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Rubrik erzählen

Ich wohne noch! Oder? Notizen eines Pflegepatienten

Von Petra Rogge

Petra Rogges Erzählung über das Sterben eines von ihr betreuten Pflegepatienten basiert auf dessen eigenen Notizen über die Erfahrungen am Ende seines Lebens.

Sie schreibt: 

Ich habe die Rechtspflege als eine ganz spezielle Beziehungsweise erfahren, exemplarisch für die Beziehungen der Frauen, ihren Umgang mit sich und anderen: Die Rechte eines sterbenden Menschen zu pflegen, das ist ein vermittelnder Balanceakt, ständig sind Brücken zu schlagen. Da kreuzen sich und bleiben meist unversöhnlich: die Interessen der Sterbenden, des Amtsgerichts und der Personen rund um den Pflegeapparat. Aber haben wir Frauen uns nicht auch irgendwann herausgearbeitet aus dem klinischen Geburtsapparat, aus den Vormundschaften von Mutterpass & Co. – und haben unsere Kinder auf der Yogamatte geboren, im Kreis fürsorgender Frauen?

Care ist eine weibliche Alltagspraktik. Sie wird so selbstverständlich genommen wie nicht honoriert. Aber sie ist offensichtlich für das Leben von Menschen unverzichtbar. Schauen wir für einen Moment weg von der Leistungsgesellschaft hin zur Zivilgesellschaft, sie hätte gute Aussichten, eine menschliche Alltagspraktik zu werden, die Beziehungsweisen von Menschen in Bewegung zu bringen.

Epilog

22. Februar 2010

Vorhang zu! Ich liege im Sterben. – Liegen, das ist lange schon die einzige Haltung, die mir geblieben ist. Ich denke, esse, trinke und scheide aus im Liegen, ich werde gewaschen und medizinisch versorgt im Liegen. Jetzt sterbe ich, natürlich im Liegen, nicht im Sitzen, so wie es mir gemäß wäre. Sie haben mich in ein Zimmer zum Sterben abgestellt, in eine grellweiße Abstellkammer gleich neben dem Technikraum für akute menschliche Baustellen. Für die leitende Ärztin bin ich, ist mein Körper, seit vier Jahrzehnten schon eine „chronische Baustelle“. Justament bin ich, ist mein Körper, also eine akut-chronische Großbaustelle! Sie haben wohl deshalb die Maschinen, die mich noch gestern wie eine Wehe ins Leben gepresst haben, am frühen Abend abgestellt. Nun muss ich nur noch, gut morphinisiert, von mir selber und dem klinischen Baustellenpersonal unbemerkt, in den frühen Morgenstunden aus dem Leben scheiden. Man weiß ja, das morgendliche Dämmern ist die beste Zeit für ein gutes Ende.

Ich aber will sitzen – und ich will heraus aus der scharfen Helligkeit. Mein ganzes erwachsenes Leben lang habe ich gesessen: lange in einer Kammer wie dieser, aber im behutsamen Licht meiner drei schwarzen Scherenlampen; auf dem Drehstuhl meines Vaters hockend, gebückt, die Lupe am Kopf festgezurrt, mit Schraubendreher, Bohrer, Drehstahl, Kreuzpinzette, Feile und Schaber an feinmechanischen Werken hantierend. „Bitte, die Kreuzpinzette und die Lupe! Für die Uhr. Sie muss noch gerichtet werden. Ich kam nicht mehr dazu. Ich brauche einen Stuhl zum Sitzen, eine Lampe zum Sehen. Haben Sie Mitleid, Frau Baustellenleiterin, mit einer toten Uhr, im Grellweißen liegend, so dürfen Sie einen Privat-Patienten wie mich doch nicht gehen lassen!“

Sie tun es. Natürlich. Sie lassen mich im Grellweißen liegen und ohne Zeitmaß sterben. Niemand da, keiner holt mich aus dem Licht heraus zum Sitzen, keiner kommt noch vorbei und schaut nach mir. Sie warten wie ich auf den Schlusstakt. Nun, wenigstens können sie mich, meinen Körper, zu nichts mehr gebrauchen, wenigstens das nicht! Kein Organ werden sie finden, das nicht bis in den hintersten Winkel mit Medikamenten verseucht ist. Eine akut-chronische Großbaustelle wie mich, die können sie nur noch rasch in Asche auflösen – und der ungeliebte Wind wird seinen letzten Dienst an mir tun.

