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Aufstand aus der Küche – und auch aus dem Schlafzimmer

Von Elfriede Harth

In feministischen Kreisen in Spanien und Lateinamerika steht seit einiger Zeit die italo-amerikanische Feministin Silvia Federici hoch im Kurs. Besonders bekannt ist ihr Buch: „Caliban und die Hexe – Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation”, das 2004 in den USA erschien und 2012 in deutscher Übersetzung vorlag. 2012 erschienen ebenfalls auf Deutsch mehrere Aufsätze von ihr, die als Band 1 der Reihe „Kitchen Politics – Queerfeministische Interventionen” bei edition assemblage herausgegeben wurden. Titel: „Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution”.

Silvia Federici bei einem Interview in Barcelona, 2012. Foto: Kippelboy - CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons-

Silvia Federici bei einem Interview in Barcelona, 2012. Foto: Kippelboy – CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons-

Beide Bücher haben große Relevanz für die Diskussion, die wir auf diesem Blog zum Verständnis von Arbeit, Care-Arbeit und sozialer Reproduktion führen. Und es sind Schriften, die aufrufen zum Widerstand gegen ein lebensfeindliches System, also zu einer Revolution. Ich kann sie nur empfehlen.

Silvia Federici (Jahrgang 1942) ist eine marxistisch geprägte autonome Feministin, die sich seit den 1970er Jahren mit der kapitalistischen Arbeitsteilung in der Gesellschaft auseinandersetzt. Wie kommt es zu einer Aufspaltung der Arbeit in Produktionsarbeit und Reproduktionsarbeit und warum wird die eine als männlich und wertvoll, die andere als weiblich und wertlos angesehen? Wie kann das geändert werden?

In ihrem Aufsatz „Lohn gegen Hausarbeit” (Wages against housework) , den sie vor 40 Jahren veröffentlichte, um den Aufstand gegen die Einsperrung der Frauen in das Haus und die Unsichtbarmachung der Hausarbeit zu organisieren, schreibt sie: „So wie Gott Eva erschuf, um Adam zu erfreuen, erschuf das Kapital die Hausfrau, um den männlichen Arbeiter physisch, emotional und sexuell zu bedienen, um seine Kinder großzuziehen, seine Socken zu stopfen und sein Ego zu reparieren, wenn es durch die Arbeit kaputt geht und durch die (einsamen) Sozialbeziehungen, die das Kapital ihm vorbehalten hat.”

Für Silvia Federici ist Lohnabhängigkeit eine Niederlage. Ist doch der Lohn, den der Kapitaleigner dem Arbeiter bezahlt, nur ein Instrument, um seine Ausbeutung zu verschleiern. „Der Lohn vermittelt den Eindruck eines gerechten Deals: du arbeitest und wirst bezahlt, so erhalten sowohl dein Arbeitgeber als auch du, was jedem geschuldet wird.” Nur bleibt dabei unklar, wieviel Arbeit sich das Kapital in Wirklichkeit einverleibt und wieviel Arbeit tatsächlich entlohnt wird.

Erst der Lohn schafft eine Trennung zwischen Produktion und Reproduktion

Lohn ist nämlich ein Spaltpilz in der Gesellschaft. Lohn spaltet die Menschen auf in Arbeitende, die einen Lohn für ihre Tätigkeit erhalten, und solche, die lohnlos arbeiten. Durch die Entlohnung bestimmter Arbeiten wird die nicht entlohnte Arbeit entwertet. Ja diese menschliche Tätigkeit verliert sogar ihren Status als Arbeit, sie wird wertlos und unsichtbar. Sie wird zu Nicht-Arbeit. Weil sie nicht gegen Geld geleistet wird, also als Ware auf dem Arbeitsmarkt verkauft und gekauft werden kann, wird sie als ökonomisch irrelevant betrachtet. Der Begriff der Arbeit wird somit eingeschränkt und ein gesellschaftlich ganz bedeutender Teil davon amputiert.

Erst der Lohn schafft eine Trennung zwischen Produktion und Reproduktion. Und Lohn bewirkt, dass die Lohnabhängigen (für das Kapital) die Ausbeutung der Lohnlosen durchführen. Der lohnabhängige „Familien-Ernährer” läßt seine einkommenslose Ehefrau alle anfallende Reproduktionsarbeit (im Schlafzimmer wie in der Küche und in der Waschküche…) gratis erledigen und somit die wichtigste Ressource produzieren, auf die das Kapital angewiesen ist: die menschliche Arbeitskraft. Und das wird dann als Reproduktion bezeichnet.

