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Die Zeichen der Zeit

Von Elfriede Harth

Katholische Kirchenreformkreise haben den fünfzigsten Jahrestag der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils im vergangen Herbst genutzt, um sich mit den Auswirkungen der damals angestoßenen Veränderungen zu beschäftigen. Bei der Jahresversammlung des Netzwerkes „Les Réseaux du Parvis“ (eine Vernetzung von über vierzig Organisationen von Reformkatholikinnen aus ganz Frankreich) im vergangenen Dezember behandelte Elfriede Harth die Frage, was Frauen zur Verwirklichung der Konzilsimpulse beigetragen haben. Für „Beziehungsweise Weiterdenken“ hat sie ihren Vortrag gekürzt und bearbeitet.

Papst Johannes XXIII berief 1962 das II. Vatikanische Konzil ein und forderte die katholische Kirche auf, sich mit den „Zeichen der Zeit“ zu beschäftigen: Der Emanzipation der Arbeiterschaft, der Frauen und der Kolonialländer. Was ist daraus geworden? Foto: Wikimedia Commons.

Vor fünfzig Jahren, 1963, veröffentlichte die katholische Kirche eine Enzyklika von Papst Johannes XXIII. mit dem Titel: „Pacem in Terris – Über den Frieden unter allen Völkern in Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit“. Das war kurz nach der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils und zwei Monate vor dem Tod Johannes XXIII. Die Enzyklika spricht von drei zentralen Herausforderungen der Welt, zu der sich die Kirche hin öffnen sollte, die der damalige Papst als die „drei Zeichen der Zeit“ beschrieb: die Emanzipation der Arbeiterklasse, der Frauen und der ehemaligen Kolonialländer.

Mit dieser Enzyklika, geschrieben unter dem Eindruck der Kubakrise, erkannte die katholische Kirche zum ersten Mal die Legitimität der Menschenrechte an. Wie haben Frauen seit fünfzig Jahren dazu beigetragen, die Realität in den drei vom Papst genannten Bereichen zu gestalten?

Erstens: Eine feministische Sozialethik der Befreiung

Zum ersten Punkt, der Emanzipation der Arbeiterklasse. Haben wir in den vergangenen fünfzig Jahren eine Vermenschlichung des sozialen und wirtschaftlichen Systems erreicht? Die aktuelle Krise scheint dem zu widersprechen. Die Ausgrenzung wächst. Wirtschaftliches Wachstum geht Hand in Hand mit Umweltzerstörung und Migration einer immer größeren Anzahl von Menschen aus ihrer ursprünglichen Heimat.

Die Lösungen, die von den Regierenden angeboten werden, erzielen offenbar nicht die gewünschte Wirkung. Wie sollen sie auch Heilmittel für die Übel des Patriarchats finden, wenn sie weiterhin daran festhalten, die Welt nach dieser Logik zu managen?

Dies ist die Hypothese von „postpatriarchalen“ Denkerinnen in Europa. Von der Prämisse ausgehend, das Patriarchat liege im Sterben, analysieren sie die heutigen Welt mit dem Ziel, das Gute Leben für alle zu verwirklichen. Sie produzieren eine feministische Sozialethik der Befreiung.

Geburtlichkeit und Bedürftigkeit sind dabei zwei Grundbegriffe, auf denen die conditio humana als „Freiheit in Bezogenheit“ gründet. Mehrere Aktionslinien werden entwickelt, zum Beispiel die „Scheissologie“, nämlich die „Theorie, Ökonomie und Ethik der Scheiße“ (Ina Praetorius). Es geht darum, über die Gebiete der Wirtschaft in unserer Gesellschaft nachzudenken, die als besonders „undankbar“ gelten, aber unabdingbar sind, wie Hausarbeit, Pflegearbeit und Landwirtschaft. Grundlegende Aspekte unserer Existenz sollen benannt und sichtbar gemacht werden, die als beschämend gelten, als tabu, die aber die Grundlage bilden für Macht- und Geschlechterverhältnisse. Es geht um Umwelt-Fragen im Zusammenhang mit Recycling, um Müll und Deponien, um Pflege, um Kanalisation und Abwasserentsorgung, um Hygiene, Landwirtschaft und so weiter: Wer erledigt diese Aufgaben? Was würden wir tun, wenn diese Menschen nicht mehr bereit wären, diese Arbeit zu leisten? Was ist ihr sozialer Status, wie werden sie dafür bezahlt?