„Halt, warten wir einen Augenblick! Ich sterbe zwar, aber lebe noch. Ich will sinnieren, mir selbst erzählen von meinem Werdegang als ungehorsam- gehorsamer Patient.“

Kapitel 1

Erstes Sterben

Das erste Malheur hin zum pflegebedürftigen Ende ist mein Gang als Vierzigjähriger ins Spital. Auf den Straßen revoltieren die Studenten, im Krankenzimmer revoltiere ich. Aber das zweite Missgeschick folgt sogleich und logisch aus dem ersten: Ein Patient ist und bleibt ein Patient, ein Leidender, der sich in und mit seinem Leiden aus den eigenen Händen heraus in die Hände von Fachleuten gibt. Niemand lässt sich gerne in die Karten schauen. Naturgemäß auch das medizinische Personal nicht. Harte Drogen gegen den Ulkus und die Ödeme sind der jahrelange Auftakt meiner Krankengeschichte, begleitet und verfolgt von psychopharmazeutischen Maßnahmen zum Beruhigen des Aufbegehrens von Geist und Körper gegen das Übermaß an Heilbehelfen. Leider bin ich immer gut und schnell im Dagegensein, aber selten gut und schnell genug im Finden dazu passender Maßnahmen, weshalb auch stets meine Sturheit getadelt, nie mein Eigensinn gelobt wird. So läuft meine einfallslose Patientenrevolte auf seinen Höhepunkt zu, der zugleich ein Wendepunkt ist. Im psychiatrischen Kälteraum finde ich für einmal eine passende Maßnahme. Ich büxe aus, was aber diesmal weder vom Tadel noch vom Lob getroffen wird: Ausgemustert, lautet das nüchterne Urteil. Mein oberster Dienstherr wählt für mich eine Arbeitskammer voller Akten; hier darf ich fürderhin verwalten, was ich zuvor praktisch umgesetzt habe.

Kapitel 2

Zweites Sterben

Das nächste Malheur geschieht mir im Jahr 2004, rund vier Jahre vor dem letzten Missgeschick und sechs Jahre vor meinem endgültigen Ende: Das alleine Wohnen ist seit jeher meine Passion. Ganz entgegen den gesellschaftlichen Zirkeleien im offenen Hause der Eltern, bestehe ich auf dem je meinigen Werkeln mit Zeit und Raum. Das ändert sich schlagartig und zu meinem allergrößten Unglück mit dem Tag, an dem ich die vor meiner Wohnungstür vom Nachbarn täglich abgelegte Zeitung nicht mehr zu mir hereinzuholen vermag. Ich übersehe in all meiner solitären Leidenschaft, dass meine Beweglichkeit seit Jahren deutlich abnimmt. Ich vergesse, dass der Zeitpunkt näher und näher rückt, an dem ich mich nur noch mit allergrößtem Kraftaufwand erheben werde. Meinen minutiös geregelten Tagesablauf halte ich wohl immer weniger ein, aber ich beachte sie kaum, die feinen Risse in der täglichen Perlenschnur-Reihe vom Aufstehen, sich Zurechtmachen, Frühstücken, zum Dienst und wieder nach Hause gehen, Einkaufen, Umziehen, Abendessen, Nachrichten hören, sich Zurechtmachen bis zum Hinlegen. Es bleibt unverständlicherweise unbedeutsam, wie mir mit dem Abschied vom Dienst der Sinn für Wege langsam abhanden kommt. Ich denke kaum darüber nach, wie ich mich als von allen Zwängen befreiter Pensionär zugleich und radikal von sämtlichen pharmazeutischen Heilbehelfen befreie. Meine aus all dem folgende beachtliche Gewichtszunahme dokumentiere ich bald täglich, schenke ihr aber keine weitere Aufmerksamkeit. Ich bin nicht mehr praktisch, denke nicht mehr für die Situation. Ich denke nach einem vor längerer Zeit aufgestellten Plan, den ich zu meinem allergrößten Unglück nicht mehr aktualisiere.