Die hier geleistete Arbeit kommt dem Kapital zugute. Natürlich nicht nur, denn es geht um Menschen, und diese sind mehr als nur Arbeitskraft. Aber diese Arbeit kommt dem Kapital zugute und das zu einem hohen Preis für die, die so ausgebeutet werden. Es wird auf diese Arbeit und ihrem Produkt so zugegriffen, wie etwa auf die Umwelt und auf natürliche Ressourcen zugegriffen wird: Kosten (für Verwendung oder Verschmutzung) werden weitestgehend externalisiert und auf die andere / die Allgemeinheit abgewälzt, aber der Profit privat eingeheimst.

Aber wie kam es denn dazu?

„Caliban und die Hexe” gibt darauf eine Antwort. Das Buch erzählt den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus in Westeuropa. Dieser Übergang wird gedeutet als eine Konterrevolution, nämlich als die Niederschlagung der im ausgehenden Feudalismus entstehenden „ersten proletarischen Internationale” durch die herrschenden Eliten (Adel und Klerus und entstehendes Bürgertum).

Der gravierende Bevölkerungsrückgang, den die schwarze Pest (1346-1353) in Europa verursacht hatte – ein Drittel der Bevölkerung starb, und besonders junge Menschen und Kinder wurden hinweggerafft – erhöhte den Wert einer knapp gewordenen Arbeitskraft und damit ihre Verhandlungsmacht als Klasse. Allerdings stieß dieser Umstand auch eine technische Entwicklung an. Die knappe Ressource Arbeitskraft sollte ersetzt werden. Es begann die Renaissance und die wissenschaftliche Revolution. Die Bauern erkämpften sich die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Fron wurde durch Steuern und Pacht ersetzt. Eine Monetarisierung der Wirtschaft setzte ein.

Konterrevolution: Die Einhegung der Allmende

Die herrschenden Eliten reagierten auf diese emanzipatorische Entwicklung mit einer Konterrevolution. Ein ganz wesentliches Element dieser Konterrevolution war die Einhegung: Land, Wälder, Gewässer, die bislang Allmende waren, das heißt, es war Gemeingut und alle Menschen hatten freien Zugang dazu, wurden privatisiert (privat kommt von privare = jemandem etwas vorenthalten). Was bislang im Besitz aller war, wurde nun durch Zäune eingegrenzt.

Die gewonnene Freiheit der ehemaligen Leibeigenen erwies sich als ein Pyrrhussieg, besonders für die Frauen. Denn es erhielt zwar jeder Bauer ein Stück Land, für das er Pacht bezahlte, aber die Stücke Land waren von unterschiedlicher Qualität. Außerdem wurden die Pachtverträge nur mit den Männern geschlosssen. Somit wurden Frauen doppelt enteignet, einmal von der Allmende und dann von dem verpachteten Land. So gerieten sie als Arbeitskraft unter die Herrschaft der Männer. Sie wurden immer stärker ihrer Eigenständigkeit beraubt.

Es bot sich den Frauen nun entweder die Möglichkeit zu heiraten (wobei sich die Ehe zu einer Art Geschlechter-Leibeigenschaft entwickelte, bei der die Frau Frondienste für ihren Herrn Gemahl zu leisten hatte), oder sie verdingten sich als Magd, begaben sich also auch in Lohnabhängigkeit. Oder aber sie entschieden sich für die Emigration – in die Stadt. Doch auch in der Stadt wurde ihnen bald der Zugang zu den meisten handwerklichen Berufen verwehrt. Zuvor hatten Frauen ungeachtet ihres Geschlechts etwa 200 unterschiedliche Berufe ausüben können. Doch jetzt blieb als Möglichkeit der Existenzsicherung nur die Ehe oder eine schlecht bezahlte Lohnabhängigkeit. Zu dieser Zeit wuchs die Prostitution sprunghaft an, teilweise auch, weil sich viele Männer keine Ehefrau „leisten” konnten. Die Prostituierten nahmen gegen Geld Aufgaben wahr, nicht nur im Bett, die ansonsten die Ehefrau wahrnahm.