Zu diesem Themenbereich gehört auch die Bewegung für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Es befreit die Menschen, denn nur, wenn ich nicht „rentabel“ sein muss, kann ich mich dafür entscheiden, Dinge zu tun, die Sinn machen und nicht Geld.

Zweitens: Die Reorganisation von öffentlichem und privatem Raum

Zum zweiten Punkt, der Emanzipation der Frauen: Empfängnisverhütung, Automatisierung der Hausarbeit und eine zunehmende Arbeitsteilung ganz allgemein haben das Leben von Frauen in den vergangenen fünfzig Jahren stark beeinflusst. Gleichzeitig entwickelten sich die Produktion und der Absatzmarkt der elektrischen Haushaltsgeräte.

Aber es war notwendig, dass parallel dazu der Bedarf für diese Produkte entstand und auch die Kaufkraft, um sie zu konsumieren. Was konnte denn besser sein, als die größtmögliche Anzahl von Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, um den Bedarf zu schaffen, die Last der Hausarbeit zu reduzieren, um damit Zeit zu gewinnen, beide Tätigkeiten bewältigen zu können? All dies musste kombiniert werden mit einer niedrigeren Kinderzahl. Und wenn Frauen über ein eigenes Einkommen verfügten, konnten sie es sich leisten, diese Geräte zu kaufen, um die Hausarbeit durch Mechanisierung zu erleichtern.

Das ist heute bereits Realität geworden – zumindest in der westlichen Welt. Es bleibt allerdings immer noch zu verwirklichen, dass die Männer, für die sich jetzt die Last ihrer Verantwortung reduziert hat, die für die Familie notwendigen finanziellen Mittel zu beschaffen, entsprechend ihren Anteil an der Hausarbeit leisten.

Mit der Kontrolle ihrer Fruchtbarkeit konnten die Frauen am eigenen Leib erleben, was bis dahin den Männern vorbehalten war: die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung. Und mit der wirtschaftlichen Unabhängigkeit wurden die Frauen auch unabhängiger vom patriarchalen Familienmodell – die Scheidungsrate schnellte in die Höhe.

Die zweite Welle des Feminismus stellte fest, dass das Persönliche politisch ist. Die Familie als Ort der Einübung in das patriarchale Machtsystem geriet in die Krise. Inzwischen stehen Frauen an der Spitze von mehreren Staaten auf der ganzen Welt, und der Pluralismus an Lebensstilen ist zu einer zunehmend akzeptierten kulturellen Realität geworden.

Das Patriarchat wurde durch all diese Entwicklungen tödlich verwundet, und seine größten Anhänger organisieren sich, es zu verteidigen. Es entstehen verschiedene Formen des Fundamentalismus, die sich abgesehen von einigen oberflächlichen Unterschieden alle in einem Punkt einig sind: ihrer Frauenfeindlichkeit. Die Frau repräsentiert für sie das Andere, das definiert werden muss, gesteuert, beherrscht und/oder „geschützt“. Sie stellen sich auf als die Hüter der Tradition, die Vertreter Gottes auf Erden und die einzig legitimen Besitzer der Wahrheit, und ziehen als solche in einen Kreuzzug gegen die Rechte der Frauen, die das Recht auf Differenz, Anderssein und Pluralität symbolisieren.

