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Politik und Macht sind nicht dasselbe

Von Luisa Muraro

“Macht und Politik sind nicht dasselbe” ist der Titel eines neuen Diotima-Buches. Dorothee Markert hat es hier vor einiger Zeit bereits kurz vorgestellt. Damals äußerte sie den Wunsch, dieses Buch ins Deutsche zu übersetzen – inzwischen ist er wahr geworden: Die Erika Wisselinck Nachlass GmbH finanziert die Übersetzung. Dorothee Markert und Antje Schrupp arbeiten derzeit daran. Wenn alles läuft, wie geplant, wird das Buch im Frühjahr 2012 im Ulrike Helmer Verlag erscheinen.

Bei einem Besuch in Verona hat Antje Schrupp einige der Autorinnen nach ihren zentralen Thesen befragt. Die Interviews werden nun nach und nach als Videos bei Youtube eingestellt. Das erste ist das mit Luisa Muraro. Für alle, die lieber lesen als Filme schauen, veröffentlichen wir hier auch die Textfassung.

Warum sind Macht und Politik nicht dasselbe?

Na, weil sie es nicht sind. Die Verwechslung von Politik und Macht ist schon sehr alt, und die Politik ist immer ein Kampf darum, sich von der Macht zu lösen. Die Macht hat ihre eigenen Gesetze, sie arbeitet für sich allein, sie braucht weder Partizipation noch irgendetwas anderes – außer der Lust an der Macht. Die Politik hingegen, und das weiß letztlich schon Machiavelli, beginnt immer damit, die Freiheit und den Wunsch der Menschen nach Teilhabe der Maschinerie der Macht zu entreißen, die anonym ist, mechanisch, und so weiter. Das ist offensichtlich. Einige Bewegungen haben allerdings gesagt: Wir kämpfen um die Macht, damit wir dann die Politik machen können, die wir wollen. So kam es zu dieser Verwechslung.

Und wie kommen da die Frauen ins Spiel?

Die Frauen kommen ins Spiel, weil wir im Differenzfeminismus schon sehr früh verstanden haben, nämlich mit den Beziehungen unter Frauen und mit der Befreiung des Begehrens, dass es sehr viele Kräfte und Energien gibt, die man nur zu befreien braucht, die uns dabei helfen, die Bedingungen des Frauseins freier, besser und angenehmer zu machen. Auch wenn es natürlich immer Probleme gibt. Aber wir haben verstanden, dass wir diese männliche Fata Morgana der Macht vermindern können – die jetzt übrigens auch unter jungen Männern ausstirbt.

Das war toll. Und der gesamte Feminismus, von den Vereinigten Staaten bis Japan, hat das gewusst. Doch dann gab es darauf die Antwort der Parteien, der Linken, des Staates, der Europäischen Union, die gesagt haben: Nein, das was Ihr jetzt braucht, ist, dass ihr auch Macht habt, zusammen mit den Männern, damit wir die Gleichheit zwischen Männern und Frauen herstellen. Und so haben sie dem Feminismus diese Idee der Gleichheit eingepflanzt. Also: Anstatt dass die Frauen eine neue Gesellschaft erfinden, haben sie uns in den Kopf gesetzt, dass wir Macht übernehmen müssen.

Wir von Diotima haben diese ganzen Themen erneut bearbeitet, und haben verstanden, dass man die Angelegenheit so einfach wie möglich ausdrücken muss: Politk und Macht sind nicht dasselbe. Um den Menschen, Frauen und Männern, die Augen für dieses ganz Offensichtliche zu öffnen.

Und was ist dann die Politik?

Politik ist, wenn man frei, dem eigenen Begehren entsprechend, am kollektiven Zusammenleben teilnimmt. Die Gesellschaft ist voller Leute, die sich voneinander unterscheiden, es gibt Ungerechtigkeiten, es gibt Wünsche, die realisiert werden müssten, es gibt Unterdrückung. Politik ist der Kampf darum, dass es möglich ist, Unterdrückung, Unfreiheit und Ungerechtigkeit abzuschaffen, und der Kampf für ein Dasein in erster Person, entsprechend dem eigenen Begehren. Es ist nicht wichtig, dass wir alle gleichgestellt sind, was vielleicht auch gar nicht möglich ist. Aber es ist wichtig, dass wir alle wirklich dabei sind, mit dem jeweils eigenen Begehren. Und das ist Politik. Schon immer.

Es ist also nicht so, dass hier die Politik ist und da die Macht?

Nein. Es gibt immer die Logik der Macht in den Beziehungen zwischen Menschen. Zwischen Mutter und Kindern, zwischen Ehemann und Ehefrau, auch zwischen Freundinnen, zwischen Lehrern und Schülern, es gibt immer Macht. Die Politik ist eben der ständige Kampf darum, die Freiheit / der Macht und ihren Mechanismen zu entziehen. Es ist nicht so, dass das eine dort ist und das andere hier, überhaupt nicht! Macht gibt es immer, sobald es Beziehungsverhältnisse zwischen Menschen gibt. Das haben wir ja schon von diesem französischen Denker namens Foucault gelernt. Seine Analyse enthält durchaus auch Fehler, vor allem weil er die Autorität nicht kennt. Aber er war es, der gesehen und gezeigt hat, dass Macht überall ist, und ich denke, damit hat er Recht.

Autorin: Luisa Muraro
Übersetzerin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 22.07.2011
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