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Friede durch das Blut des Kreuzes

Von Antje Schrupp

In einer Serie fasst Antje Schrupp kapitelweise das Buch „Saving Paradise“ von Rita Nakashima Brock und Rebecca Ann Parker zusammen. Kapitel 10: Friede durch das Blut des Kreuzes.

Anselm von Canterbury legte im 11. Jahrhundert die theologische Grundlage für ein „Sühnekonzept“, wonach der Tod, nicht das Leben und die Auferstehung Jesu die die zentrale christliche Botschaft seien.

In diesem Kapitel geht es um die theologische Grundlegung der Kreuzzüge und die Sühnelehre bei Anselm von Canterbury.

Nach den Eroberungsfeldzügen von Karl dem Großen wurde Europa unsicher, regionale Fürsten trugen untereinander Konflikte aus, die entlassenen Soldaten raubten und plünderten die Menschen und Gemeinden aus. Die Kirchenführer versuchten in dieser Situation, für Sicherheit zu sorgen, und benutzten dafür das Bild des gekreuzigten Christus und seines Friedensversprechens.

Eine ihrer Strategie war dabei, das Paradies „einzuhegen“, um es vor der „räuberischen Außenwelt“ zu schützen. Zum Beispiel wurden nun Konvente und Klöster als „Paradiesgärtchen“ angelegt, in deren Innerem andere Regeln galten als „draußen“, wo aber nicht jeder und jede hinein konnte. Mit Gärten und Kreuzgängen, der Betonung von Ruhe und Freude innerhalb der Klostermauern und ähnlichen Bildern wurde direkt an Paradiesbilder angeknüpft. Das „Paradies“ wurde nun sozusagen als ein exklusiver Raum verstanden, eine Oase des guten Lebens, während rundherum Elend und Gewalt herrschte. Das Versprechen von Jesus: „Heute werdet Ihr mit mir im Paradies sein“ wurde – insofern es ein Versprechen für alle Menschen sein sollte – theologisch auf die Zukunft verschoben.

Die zweite Strategie der Kirchenführer war es, so genannte Friedenskonzile zu organisieren. Dort wurde zum Beispiel ausgehandelt, dass Klöster bei den Kriegshandlungen verschont bleiben müssen, und es gab besonders drastische Strafen, wenn man einen Kleriker tötete oder überfiel. Auf diese Weise entstand die Idee, dass Gewalt als unterschiedlich gravierend angesehen wurde, je nachdem, gegen wen sie sich richtete: Gewalt gegen Priester, Mönche und Nonnen (die das Paradies repräsentierten) galt als schwerwiegend, Gewalt gegen „Normale“ hingegen als weniger schwerwiegend. Später wurde das dann auf den Unterschied zwischen Christen und Nicht-Christen übertragen.

Das Konzil von Narbonne zum Beispiel legte 1054 fest: „Kein Christ soll einen anderen Christen töten, denn wer immer einen Christen tötet, vergießt Christi Blut“. Hier wurde teilweise direkt in bestehenden Texten das frühere christliche Verbot des „Menschen Tötens“ durch das Verbot des „Christen Tötens“ ersetzt. Die christliche Gemeinschaft grenzte sich also ab vom Rest der Menschheit. Von da war es dann nur ein weiterer Schritt hin zu der Idee, dass es unter Umständen aus christlicher Sicht sogar nötig und geboten sein kann, diese „Anderen“ zu töten.

1078 bestätigte die Römische Synode zwar noch einmal, dass Militärdienst eine Sünde ist, die Buße verlangt, definierte aber eine Ausnahme: Zwar können Soldaten für das Töten weiterhin nur Buße tun, indem sie die Waffen für immer niederlegen, außer aber, wenn sie „auf den Rat ihres religiösen Bischofs zur Verteidigung der Rechtschaffenheit“ töten. Der leidende Jesus am Kreuz wurde zunehmend zum Sinnbild für diese „Bedrohung“, der die Kirche (das Paradies) „von außen“ ausgesetzt ist, und gegen die sie sich wehren muss.

Aber es gab auch Gegenströmungen, die dieser Entwicklung entgegen traten. Es gibt Belege für Aufstände und Proteste gegen das Aufstellen von Kruzifixen, vor allem in Frankreich. Auch die Katharer und Waldenser, die im 12. Jahrhundert entstanden und sich verbreiteten, sind solche dissidenten Bewegungen.