Die auf Fortpflanzung ausgerichtete, heterosexuelle Kleinfamilie wird seit Menschengedenken als einziges und heiliges Modell hingestellt. Frauen werden ihres Körpers entfremdet, für die einen sind sie Brutkasten, für die anderen Sexualobjekt oder Ware.  Und sie werden aus dem öffentlichen Raum verbannt, mit einigen Ausnahmen, die als Alibi dienen. Säkularismus und Laizismus, also die Akzeptanz des Andersseins, des Pluralismus, werden bekämpft, wenn nicht ausdrücklich, so doch zumindest in der Art, wie Fundamentalisten handeln. Jeder Kampf gegen den Fundamentalismus und für den Säkularismus muss daher notwendigerweise von der Anerkennung und Förderung der Frauenrechte ausgehen, der Rechte der Anderen.

Drittens: „Befreien Sie mich nicht, ich kümmere mich selbst darum!“

Mitte November 2012 nahm ich an einer Konferenz des feministischen Kollektivs für Gleichberechtigung (CFPE) in Paris teil, einer Organisation, die aus der Diskussion um das muslimische Kopftuch entstanden war. Eine der Rednerinnen rief irgendwann: „Befreien Sie mich nicht, ich kümmere mich selbst darum!“

Dieser Ausruf fasst ziemlich gut zusammen, was wir vielleicht die „Dekolonisierung des Denkens“ nennen können. Wie es der feministische interreligiöse Thinktank in der Schweiz bei der Vorstellung eines Manifests von 2011 mit dem Titel: „Die Freiheit der Frauen und Religion sind gegenseitig nicht unvereinbar“ formuliert: „Viele Feministinnen und einige linke Gruppen setzen ‚Religion’ als solche mit Fundamentalismus gleich, mit Diskriminierung von Frauen und Obskurantismus. Ihr Kampf für die Rechte der Frauen ist oft ein Kampf gegen die Religion. Feministische Debatten über die Gleichstellung der Geschlechter und die Rechte der Frauen bevorzugen oft ein absolutes westliches Konzept der Emanzipation, das nicht-westlichen gläubigen Frauen (überwiegend muslimischen) vorgibt, wie sie sich zu emanzipieren hätten. Diese Haltung spricht ihnen ihr Recht auf Selbstdefinition und Selbstbestimmung ab.“

Die Kolonisierung wurde mit dem rassistischen und patriarchalen Paradigma der Vorherrschaft des weißen Mannes gerechtfertigt, also des angeblich vollkommensten Produkts der Weltgeschichte, dem Maß für Fortschritt und für das Gute. Nazi-Deutschland hat gezeigt, wohin die wortgetreue Umsetzung dieser Ideologie führt.

Die feministische Analyse der Geschlechterverhältnisse hat erlaubt, das zentrale Paradigma patriarchaler Gesellschaften zu verstehen: Die Wirklichkeit wird polarisiert und hierarchisch angeordnet, sodass das Männliche den Standard darstellt und das Weibliche die Abweichung davon und das Defizitäre. In Bezug auf die Kolonialisierung finden wir nun das gleiche Paradigma: Der Andere, der Nicht-Europäer, Nicht-Weiße, seine Gesellschaft, seine Kultur, seine Religion, sein Wirtschaftssystem werden definiert als Defizit, als Mangel, als Unvollkommenheit in einer polarisierten Welt, in der der weiße Mann und seine Welt die hierarchisch obere Sphäre besetzen und „die Anderen“ die untere.

Jede und jeder von uns wurde ganz tief mit diesen Ideen „evangelisiert“. Wir finden sie überall in allen Formen der Erkenntnis der Welt, die in Europa und dem Westen in den letzten 1500 Jahren entwickelt wurden. Doch Dank der Globalisierung und auf der Grundlage des Feminismus, der eine Form des kritischen Humanismus ist, können wir vielleicht zu einem Wissen und Verständnis dieser Unterwerfung des Denkens kommen. So können wir uns vielleicht selbst befreien, und unser Denken entkolonialisieren.