Hätte ich beizeiten das nachbarliche Ablegen der Zeitung abgestellt, niemand hätte das langsam in mein Herz steigende Wasser bemerkt. Es wäre keine Ärztin ins Haus gekommen. Niemand hätte mich in meinen Räumen in Augenschein genommen, meine für mich selbst wohl bedachte „Lebensorganisation“ mit dem gewöhnlichen Schöner-Wohnen-Blick taxiert. Niemals wären die Worte „drohende Verwahrlosung“ gefallen. Es hätte keine zu hoch dosierten Entwässerungstabletten gegeben, keinen nächtlichen Panikanfall. Niemand hätte den Notarzt gerufen. Es hätte keine Fahrt ins Krankenhaus, keine Notoperation – und kein Urteil gegeben: Pflegestufe I.

Heimbewohner. Notate

Nach Wochen im Spital wird ein Bett im Pflegeheim frei.
Das Gebäude liegt direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Für den Weg dorthin wird eine teure Fahrt mit dem Krankenwagen organisiert. Das Krankenzimmer muss schon am Morgen geräumt sein, meine Sachen gepackt, – trotzdem lässt man mich über drei Stunden auf einem Rollbett im Krankenhausflur stehen und natürlich den ganzen Krankenhaustag bezahlen. Gegen frühen Mittag endlich im Zweibettzimmer des Pflegeheims angekommen, sollen zunächst alle möglichen Formalitäten erledigt werden. Eine dicke Mappe für neue Heimbewohner liegt auf meinem Nachttisch. Die Heimleiterin begrüßt mich mit dem dringenden Rat, diese Mappe am Nachmittag in aller Ruhe durchzuschauen, mich mit der Hausordnung vertraut zu machen, Menüpläne zu sichten, mir wichtige Ansprechpartner zu merken – und mich mit dem „Vorsorge-Ordner“ zu befassen. Vor allem das „Patiententestament“ sei schnellstmöglich zu unterzeichnen, aber auch mit den beiden Vollmachten zur Betreuung und zur Vorsorge müsse ich mich gründlich befassen. Das Wort „Testament“ macht mich (obwohl ich müde und hungrig bin, denn es ist schon später Mittag) so nervös wie das mehrseitige „Ich bestimme für den Fall, dass ich meinen Willen nicht mehr bilden oder verständlich äußern kann, Folgendes“-Dokument mit Ja-oder-Nein Ankreuzkästchen. Ich erinnere mich meiner Profession und teile der Leiterin also mit, dass meine normale Bearbeitungszeit für acht- und mehrseitige Dokumente eher lang ist, naturgemäß als ehemals verwaltender Beamter. Sie kündigt an, morgen am Nachmittag noch einmal vorbeizuschauen. Nach all dem ist es für ein warmes Essen zu spät – abgerechnet wird es trotzdem. Mein Zimmernachbar ist ein Härtefall aus den Reihen der Pflegestufe III. Er liegt schon lange in diesem Raum, und offenbar müssen alle Neuankömmlinge in der geruchs- und lautstarken Atmosphäre seines Liegens die ersten Tage oder sogar Wochen verbringen. Mir ist gleich in den ersten Stunden dort einer meiner liebsten Witze gründlich vergangen: „Frage: Was erkennst du, wenn ein Hubschrauber Richtung Krankenhaus fliegt? Antwort: Da wird wieder eine Wohnung frei! “

