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Warum ich Sperma-Care nicht für theologisch oder sonst wie begründbar halte

Von Stefanie Ettmann

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Ich beschäftige mich seit mittlerweile knapp eineinhalb Jahren intensiv mit dem Thema Prostitution, im Rahmen meiner sexualpädagogischen Ausbildung und darüber hinaus. Meine Erfahrung ist, dass hier ständig sehr verschiedenen Dinge (auch auf rechtlicher Ebene) in einen Topf geworfen werden: dass z.B. Menschen, die Sexualbegleitung, Sexological Bodywork oder (echte) Tantramassage anbieten mit dem Fuck-all-you-can-Bordell an der Autobahnausfahrt unter dem Begriff „Sexarbeiter*in“ subsumiert werden, ist katastrophal – und genau darin liegt unter anderem das Problem dieses Begriffs, weshalb ich ihn nicht verwende. Kein bisschen hilfreich ist auch, dass die Debatte oft von Menschen geführt wird, die nicht wirklich wissen, was das eine oder das andere ist; und dass Menschen, die beides kennen und/oder machen, geflissentlich nicht über den Unterschied aufklären.

Die besten und diffenziertesten Gedanken zum Thema im ganzen deutschsprachigen Netz gibt es natürlich, wie immer, durch, mit und rund um Antje Schrupp (z.B. hier  oder hier ). Danke dafür! Ich möchte nichts wiederholen, was in diesen Texten und Diskussionen schon gesagt wurde. Angeregt durch einen Facebook-Thread in der Care-Revolution-Gruppe u.a. mit Ina Praetorius, möchte ich vielmehr auf ein paar Aspekte hinweisen, die sich für mich in den letzten Monaten nicht nur, aber maßgeblich, durch persönliche Begegnungen mit Menschen, vor allem Frauen, auf so ziemlich jeder „Seite“ der Debatte ergeben haben und aufgrund derer ich mich nach langem und im Grunde gemütlichen Verweilen in der Komfortzone Spannungsfeld dafür entschieden habe, mir eine Meinung und Haltung zum Thema anzutun.

Eine spannende Frage, die Ina Praetorius im Rahmen der Debatte stellte, ist die: Ist die Vorstellung, dass weibliche Geschlechtsorgane „heiliger“ sind als der Rest des Körpers, gut oder schlecht für Frauen? In mir setzt diese Frage folgende Weiter-Fragen in Bewegung: Wenn es eine rein ideologische Vorstellung wäre, dass Genitalien eine andere Bedeutung haben als andere Körperteile, warum werden Frauen (und Männer, und Kinder) dann in Kriegen systematisch vergewaltigt, um ihre Würde und Kraft zu brechen? Warum werden sie nicht stattdessen an den Ohren, Knien oder Händen gefoltert? Sind die Frauen, die allen Ernstes der Meinung sind, das Erleben sexualisierter Gewalt wäre ein profunderer Eingriff in ihr Sein in der Welt gewesen als zum Beispiel Ins-Gesicht-geschlagen-Werden, einer fälschlicherweise verbreiteten patriarchalen Vorstellung aufgesessen, von der wir sie dank aufklärerischer Maßnahmen wie der auf globaler Ebene konsequent durchgezogenen Legalisierung bezahlter Penetration befreien könnten?

Ich denke, dass wir noch sehr weit davon entfernt sind, die wirklich umfassenden Fragen zu stellen. Ein großes Problem in der Debatte sehe ich darin, dass meiner Erfahrung nach selbst die reflektiertesten Menschen bewusst oder – meist – unbewusst auf die eine oder andere Weise einen Gegensatz konstruieren zwischen „kontrollierter Sexualität“ einerseits und „sexueller Freiheit“ andererseits, die dann eben auch Prostitution mit einschließen muss, weil es ja angeblich um „consenting adults“ geht (zum Begriff „consent“ vs. „enthusiastic consent“ in der Debatte siehe u.a. hier ). Das ist aus meiner Sicht aus zwei Gründen heller Wahnsinn: Ich verstehe nicht, warum Menschen, die ansonsten immer alle möglichen Arten von Strukturen – und struktureller Gewalt – mitbedenken, gerade die Frage der Prostitution immer nur auf einer völlig individualisierten, quasi „liberalen“ Ebene denken wollen oder können, ausgehend vom Bild einer selbstbestimmten Strahlefrau, die eines Morgens in ihrem rumänischen Luftschloss aufwacht und aus einer Laune heraus beschließt, Sexarbeiterin in Deutschland zu werden. Dass es eine ökonomische und soziale Eben gibt (die dann aber zum Zwecke der Theoriebildung über dieses freie Individuum mal eben ausgeklammert wird), darf ja noch sein; ausgeblendet wird, dass wir es selbst im statistisch weit selteneren Fall, dass das Luftschloss auf einem erstklassig ausgestatteten Erstwelt-Unicampus steht und der vorgeblich super-selbstbestimmten Sexwork-Entscheidung kein individuelles Trauma (wie so oft) zugrunde liegt, immer auch mit einer kollektiven Ebene zu tun haben: mit ungefähr 6.000 Jahren schwerster kollektiver Traumatisierung, vor dem Hintergrund der Geschichte einer zutiefst gewaltgeprägten und lustbefreiten Sexualität, einer tief verwurzelten und andauernden Ent-Würde-igung des menschlichen und im Speziellen des weiblichen Körpers auf zig Ebenen. Das kollektive Unbewusste und seine Manifestationen darf es anscheinend geben, wenn eine Holocaust-Analyse oder eine Apartheid-Diskussion anstehen; beim Thema Prostitution ist so was aber offenbar schnell zu esoterisch oder eine Entmündigung der „Anbieter*innen“ in ihrer als höchster und einziger zur Debatte stehender Wert im luftleeren Raum konstruierten persönlichen Autonomie.

Manche Menschen, die ich kenne, kommen durch Intuition zum Ernstnehmen dieser Ebene. Manche gelangen über ihre Arbeit mit Schoßraumheilung dorthin (Schoßraumheilung/-prozess bezeichnet die Auseinandersetzung mit eigenen biographischen und geschichtlich-kollektiv wirksamen Geschehnissen, die Blockaden, Desensibilisierung und Abspaltungen in Bezug auf den eigenen Körper hervorbringen, auf geistiger, emotionaler, körperlicher und spiritueller Ebene in Form von Gesprächs-, Ritual- und Körperarbeit– siehe z.B. hier ). Manchen erarbeiten es sich über einen tantrischen Weg. Manchen passiert es einfach durch ihre körperverbundene Spiritualität. Manche kommen auf Wegen dorthin, die ich nicht kenne und (noch) nicht verstehe. Je mehr ich versuche, erwachsene Menschen über den Kopf, also über Argumentieren, dorthin zu bringen, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass es nur über Körperarbeit, Zeit und wahrscheinlich eine neue Generation gehen wird.

Außerdem schaffen es viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, einfach nicht, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der spontaner, kompromissloser und – Achtung, jetzt wird’s wild! – beiderseitig lustvoller Sex auch zwischen Fremden unabhängig von jeder sozialen Bindung an der Tagesordnung und eine absolut anerkannte Option ist. Häuser und Begegnungszonen, in denen das möglich ist, wünsche ich mir in jedem Dorf an der Stelle, wo jetzt das Laufhaus steht. Das Insomnia in Berlin war in dieser Hinsicht mal ein interessanter Ort, ich weiß nicht, ob es das jetzt noch ist. Von einer solchen Gesellschaft sind wir weit entfernt, und keine One-Night-Stand-Kultur, kein Joyclub, kein Tinder etc. und natürlich erst recht kein Swingerclub haben es bisher geschafft sie aufzubauen, weil gerade zwischen Frauen und Männern die notwendige Basis von Angstfreiheit, gegenseitiger bedingungsloser Achtung und ungestörter Verbindung zum eigenen Begehren fehlt. Anstatt sich zu trauen, eine solche Gesellschaft auch nur zu denken, wird dann als Gegenbild zur empfundenen Enge und Langeweile in monogamen Zweierbeziehungen die Befreiung der Sexualität durch Freigabe der Prostitution fantasiert, (un-)lustigerweise an vorderster Front durch ansonsten ausgewiesene Kapitalismuskriteriker*innen.

Der Grund dafür, dass viele Menschen nicht über solche falschen Antagonien hinauskommen, liegt meiner Einschätzung nach meistens in einem Mangel an entsprechenden Erfahrungen. Als ein Mensch, der diese Erfahrungen in vielen Variationen in all ihrer Macht und Ermächtigung gemacht hat, bringt es mich zum Heulen zu sehen, wie weit die Beschneidung geht, wie eng die Grenzen des Denk- und Fühlbaren in vielen Leben gezogen sind.

