsse durch die Anderen abziehen, sondern ganz im Gegenteil entsteht unsere Persönlichkeit immer schon durch die Beziehungen zu den Anderen. „Die Identitäten, die wir von unserer Kultur und durch Erziehung mit auf den Weg bekommen haben“, sind für Antje Schrupp „gleichzeitig einschränkend und auch ermächtigend“.

Hier stört mich der Begriff „Identität“ ein wenig, denn von der Diotima-Position ausgehend würde ich eher von der Herkunft sprechen und mich auf den je unterschiedlichen Werdegang der Personen beschränken. Weitere Ausführungen wären hier notwendig, denn die Differenz-Philosophie will absichtlich das ganze Identitätsgebäude zu Fall bringen und besonders bei Frauen eine Beziehungs-„Identität“ zu Grunde legen, die eben keine feste Identität mehr sein kann, denn alle Beziehungen verändern die Person irgendwie. Diotima geht so weit, dass sie jede festgeschriebene, sowohl männliche als auch weibliche Identität in Frage stellt und den Menschen eher als das Ergebnis der Beziehungen wahrnimmt. Dabei muss gesagt werden, dass sich Frauen in der Geschichte schon immer eher über die Beziehungen definiert haben, während sich Männer eher als eigenständiges Subjekt erfahren haben. Hier liegt wohl ein großer Unterschied zwischen Frauen und Männern, nicht nur in der Erfahrung, sondern auch in den Denk- und Gefühlsstrukturen.

Neben der Aufarbeitung der Diotima-Bücher besonders in den ersten Kapiteln erkenne ich einen Schwerpunkt bei zwei Themen, die Antje Schrupp sehr am Herzen liegen und die sie intensiv durchleuchtet: Das eine Thema betrifft Spache, und zwar in dem Kapitel „Die Realität bewegen“ und das andere Thema, das mehrere Kapitel einnimmt, betrifft „Arbeit und Pflicht“.

Gefallen hat mir das Kapitel über Sprache, Realität und Autorität, in dem über den Diotima-Ansatz hinaus die Sprache in der heutigen Realität zwischen Oralität und Schriftlichkeit, besonders auf Internetseiten, beschrieben wird. Dabei kommt die Autorin zu dem Schluss, dass durch das Netz neue Beziehungen und neue Qualitätskriterien entstehen (besonders S. 72-75), die vielleicht den Zwängen der patriarchalen Kultur entkommen sind und den Frauen neue Freiräume eröffnen oder jedenfalls für sie ein möglicher Aktionshorizont sind, den zu nutzen sich anbietet.

Die Sprache der Autorin ist ein wunderbares Beispiel, wie Sprache und Inhalt übereinstimmen können. Das habe ich schon bei Luisa Muraro, Ida Dominijanni und Ina Praetorius bewundert. Wer zum Beispiel über weibliches Begehren redet, tritt auch sprachlich in einen Raum des Fortschreibens der Sprache und des Vorausdenkens von neuen Gedanken und Gefühlen, so dass etwas Unerwartetes entsteht. Dann werden emanzipatorisch korrekte Wörter nicht mehr notwendig und wir brauchen keine geschlechtliche Gleichstellung der Rede, bei der dich die Endungen bis zum Überdruss totlaufen. Weibliche Sprache entsteht nämlich genau da, wo die Wahrheit über die weiblichen Erfahrungen gesagt wird.

Wunderbar finde ich auch die Zeilen über die Welt als Fülle und nicht als Mangel, die sicherlich auf religiöses Gedankengut zurückgehen. Die Betonung, dass wir in einer Welt der Fülle leben, wie auch bei Ina Praetorius betont wird, und dass wir uns nicht aufschwätzen lassen dürfen, dass der Mangel unser Leben kennzeichnet. Hier ist die religiöse Anbindung der beiden Autorinnen sicherlich eine Bereicherung. Denn eigentlich kann man doch verallgemeinernd sagen, dass die Religion das Leben des Menschen als Gabe Gottes und Geschenk erfährt, also als wunderbaren Reichtum, wenn auch mit einigen Problemen, während die Politik die Erde als Tal der Tränen und des Mangels, als Ort der Widersprüche definiert, bei denen das politische Handeln manchmal Linderung schaffen kann. In diesem Sinne bekenne auch ich mich zu einer religiösen Weltsicht, wie viele Frauen im konkreten Leben, denn sobald man Kinder bekommt, kann man es einfach nicht mehr anders sehen. Der „faule Mond“ in dem von Büchner (Woyzek) erzählten Märchen funktioniert einfach nicht. Um Kinder lebensfähig zu machen, müssen wir ihnen von einer wunderbaren Welt erzählen, in der auch ein paar Wölfe herumlaufen. Wir können keine Kinder in eine Welt setzen, die wir für unbewohnbar halten.