Jetzt also bin ich ein Wartender. Ich warte auf das Dröhnen des Hubschraubers. Ich warte auf den Todesfall im Einzelzimmer des Pflegeheims. Ich warte auf das durch den Tod eines anderen Menschen frei werdende Einzelzimmer. Ich erwarte voller Ungeduld diesen Raum für mich selbst, mit einer Tür, die ich sofort schließen werde, um mich abzuschließen vor den Geräuschen und den Gerüchen des anderen. Ich verlange diesen Raum, damit ich mich umgeben kann mit den Sachen, an die ich gewöhnt bin und sie nicht mehr sehen muss, die Sachen, die ich weder gewöhnt noch gewillt bin zu sehen. Ich klage diesen Einzelraum sogar mit Nachdruck ein, denn es findet sich niemand, der mich in meiner mir eigenen häuslichen Umgebung pflegen, meine mir eigene „Lebensorganisation“ retten möchte. Ich habe die Ärztin mit dem Schöner-Wohnen-Blick in Verdacht. Ihr Urteil „Gefahr der Verwahrlosung“ wird wohl in meiner Krankenakte für alle gut sichtbar abgeheftet sein.

Also warte ich – und wohne bis dahin ganz in der Atmosphäre meines Bettnachbarn. Mein Tag ist der Tag meines Bettnachbarn. Aufwachen dreimal in der Nacht, wenn ihn Träume oder die Notdurft drängen, aufwachen zweimal frühmorgens, wenn das Pflegepersonal ihn zum Waschen abholt und wieder bringt. Aufwachen am Morgen zum verordneten Gemeinschaftsfrühstück. Nach dem Frühstücken, Abräumen und Bettmachen ist seine Stunde Tiefschlaf auch meine Stunde Tiefschlaf. Die ihn täglich am Vormittag besuchende Ehefrau besucht auch mich jeden Tag. Ihre Geschichten für ihn werden zu meinen Geschichten. Das gemeinsame Mittagessen nehme auch ich mit ein. Sein Mittagsschlaf wird zu meinem Mittagsschlaf, seine nachmittägliche Musiksendung habe ich wie er im Ohr. Ich schaue mit ihm auf seine Bilder an der Wand, auf seine Nippesfiguren, und habe, wie er vermutlich längst nicht mehr, den Geruch seiner Möbel in der Nase. Zusammen schlürfen wir unser Getränk, stochern in unserem Abendessen, nehmen unsere Medikamente ein – und starren nächtliche Stunden lang gemeinsam ins Dunkle. Einzig die Notdurft verrichte ich (noch) an einem anderen Ort als er.

Eben bin ich wie immer und überall voller Ungeduld und großem Ärger. Aber, anders als früher in meinem Arbeits- und Wohnungsleben, trifft jetzt im Heimleben jede meiner ungeduldigen und verärgerten Reaktionen wie ein Bumerang – mich selbst. Natürlich bin ich bis zum nächsten Nachmittag nicht dazu gekommen, auch nur ein einziges Dokument aus dem Patientenvorsorge-Ordner zu lesen; in den darauf folgenden Nachmittagen ebenso wenig. Ich habe anderes zu tun und finde mich nicht zurecht. Die Medikamente zum Beispiel. Seit dem Spitalaufenthalt bekomme und nehme ich wieder Medikamente, weiß allerdings nicht welche, da die Menge an Dragees, Kapseln, Pillen einzeln dosiert zu den Mahlzeiten verabreicht wird. Schachteln, Beipackzettel fehlen natürlich. Das Pflegeheim hat offensichtlich den für mich aufgestellten pharmazeutischen Speiseplan des Spitals übernommen. Noch schlucke ich das alles, aber sicher nicht mehr lange!

Nach vier Wochen des Fremdelns, der Ungeduld, des Ärgers und der so zahlreichen wie erfolglosen erzieherischen Maßnahmen des Pflegepersonals gibt es im Wohnbereich 5 einen Todesfall. Nach zwei weiteren langen Tagen ist das Zimmer der verstorbenen Heiminsassin geräumt, geputzt – und endlich für meinen Einzug bereit.