Natürlich kann und darf auch in einer solchen wahrhaftig freie Begegnungen ermöglichenden Gesellschaft Sex ein Lehr-, Erfahrungs-, Lust-, Heilungs- und spirituelles Geschehen in einem rituellen Zusammenhang unabhängig von einem auf die andere Person bezogenen persönlichen Begehren sein, so wie in jedem entsprechenden tantrischen Ritual. Auch solche Begegnungen fantasieren ja viele Menschen in das System Prostitution hinein – im Einzelfall sicher nicht immer zur Unrecht, auf der System-Ebene aber total verfehlt. Dass zur Beschreibung von solchen ritualisierten Begegnungen selbst sehr reflektierte Menschen immer noch Begriffe wie „sakrale Prostitution“ oder „Tempelprostitution“ gebrauchen und ausgerechnet aus diesem Grund dann in den Chorgesang vom „ältesten Gewerbe der Welt“ einstimmen, ist eine fatale Sprach- und Geschichtsverwirrung, die der Debatte unendlich schadet. Natürlich gab und gibt es sie, die souveränen tantrischen Liebespriesterinnen, in Tausenden Variationen – meist ganz und gar außerhalb der Prostitution, aber natürlich gehören einige der Frauen, die heute verkünden, wie viel Spaß ihnen ihre Sex-Arbeit macht, dazu. Das ist super, visionär und tatsächlich eine unendlich wichtige Arbeit – die ihren Kontext braucht. Diese Art von Heilarbeit in der heutigen Situation mit dem globalen System Prostitution – oder jetzt eben: „Sexarbeit“ – gleichzusetzen oder nahtlos darin integrieren zu wollen, ist meines Erachtens völlig verfehlt. Und unverantwortlich. „Es muss heiliger Boden sein“, hat mir eine sehr erfahrene Yoni-Masseurin kürzlich zum Thema gesagt. Heiliger Boden.

Das in der Tat waghalsige Langzeitexperiment, darauf hinzuarbeiten, dass einmal, nur einen einzigen Tag lang seit mindestens 6.000 Jahren, ein Zusammenleben von Menschen möglich sein könnte, in dem Sex allen Ernstes etwas wäre, das ausschließlich zwischen Menschen geschieht, die tatsächlich *Lust haben auf das, was sie tun*, ist meiner Ansicht nach tatsächlich einen Versuch wert. Dass die Vorstellung einer derartigen Gesellschaft momentan von vielen Menschen offensichtlich als äußerst pervers empfunden wird und statt Neugier, Sehnsucht oder gar der Bereitschaft, sie mitaufzubauen, alle möglichen Reaktionen von Sarkasmus über Empörung bis hin zur einer absoluten Denkblockade und Angst vor Freiheitsentzug auslöst, ist bezeichnend. Nichts anderes als eine solche Gesellschaft ist übrigens das erklärte Ziel des Nordischen Modells, das an Schulen von einer sehr bewussten Sexualpädagogik mit dem expliziten gesamtgesellschaftlichen Ziel einer Begegnung der Geschlechter auf Augenhöhe auf jeder Ebene begleitet wird – was in der deutschsprachigen Debatte aber herzlich wenig zu interessieren scheint. Prostitution und patriarchale Ehe, konsensualer Sex ohne Lust bei beiden, Emotionale-Erpressungs-Sex, Beschwichtigungssex etc. pp. – das sind alles Gegensätze zu einer solchen Vision.

Der immer noch auch im so genannten Qualitätsjournalismus augenzwinkernd, aber ohne mit der Wimper zu zucken kolportierte unfassbaren Zynismus, Prostitution als „das älteste Gewerbe“ der Welt zu titulieren, und die Tatsache, dass auf solche Wortmeldungen hin nicht Dutzende von Menschen aufstehen und in die Welt hinausschrei(b)en, dass das der Hebamme dieses älteste Gewerbe ist, sagt viel über ein zutiefst verstümmeltes Geschichtsbild und die himmelschreiende Abspaltung dieser Gesellschaft von essenziellen Realitäten des Lebens aus. Hier wird in der Tat etwas sehr Ursprüngliches sichtbar – die Wurzel des Problems. Die zeigt sich ja spannenderweise gerade messerscharf in der deutschen Gesetzgebung. Während der Normalisierungsdiskurs die „Sexarbeit“ erfolgreich zur Care-Arbeit gemacht hat und Zuhälter in Talkshows souverän über ihr glänzend laufendes Geschäft parlieren, werden Hausgeburten ermöglichende freiberufliche Hebammen versicherungstechnisch um ihre Existenz gebracht. Das zeigt eine sehr klare Haltung zur Wertigkeit beider Gewerbe. Während Müttern vorgeschrieben werden soll, dass sie um eine ärztliche Erlaubnis für eine selbstbestimmte Geburt betteln gehen, wenn ihr Kind es wagen sollte, drei Tage nach dem errechneten „Geburtstermin“ zur Welt zu kommen, und während Frauen allerortens völlig entwürdigt und unbegleitet gebären, wird das unveräußerliche Menschenrecht der Frau, sich zu prostituieren, mit Zähnen und Klauen verteidigt. Eine Gesellschaft, die so weit kommen kann, legt einen so kranken Umgang mit dem weiblichen Körper an den Tag, dass es sich aus meiner Sicht eigentlich erübrigt zu erklären, warum ihr für die Debatten, die hier tatsächlich zu führen wären, noch jegliche Diskussions- und Empfindungsgrundlage fehlt.

Das wahnwitzige, tief verinnerlichte Bild von männlicher Sexualität, das gerade Frauen haben, prägt die Debatte dabei mindestens ebenso sehr. Vom tatsächlich immer noch völlig unabhängig von Alters- oder Milieu-Unterschieden anzutreffenden „Aber ohne die Prostituierten würden sie dann ja vergewaltigen“ bis zu einem expliziten oder impliziten mitleidigen „Was sollen die Armen denn machen?“ zeigen sich meiner Erfahrung nach selbst in auf Kopf-Ebene reflektiertesten Frauen unfassbare innere Bilder. Talk to me about collective trauma. Vom Standpunkt selbst der unpolitischsten und zurückhaltendsten Sexualpädagogik aus ist hierzu zu sagen, dass Männer tatsächlich Menschen und keine Tiere sind. Aus unter anderem theologischer Sicht wäre meiner Meinung nach festzustellen, dass uns Gott für die Befriedigung des legitimen (wenn auch tantrisch nicht empfehlenswerten) Bedürfnisses nach einem Orgasmus als reinem Spannungsabbau zwei Hände mit auf den Weg gegeben hat. Selbst für Menschen mit großen Bewegungseinschränkungen wie spastischen Lähmungen gibt es sehr gute Methoden, sie zur Selbstbefriedigung zu ermächtigen, mit ihnen Körperhaltungen zu erarbeiten, die ihnen Orgasmen ermöglichen – ich kenne eine tolle Frau, zu deren Spezialgebieten in der Sexualtherapie das zählt. Das halte ich allerdings für eine wichtige Form von Sex-Arbeit.

Und die politische Praxis? Die politische Praxis wäre vielleicht zunächst mal der Asylgrund Frau. Oder der Asylgrund Mensch. Auch und gerade für Wirtschaftsmigrant*innen. Staatlich bezahlte Sprachkurse, Selbsterfahrung und Supervision [am besten nach Sexocorporel], spirituelle Begleitung nach Wunsch und vielfältige kostengedeckte Ausbildungsmöglichkeiten für alle, die sich freiwillig und selbstbestimmt für die Prostitution entscheiden wollen. Könnte ja dereinst aus den Steuern, die Deutschland noch jahrelang aus seiner legalisierten Laufhäusern gewinnen wird, finanziert werden.

Ich würde es mir als Mensch, dessen Herz für die Care Revolution brennt, dreihunderttausend Trilliarden Mal, und wenn nötig jahrzehntelang, überlegen, bevor ich auf Grundlage meiner lupenreinen theoretischen Überlegungen „Sexarbeit“ als ein sauber und diskret zu erfüllendes gesellschaftliches Bedürfnis neben Pflege, Kindererziehung und Bildung heiligspreche. Dass die Reflexion zu diesen Themen schon lange im Argen liegt, ist mir jetzt z.B. beim Nachsehen im Wörterbuch der feministischen Theologie noch einmal klar geworden, bei dessen Einträgen über „Lust“, „Prostitution“ und „Sexualität“ ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll. Über das in der Tat komplexe Thema ohne einen Panzer der Gewissheit nachzudenken, ist die eine Sache, die Zeit und Raum braucht; das, was im heutigen Diskurs unter dem diffusen Begriffskonglomerat „Sexarbeit“ läuft, öffentlich in diese Reihe zu stellen, eine ganz, ganz andere. Das Letzte, was die Mädchen – und die Jungen – brauchen, die zwischen pornhub im Klassenzimmer und Laufhaus an der Straßenecke aufwachsen, sind Kirchen und feministische Theologie, die sich dem ohnehin übermächtigen kollektiven Stellt-euch-nicht-so-an mit wehenden Fahnen anschließen. Die Konsequenzen einer solchen Kultur tragen nämlich nicht nur die „Sexarbeiter*innen“, die ja immer wieder als die einzigen eigentlich Redebefugten der Debatte dargestellt werden. Die Konsequenzen der Atmosphäre und Symbolik des Stellt-euch-nicht-so-an inmitten von Porno und Bordell tragen auch die 13-jährigen Mädchen, die in sexualpädagogischen Fragestunden wissen wollen, wie man Prostituierte wird oder die in der anonymen sexualpädagogischen Beratung schon seit Jahren nicht mehr fragen, was Analsex ist und ob sie „das machen müssen“, sondern nur mehr, was sie machen können, „damit das nicht so weh tut“. Die Konsequenzen trägt jedes einzelne Kind, das in diese Gesellschaft hineinkaisergeschnitten wird.