Das wichtigste Thema aber, die Arbeit, wird auf vielen Seiten abgehandelt und beschreibt mit vielen Zitaten aus Hannah Arendts „Vita Activa“ die heutige Arbeitswelt, aus der Frauen inzwischen nicht mehr wegzudenken sind, auch wenn Frauen sich eine Welt ohne Erwerbsarbeit immer noch gut vorstellen können. Antje Schrupp erweitert den Arbeitsbegriff so sehr, dass auch alle Formen der Arbeit eingeschlossen werden können, aber sie ist gegen ein starres Modell, weil es den so unterschiedlichen Menschen nicht gerecht werden könnte. Besonders warnt sie die Frauen davor, die Erwerbsarbeit als Schritt in die Freiheit zu erfahren, denn oft wird die Abhängigkeit vom Ehemann nur durch die Abhängigkeit vom Chef ersetzt und eine Selbstverwirklichung ist auch dort nicht gegeben. Ihre soziologische Analyse der Arbeitswelt mit historischen Exkursen bis hin zu Clara Zetkin ist sehr aufschlussreich.

Sicherlich hat der Diskurs über Arbeit in Deutschland einen ganz anderen Stellenwert als in Italien. Die Erwerbsarbeit trägt nämlich in Italien viel weniger zur Entwicklung der Persönlichkeit bei als in Deutschland, wo die Arbeitslosigkeit deshalb als ein Problem betrachtet wird, das an die Wurzeln der psychischen Existenz des Menschen geht, während es in Italien bis vor kurzem viel mehr allein ein Finanzproblem war, aber man definierte sich nicht nur über die Erwerbsarbeit, weil die Beziehungsarbeit in dieser Gesellschaft noch mehr im Vordergrund stand. Leider ist diese Tendenz rückläufig.

Für die Zukunft sieht die Autorin eine Arbeitswelt, die sich nach biblischen Vorgaben auf drei Säulen stützt: die Lust, die Barmherzigkeit und das Dienen. Vielleicht meint sie mit Lust, das was Luisa Muraro als „desiderio“ (Begehren) bezeichnet. Im letzten Jahr ist in Italien ein Film gedreht worden, von den Regisseurinnen Daniela Ughetta und Manuela Vigorita, der 2010 erscheinen soll und den wunderbaren Titel „La politica del desiderio“ trägt, und der alle Bereiche zeigt, wo Frauen aktiv geworden sind. Er zeigt deutlich, dass diese Aktivität nicht entstanden war, weil die Frauen mehr verdienen wollten oder mit anderen konkurrieren, sondern weil sie diese Art von „vita activa“ begehrten, also aus der Lust heraus handelten. Ist damit nicht auch die Pflichterfüllung und das ewige Müssen endlich überwunden?

Sollte die deutsche Gesellschaft nicht auch die Erwerbsarbeit stärker symbolisch herabstufen, damit andere Beschäftigungen symbolisch aufgewertet werden? Aus unserer Konsumgesellschaft kommen wir nur heraus, wenn wir auch wieder selbst etwas herstellen, wie wir aus der passiven Lesegesellschaft nur herauskommen, wenn wir selbst etwas schreiben.

Aber mit diesen Dingen können wir nur einen Anfang machen und wir wissen noch nicht wohin sie uns führen werden.

Antje Schrupp: Was wäre wenn? Über das Begehren und die Bedingungen weiblicher Freiheit, Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2009.

Eine weitere Rezension zu diesem Buch von wennDorothee Markert.

Autorin: Elisabeth Jankowski
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 02.02.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Lisa Rosa sagt:

    Schon immer

    „Dabei muss gesagt werden, dass sich Frauen in der Geschichte schon immer eher über die Beziehungen definiert haben, während sich Männer eher als eigenständiges Subjekt erfahren haben. Hier liegt wohl ein großer Unterschied zwischen Frauen und Männern, nicht nur in der Erfahrung, sondern auch in den Denk- und Gefühlsstrukturen.“
    Ja, aber das wichtigste darf man auch dabei nicht vergessen: auch diese empirisch erfassbare Tatsache beruht auf kulturhistorischer Bedingung. Ein „schon immer“ ohne Historisierung verführt sonst zu einem anthropologisierenden „so wird es immer sein“.

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