Inzwischen haben sich meine diversen Wunden entzündet. Offenbar habe ich bei der Aufnahme ins Spital unbemerkt in das Legen eines künstlichen Harnleiters eingewilligt. Jedenfalls trage ich einen solchen samt Urin-Auffangbehälter. Sein Ausgang ist eine permanente Wunde, wie auch mein rechter Unterschenkel. Neben diversen Diuretika und Vitalstoffen zum Entwässern und Aufbau meines Körpers liegen auf meinem Bett-Tisch ein paar Tuben und eine Sprühflasche. Auf meine Bitte, mir doch die dazugehörigen Schachteln und Beipackzettel zu bringen, reagiert die Pflegerin – gar nicht. Ich insistiere, muss mir anhören, dass auf der Station nicht mit Einzelverpackungen gearbeitet wird, es also gar keine gibt, und auch mein Hinweis, dass ich schließlich das alles, was da auf meinem Bett-Tisch liegt, zunächst selbst bezahlen und deshalb naturgemäß auf Richtigkeit hin kontrollieren muss, wird mit einem Achselzucken quittiert. Ich werde laut, verlange, die Heimleiterin zu sprechen, und verweigere mich für ein paar Tage jeglicher pflegerischen Maßnahme.

Das Pflegeheim hat einen Hausarzt, der ist nun auch meiner. Der Heimplan kündigt seine wöchentliche Visite an, jeden Montag für 15 Minuten. Das wird genau so abgerechnet und ist korrekt – bis auf den Turnus und das Zeitmaß. Vielleicht stimmen ja Turnus und Zeitmaß auch, vielleicht schlafe ich auch nur, jeden Montag in den 15 Minuten, die er bei mir ist. Ich sehe ihn kaum, dafür sehe ich umso besser alte und neue Arzneimittel und große Mengen an Verbandmaterial auf meinem Bett-Tisch. Die Rechnungen für all das sind meist zweiseitig. Gent-Ophtal gegen das entzündete Auge, Macrogol gegen chronische Verstopfung, Octenisept und Zinkleimverbände gegen die offenen Beine, Freka-Cid-Spray zur Wundheilung. Kompressionsstrümpfe, Klemmen, Kurzzugbinden, Wundkompressen, Fixierbinden, Furosemid, Magnesium, Kalium, Vitamin B und anderes mehr.

Der Handel ist: Ich beschäftige mich mit dem Vorsorge-Ordner, dafür erhalte ich künftig sämtliche Heilbehelfe in den dazugehörigen Schachteln. Neben dem Lesen der sich allmählich stapelnden Arzt-, Apotheken- und Pflegeheimrechnungen gehören nun auch die vielen Beipackzettel zu meiner Tageslektüre. Mein Zimmer füllt sich allmählich. Verschiedenste Werkzeuge, einige Uhren, das Baro- und Hygrometer, die Buddha-Figur, sämtliche Leitz-Ordner aus dem Wohnzimmerschrank mit persönlichen Papieren, Bankdokumenten, Versicherungsunterlagen, Pensions- und Versorgungskassenabrechnungen, dann Nähutensilien, Schuhlöffel, Wäsche, Bleistifte in verschiedenen Härtegraden, Schreibblöcke, Briefumschläge, Büroklammern, Staniolpapier, Locher sowie einige Bücher, Schreibtischlampen, Tischventilatoren, diverse Scheren, eine Kerze. Alle zwei Wochen schafft mein Nachbar und ehemaliger Kollege aus meiner häuslichen „Lebensorganisation“ die Dinge herbei, die ich ihm auf den Bringzettel schreibe. Kekse, Knäckebrot, Mandarinen, Äpfel und Bananen, Kleie, Kürbiskerne und getrocknete Pflaumen kaufe ich mir selber, schiebe mich mit dem Rollator in den kleinen und teuren Lebensmittelladen. Ich schichte und staple all den Hausrat in eine für mich passende Ordnung hinein. Die verderblichen Lebensmittel liegen auf der Fensterbank, die haltbaren im Schrank. Die Tischhälfte belege ich mit Büromaterial, einen Hocker mit den Leitz-Ordnern, den Stuhl mit Büchern und Zeitungen, den Bett-Tisch samt Schublade mit Persönlichem. Die Einkaufszettel und meine zusammengetragenen Ausgaben mit dem HB-Bleistift auf dem Staniolpapier kommen erst in die Büroklammer, dann in eine der Medikamentenschachteln. Eine der größeren Schachteln nehme ich für die Beipackzettel, versehe sie mit dem Eingangsdatum zur besseren Kontrolle der monatlichen Apotheker-Rechnung. Überhaupt sind die Schachteln zum Aufbewahren und das Staniolpapier zum Dokumentieren meine Rettung für die Ordnung sämtlicher kleiner Utensilien. Ist eine Schachtel voll, so kann ich sie unter dem Bett abstellen und mit dem langen Schuhlöffel gegebenenfalls hervor schieben.

