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Care-Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft

Von Ina Praetorius

P1060029_QEs war Gabriele Winker, die im März 2014 in Zusammenarbeit mit der Berliner Rosa-Luxemburg-Stiftung die erste „Aktionskonferenz Care-Revolution“ auf die Beine stellte (bzw-weiterdenken berichtete). Jetzt hat die Hamburger Arbeitswissenschaftlerin ein Buch zum Thema geschrieben, in dem sie ausführlich begründet, warum es eine Care-Revolution braucht. Sie beschränkt sich dabei auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland, die sie auf der Grundlage aktuellen Zahlenmaterials in ihren historischen, ökonomischen, sozialpolitischen und individuellen Aspekten und Widersprüchen detailliert beschreibt. Dass dadurch internationale Zusammenhänge zu kurz kommen, ist ihr bewusst: „Ein umfassende globale Analyse würde nicht nur den Rahmen des Buches sprengen, sondern ist mir derzeit auch nicht möglich.“(12) Dennoch legt die Autorin immer wieder Spuren in eine Analyse der globalen Care-Krise und regt so die dringend notwendige grenzüberschreitende Debatte an.

Krise der sozialen Reproduktion

Die innovative Leistung des Buches besteht insbesondere darin, dass Gabriele Winker unterschiedlich gelagerte Krisenphänomene im Care-Bereich – von der Burnoutgefährung doppelt belasteter berufstätiger Eltern bis zur unterbezahlten stationären Altenpflege, von der privaten 24-Stunden-Betreuung durch Care-Migrantinnen bis zur überfüllten Kindertagesstätte, von der „verschlankten“ Akutpflege bis zur Einsamkeit langzeitbetreuender Angehöriger – systematisch zu einer „Krise der sozialen Reproduktion“ (91-118) zusammendenkt:

Als Ausgangs- und Angelpunkt wählt sie einen in seiner Schlichtheit provozierenden Satz: „Jeder Mensch hat das Recht auf ein erfülltes Leben, ein gutes Leben. Eine Gesellschaft muss sich daran messen lassen, ob sie in der Lage ist, die Bedingungen hierfür zu gewährleisten. Ist dies für die große Mehrheit der Bevölkerung nicht der Fall, obwohl die Möglichkeit bestünde, steht dieses System in Frage.“(12) Indem die Autorin nachweist, dass sich auch in einem „reichen“ Land wie Deutschland, dessen offizielle Politik sich seit langem dem neoliberalen Credo verschrieben hat, die tatsächlichen Lebensbedingungen der meisten massiv verschlechtern, ruft sie plausibel zum Zusammenschluss all derer auf, die unter den Auswirkungen dieser Politik auf unterschiedliche Weise leiden. Dass optimale Kapitalverwertung und größtmögliche Effizienz eben nicht, wie von der neoliberalen Propaganda immer wieder behauptet, letztlich zur Befriedigung der Bedürfnisse aller führen, wird nach der Lektüre der ersten vier Kapitel dieses Buches nämlich niemand mehr ernsthaft bestreiten wollen. Weil reale Menschen eben nicht immer noch mehr Geld, Waren und Selbstoptimierung, sondern „eine Kultur des Miteinanders und der Solidarität“(176 und passim) brauchen, ist die systematische Vernetzung aller Betroffenen und kluges gemeinsames Handeln zugunsten eines „guten Lebens für alle, weltweit!“ (119ff) das Gebot der Stunde.

Bestehende Care-Initiativen zur Revolution vernetzen

Im zweiten Teil ihres Buches (Kapitel 5 bis 7) kommt Gabriele Winker sehr konkret auf die von ihr maßgeblich ins Leben gerufene Bewegung „Care-Revolution“ zu sprechen. Sie geht dabei von neun ganz unterschiedlich gelagerten existierenden Initiativen aus, die an der Berliner Aktionskonferenz beteiligt waren, und vermeidet so von Anfang an eine Engführung auf bestimmte ideologische oder parteipolitische Positionen. Bei aller ausdrücklichen Sympathie für einen radikal kapitalismuskritischen Ansatz gibt Gabriele Winker reformorientierten Initiativen von Direktbetroffenen, etwa einer Selbsthilfegruppe von Eltern behinderter Kinder, ebenso Raum wie radikal gesellschaftskritischen Projekten, zum Beispiel dem Verein „Women in Exile“, der die Unterbringung aller Asylbewerberinnen und Asylbewerber in Wohnungen statt in Lagern fordert. Indem sie die Stärke der Bewegung Care-Revolution nicht in einem einheitlichen Standpunkt und einer festgefügten Strategie, sondern in der Zusammenführung konkreter Initiativen sieht, die miteinander in Austausch treten, dabei Gemeinsamkeiten entdecken und einander gerade durch ihre unterschiedlichen Ansatzpunkte bestärken, füllt sie den traditionellen Begriff der „Revolution“ mit neuem Leben: Um sich der Care-Revolution anzuschließen, braucht es weder ein bestimmtes Parteibuch noch die Zugehörigkeit zu einem hermetischen Theoriezirkel, sondern die Einsicht, dass alle Menschen verletzlich und bedürftig sind, und die Lust, anderen zuzuhören und sich mit ihnen für ein wirklich gutes Zusammenleben weltweit zu engagieren.

Gabriele Winker, Care-Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft, Bielefeld (transcript) 2015, 205 Seiten

Link zur Rezension von Juliane Brumberg mit weiteren Links zum Thema

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 07.05.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,dieses Thema interessiert mich schon lange.Heute wird es kontrovers diskutiert,mit jenen,die schon längstens in diesen Care-Aufgaben privat,gesellschaftlich und beruflich gestanden sind.(Ergänzend dazu gehören auch die Themen der Aufnahmen von Kindern/Familien aus Kriegsgebieten,oder Betreuungsaufgaben,durch das Schulamt vermittelt.)Und jenen,denen diese Aufgaben noch bevorstehen,muss gesagt werden:Es geht nicht an,dass diese Aufgaben oft und immer wieder von den gleichen (Frauen) geleistet werden.Frei zu werden von diesen Pflichten ist einerlei,aber aus dieser Befreiung auch neue Gestaltungsmöglichkeiten zu finden,ist das Andere.Ideen sind genug da.Es gibt ein Lied mit schöner Melodie:“Wo Menschen sich vergessen,die Wege verlassen,und neu beginnen,ganz neu..“usw.Ich wäre bereit,das Angefangene weiter zu führen,in der Musik und im Gestalten von Objekten.Und wer macht das Andere,die Care-Arbeit?Zivilschutz,Banker und jene mit „freiwilligen Jahren?“

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