Verweigerung der Lohnabhängigkeit

Durch die Monetarisierung der Wirtschaft entstand Verschuldung, und bald verlor ein Teil der Bauern ihr Land. Viele weigerten sich jedoch, in Lohnabhängigkeit zu gehen. Sie weigerten sich, die Verwandlung von ehedem gemeinsamem Besitz – nämlich die Allmende – in Privateigentum zu akzeptieren. Sie zogen es vor, als Vagabunden durchs Land zu ziehen und vom Betteln oder Wildern zu leben.

Diese Verweigerung der Lohnabhängigkeit und Sesshaftigkeit (das Vagabundieren) wird von Silvia Federici als Form des Widerstands gegen aufgezwungene Lebensbedingungen gedeutet. Dieser Widerstand wurde bald, zusammen mit dem damit verbundenen Betteln oder Wildern für den Lebensunterhalt, als Straftat kodifiziert, nämlich als Delikt gegen das Eigentum. Der Widerstand der Bauern wurde so stigmatisiert und kriminalisiert. Viele dieser widerspenstigen Menschen endeten am Galgen. Besonders stark kriminalisiert wurden alleinstehende oder vagabundierende Frauen. Sie wurden zum Freiwild erklärt, und sexuelle Gewalt gegen sie blieb straflos. Vergewaltigung wurde somit institutionalisiert. Die Hierarchie zwischen den Geschlechtern wurde ausgebaut und verstärkt. Männern wurde durch die Verfügungsgewalt über Frauen und ihre Sexualität die ökonomische Enteignung und politische Unterwerfung ein wenig versüßt.

Überhaupt wurde die Kontrolle der weiblichen Sexualität durch die Männer und durch den Staat nun als Währung in diesem Deal eingeführt. Und Männer gewannen auch die Kontrolle über die Arbeitskraft der Frauen. Die heteronormative Familie wurde zur Institution, durch die diese Kontrolle idealerweise ausgeübt wurde.

Als das Wachstum der Bevölkerung im 15. Jahrhundert nicht richtig in die Gänge kommen wollte, setzte ein weiterer Angriff auf die Frauen und den weiblichen Körper ein: die Kontrolle über ihre Fortpflanzungsfähigkeit. Frauen wurden immer mehr aus der Heilkunde ausgeschlossen, alle Verhütungsmittel verboten, Schwangerschaftsabbruch und Kindstötung mit dem Tod bestraft (Gretchen aus Goethes Faust läßt grüßen!). Statt für die Gesundheit und das Wohl der Frauen zu sorgen wurden Hebammen nun zu einer Art Sittenpolizei umfunktioniert. Sie mußten jede Schwangerschaft und Geburt melden, besonders bei unverheirateten Frauen. Widerstand dagegen konnte für eine Hebamme lebensgefährlich werden.

Die Hexenverbrennungen

Und schließlich kam es, etwa ab der Reformation, zu den Hexenverbrennungen. Der Scheiterhaufen war schon zuvor als Mittel für die Repression von Ketzern und Ketzerinnen, die von Silvia Federici ebenfalls als Widerstand gegen den Feudalismus (nämlich seitens der Kirche) gedeutet werden, zum Einsatz gekommen. Der Frauenanteil unter ihnen war groß, da sie die größten Motive hatten Widerstand zu leisten. Nun wurden aus diesen Ketzerinnen Hexen.

Es wurden ihnen sexuelle Straftaten angehängt. Sie wurden angeklagt, eine unersättliche kriminelle Libido zu besitzen, die nur vom Satan befriedigt werden konnte. Ihnen wurde angelastet, Verbrechen gegen die Fortpflanzung und das Bevölkerungswachstum zu begehen, nämlich Fehlgeburten oder Kindersterblichkeit zu bewirken. Man darf nicht vergessen, daß auch der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) – ein „Religionskrieg” – wieder einen schlimmen Blutzoll forderte und manche Landstriche nahezu entvölkerte.