Kapitel 3

Drittes Sterben

Ich zahle jetzt täglich 44,87 Euro dafür, dass mein Körper mehr als 45 Minuten erheblich gepflegt und in meinem Raum für mindestens 45 Minuten gehauswirtschaftet wird. Unterkunft und Verpflegung kosten mich 18,83 Euro und mit 10,87 Euro beteilige ich mich an den Investitionskosten des Pflegeheims, das sind genau 74,57 Euro am Tag bei einem nicht beihilfefähigen Eigenanteil von rund 30 Euro. Das klingt bei gut doppelt so hohen Pensionsbezügen nicht ganz schlecht, wären da nicht die steigenden Kosten für die nicht beihilfefähigen Arzneimittel, die laufenden Kosten für Versicherungen – und die Miete meiner Wohnung, die ich nicht kündigen kann, weil ich sie nicht selber zu räumen vermag. Ich muss sie aber selber räumen, weil fast meine ganze „Lebensorganisation“ noch darin ist. Die wiederum kann ich nicht selber auflösen, da ich die drei Etagen nicht hinauf und noch weniger wieder herunter komme, mich weder bücken kann noch überhaupt die Kraft zum Packen, Sortieren, Wegschmeißen meiner mir lieben und gewohnten Sachen aufbringe. Irgendjemand wird es tun, aber bitte sehr – nach mir!

Inzwischen bekomme ich Symbicort gegen die Asthmaanfälle und Miconacol gegen eine Pilzinfektion an den Händen. Sie sagen, der Husten und der Ausschlag kämen vom Staub und Schmutz im Zimmer:

„Er sammelt alles, vom Lebensmittel bis hin zu Dingen, die eine Bedeutung für ihn haben. Und dies in einem Ausmaß, dass das Zimmer im wahrsten Sinne des Wortes zugerümpelt, verstaubt, verschmutzt ist. Unserem Reinigungspersonal kann ich nicht mehr abverlangen, in dieses Zimmer zu gehen, um einer gänzlichen Verwahrlosung etwas entgegenzuwirken. Keiner darf die Dinge anfassen und von A nach B stellen, da das die Ordnung durcheinanderbringen würde. Er sammelt Lebensmittel in Margarinedosen, fein säuberlich katalogisiert, Brot und andere Reste liegen unter Stapeln von Altpapier, abgepellte Hautzellen werden kunstvoll gestapelt, Handtücher und Waschlappen benutzt er als Sitzpolster und gibt diese zum Waschen nicht her. Wir müssen dringend dieses Zimmer reinigen, die Lebensmittel entfernen, da wir sonst das Risiko einer Ungezieferentwicklung haben, wenn nicht schon welche da sind. […] Wenn wir das Zimmer in einer Hauruck-Aktion (was für uns nur leistbar ist) ausräumen und reinigen, zerstören wir seine »Lebensorganisation«. Ist er dabei, bekommt er sofort extreme Herzattacken, die einen Notarzt erfordern.“ (Zweiter Teil des Berichts der Heimleiterin vom 25.2.2008)

Die Pflegerin steht auf einmal mitten im Raum. Ich habe sie gar nicht bemerkt. Sie hat einen Müllsack in der einen Hand, mit der anderen nimmt sie wahllos meine Schachteln vom Boden, vom Tisch, von der Fensterbank und wirft sie dort hinein. Ich will es ihr verbieten, bekomme aber keinen Ton heraus, versuche von der Bettkante hochzukommen, was merkwürdigerweise auch gelingt, gehe auf sie zu, sie packt mich an den Schultern, ich packe sie an den Schultern – dann … dreht sich der Schmerz wie eine Endlosschraube-in- der-Schlauchklemme durch mich hindurch.