Umfassende Antworten habe ich auch nicht zu bieten, da wir meiner Ansicht nach noch viele lange kollektive und individuelle Heilungsprozess vor uns haben, um überhaupt zu den richtigen Fragen zu finden. Ich spüre immer weniger Kraft für diese Debatte auf der Ebene, auf der sie derzeit geführt wird. Wahrscheinlich ist es sinnvoller, meine Energie darauf zu verwenden, dass eine Generation von Mädchen heranwächst, die lernen, sich so zu spüren, dass es für sie keine abstrakte „Vorstellung“ mehr ist, dass ihre – und nicht nur ihre – Vulvina ein heiliger Raum ist. Mädchen, die sich nicht mehr mühsam über den Kopf erarbeiten müssen, dass vielleicht irgendwas mit dem System Prostitution nicht ganz okay sein könnte. Mädchen, die es schaffen, die Geschichte aus ihrer Verbundenheit mit sich selbst und anderen Frauen – und Männern – heraus von einer klitorialen Perspektive neu zu denken.

Auf die beim nächsten Treffens des Netzwerks Care Revolution anstehende Frage, ob jetzt der historische Moment dafür ist, dass unter anderem Feministinnen und Theologinnen im Rahmen einer solchen Revolution ihre Energien darauf verwenden, sich zu überlegen, wie denn der gesellschaftlich unverzichtbare Sexarbeitssektor am fairtradigsten und nachhaltigsten zu organisieren wäre, habe ich keine gepanzerte, aber eine ganz zarte, warme, weiche, verletzliche, fließende, absolut verletzbare und eben deshalb sichere Gewissheit. Nein, nein, nein. Dass es innerhalb des Netzwerks Care Revolution einen starken Trend zu einer „akzeptierenden Haltung“ in Bezug auf die Prostitution gibt, wundert mich nicht, und ich habe keinerlei Zweifel, dass beim nächsten Netzwerktreffen der Entschluss gefällt wird, dass Sperma-Care nun mal dazugehört und eine Care-Revolution, die sie sich deren Optimierung auf die Fahnen schreibt, außergewöhnlich progressiv, post-alles-Mögliche, angenehm pragmatisch und, mal ehrlich, ganz schön tabubrüchig und einfach saucool ist. Alles andere wäre im Kontext der derzeitigen deutschsprachigen Debatte und der in der Tat epochemachenden Amnesty-Entscheidung nicht mehr und nicht weniger als ein Wunder. Es wird ein Tritt in den Bauch all derjenigen sein, die mit der Vision einer Gesellschaft schwanger gehen, die darauf besteht, dass hinter den pragmatischen Fragen noch viele andere stehen, die wir unter den derzeitigen Verhältnissen nur unter größter Mühe ansatzweise fassen können – und schon gar nicht in reiner Kopfarbeit. Es wird den Spielraum derjenigen Menschen, die unter dicken Schichten jahrtausendelangen kollektiven Traumas den lange verlorenen heiligen Boden freizulegen versuchen, noch weiter verkleinern. Das ist natürlich niemandes Absicht, die Absichten sind immer gut. Die Konsequenz ist es trotzdem, und eine vergebene Chance. Schade.

 

Zu dem Thema Prostitution hat sich auch Andrea Günter unter folgendem Titel geäußert: Jenseits von Geschlechteridealismen und Neoliberalismus. Prostitution ethisch befragen.

Autorin: Stefanie Ettmann
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 03.11.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    „Mädchen, die es schaffen, die Geschichte aus ihrer Verbundenheit mit sich selbst und anderen Frauen – und Männern – heraus von einer klitorialen Perspektive neu zu denken.“

    Was genau ist mit „klitorialer Perspektive“ gemeint?

  • Antje Schrupp sagt:

    „Wenn es eine rein ideologische Vorstellung wäre, dass Genitalien eine andere Bedeutung haben als andere Körperteile, warum werden Frauen (und Männer, und Kinder) dann in Kriegen systematisch vergewaltigt, um ihre Würde und Kraft zu brechen?“ –

    Ich denke, das hängt eben mit der symbolischen Aufladung als „besonders Heiliges“ zusammen. Mann fügt mit einer Vergewaltigung eben nicht nur der betreffenden Frau körperliches Leid zu – so wie es bei der Verletzung eines anderen Körperteils wäre – sondern man fügt ihr auch Scham, Ausgestoßenwerden usw. zu, und man „trifft“ auch zum Beispiel ihren Mann, der sie nicht „schützen“ konnte usw.

    Symbolische Ordnungen sind ja nicht deshalb, weil sie „nur“ symbolisch sind, deswegen weniger real, ganz im Gegenteil, sie sind höchst real und haben Auswirkungen.

  • Antje Schrupp sagt:

    Ansonsten möchte ich an deinen Überlegungen nochmal besonders die Kritik am Konzept des „Consensual“ Sex hervorheben, denn das scheint mir wirklich ein neuralgischer Punkt. Ich finde auch, wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, dass Sex in gegenseitigem Konsens stattfindet, sondern Sex sollte „auf allseitiger Lust“ beruhen. Ich glaube, ein Grund, warum dieses Hervorheben von „Konsens“ für viele so eingängig ist, ist dass das Thema immer zu schnell auf eine juristische Ebene gezogen wird. Und per Gesetz kann man „Lust“ halt nicht einklagen oder überprüfen, sondern unter einer juristischen Perspektive ist der Maßstab „Konsens“ völlig angemessen. Aber eine Kulturkritik kann sich ja nicht auf der Ebene von Gesetzen beschränken.

  • In folgenden Punkten stimme ich dem Artikel zu: 1. Arbeit an der Sprache ist dringend notwendig. Es macht z.B. keinen Sinn, vollkommen verschiedene und verschieden begründete Tätigkeiten unter dem Begriff „Sexarbeit“ zu subsumieren. Wir müssen genau(er) hinsehen, sorgfältig formulieren und von Leuten lernen, die unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und verschiedene Tätigkeiten ausüben. 2. Von einer angemessenen Sprache, von angemessenen Praktiken und gesetzlichen Regelungen sind wir noch weit entfernt. 3. Es werden in der aktuellen Debatte oft Ebenen vermischt: die juristische (bzw. die tatsächliche Gesetzeslage in einzelnen Ländern), die kulturelle, die der symbolischen und tatsächlichen patriarchalen Dominanzverhältnisse, die biologische und vermutlich noch mehr… (wobei der Text die Klärung dieser Ebenen zwar zu Recht postuliert, selber aber vorerst nur beschränkt leistet). 4. Es führt zu nicht viel, die Frage der „Prostitution“ ausschliesslich oder vorrangig auf der abstrakten Ebene des Konsenses freier (nichttraumatisierter) Individuen lösen zu wollen. 5. Es braucht eine bessere, neu gedachte Sexualpädagogik. 6. Es ist wichtig, über tatsächliche Gegebenheiten in patriarchal geprägten Gesellschaften hinaus zu denken und sich dabei auch vor zunächst „verrückt“ erscheinenden Visionen nicht zu scheuen.
    Was mir hingegen (gefühlsmässig und intellektuell) nicht gelingt, ist es, dem Axiom zuzustimmen, Sexualorgane seien per se (warum genau?) „heiliger“ als der Rest des Körpers, oder mit konkreteren Worten: Vergewaltigung sei per se „schlimmer“ als z.B. das Abhacken von Händen (so praktiziert z.B. Ende des 19. Jahrhunderts von König Leopold II in derselben zentralafrikanischen Region, in der heute „Frauen (und Männer, und Kinder) … in Kriegen systematisch vergewaltigt“ werden.) Für mich ist mein ganzer Körper heilig, ich spüre und will keine Hierarchie zwischen wichtigeren und weniger wichtigen Körperteilen. Und was ich im Text auch vermisse, ist eine Aussage zur Differenz zwischen Frauen, hier konkret das Einräumen der Möglichkeit, dass Frauen verschieden sind und folglich auch im Bereich der Sexualität verschieden empfinden können. An eine im Unterleib lokalisierte Essenz „Weiblichkeit“, die als solche zu „entdecken“ wäre und dann die ganze Welt, unabhängig von der Freiheit der einzelnen Frauen, heilen wird, glaube ich nicht.
    Und zum Schluss das Wichtigste: Wenn wir über die Prostitutionsthematik im Rahmen der Care Revolution verhandeln, würde ich gerne mit den GEMEINSAMKEITEN, nicht mit den Differenzen beginnen.

  • @ Ute Plass:

    Eine klitoriale Perspektive auf die Geschichte und Gegenwart der Menschheit [und unser Zusammenleben mit allen anderen Lebewesen auf diesem unserem Planeten] ist für mich eine Perspektive, die nie vergisst zu fragen, welche Möglichkeiten Frauen hatten und haben, ihre körperliche Autonomie, ihr sexuelles Begehren, ihre sexuelle Neugier und Kreativität zu leben und zu gestalten. Eine Perspektive, die nie vergisst zu fragen innerhalb welcher sozialer, ökonomischer, intellektueller, emotionaler, psychosexueller, symbolischer und spiritueller Rahmenbedingungen Frauen Zugang zur menschlichen Kraftquelle der genitalen Lust entfalten, entwickeln und gestalten konnten – oder auch nicht. Eine Perspektive, die nie vergisst zu fragen, inwiefern der enorm kreative Faktor der Weltgestaltung aus der souveränen Verwurzelung und sich sicher wissenden Verletzbarkeit in der eigenen genitalen Lust von Frauen in bestimmten Epochen und Regionen den Lauf der Geschichte prägen konnte und kann – oder auch nicht.