Silvia Federici bemerkt: „Es ist bedeutsam, dass sowohl im Fall der Kindstötung als auch der Hexerei die Statuten, die die Unmündigkeit von Frauen definierten, außer Kraft gesetzt wurden. So zogen die Frauen in die Gerichtssäle Europas, zum ersten Mal, im eigenen Namen, als mündige Erwachsene, angeklagt als Hexen und Kindesmörderinnen.” Männliche Ärzte verdrängten zunehmend die Hebammen, um Kindstötungen wirksam zu unterbinden, und das Leben des Fötus gewann Priorität über das der Frau. „Ihre Gebärmutter wurde zu politischem Hoheitsgebiet und der Kontrolle von Männern und Staat unterstellt: die Fortpflanzung wurde direkt in den Dienst der kapitalistischen Akkumulation gestellt”. Mutterschaft wurde zu Zwangsarbeit degradiert. Der Terror gegen Frauen und ihre Gebärfähigkeit weitete sich aus. „Niemand kann in Wirklichkeit die erlittene Angst und Verzweiflung einer Frau beschreiben, die erlebt, wie ihr Körper zu ihrem Feind wird, so wie es im Fall einer unerwünschten Schwangerschaft geschieht. Das ist besonders dann der Fall wenn außereheliche Schwangerschaften bestraft wurden mit Ostrazismus oder gar mit dem Tod.”

Mit der Hexenverfolgung und dem wachsenden Puritanismus wurde nun auch die Prostitution, die inzwischen für eine sehr große Anzahl von Frauen eine Form eigenständiger Existenzsicherung geworden war, verboten und kriminalisiert. Prostituierte wurden grausamsten Folterstrafen unterworfen und durften straflos vergewaltigt werden, während ihre Kunden vollkommen ungeschoren blieben. Das Verbot der Prostitution und die Vertreibung der Frauen aus der Erwerbsarbeit lief parallel zur Entstehung der Hausfrau und der Neudefinition von Familie als Ort für die Produktion der Arbeitskraft.

Die Frauen und ihre Arbeit werden die neue Allmende

Proletarische Frauen, ihre Arbeitskraft, wurden für die männlichen Arbeiter der Ersatz für das durch Einhegung verlorene Land. Die Arbeit der Frauen wurde gewissermaßen für die gesamte Gesellschaft die neue Allmende. „In der neuen Organisation der Arbeit wurden alle Frauen (mit Ausnahme jener, die von den bürgerlichen Männern privatisiert worden waren) ein Allgemeingut, denn ihre Tätigkeiten wurden als Nicht-Arbeit definiert, die weibliche Arbeit wurde eine natürliche Ressource, die allen zur Verfügung stand, nicht anders als die Luft, die wir atmen und das Wasser, das wir trinken.”

Gleichzeitig veränderte sich das Bild der Frau. „Während in der Zeit der Hexenverfolgung die Frauen als wilde geistig schwache Wesen dargestellt wurden, mit wandelbaren Gelüsten, rebellisch, widerspenstig, unfähig sich zu beherrschen, hatte sich Ende des 18. Jahrhunderts der Kanon vollkommen umgekehrt. Nun wurden die Frauen beschrieben als passive, asexuelle Wesen, gehorsamer und moralisch höherstehend als die Männer, fähig einen guten Einfluß auf diese auszuüben.”

Der furchtbare Terror, dem Frauen besonders während der Hexenverfolgungen ausgesetzt waren, hinterließ tiefe psychologische Spuren, die durch Narrative (wie Märchen) und Diskurse (nicht nur religiöse) verfestigt wurden, bis Frauen und Männer derart konditioniert waren, daß eine bestimmte sexuelle Arbeitsteilung als von der Natur vorgegeben empfunden wurde. Es wurde zu einer nicht hinterfragbaren Grundüberzeugung, daß es in der Natur der Frau liege, sich für andere aufzuopfern, „aus Liebe” für das leibliche und seelische Wohl von Männern und Kindern zu sorgen.

Als Feministin lehnte Silvia Federici schon früh die sexuelle Arbeitsteilung und Zuschreibung der Sorgearbeit als Frauenarbeit ab. Die von ihr 1974 mitinitiierte Kampagne „Lohn gegen Hausarbeit” verfolgte nicht etwa den Zweck, einen Hausfrauenlohn einzuführen. Es sollte vielmehr die unsichtbare Arbeit sichtbar gemacht werden. Es sollte die Funktion der unbezahlten Arbeit für den Kapitalismus bewusst gemacht werden. Gleichzeitig sollte die Hierarchisierung der Geschlechter überwunden werden.