Die nächsten Stunden und Tage verbringe ich im Nebel meines dumpfen körperlichen – und empörten geistigen Schmerzes: Sie sind in meine Privatsphäre eingedrungen! Sie haben sich ungefragt und vehement an der Ordnung meiner Dinge vergriffen! Alles ist, ich bin, in einem Durcheinander. Das sieht genau so auch der herbeigerufene psychiatrische Gutachter. Allerdings setzt er sich nicht für Maßnahmen zum Schutz meiner Privatsphäre, für meine Ordnung der Dinge, ein, sondern unterstützt ein Eilverfahren zum Schutz der Ordnung des Pflegeheims:

„Aktueller Anlass für unseren Antrag auf Betreuung war, dass er eine Mitarbeiterin des Wohnbereichs 5 tätlich angegriffen hat. Er hat sie gewürgt und verbal bedroht. Ursache für seine Erzürnung war, dass die Mitarbeiterin einen »Waschzettel« aus einer Medikamentenschachtel weggeworfen hat. Es handelte sich um ein Medikament, was er schon lange benutzt, ihm bekannt ist und er mit Sicherheit schon diverse Waschzettel in seiner Sammlung hat. Jedwede Antwort der Mitarbeiterin hat nichts genützt, um seinen Zorn zu besänftigen. Er ist nach wie vor der Meinung, dass seine Reaktion angemessen war. Das können wir natürlich nicht tolerieren, auch wenn man seine besonderen Eigenheiten mit bedenkt. Ich habe ihm mitgeteilt, dass wir bei einem erneuten Übergriff sofort die Polizei hinzuziehen und den Heimvertrag mit sofortiger Wirkung kündigen werden.“ (1. Teil des Berichts der Heimleiterin vom 25.2.2008)

Immer, noch immer, weiß ich genau, was ich nicht will. Meine Angelegenheiten, die will ich nicht, noch immer nicht, von anderen für mich regeln lassen. Aber ich mache für einmal eine Ausnahme – und füge mich. Ich bin jetzt ein amtsrichterlich beschlossener rechtlich Betreuter, habe die volle Macht über meine Gesundheit und meinen Aufenthaltsort an die einzige mir nahe stehende Person übertragen. Das ist gar nicht mal so schlecht. Sie hat einen Sinn für Eigensinn – und ganz offenbar überredet sie auch das Pflegepersonal zu einem solchen. Meine nächste Zeit jedenfalls verlebe ich einigermaßen ruhig in der mir eigenen „Lebensorganisation“: Niemand klagt mehr über liegen gebliebene Lebensmittel, Handtücher und Hautschuppen in meinem Zimmer – vielleicht, weil die Pflegeleute und die Podologin alles selbst Hineingetragene oder dort Angefallene auch wieder selbst hinaus tragen?! Meine Bücher, Zeitungen, Leitz-Ordner und Schachteln stehen jetzt in einem neuen Regal. Alle „Waschzettel“ sind sorgfältig geklammert griffbereit. Mit ihnen kontrolliere ich nach wie vor die monatlichen Apothekerrechnungen. Mit ihnen kann ich sogar gegebenenfalls beweisen: Die Asthmaanfälle, meine allzu trockene, zu Pilzinfektionen neigende Haut und anderes mehr, das sind mitnichten Nebenwirkungen meiner „Lebensorganisation“ im Pflegeheimzimmer des Wohnbereichs 5. Vielmehr sind es die Nebenwirkungen meines täglichen Medikamentencocktails, eingenommen und ausgelebt im Pflegeheimzimmer des Wohnbereichs 5.

Zu meinem allergrößten Unglück vermag ich das „Katalogisieren“ meiner „Lebensorganisation“ immer weniger.

Prolog

21. Februar 2013

Er ist gestorben am frühen Morgen des 23.2.2010. Allein in dem schmalen Raum neben der Intensivstation; im Liegen. Natürlich!