Wir müssen ausgehen von einer feministischen Epistemologie, also von der Frage: Wie können wir wissen, was wir als Frauen wissen, oder als die Andere? Wenn wir uns  positionieren im Anderssein, in der Perspektive des Anderen, oder besser der Anderen, die nicht die Norm ist, können wir in einen Dialog eintreten mit anderen „Anderen“, mit Nicht-Weißen, Armen, Nicht-Heterosexuellen, Kranken, Alten und Jungen, Fremden, mit muslimischen Frauen mit oder ohne Schleier, und so weiter. Und wir können zuhören. Wir erteilen den Anderen das Wort, oder besser: Wir schweigen. Wir lassen sie das Wort ergreifen und sprechen, sich selbst definieren sowie auch ihr Begehren, ihre Vorstellungen vom guten Leben. Und da entdecken wir die unterschiedlichen Feminismen, indianische, schwarzen, die mujerista, die womanista, die islamische, die queere, die öko-feministische…

In dieser Begegnung erkennen wir, dass es eine Diskrepanz gibt zur Botschaft des eindimensionalen, hegemonialen Denkens. Es gibt alternative Ansichten und viele alternative Definitionen dessen, was eine Frau ist, was sie aus ihrem Leben machen möchte, welche Mittel sie verwenden will, um sich zu emanzipieren, wovon sie sich befreien will. Es steht uns nicht an, als westliche Personen mitten in einer Identitätskrise, anderen aufzuoktroyieren, was Frauenemanzipation oder was eine emanzipierte Frau ist. Es steht auch niemand anderem an.

Dieser Dialog führt uns dazu, unsere eigene Befreiung als Frauen zu hinterfragen und darüber hinaus auch als Männer. Sind wir frei? Oder passen wir uns nur einem hegemonialen kulturellen Modell an, das vom Markt, den Medien und vom Konsum gestaltet und uns aufgezwungen wird?  Haben wir Teil am guten Leben oder sind wir nur entfremdete Schräubchen im Getriebe eines unmenschlichen und entmenschlichenden Systems, das unseren Planeten zerstört und ganze Bevölkerungen in Armut, Auswanderung und Krieg stürzt?

Dieser Dialog erlaubt uns auch, zu begreifen, dass wir sehr aufmerksam sein müssen, damit der Kampf für die Rechte der Frauen nicht für neokolonialistische Zwecke instrumentalisiert wird. Die großen Maschinen, die die öffentliche Meinung formen, und die sich oft in den Händen der wirtschaftlich Mächtigen befinden, bombardieren uns systematisch mit Stereotypen von Frauen aus anderen Ländern oder anderen Kulturen. Immer werden diese Frauen als unterwürfige Opfer und verletzliche Personen gezeigt. Auf diese Weise wird der Boden bereitet, um zu rechtfertigen, dass „der weiße Mann braune Frauen vor der Unterdrückung durch braune Männer verteidigen muss“, wie Gayatri Spivak es formuliert hat. Und gleichzeitig wird von der Unterdrückung der Frauen – und Männer – in den westlichen Ländern und Kulturen abgelenkt – wir brauchen nur an den Körperkult und an die Übersexualisierung zu denken, oder an die Gewalt gegen Frauen.

Wenn wir zurückblicken auf die vergangenen fünfzig Jahre seit der Eröffnung des II. Vatikanums stellen wir also fest, dass sich unsere Welt sehr verändert hat.  Die drei von Johannes XXIII. definierten drei „Zeichen der Zeit“ haben an Deutlichkeit zugenommen. Der Zusammenhang zwischen allen drei wird immer augenscheinlicher. Sie zu erkennen ist weiterhin richtungsweisend für ethisch-politisches Handeln. Frauen arbeiten vielerorts schon lange nicht nur an der Deutung dieser Zeichen sondern auch an der Umsetzung der Botschaft.

Autorin: Elfriede Harth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 14.03.2013
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