    Forschungsfelder wären die Umstände des eigenen Heranwachsens im Mutterbauch und die der eigenen Geburt, Sprache und symbolische Repräsentation aller Körperbereiche ab der frühen Kindheit, Selbstbefriedigung, generelle Berührungskultur, eventuelle Körpertabus und -grenzen, sexuelle Begegnungen und deren Gestaltung, Verhütung, eigene Schwangerschaft, Fehlgeburten, Abtreibung, und das eigene Gebären. Das wird natürlich eine Querschnittsmaterie und schließt z.B. die Analyse von Arbeitsbedingungen [Körperhaltung, Arbeitszeiten, Kleidung…] mit ein.

    Meine Literaturempfehlung dazu ist Naomi Wolfs „Vagina – A New Biography“ – was ein Buch!

    Ich fühle mich als (Cis-)Frau für diese klitoriale Perspektive zuständig – auf alle anderen bin ich natürlich auch gespannt. Es gibt, außer eben Vulvina inkl. Klitoris und Gebärmutter, im Verlauf der Geschichte des Patriarchats wohl kein auf symbolischer und realer Eben so profund missbrauchtes und gedemütigtes Organ wie den Penis. Von Trans- und Inter-Körpern ganz zu schweigen. Body politics ist ja ein weites Feld. Way to go.

  • @ Antje Schrupp:

    Ad Konsens – Gesetze – Kulturkritik: ja, ja, ja!

    Ad Bedeutung von Genitalien:

    Natürlich beeinflusst die symbolische Ebene in patriarchalen Kulturen die Empfindungen, die Vergewaltigung – jetzt im Sinne von vaginaler, analer oder oraler Penetration durch Körperteile eines anderen Menschen und/oder Gegenstände gedacht – hervorruft. Ich persönlich kenne aber auch Frauen, die vergewaltigt wurden und ein [davor und danach – nur eben nicht währenddessen] sehr unterstützendes Umfeld hatten und haben – keinerlei victim blaming, rechtliche Unterstützung, bedingungsloses Zuhören, heilende Körperarbeit etc. Auch diese Frauen haben ihre Vergewaltigung als tiefen Einschnitt in ihr sexuelles und sonstiges Sein erfahren. Sie schämen sich nicht vor ihrem Mann oder Vater oder der Gesellschaft. Sie fühlen sich verletzt. Tief verletzt. Anders verletzt als durch eine Ohrfeige.

    Ist es die Macht der patriarchalen symbolischen Ordnung, die sie da in die Irre gehen lässt? Könnten wir sie also schaffen, die Gesellschaft, in der Frauen/Menschen eine Vergewaltigung um einiges lockerer nehmen als jetzt und sie auf der Ebene bspw. einer Ohrfeige abhandeln? Bedeutet das, dass die [vielen] Menschen, die – bei aller Liebe zu ausnahmslos allen Teilen ihres Körpers – einen ganz besonderen Bezug zu ihren Geschlechtsteilen haben und diese tatsächlich als eine nicht vergleichbare Lust- und Kraftquelle und/oder ein Mittel zur Transzendenz erfahren, wie ich zum Beispiel, sich da tunlichst desensibilisieren und von dieser manipulierten Wahrnehmung befreien sollten? Ist das vielleicht eine rare Wahrnehmung vereinzelter Hochbegabter, die einfach nicht verallgemeinert werden darf? Ist eine solche Desensibilisierung ein erstrebenswertes Ziel? Wenn ja, zu welchem Zweck? Damit wir innerhalb des Patriarchats weniger verletzbar an unseren Körperöffnungen werden? Damit wir uns entspannter und ohne all die lästigen Emotionen mit unserem ganz und gar neutralisierten Körper auseinandersetzen können?

    Wenn das Genital kein besonders intimer, schützens- und liebenswerter Bereich des menschlichen Körpers wäre, hätte das natürlich auch Konsequenzen für die Sexualpädagogik und generell die Kindererziehung. Dann müssten wir aufhören, kleine Mädchen* und Jungs* in solche aufgeladenen symbolischen Wahrnehmungen des eigenen Körpers hineinzumanipulieren.

    In jedem Fall ist das wohl so ein Punkt der Debatte, wo es einander gut zuzuhören gilt – und in Bezug auf die theoretische Klärung der Frage, warum denn Vergewaltigung so was „Besonderes“ sein soll, vor allem den Frauen zuzuhören, die sie erlebt haben. Das trifft auf mich nicht zu, weshalb es mir wohl leicht[er] fällt, Worte darüber zu machen. Das Rumtheoretisieren kann aber natürlich nicht die Basis sein.

    Wieso habt ihr denn in den 70ern [oder 80ern] damals mit den Selbsterfahrungsgruppen aufgehört? Das hätten Schulfächer werden sollen. Das braucht’s heute wieder wie einen Bissen Brot und Rosen – und zwar als Grundlagen für eine Diskussion über jedes einzelne der im obigen Text angesprochenen Themen.

    Ich habe immer mehr das Gefühl, wenn das nicht die Basis von allem ist – genauso wie die Körperarbeit –, ist die ganze Debatte, gerade unter Frauen, völlig für die Katz‘. Wo die letzten fünfzehn Jahren Um-den-heißen-Brei-Herumkopfen hingeführt haben, ist ja sowohl in der deutschen Gesetzgebung als auch Debatte klar zu sehen.

  • @ Ina Praetorius

    Gut, dass wir so viele Gemeinsamkeiten haben! Ich versuch‘, mich kurz zu fassen.

    Für mich ist auch mein ganzer Körper heilig, und deiner, und der aller Wesen. Ich sage auch nicht, dass Sexualorgane mehr *wert* sind als andere Körperteile oder andere Körperteile nicht auch ganz tolle Sachen können. Zum Axiom Genitalien sind „heiliger“/mächtiger als andere Körperteile aber dennoch folgende Vorschläge:

    1. Maximale Gottähnlichkeit des Menschen beiderlei Geschlechts im Akt der Zeugung neuen menschlichen Lebens, mit keiner anderen Art des Leben-Gebens vergleichbar?

    2. Tantrische u.ä. Traditionen, Rituale, Techniken zum Erreichen transzendenter Zustände in riesigen Teilen der religiösen Traditionen [mit Ausnahme der christlichen]?

    Klar gibt’s Yoga in vielen Variationen; darunter gibt es meines Wissens keine Tradition, die die besondere Bedeutung des Wurzelchakras leugnen würde. Da kenn‘ ich mich allerdings wirklich nicht gut aus, vielleicht irr‘ ich mich. Berufenere vor!

    3. Systematische Unterdrückung vor allem des weiblichen, aber auch schlicht und einfach jeder Form des menschlichen sexuellen Potenzials im Patriarchat. Warum? Ja, auch das geistige und kreative Potenzial von Frauen wurde lange so gut wie ganz weggemacht. Anerkannte Lehrerin, Künstlerin, Äbtissin etc. sein war aber immer wieder und ab einem gewissen Zeitpunkt erst recht drin. Anerkannte Lehrerin, Künstlerin, Äbtissin etc. mit einem Haufen Liebhaber*innen und öffentlichem sexuellem high life zu sein, war aber ganz lang nicht drin und ist es auch heute noch in vielen Kontexten nicht. Warum?

    Zur „im Unterleib lokalisierten Essenz ‚Weiblichkeit‘, die als solche zu ‚entdecken‘ wäre und dann die ganze Welt (…) heilen wird“: Da ist der Punkt bei mir – und bei Gott nicht nur bei mir – einfach, dass ich diese Essenz erfahren habe und nicht an sie glauben muss. Keine historische Offenbarung mehr notwendig. Da will ich gar nicht drumrumkopfen. Und ja, „Weiblichkeit“ und „Essenz“ sind für mich tatsächlich die richtigen Begriffe, um das, was ich erlebt habe, zu benennen, genauso wie „Männlichkeit“ und „Essenz“ die richtigen Worte sind für das, was ich in manchen Momenten in der Präsenz von Männern erfahren durfte. Und solche Momente sind für mich in der Tat heilig.

    Dass solche Worte dann suggerieren, dass müsste jetzt von jedem*r erlebt werden, ist natürlich ein ungelöstes Problem. Dass manche Menschen ihre Erfahrungen getreu ihrer Empfindung so benennen, soll und darf die Freiheit einzelner Frauen und Männer und die von Inter- und Trans-Menschen natürlich nicht einschränken. Wenn’s darauf hinausläuft, sind diese Worte natürlich tatsächich doof und diskriminierend und müssen ersetzt werden. Und natürlich sind alle Menschen im Bereich der Sexualität verschieden, wie in jedem anderen auch. Ich glaube – daran muss ich jetzt mal glauben –, dass es möglich ist, das zusammenzudenken. Das kann ich aber erst morgen weiterdenken.

    In jedem Fall ist mein Punkt, dass ich Raum will für diese Erfahrungen. Da wir vor der Situation stehen, dass wir’s als Kollektiv seit Tausenden von Jahren nicht schaffen, die Integrität weder unseres eigenen noch der Körper der anderen in Fülle zu leben, könnten wir vielleicht mal bei dem einen ebenso lange mit aller Gewalt unterdrückten Aspekt des menschlichen Seins ansetzen, nämlich bei der Sexualität. Oder? Wollen wir’s nicht wenigstens probieren? Wie gesagt, das bedeutet keine Verpflichtungen und auch keine Werturteile. Wenn ja, dann bedeutet das für mich, den Raum dafür aufzumachen, Und damit der auch nur annähernd aufgeht, braucht es gewaltige Anstrengungen zur Transformation der symbolischen und realen Ordnung. Prostitution als „Sorge-Arbeit“ im Rahmen der “öffentlichen Daseinsvorsorge“ gehört da definitiv nicht hinein.

