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Mary Daly – Feministin der Feministinnen

Von Barbara Linnenbrügger

… lange möge ihr Geist uns inspirieren, unser Leben soweit vorauszuwerfen, wie es irgend geht.

Und wieder einmal ein ungewöhnliches, bemerkenswertes Buch, das dieser Tage im Christel Göttert Verlag erschienen ist: Eveline Ratzel verwirklichte mit Andrea Keller in beispielhafter Art und Weise die Ehrung und Würdigung einer Frau, die weltweit Frauen Mut macht, ihrem Begehren nach Freiheit Ausdruck zu verleihen: Mary Daly.

Als Mary Daly 81-jährig im Januar 2010 starb, beschloss Eveline Ratzel mit anderen Weggefährtinnen von Mary Daly, dieser in besonderer Form zu gedenken, die Erinnerung an sie wachzuhalten. Eveline Ratzel schrieb in den 80er-Jahren ihre Diplomarbeit über Mary Dalys in der deutschen Übersetzung von Erika Wisselinck im Verlag Frauenoffensive erschienenes Buch „Reine Lust“. Sie arbeitete hier die Kernthesen dieses Hauptwerkes heraus. Es war schon lange überfällig, diesen interessanten Text zu veröffentlichen. Aber Eveline Ratzel hatte die weitergehende Idee, viele andere Stimmen, wie sie sagt: „hundert Blumen“, in dieses Buchprojekt einzubinden. Daraus ist ein „buntes Blumenmeer, farbig, lustig, dornig, aufregend“ aufgeblüht. Ein Kaleidoskop von reflektierenden Meinungen und Nachrufen gibt Aufschluss über die vielen scharfsinnigen, humorvollen Fassetten der Analysen und Theorien wie auch der praktischen Lebensanleitungen von Mary Daly, wenn sie z.B. Frauen auffordert, „das Leben weit vorauszuwerfen“. Einige Blitzlichter, die das Lebenswerk von Mary Daly ahnen lassen und neugierig machen sollen, seien hier angeführt:
In Erinnerung an den Blick in das erste Buch von Mary Daly „Beyond God the Father. Toward a Philosophy of Women’s Liberation“ (Dt.: „Jenseits von Gottvater, Sohn & Co. Aufbruch zu einer Philosophie der Frauenbefreiung“, Verlag Frauenoffensive, München 1980) schreibt Mary E. Hunt: „… wie ich im Erscheinungsjahr 1973 an der Harvard Divinity School die druckfrischen Seiten umblätterte und mir die naive katholische Kinnlade herunterfiel, als ich kapierte, dass eine sehr wohl die patriarchale Religion verlassen und zu gesünderen, glücklicheren, ich könnte auch sagen heiligeren Ufern aufbrechen konnte … Mary Daly bastelt nicht an Kleinkram herum, sie ging gleich auf das Göttliche und die Allmacht los.“ (S. 33)
Julie Bindel beteuert, dass Mary Daly berühmt geworden ist „durch ihren bahnbrechenden Gebrauch von Sprache und Witz sowie für ihre Leidenschaft, Patriarchat und Religion anzufechten.“ Ihr bekanntestes Buch ist die Gyn/Ökologie (in dt. Übersetzung erschienen 1981 bei Frauenoffensive), „eines der ersten Bücher überhaupt, das sexuellen und kulturellen Gräueln an Frauen Schlaglichter versetzte: Genitalverstümmelung, Fußverkrüppelung und Hexenvernichtung.“ (S. 39)
Schwester Joan Chittister, feministische Autorin und Benediktinerin, formuliert es so: „Mary spielte mit der Sprache in einer Weise, dass eine einfach innehalten und nachdenken musste. Es war unmöglich, die Worte weiterhin in der hergebrachten Art zu verwenden.“ (S. 45) Und Bryan Marquardt vom Boston Globe meint: „Mit irischem Witz prägte sie Worte, die zwischen Gerissenheit und Schonungslosigkeit hin- und herflutschten.“ (S. 45)

So gibt dieses Buch nicht nur einen tiefen Einblick in das philosophische Werk von Mary Daly, sondern auch einen lebendigen und umfassenden Überblick über das Leben und Wirken einer großen Philosophin unserer Zeit. Das Buch vermittelt unmittelbar die Erfahrung, mit Mary Daly und Freundinnen am Tisch zu sitzen, zuzuhören, zu sprechen und zu lachen. Spätestens auf S. 18 hüpft mein Herz vor Be-geisterung, wenn ich in Erinnerung an „Nächte-durchdiskutierend-im-Frauenzentrum“ lese: „Sünde ist ein feministisches Ziel. Wenn du das bis jetzt noch nicht gehört hast, hast du ganz schön was verpasst.“
Natürlich brauche auch ich wie Eveline Ratzel immer wieder „furchtlose Neugierde und trotziges Durchhaltevermögen“, um mich von den Werken Mary Dalys inspirieren zu lassen. Es ist eben nicht nur ein Zuckerschlecken, dem ausgehenden Patriarchat die Stirn zu bieten. „Egal, ob du mit ihren Methoden, ihrem Stil oder ihren Angriffszielen einverstanden bist, Daly kann dein Vorstellungsvermögen bilden und dein Denken in produktiver Weise erschüttern. Wir alle brauchen das“, so Jennifer Benson. (S. 38) Gloria Steinem spricht die Hoffnung aus: „So wie Maler und Künstler nach ihrem Ableben wertvoller werden, hoffe ich, Mary wird durch Menschen, die sich mit ihrem Werk beschäftigen, lebendig bleiben.“ (S. 46) Dazu trägt dieses Buch mit Sicherheit bei.

Und es lohnt sich, auf den Internetseiten des Verlages www.christel-goettert-verlag.de zu stöbern. Die Verlagsfrauen bringen immer wieder bereichernde und ungewöhnliche Bücher in die Welt. Wie auch die sehr zu empfehlende Biografie über Erika Wisselinck und ihre Zeit: „Wir dachten alles neu“, verfasst von Gabriele Meixner. (Siehe auch die Rezension von Juliane Brumberg dazu.) Erst durch Erika Wisselincks geniale Übersetzungen wurden die Werke von Mary Daly in Deutschland bekannt.

Das Buch über Mary Daly macht mir Mut, weiterzumachen auf meinem Weg, mich weit in mein Leben vorauszuwerfen – danke!

Eveline Ratzel: The BiG SiN – Die Lust zum Sündigen, Mary Daly und ihr Werk, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2011, ISBN: 978-3-939623-32-8

Siehe auch: http://www.bzw-weiterdenken.de/2010/03/das-gelachter-der-haxen/

Autorin: Barbara Linnenbrügger
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 31.10.2011
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