Ich habe ihm über viele Jahre hinweg zugehört, mich eingemischt, ihn gewähren lassen, fürgesprochen, dagegengehalten und ihn schließlich seine letzten zwei Jahre rechtlich betreut. Ich habe mir gemerkt, was er mir erzählt hat, habe gesammelt, was er mir vorgelegt hat – und ich habe es auf seinen Wunsch hin zusammengeschrieben, sein von ihm erzähltes und gesammeltes Leben als Pflegepatient, als Heiminsasse. Die nun herausgebrachten „Notizen eines Pflegepatienten“ sind das literarisierte Resultat meiner aufgezeichneten Zeit mit ihm. Sie tragen sein und mein sprachliches Gewand. Im besten Fall lassen sie meine und seine Tonart erkennen, die scharfzüngig, spöttisch, zuweilen zynisch, sowohl kritisch wie selbstkritisch, ironisch wie selbstironisch – und von einem fast antiken Humor getragen war. So verstanden, sind die „Notizen eines Pflegepatienten“ keine wahrhaftige „Selbsterlebensbeschreibung“ (Jean Paul). Aber meinem Zuhören, Merken, Sammeln und Aufschreiben ist doch das Schwören, die Wahrheit zu sagen, der so genannte „autobiographische Pakt“ (Philippe Lejeune) fest eingeschrieben, was auch für den vorangehenden „Epilog“, also seine letzten Stunden, gilt, in denen ich rund tausend Kilometer oder zwanzig Bahnstunden von ihm entfernt war. Überhaupt sind weitere Stimmen aus seiner Mit- und Umwelt in den „Notizen“ zu hören: Da ist die Stimme des häuslichen Nachbarn, mit dem er über über Jahrzehnte eng verbunden war, und die Stimme der Dame aus seiner Zimmernachbarschaft im Pflegeheim, mit der er allzu gerne Witze ausgetauscht hat. Dazu kommen die Für- und Widerreden des ihn medizinisch versorgenden und pflegenden Personals sowie schließlich die Fernstimmen der leitenden Ärztin und einer Krankenschwester, die seine Schlusstakte mit bestimmt und begleitet haben.

Nun ist es möglich, dass wir im Lesen seiner Erfahrungen als Mensch in der Rolle des Pflegepatienten etwas für uns auflesen können. Er jedenfalls hat es sich und mir so vorgestellt: Durch das Kennenlernen seines Weges, seiner „Lebensorganisation“, könnte etwas in uns angesprochen werden, wodurch unsere eigenen Wege uns verständlicher, auch fragwürdiger und gegebenenfalls leichter veränderbar werden. In diesem – und seinem – Sinne: Vorhang auf !

 

Diese Erzählung wurde bereits veröffentlicht als Sonderdruck aus Gernot Böhme (Hg.), Pflegenotstand: der humane Rest, Aisthesis Verlag Bielefeld 2014.

Autorin: Petra Rogge
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 27.02.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ufffffffffffffff

  • Elfriede Harth sagt:

    … diese Geschichte hat mich tief beruehrt. Die Art, wie sie erzaehlt wird und natuerlich, was sie mitteilt…. Leistungsgesellschaft! Wie leicht lassen wir uns und unsere Achtsamkeit von ihren Anspruechen und Sachzwaengen zermalmen!

  • Bari sagt:

    ja ich fürchte kein Einzelschicksal, wobei das Sterben in den meisten Fällen auch in dem „vertrauten Zimmer“ geschehen kann, das sind manchmal die besseren Heime . Aber die Fürsorge im Pflegeheim liegt so menschlich das ist vor allem daran, dass die Bewohner von den Pflegekräften gemocht werden und da sind „Widerworte“, Eigensinn immer schwer. Da wird das System Pflegeheim unmenschlich, weil dem Menschen nicht der ihm passende Raum gegeben wird. ich komme beruflich immer wieder in unterschiedliche Heime. Nach meiner Meinung sind Heimträger und alle Prüfergebnisse unwichtig, ohne Aussagekraft. Das wichtigste sind die Menschen die dort leben und arbeiten. Wenn die miteinander auskommen, kann es erträglich sein.

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