    Ad Care Revolution + beim Thema Prostitution mit GEMEINSAMKEITEN statt mit Differenzen beginnen: Das find‘ ich super, immer. Ich befürchte nur, eine umfassende Klärung sowohl der Gemeinsamkeiten als auch der Differenzen zum Thema inkl. ausdifferenzierter Bezugnahme auf den Care-Begriff [oder sogar – meinem Begehren nach – ehrlichen unverkopften Kleingesprächsgruppen als Vorspiel] wird nächsten Samstagabend in zwei Stunden nicht möglich sein. Das wird wohl einen intensiven Auseinandersetzungsprozess brauchen, der ein Jahr, oder zwei, oder wie lang auch immer dauern kann. Mein Vorschlag, nein, mein dringender Appell an euch ist, während dieses zweifellos notwendigen (und spannenden!) Auseinandersetzungsprozesses *nicht* „Sexarbeit“ im Rahmen des „Kampf gegen Lücken in der öffentlichen Daseinsvorsorge“ in einer schnieken Reihe mit Hausarbeit, Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen als fröhlich-runde Einheit der „Bedürfnisbefriedigung“ in der Care-Gesellschaft, die „nicht Profitmaximierung, sondern die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellt“, öffentlich vor Euch herzutragen. Alle zweifellos gut gemeinten Absichten, damit den in Deutschland so spiegelglatt gemainstreamten Harm-Reduction-Ansatz in Bezug auf die derzeitige[n] soziale[n] Realität[en] der Prostitution zu unterstützen, stehen in keinem Verhältnis zu den Konsequenzen für die – so oder so schon jetzt zum Himmel stinkende – symbolische Ordnung.

    Wenn in den Care-Text Sex rein soll – und das soll er! –, dann nehmt bitte unter dem Punkt „Gesundheit“ die Forderung nach einer umfassenden staatlich finanzierten sexualpädagogischen und -therapeutischen Begleitung für jeden Menschen ab dem Zeitpunkt seiner*ihrer Geburt und flächendeckende One-to-one-Care von Hebammen für schwangere Frauen auf, auch und gerade für Flüchtlingsfrauen und Wirtschaftsmigrantinnen. Da wären Millionen zu investieren, und das wäre eine Verknüpfung von [Care] Revolution und Sex, wie ich sie mir vorstelle.

    Jetzt hab‘ ich mich schon wieder nicht kurz gefasst. Sorry. Wir könnten auch mal twittern.

  • Doreen Heide sagt:

    Ich gebe zu, dass es sehr verlockend ist, die Vagina von ihrer Heiligkeit frei zu sprechen, und damit vergewaltigenden Männerhorden, die genau diese Heiligkeit benutzen, um zu zerstören, den Boden zu entziehen. Aber wie lange reicht diese soziale Konstruktion von Heiligkeit – wenn es denn eine ist – denn schon zurück? Betrachten wir Urfigunie aus der Steinzeit, so sehen wir prachtvoll vergrößere Bäuche und weit geöffnete Vaginas in Gebär- oder empfangender Position. Wir sehen verbildlichte Heiligkeit des gesamten weiblichen Unterleibes. Und genau darauf aufbauend entwickelten sich Vergewaltigungen als wirksames Mittel der Zerstörung eroberter Volksgruppen und es gebe nicht Vergewaltigungen als Kriegsmittel über die Jahrtausende, wenn diese nicht so erfolgreich gewesen wären. Kann ein Phänomen, was so lange währt, noch soziale Konstruktion sein oder vielmehr nicht doch ein über Generationen eingeschriebenes kollektives Trauma?
    Eine Vergewaltigung ist eben doch mehr als eine abgehackte Hand. Einen verstümmelten Arm kann ich mein Leben lang ignoriern und hassen, aber was ist mit den Kindern, die aus einer Vergewaltigung entstehen oder später aus derselben Vagina den Weg ins Leben finden – kann ich die auch ignorieren und hassen?
    Ich erinnere zudem daran, dass nicht das Herz, sondern der Bauch unsere Gefühlszentrale ist: Hier fühlen wir, wenn wir glücklich oder verliebt sind, traurig oder ängstlich. Psychosomatische Schmerzen aus einer Kränkung der Seele heraus entwickeln sich gerne im Bauch. Das ließe sich fortsetzen und vieles zur Bedeutung des Bauches ist noch nicht erforscht, vieles jedoch durch nicht wissenschaftliche, erfahrene Zugänge bereits bekannt.

    Zuletzt weise ich noch hin auf die Wortverwandtschaft zwischen Heilen und Heiligkeit: Heilen bedeutet damit immer Wertschätzung/Heiligen eines missbrauchten oder vernachlässigten Körperregion. Wie also können wir heilen, uns und andere, ohne die Anerkennung der Heiligkeit?

  • Helga Pregesbauer sagt:

    liebe stefanie,
    mit heiligkeit kenne ich mich nicht aus.
    menschen (frauen männer kinder) werden in kriegen und auch sonst an allen körperteilen gefoltert, ich weiss nicht wie du auf die idee kommst sie würden nur genital gefoltert. sie werden nicht einmal nur genital vergewaltigt.
    die unterstellungen, die du machst von der in der rumänischen villa aufwachenden frau sind polemik. niemand denkt so, niemand glaubt das. die einzigen die solche vorstellungen ins gespräch bringen sind weisse, akademische, bürgerliche, gut gestellte, privilegierte westeuropäerInnen, die glauben das sexkauf verbot wäre die heilung für eh alles. es ist schwer mit leuten zu diskutieren, die mir und anderen menschen die für sexarbeiterinnenrechte kämpfen ständig behauptungen und gedanken unterstellen, die wie weder haben noch je kommuniziert haben.
    ich glaube nicht daran, dass alle sexarbeiterInnen dem klischee „strahlefrau“ entsprechen, aber nach 20 jahren sexualitätsgeschichte und mehrjähriger auseinandersetzung mit sexarbeit und dem schwedischen prostgesetz weiss ich, dass die schwedischen gesetze die lage der sexarbeiterinnen dort drastisch verschlechtert hat.
    niemand muss „für prostitution“ sein, diese toll oder heilig oder befürwortenswert finden, wirklich nicht. aber für grundrechte muss man sein, für menschenrechte muss man sein, da gibt es für mich kein vorbei. schweden und norwegen haben diese grundgesetze abgeschafft und dass sie nur die freier bestrafen ist eine lüge. jetzt sind halt alle sexarbeiterinnen „zuhälterInnen“ und werden als solche gejagt. die verbotsfans stört das nicht. (dass es nicht 1000 zuhälterinnen in kleinen norwegischen städten gibt, solche details interessieren sie nicht, wenn sie sagen di edelogierten seien alle zuhälterinnen gewesen…. )
    wer spricht hier wem die autonomie ab in deinem angeblich „kollektiven“ unbewussten? wer sagt dass gerade du diejenige bist, die das unbewusstsein durchschaut hat – dein eigenes? das der sexarbeiterinnen, die mit dir kein wort wechseln würden? mit denen du kein wort wechselst?
    ich kenne niemanden, wirklich niemanden, der bei sexarbeit als „befreiung der sexualität“ spricht – außer dir. das sind dinge die mir nicht unterkamen bisher, und die sexarbeitsrechte-fraktion hat das sicher nicht im kopf. da geht es um die freiheit, rechte zu haben: menschenrechte und berufsrechte.
    auch vom „ältesten gewerbe der welt“ sprechen nur die von der verbotsfraktion. die anderen wissen nämlich, dass sexarbeit niemals und nirgends je ein gewerbe gewesen ist. sie sind es also, die den von dir behaupteten „schaden“ anrichten. 😉
    die meisten sexarbeiterInnen sehen was sie arbeiten auch gar nicht als „sexualität“, schon gar nicht als ihre eigene „sexualität“ an.
    die angeblich so „bewusste sexualpädagogik“ gibt es in schweden garantiert nicht. „bewusst“ und empfehlenswert ist für sexarbeiterinnen zumindest nicht, dass sie in schulen, aufklärungskampagnen und umerziehungskursen als debile, zur autonomie untalentierte opfer von eh alles erklärt werden, die keine macht über sich selbst hätten und (selbstverständlich auch gegen ihren willen!) gerettet werden müssten. ein gesetz wird propagiert, das ohne jede einbindung von betroffenen gemacht wurde, von diesen vehement und mit aller kraft abgelehnt wird und dessen völliges scheitern von der wissenschaft einstimmig bewiesen wurde:
    es gibt keinen legalen ort mehr für sexarbeit, sie ist quasi überall verboten, auch anbahnung und werbung und ausübung (ausgenommen im privaten haus, das der sexarbeiterin gehört, und in dem ausnahmlos sie alleine lebt! wer hat sowas). IST DAS WAS IHR EUCH ALS STRAFFREIHEIT VORSTELLT??
    sexarbeiterinnen wurden rechtswidrig abgeschoben, schweden wurde nach klage einer sexarbeiterin dafür bestraft
    gewaltrate gegen sexarbeiterinnen ist gestiegen (durch anrainerInnen unter anderem), so steht das in einer publikation der schwedischen regierung
    wenn sich freier verstecken müssen, müssen das logischer weise auch die frauen
    hunderte frauen delogiert (amnesty beschrieb einen fall, wo eine frau nach einer vergewaltigung vom krankenhaus kam und die auf polizeibefehl ausgeräumte wohnung vorfand – nicht ihren arbeitsplatz, geräumt werden die privaten wohnungen)WIE FINDEN DAS DIE FANS DES „NORDISCHEN MODELLS“ DAS DENN??
    die frauen zeigen natürlich nichts mehr an, zb auch nicht private häusliche gewalt – sie sind von ihrem privaten umfeld extrem erpressbar, weil sie ja als sexarbeiterin keine recht haben
    vor bekannt gewordenen wohnungen postiert sich die polizei, die frau hat natürlich dann keinerlei einnahmen mehr
    polizei UND die beratungseinrichtungen sagen selbst jeden kontakt zu sw verloren zu haben IST DAS EUER SCHUTZ DER FRAUEN??
    JEDE noch so geringe dienstleistung an sw ist verboten und wird als zuhälterei bestraft (werbung machen, visitenkarten drucken, fotos machen, privatwohnung verbieten, privat mit ihnen zusammenwohnen, taxidienste usw.)
    usw. usw.
    seit mir nicht böse, aber wenn das ein fortschritt ist, dann stimmt mit eurem bewussten was ganz ordentlich nicht.
    sexarbeit ist eine selbstbezeichnung, und nirgendwo ist sie „erfolgreich care-arbeit“ – überall nehme ndie abolitionistinnen eine bastion nach der anderen ein, überall werden die straßenstriche verdrängt, die frauen von der polizei gejagt und zurück in die illegalität (und damit in die vulnerabilität) gedrängt. überall werden die gesetze ständig schlimmer.
    ach ja für sexarbeit treten so viele ein aber für hebammen nicht? das zeigst du mir mal!! kaum jemand verteidigt die rechte der sexarbeiterinnen, in deutschland sind es maximal 50 frauen, die ihr gesicht dafür hergeben, in österreich sind es keine 5 frauen – ich bin übrigens die einzige unter den aktiven feministischen aktivistinnen die es tut. es gibt dagegen dutzende abolitionistinnen die ihre termine im frauenministerium abhalten, deine einschätzung der lage wer sich für wen einschätzt ist also widerlegbar unrichtig. für die hebammenversicherung gingen tausende frauen auf die straße. am hurentag stehen keine 20 menschen am platz in wien, davon sind 15 mitarbeiterInnen der beratungseinrichtungen. keine demo bringt verlässlich weniger menschen auf einen platz.
    sexarbeit ist kein „diffuses Begriffskonglomerat“ sondern recht klar definiert und umrissen. dagegen konnten die vereinsmenschen vom „verein feministischer diskurs“ (fordern verbot sexkauf in österreich) auf mehr als zehnfache frage nicht erklären, was „sexkauf“ für sie bedeutet und taten ihr nichtkenntnis kund. nur so zum vergleich.
    „„Sexarbeiter*innen“, die ja immer wieder als die einzigen eigentlich Redebefugten der Debatte dargestellt werden“ – ach so? niemand redet über fremdenführerinnen ohne mit diesen gesprochen zu haben, würde auch niemand tun. hast du in österreich jemals einen einzigen medienbericht von einer sexarbeiterin gesehen, die unverpixelt war und mit voller namensnennung? ES GIBT KEINEN EINZIGEN. es gibt sowas nicht in österrreich.
    die fachberaterinnen reihherum für wirklich alles sind fast ausnahmslos betroffene – bei sexarbeit ist so gut wie keine selbst betroffen, die meisten beratungsstellen haben keine einzige betroffene im team. niemand würde eine gewerkschaft für jemanden gründen ohne die betroffenen einzubinden? die sexarbeiterinnenverbände fordern seit über 100 jahren nur: „nicht ohne uns über uns“ – also nur mit ihnen über sie zu sprechen, eine notwendige und wichtige forderung, die grundbedingung jedes aktivismus, der überall selbstverständlich ist – ausgenommen bei promisken frauen, die sind ja nicht „autonom“. trallala….
    die verbotstanten weigern sich aber mehrheitlich, mit betroffenen zu sprechen (außer denen die sich selbst als opfer und traumatisiert bezeichnen und keine sexarbeit mehr machen, ein doch einseitiges bild würde ich sagen).
    die zahl der analverkehr praktizierenden heterosexuellen menschen ist übrigens seit jahrzehnten konstant (genau genommen seit es darüber aufzeichnungen gibt), soviel zur angeblichen pornoverseuchung der kinder. man sollte recherche nicht allein auf magazinen beruhen lassen.
    „dass vielleicht irgendwas mit dem System Prostitution nicht ganz okay sein könnte“ muss man wirklich niemandem erklären. ich weiss nicht in welcher welt andere leben, aber man kann auf diesem planeten nicht aufwachsen ohne huren für das übelste übel zu halten und zu merken, dass sie meistens als untermenschen und als abschaum gelten. wer glaubt dass sexarbeit irgendwo für irgendwen lebenslang normal und okay war möge mich bitte in seine welt aufnehmen und mich mal schnuppern lassen, bin wirklich und ernsthaft interessiert.
    ich wünsche mir dass in zukunft nur mehr mit sexarbeiterinnen über sie gesprochen wird, dass die dramatisierungen, dämonisierungen und superlativisierungen aufhören, dass ernsthafte von allen fachleuten geteilte kritik am schwedischen prostitutionsgesetz und seinen schrecklichen, gewaltfördernden, entrechtenden folgen zumindest gehört wird.

  • Gunhild sagt:

    Fantastischer Text! : )

    Besonders schön und erfrischend nach zwei Jahren des Rauf- und Runterdiskutierens der verschiedenen Pro- und Kontras des Ausbeutungssystems Prostitution finde ich hier die Vision einer wirklich freien Sexualität, bzw. das Denken in diese Richtung.

    Dass es für Feministinnen wirklich denkbar ist, Prostitution zur Care-Arbeit – also gesellschaftlich notwendigen Fürsorgearbeit – zu erklären, ist mehr als traurig… da trägt die Lobbyarbeit Früchte.

  • Wie gesagt: Ich würde gerne mit den Gemeinsamkeiten beginnen und möchte deshalb Stefanies Vorschlag unterstützen, die „Prostitutionsdebatte“ (bäh!) ausdrücklich mit einer Politik würdiger Sexualpädagogik und Geburtskultur zu verknüpfen. „Auch und gerade für Flüchtlingsfrauen und Wirtschaftsemigrantinnen“! Hingegen würde ich die Frage nach der grösseren oder geringeren „Heiligkeit“ von Organen gern zurückstellen. Denn ich möchte mich weder hinsichtlich meines Horrors vor dem Händeabhacken „desensibilisieren“ lassen, noch möchte ich mich von sexuellen Offenbarungserlebnissen, die andere gemacht haben, in eine Bekehrung zum Geschlechteressentialismus hinein drängen lassen. Mir ist nämlich noch nicht klar geworden, inwiefern das Bekenntnis (dass ich hier in religiöser Begrifflichkeit rede, ist kein Zufall) zur hyperheiligen Vulva für die Frage nachdem guten Leben aller unabdingbar sein sollte.

  • @ Ina Praetorius:

    100% einverstanden!

    Das Gleiche wollte ich nach einer Nacht Schlaf nämlich auch einbringen: Die Frage der Heiligkeit des Schoßraums lässt sich auch für mich in Bezug auf die Frage „Care und Prostitution“ hervorragend zurückstellen. Sie ist für mich *ein* möglicher – enorm wichtiger, auseinandersetzungswürdiger und in keinem Fall als „moralisch aufgeladen“/hysterisch abzuwertender – Zugang zum Thema Prostitution, aber bei Weitem nicht der Einzige. Wäre er es, gäbe es ja nicht Millionen von Menschen, die durch ganz andere Zugänge zur Schlussfolgerung kommen, dass das System Prostitution nicht in Ordnung ist.

    Apropos: An das gemeinsame Entdecken von Gemeinsamkeiten und Differenzen zum Thema Prostitution aka „Prostitutionsdebatte“ (ja, bäh!) bereits mit einem gedachten Gegensatz zwischen einer zu erwartenden „moralisch aufgeladenen“ und einer „objektiv-coolen“ Position heranzugehen, wie es so oft passiert, halte ich nicht für richtig. Für mich ist jegliches Nachdenken über gutes Leben für alle absolut „moralisch aufgeladen“, die Vision einer Care-Gesellschaft als Allererstes, und das ist auch gut so. Jede Gesellschaft, die sich selbst Grenzen, Regeln und Gesetze gibt, hat Moral, sei es das Verbot von Mord und Vergewaltigung, sei es das Nicht-Praktizieren der Todesstrafe etc. Die historische Neuheit wäre halt mal zur Abwechslung so was wie eine klitoriale Moral, aber das steht ja ohnehin in meinem Text. Dass Gefühle und aus vielen Gründen, die auch im Text stehen, tatsächlich schwer artikulierbare, tief empfundene Grundhaltungen von Frauen zum Thema Raum bekommen und nicht abgewertet werden, halte ich im Sinne einer sinnvollen Auseinandersetzung für unerlässlich. Das Muster, dass Frauen, die Zusammenhänge sehen und zusammen[zu]denken [versuchen], was nach der ansonsten fein säuberlich ausdifferenzierten Aufteilung der Welt nicht zusammengedacht werden darf, als irrationale Hysterikerinnen abgetan werden, ist eines, das wir wohl alle zur Genüge aus anderen Debatten kennen und das ich für einer feministischen bzw. Care-Debatte nicht würdig halte.