Lohnarbeit ist nichts Erstrebenswertes

Für Silvia Federici ist Lohnabhängigkeit nichts Erstrebenswertes. Ohne je die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens aufzugreifen, liefert sie jedoch viele Argumente dafür. So vertritt sie implizit die Vorstellung, dass Menschen ein Recht auf eine materielle Existenzsicherung haben, weil sie ein Recht haben auf Leben. Man könnte sagen, dass so, wie (frei lebende) Tiere kein Eigentum kennen, sondern sich einfach nehmen, was sie brauchen, (aber auch nicht mehr!) so müssten auch Menschen Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen haben, um daraus alles das zu produzieren, was zum Leben notwendig ist. Warum soll erst eine durch Einhegung verursachte Lohnabhängigkeit Zugang verschaffen zu den zum Leben benötigten Mitteln? Und warum sollen manche Menschen für ihre Tätigkeiten entlohnt werden und andere nicht?

Wie kann Widerstand organisiert werden gegen diese lebensfeindliche wirtschaftliche System und gegen die spezifische Ausbeutung der Frauen?

„Sie nennen es Liebe. Wir nennen es unbezahlte Arbeit.
Sie nennen es Frigidität. Wir nennen es Schwänzen.
Jede Fehlgeburt ist ein Arbeitsunfall.
Homosexualität und Heterosexualität sind beides Arbeitsbedingungen… aber
Homosexualität ist Kontrolle der Produktion durch die Arbeiterinnen, nicht das Ende der Arbeit.”

Silvia Federici lebte mehrere Jahre lang in Nigeria und erlebte dort unmittelbar, wie die neokoloniale kapitalistische Ausbeutung in solch einem Land funktioniert und was sie bewirkt. Dabei erkannte sie viele Parallelen, ja Komplemetaritäten zu der Ausbeutung von Frauen in der industrialisierten Welt. Für sie werden Frauen in Europa und den USA auch zu „kolonisierten Gebieten”, wie auch Schwarze oder Migrant_innen (also Nicht-Weiße-Männer). Und sie sieht, dass Frauen vielfältige Formen des Widerstands gegen den Totalitarismus des Marktes entwickeln, zum Beispiel, wenn sie den Menschen zum Mittelpunkt ihrer Arbeit machen, Kinder großziehen oder Alte und Kranke pflegen, um ihrer selbst willen, nicht weil sie vom Markt irgendwie verwertet werden könnten. Wenn sie sich als Kleinbäuerinnen weigern, ihre Subsistenzwirtschaft aufzugeben.

Das revolutionäre Subjekt ist nicht die Arbeiterklasse

Dies sind die zentralen Akteurinnen für einen Umsturz, für eine Revolution. Im Gegensatz zu Marx und den Marxisten ist für Federici das revolutionäre Subjekt nicht die Arbeiterklasse, die in der lohnabhängigen Beziehung zum Kapital steht, sondern es sind auch, ja in erster Linie jene Subjekte, die gerade außerhalb dieses Verhältnisses zu (über)leben versuchen. Nicht die Fabrik, sondern die Subsistenzwirtschaft, die Pflege von Alten und Kranken, von Kindern und anderen Menschen um ihrer selbst willen, macht Menschen zu revolutionären Subjekten. Und da diese Tätigkeiten meistens von Frauen ausgeübt werden, sieht Silvia Federici in ihnen das größte Widerstandspotential.

Verweigerung ist erneut die Strategie für den politischen Widerstand. So wie in der Übergangszeit zum Kapitalismus die Sesshaftigkeit und Lohnabhängigkeit verweigert wurden, wird jetzt zunehmend die den Frauen zugewiesene Rolle in der heteronormativen Kleinfamilie verweigert. Frauen verlassen das Haus und die unbezahlte Arbeit und werden zunehmend erwerbstätig. Endlich haben sie Zugang zu eigenem Geld. Es darf nicht vergessen werden, dass Frauen bis in die 1970 Jahre wirtschaftlich unmündig waren. Frauen verweigern auch zunehmend die Kontrolle der Männer und des Staates über ihre Sexualität. Ein „Gebärstreik”, auch „Pillenknick” genannt, findet statt. Der Schwangerschaftsabbruch wird legalisiert bzw. straffrei. Die Versorgungsehe wird zum Auslaufmodell, und die Scheidungsraten steigen.