Trotzdem wurde das Paradies theologisch immer weiter weg von der Erde bis nach dem „Jüngsten Gericht“ verschoben.

1095 berief dann Papst Urban II. einen „Friedenskongress“ in Narbonne ein und rief zum Kreuzzug gegen „die Türken“ auf, die „unsere Brüder“ angreifen. Möglicherweise war das ein Versuch, die Beziehungen zur orthodoxen Kirche im Osten zu verbessern (die Kirchen von Rom und Konstantinopel hatten sich kurz vorher, 1054, gegenseitig exkommuniziert), aber die Argumentation war in dieser Art nur möglich, weil sich das Tötungsverbot schon gelockert hatte und von Menschen allgemein auf „die Unsrigen“ verschoben worden war. Gleichzeitig legte Urban fest, dass die Teilnahme am Kreuzzug (und das Töten der „Anderen“) eine Bußübung sei. Urban sprach vom „gerechten Krieg“ und dass es „Caritas“ sei, „das Leben für die Brüder zu riskieren, indem man den Feind tötet“.

Auf diese Weise verkehrte er tausend Jahre christliche Lehre in ihr genaues Gegenteil: Töten ist nicht mehr verboten, sondern erlaubt, Caritas bedeutet nicht, Bedrängten zu helfen, sondern andere in Bedrängnis zu bringen. Krieg und Töten waren von nun an nach offizieller kirchlicher Lehre keine Sünde mehr, sondern galten im Gegenteil als ein Weg ins Paradies. Gewalt wurde so zu einem wesentlichen Kern der Kirche.

Das Grundlagenwerk für diese theologische Wende war Anselm von Canterburys „Cur Deus Homo“, veröffentlicht 1098, wo er die Idee, dass Jesus „für unsere Sünden“ gestorben sei, ausführte. Nicht mehr das Geschenk des Lebens, sondern das Geschenk des Todes (durch Jesus) ist für ihn die größte Gabe Gottes an die Menschen. Dieser Tod Gottes für die Menschen macht die menschliche Schuld so ungeheuerlich groß, dass sie niemals zurückbezahlt werden kann. Christus, so Anselm, „gab ein Beispiel für das Sterben um der Gerechtigkeit willen.“ (Anmerkung von mir: Diese Tradition ist von der Kirche dann in der westlichen Ideengeschichte direkt in die Tradition der „revolutionären Linken“ übergegangen).

Mit Anselms Sühnelehre ist es der einzige Zweck des Abendmahls, den Akt des Sterbens immer und immer wieder zu wiederholen. Christi Auferstehung wurde irrelevant – Anselm erwähnt sie in seinem Buch nicht einmal.

Im Vergleich zu Jerusalem im 4. Jahrhundert hatte sich das christliche Abendmahlsverständnis also völlig umgekehrt. Anstatt die Kreuzigung einmal im Jahr zu beweinen (nämlich an Karfreitag) und ansonsten an jedem Sonntag die Auferstehung zu feiern, nahm die Auferstehung immer mehr an Bedeutung ab. Stattdessen wurde nun in jeder Messe die Kreuzigung und die Selbstopferung Christi gefeiert. Für Anselm war der einzige Zweck von Christi Menschwerdung, dass er sterben konnte.

In diesem Setting begann dann auch die Verfolgung der Juden, die nun verfolgt wurden, weil sie Schuld an der Ermordung Christi gewesen seien. Allein im Frühjahr 1096 wurden im Rheinland 10.000 Jüdinnen und Juden getötet. Insgesamt fiel etwa ein Drittel der jüdischen Bevölkerung in Europa den Kreuzzügen zum Opfer – erst anschließend wendeten sich die christlichen Kreuzritter gegen Jerusalem.

Die Kreuzzüge veränderten die europäische Wirtschaft maßgeblich. Um sie zu finanzieren, mussten die Kriegsherren viel Geld sammeln, es wurden Steuern und Abgaben erhoben. Außerdem wurden die Überfallenen ausgeraubt und ihr Wohlstand wiederum nach Europa gebracht. Dadurch wandelte sich Europa von einer überwiegenden Subsistenz-Agrarwirtschaft in eine geldbasierte Ökonomie.

Weiter zu Kapitel 11: Sterben aus Liebe

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