    Es bleibt mein dringender Appell, diesee Auseinandersetzung nicht in zwei Stunden Kopfarbeit abhaken zu wollen und ihr die Zeit und den Raum zu geben, die sie verdient – und während dieses Auseinandersetzungsprozesses nicht landauf, landab den Care-Family-Pack „Bildung, Hausarbeit, Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen, Sexarbeit“ anzupreisen. Nicht nur die hyperheilige Vulva, sondern die ganz und gar säkular sozialisierten Mädchen* und Jungs*, die in der von dieser Care Revolution nicht unbedeutend mitgestalteten symbolischen Ordnung aufwachsen, werden es euch danken.

  • Diese Frage von Stefanie finde ich auch noch spannend: „Wieso habt ihr denn in den 70ern [oder 80ern] damals mit den Selbsterfahrungsgruppen aufgehört?“ – Wir hatten diesen politisch-persönlichen Diskurs über Körper, Sexualität, Lust und so weiter damals ja schon mal angefangen. Bestimmt erinnern sich die Älteren unter uns an das (Kult-)Buch „Our Bodies, Ourselves“ (1971), das bestimmt noch irgendwo in meinem Bücherschrank steht. Das war nicht einfach ein Buch, sondern eine Bewegung. Dann war damit plötzlich Schluss. Hatten wir das Gefühl, alle Fragen seien geklärt und wir hätten jetzt Wichtigeres zu tun? Oder wie ging das?

  • Gunhild sagt:

    Nachtrag: ich finde die Idee von Prostitution als Care-Arbeit eigentlich nicht „traurig“, das ist viel zu schwach ausgedrückt, es ist faktisch das Grausigste, das ich bisher in der gesamten Debatte zum Thema gehört habe. Damit wird die sexuelle Dienerschaft von Frauen an Männern feministisch abgesegnet zur gesellschaftlichen Notwendigkeit erhoben. Das Patriarchat freut sich, besser könnte es nicht laufen, wenn Feministinnen dessen Grundsätze verbreiten und verteidigen.

  • Doreen Heide sagt:

    Und nochmal aus theoretisch-kopflastiger Perspektive zum Thema: Nein, Sexarbeit ist keine Care-Arbeit! Care-Arbeit ist immer solidarische Arbeit für Menschen, die selbst nicht in der Lage sind, überlebensnotwendige Bedürfnisse zu befriedigen. Säuglingspflege und Kinderbetreuung sind Care-Arbeit sowie die Sorge für Behinderte, Alte und Kranke. Wird die Care-Arbeit nicht getan, so sterben diese Menschen früher oder später. Sex und Triebabfuhr aber sind keine überlebensnotwendigen Bedürfnisse – auch wenn manche Männer gerne so tun. Natürlich ist ein erfülltes Sexualleben wichtig und wohltuend, Sexarbeit kann ich deswegen maximal noch als Wellnessarbeit bezeichnen, so wie Yoga oder Massagekurse, das aber auch nur für den kleinen Teil der absolut selbstbestimmt arbeitenden Sexarbeiterinnen.

  • Ute Plass sagt:

    @ Ina – „Our Bodies, Ourselves“ (1971), das bestimmt noch irgendwo in meinem Bücherschrank steht. Das war nicht einfach ein Buch, sondern eine Bewegung. Dann war damit plötzlich Schluss. Hatten wir das Gefühl, alle Fragen seien geklärt und wir hätten jetzt Wichtigeres zu tun? Oder wie ging das?“

    Vielleicht hat es damit zu tun, dass die autonome Frauenbewegung sich mehr und mehr institutionalisierte
    (Frauenbeauftragte/Gleichstellungsstellen/Frauenhäuser in Wohlfahrtsträgerschaft….)?
    Und vielleicht auch damit, dass die Kämpfe von Frauen um
    Selbstbestimmung und Emanzipation immer weniger gemeinsam und lautstark geführt wurden, sondern diese sich in privaten Therapie/Coaching-Praxen vereinzelt u. privatisiert haben?

  • @ Doreen: Das ist ein sehr wichtiger Punkt, der uns davor bewahren könnte, „Care“ zu einem allumfassenden Sehnsuchtswort werden zu lassen, auf das wir alle unsere (unerfüllten) Wünsche projizieren.
    @Ute: Ja, so könnte das gewesen sein. Und jetzt ist es sehr gut, dass du @Stefanie (die du ungefähr halb so alt bist wie ich 🙂 ) uns diese Frage stellst. Bleiben wir dran.

  • Noch ein wichtiger Punkt: Du, Stefanie, schreibst, „… als Gegenbild zur empfundenen Enge und Langeweile in monogamen Zweierbeziehungen (werde) die Befreiung der Sexualität durch Freigabe der Prostitution fantasiert.“ Meiner Wahrnehmung nach ruhen aber beide scheinbar antagonistischen Positionen, die Forderung nach Freigabe der Prostitution UND der „verrückte“ Wunsch nach einer frei gelebten „tantrischen“ (oder wie auch immer) Sexualität auf diesem Axiom, dass Ehe/Zweierbeziehung „langweilig“ ist. Was passiert aber, wenn dieses Axiom sich als falsch erweist? Wieso sollte Zweisamkeit per Definition langweilig sein? Warum sollte es nicht auch postpatriarchale Transformationen von Treue geben?

  • Anne Busch sagt:

    Liebe Ina Prätorius,
    Wenn es nur darum ginge, andere Lebensmodelle gegen die Langeweile in Ehe und Zweierbeziehungen zu verteidigen, würden wohl kaum jemals so heftige Diskussionen geführt.

    Die Ehe, die Zweierbeziehung als monogame Paarbeziehung, ist das Auslauf“modell“ einer einst mit Gewalt herbeigeführten Ordnung, die immer noch Bestand hat. Die “Langeweile“, die uns darin nun -in unserer relativen Freiheit – überkommt, resultiert in erster Linie aus der Tatsache, dass wir Lebewesen sind, die eigentlich ein vertrautes fürsorgendes Umfeld bestehend aus einer großen Zahl von leiblichen Sippenangehörigen dringend benötigen. Nicht nur um als Kind gesund heranwachsen zu können, sondern auch, um als Erwachsene seelisch gesund zu bleiben. Dieses Bedürfnis dringt als diffuses Mangelempfinden nun langsam ins Bewusstsein. Solange aber keine Aufklärung über diese Zusammenhänge stattfindet, solange muss die Sehnsucht ins Leere laufen oder wird sich an pseudoalternativen Modellen abarbeiten.
    Aus dieser “Langeweile“ heute auszubrechen bedeutet, vor allem für Frauen, noch immer ein Wagnis und ein sich Widersetzen gegen existentielle Zwänge, die zwar oberflächlich betrachtet kaum noch bestehen mögen, tatsächlich die überkommene Struktur aber nach wie vor zementieren.
    Die so viel beschworene Treue ist in erster Linie ein Produkt von Repression. Auch wenn Viele sich schwertun, dies auch für die heutige Zeit noch wahrzunehmen. Sie basiert auf der jahrtausendealten Unterdrückung der female choice der Frau.
    Es kann daher aus meiner Sicht niemals von einer Transformation von Treue aus einem solchen System heraus die Rede sein. Auch wenn es Jene aufbegehren lässt, die von sich behaupten, von Herzen und in wahrhaftiger liebevoller Zuneigung treu zu sein.
    Was natürlich auch nicht bedeutet, dass es in Zukunft nicht möglich sein kann, dass zwei Menschen lange Zeit oder sogar lebenslang einander zugetan bleiben. Aber diese Treue benötigt eine völlig andere gesellschaftliche Grundlage, als wir sie vorfinden.
    Gerade die Treue der Frau ist im Patriarchat ein oft mit Schmerzen erkaufter Kompromiss. Und man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass die bisweilen geäußerte Behauptung, ja sogar die zu tiefste Überzeugung von der Treue aus reiner Liebe den eigenen Sehnsüchten wirklich immer entspricht. Das Patriarchat hat uns nicht umsonst zu großen VerdrängungskünstlerInnen erzogen.
    Sobald der noch überall gegenwärtige Focus auf die Paarbeziehung einmal verlassen wird und frau beginnt sich wieder vorzustellen, wie menschliches Leben evolutionär einmal entstanden ist und welche gemeinschaftlichen Voraussetzungen dazu notwendig waren, wird man langsam wieder verstehen, dass die Treue zu einem (Sexual)Partner nur eine (vielleicht sogar eher seltene und unwahrscheinliche) Option für das menschliche Miteinander ist. Ganz besonders aber in seiner Exklusivität als Zweierbeziehung. Aber dann wird man auch verstehen, dass darin gar keine Tragödie liegt. Denn wir haben – auch aus Mangel an Aufklärung – noch kaum ganzkörperliche synaptische Verknüpfungen dafür, welcher Reichtum durch ganz andere Bindungen sonst menschenmöglich wäre und wie sich das auf unser Seelenleben auswirken könnte…
    Was genau soll denn mit der Treue ins Postpatriarchale gerettet werden?
    Die Vorstellung einer transformierten Treue ist im Grunde die Vorstellung von einem innigen Vertrauens- und Liebesverhältnisses zweier reifer Persönlichkeiten, aus freien Stücken. Und die Frage für mich ist, handelt es sich dabei überhaupt um eine Transformation, oder gäbe es derlei Bindung unter uns gemäßen Lebensverhältnissen nicht sowieso, selbstredend. Ohne dass wir sie von heute aus irgendwohin transformieren müssten.
    Aber all das ist nicht das Entscheidende. Die echte Wahl, nämlich sich auch anders entscheiden zu können, ohne jedweden strukturellen Druck, ist die Voraussetzung auch für die Treue, wie wir sie heute als ideale Vorstellung verstanden haben wollen.
    Grundsätzlich halte ich aber schon diesen ständig aufrechterhaltenen Fixpunkt für ein “Axiom“ patriarchal verinnerlichter Muster, das sich als falsch erweisen wird.