Die zunehmende Verweigerung der unbezahlten Care-Arbeit bewirkt eine Auslagerung eines großen Teils dieser Tätigkeiten aus der Familie. Es entstehen Kitas und Horte, Pflegeheime, Altersheime und so weiter. Aber es sind erneut Frauen, die einen Großteil der nun als Lohnarbeit organisierten Tätigkeiten in diesen Einrichtungen übernehmen. Nun werden Frauen zweifach ausgebeutet: direkt als Lohnabhängige und indirekt als unbezahlt private Reproduktionsarbeit Leistende. Denn die Haus- und Sorgearbeit lässt sich trotzdem nicht ganz verweigern.

Vergemeinschaftung als Strategie

Eine weitere Strategie muss begangen werden, die des commoning, der „Vergemeinschaftung” der Reproduktionsmittel. Commoning wirkt dem Grundprinzip der Organisation des wirtschaftlichen Lebens im Kapitalismus entgegen, die da lautet: „Kooperation an den Produktionsstätten, Trennung und Atomisierung an den Stätten der Reproduktion.” Symbol dieses kapitalistischen Organisationsprinzips sind die seriellen Familienhäuser und ihre Verlängerung, das Auto. Durch die Vergemeinschaftung der Reproduktionsmittel wird auch der unwirtschaftlichen und ökologisch nicht zu rechtfertigenden Vervielfältigung reproduktiver Güter (Waschmaschinen, Küchen und so weiter) entgegengewirkt.

Und wieder sind die Frauen die zentralen Subjekte dieser Revolution. Sie sind es, die die noch verbliebenen Reste von Commons, von Allmende schützen. „Wenn der Haushalt, der oikos ist, auf dem die Ökonomie beruht, dann sind es die Frauen, die historisch Hausarbeiter_innen und Gefangene des Haushalts gewesen sind, die die Initiative ergreifen müssen, um den Haushalt wieder zum Zentrum des kollektiven Lebens zu machen: zu einem Zentrum, an dem sich zahlreiche Menschen und Kooperationsformen treffen, das Schutz bietet, ohne zu isolieren und zu fixieren, das den Austausch und die Zirkulation gemeinschaftlichen Eigentums erlaubt und das dabei vor allem auch als Grundlage für kollektive Reproduktionsformen fungiert.”

Reproduktionsarbeit ist der zentrale Bereich menschlicher Tätigkeiten, den es aufzuwerten und zu revolutionieren gilt. Seine „Vergemeinschaftung” (commoning) ist eine unabdingbare Notwendigkeit. Für Silvia Federici sind Commons – Allmende – eine Voraussetzung für die Überwindung des Kapitalismus. Die Vergemeinschaftung der materiellen Reproduktionsmittel stellt den „wichtigsten Mechanismus zur Herstellung kollektiver Interessen und wechselseitiger Verbundenheit” dar. Die Trennung von Produktion, Reproduktion und Konsum wird darin überwunden, und die Reproduktion von den Warenströmen des Weltmarktes abgekoppelt. Es ist Schluss mit der Blindheit gegenüber den sozialen und ökologischen Kosten für die Produktion von Nahrung, Kleidung und Gebrauchsgegenständen sowie für die Entsorgung der produzierten Abfälle, eine Blindheit, die dadurch entsteht, dass Produktion und Konsum so weit voneinander getrennt sind, dass wir gar nicht wissen, wie, wo und unter welchen Bedingungen das produziert wird, was wir konsumieren.

Silvia Federici entwickelt also ausgehend von Marx und in kritischer Auseinandersetzung mit dem Marxismus, eine Care-zentrierte Idee von Wirtschaft. Die Produktion und Erhaltung von Menschen – die der Marxismus von der Produktion von „Waren” für den Markt dadurch unterschied, dass er sie in der Analyse der Kosten und des Werts von Arbeitskraft als „Reproduktion” bezeichnete, wird von ihr als die eigentlich zentrale wirtschaftliche Tätigkeit gesehen. Sie behält diesen Terminus bei, wobei sie damit in erster Linie alle Tätigkeiten bezeichnet, die die Sorge um das Wohlergehen von Menschen, gleich welchen Alters oder Gesundheitszustandes und unabhängig jeglicher möglicher Verwertung als Arbeitskraft beinhalten. Sie plädiert für das commoning (aber nicht das neoliberale, denn selbst die Weltbank propagiert etwas, das sich so nennt!) in dem die Spaltung zwischen Produktion und Reproduktion aufgehoben wird und damit auch die Entfremdung der Arbeit. Denn Ziel der menschlichen Tätigkeit soll nicht mehr die Erwirtschaftung von Profit sein, sondern die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse in einer möglichst verantwortungsvollen, ressourcenschonenden Weise.

Autorin: Elfriede Harth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 18.11.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Martin Mair sagt:

    Toller Artikel (endlich einmal eine tiefer gehende Analyse der Lohnarbeit), nur wer hat diese völlig unpassende Überschrift dazu getan … ???

  • Was war vor Pest und Feudalismus?

  • Monika Hengartner sagt:

    Und wieder sind die Frauen die zentralen Subjekte dieser Revolution. Sie sind es, die die noch verbliebenen Reste von Commons, von Allmende schützen. „Wenn der Haushalt, der oikos ist, auf dem die Ökonomie beruht, dann sind es die Frauen, die historisch Hausarbeiter_innen und Gefangene des Haushalts gewesen sind, die die Initiative ergreifen müssen, um den Haushalt wieder zum Zentrum des kollektiven Lebens zu machen: zu einem Zentrum, an dem sich zahlreiche Menschen und Kooperationsformen treffen, das Schutz bietet, ohne zu isolieren und zu fixieren, das den Austausch und die Zirkulation gemeinschaftlichen Eigentums erlaubt und das dabei vor allem auch als Grundlage für kollektive Reproduktionsformen fungiert.”

    Ich träume von „Haushalten“, die Zentrum von kollektivem Leben sind, mit all den guten Eigenschaften, die im zitierten Satz aufgeführt sind…
    Nur:
    Diese Haushalte sollten so etwas wie häusliche „Allmend“ sein. Von mehreren gemeinsam getragen. Nicht das Haus der einen, das sie/er für andere auf – oder zu – machen kann oder muss.

    Den Aspekt, dass unmündige Frauen vor Gericht – wie durch ein Wunder – zu mündigen Straf-Täterinnen mutierten, den habe ich mir noch gar nie so überlegt.

    Vielen Dank für die Impulse.

  • Elfriede Harth sagt:

    @Ina Praetorius: davor gab es auch bereits das Patriarchat und Frauen wurden diskriminiert und ausgebeutet. Es gab Eliten, die sich die Früchte der anderen aneigneten, teilweise in Saus und Braus lebten, während die anderen sich abplackten. Silvia Federici beschränkt sich auf die Geschichte seit dem ausgehenden Mittelalter und dem Beginn der Neuzeit. Das kritisiert z. B. Claudia v- Werlhoff an ihren Recherchen. https://www.youtube.com/watch?v=lt-T5zNUu_Q.

    Jede neue Erkenntnis wirft weitere Fragen auf. Und Wissen ist eben eine kollektive Arbeit, die nur stückweise und im Dialog miteinander entstehen kann.

    @ Martin Mair: Der Aufstand muss in den Küchen und den Schlafzimmern beginnen und organisiert werden. Tut es ja auch schon. Dort sind die wichtigsten Orte der “Reproduktion”. Hausarbeit, Familienarbeit, Sex, etc.. das sind die Tätigkeiten, die als Nicht-Arbeit unsichtbar gemacht werden, als Nicht-Wirtschaft. – Der Aufstand besteht eben darin, diese Tätigkeiten als zentral zu betrachten, weil sie Tätigkeiten am Menschen sind, an der Befriedigung der menschlichen (Grund)Bedürfnisse. Alle anderen Tätigkeiten sind eigentlich dazu da, die Bedingungen zu schaffen und zu garantieren, damit diese zentralen Tätigkeiten so ausgeübt werden können, dass Menschen in menschlichen Gemeinschaften ein gutes Leben leben können. Wenn das nicht mehr möglich ist, dann fliehen Menschen…. wie wir gerade hautnah erleben. Und gerade an der Sexualität – an der gesellschaftlichen Organisation von Sex – wird ersichtlich, wie es um Arbeitsteilung, Selbstbestimmung, Selbstwert, Macht, etc.. steht.

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