  • Der Anlass für diese Debatte war ja, wie sich die Frage nach der Organisation von Sexarbeit und die Care Revolution zueinander verhalten. Für mich hat die Debatte (neben vielen interessanten Nebenfragen) hinsichtlich dieser Ausgangsfrage ein klares Ergebnis gebracht, nämlich dieses: Ob etwas „Care“ ist oder nicht, entscheidet sich (u.a.?) an der Art der Bedürfnisse, die befriedigt werden. Im Zentrum steht die Erhaltung des Lebens und damit Bedürfnisse, die die Bedürftigen (Babies, Kleinkinder, Kranke, Gebrechliche, Menschen mit Behinderungen, die natürliche Mitwelt…) nicht selbst befriedigen können. Das Bedürfnis von Männern nach Triebabfuhr ist kein solches Bedürfnis, da (nicht behinderte) Männer – im Sinne der Selbstsorge – sich selbst befriedigen können. Sexarbeit im herkömmlichen patriarchalen Verständnis – Frauen verhelfen Männern zur Triebabfuhr – als Care zu bezeichnen, ist daher kaum zu rechtfertigen. Die Frage, wie Sexarbeit am besten organisiert werden kann (sodass sie sich in ihrer patriarchalen Form möglichst bald erledigt?), ist damit nicht beantwortet. Hingegen scheint mir klar zu sein, dass das Problem der Organisation von Sexarbeit nicht beanspruchen kann, ein Kernthema der Care Revolution zu sein. Meine Referenzdefinition: https://abcdesgutenlebens.wordpress.com/category/care/

  • Stefanie Ettmann sagt:

    In aller Kürze, weil on the go…

    @ Ina Praetorius – Care:

    Ja, amen und in diesem Sinne frohes Care-Gesellschaft-Schaffen!

    Wie gesagt, über den ganzen (spannenden, komplexen und enorm wichtigen) Rest können wir uns, kann die Care Revolution sich noch jahrelang austauschen. Dem konsequenten Hinschauen auf unmittelbare und unterschiedliche Bedürfnisse aller Frauen, aller Menschen, natürlich auch der Menschen in der Prostitution, steht auch dann nichts im Wege, wenn „Sexarbeit“ nicht neben Kindererziehung, Pflege und Wohnen auf den Care-Fahnen steht.

    @ Ina Praetorius – Treue:

    Monogame Zweierbeziehungen rocken! Postpatriarchale Transformationen von Treue find‘ ich toll und schön und spannend. Der postpatriarchale Raum, der aufgeht, wenn wir mal aus
    dem zerebralen Selbstfesselungsspiel „Prostitution muss sein, war schon immer, wird auch immer sein“ ausgestiegen sind, schließt diesen Prozess für mich mit ein. Auch wenn frau da natürlich berechtigte (sexual-)historisch bedingte Zweifel anmelden kann, wie @ Anne Busch.

    Ich denke, nach 6.000 Jahren Darf-alles-nicht-geht-alles-nicht-muss-unter-den-Tisch ist das ist schlicht und einfach ein ergebnisoffener Prozess. So Sachen wie Wer-zweimal-mit-demselben-usw. waren ja vor mittlerweile fast 50 Jahren im Rahmen eines patriarchal geprägten und
    folglich spektakulär gekenterten Versuchs, das Thema anzugehen, schon mal da, brrrr – da bin ich für die Gnade meiner späten Geburt sehr dankbar.
    Genauso wie Monogame Zweierbeziehung vs. Do-whatever-you-want-without-giving-a-shit-including-prostitution-es-lebe-der-freie-Markt-mit-seinen-freien Individuen eine falsche Antagonie ist, ist es Treue vs. Ich-hab‘-Sex-mit-wem-ich-will. Der weitgehend unbespielte und noch vielfältigst auszudifferenzierende, noch viel zu unlebendige Dazwischen-Raum ist riesig, das hat @ Antje Schrupp ja großartigerweise auch schon mal irgendwo geschrieben.

    Es geht mir um Freiheit in Bezogenheit, und Bezogenheit in Freiheit. Solange eine Gesellschaft meint, dass sozial und, sofern dem Begehren aller Beteiligten entsprechend, emotional unverbindlicher Sex zwischen Menschen möglich sein muss, möge sie bitte den entsprechenden – ökonomischen, sozialen, emotionalen, intellektuellen, psychosexuellen und spirituellen –
    Rahmen dafür schaffen, dass solche Begegnungen in absoluter Gestaltungsfreiheit aller Beteiligten möglich sind. Nicht mehr, nicht weniger.

    Soziale Experimentierfelder gibt‘s natürlich einige – Polyamorie, Sabine Lichtenfels‘ Liebesschule in Tamera und viele andere Räumen in Köpfen, Herzen, Schößen, Häusern. Wenn der Himmel über Berlin der über dem ganzen Erdball wäre, würde die Welt natürlich anders
    aussehen.

    Frage: Warum geht in linken Kreisen allerortens „Europe open your borders“ ohne Probleme, aber „Europe open your mind to reconsider your 6.000-year-old violence-based paradigm of human sexual desire and thus derived conceptions of ‘social needs‘?“ so wahnsinnig schwer?

  • Anne Busch sagt:

    „…Die Frage, wie Sexarbeit am besten organisiert werden kann (sodass sie sich in ihrer patriarchalen Form möglichst bald erledigt?)“ (Ina Praetorius)

    Es ist mir ein Rätsel wie Frauen, zum einen auf die Idee kommen können, Sexarbeit habe es immer schon gegeben, noch dass Sex überhaupt eine Arbeit sein könnte.
    Das Ansinnen, das dahinter steht, Prostitution als Sex-Arbeit zu legitimieren, um damit vielleicht die Lebensbedingungen der Prostituierten verbessern zu können, mag ehrenwert sein.
    Es impliziert aber subtil und in fataler Weise genau das, was im obigen Satz zum Ausdruck kommt. Nämlich, dass es sich dabei um etwas im Kern Ehrenwertes handelt, dass eigentlich – von patriarchaler Entstellung einmal befreit – zum Zwischenmenschlichen von Anbeginn gehört.
    So als seien Frauen vorzeiten mit hochgekrempelten Ärmeln und einem Lächeln im Gesicht morgens entweder aufs Feld oder eben zu ihrer körperlichen Arbeit am männlichen Nächsten ausgerückt, bzw. ließe sich ein solches Szenario für die Zukunft lustvoll imaginieren.
    Zu einer solchen Ehrenwertigkeit der Prostitution lässt sich aber weder auf diesem Wege noch überhaupt finden. Einfach weil es sie nicht gibt.
    Unter freien Bedingungen, unter denen die female choice, als eines der beutendsten Naturgesetze überhaupt, wirklich wieder gelebt werden darf – und nichts anderes würde ich mir für die Zukunft wünschen – gibt es überhaupt keine Notwendigkeit von Prostitution. Weil es weder eine Bedürftigkeit in diesem Sinne gibt, noch eine dazugehörige Vorstellung von deren Befriedigung.
    Und das gilt eben für Frauen und für Männer.
    Im Patriarchat ist stattdessen, nicht ohne Grund, Prostitution als legitimierter Antagonismus zur Einschränkung der Sexualität von Männern und Frauen erzwungener Maßen entstanden. Wobei genau jener Aspekt der Erniedrigung der Frau hinter der „Gewerbe“-Maske verhüllt bleiben soll. Und darüberhinaus natürlich hinter dem Wörtchen „das älteste“.
    Selbst wenn sich nun Manche versuchen einzureden, es könnte ein Begegnen von Prostituierter und “Freier“ auf Augenhöhe wirklich geben, so verkennt das vollkommen die Funktion und noch viel wesentlicher die geschichtliche Entstehung und -entwicklung. Denn in der Tatsache der Existenz von Prostitution ist die Demonstration von männlicher Überlegenheit und Macht immer und notwendig immanent.
    Prostitution beginnt mit der Tempelprostitution. Diese ist aufs Engste mit der Zellebrierung der sogenannten „Heiligen Hochzeit“ verknüpft. Mittels derer, über den Umweg der Heiligung der Sexualität, sich Männer der frühen Hirtengesellschaften Eingang in den Kult verschafft und die Legitimation ihrer aufkeimenden Herrschaftsansprüche durchsetzen konnten.
    Die Unterdrückung der eigenen sexuellen Bedürfnisse durch die Frau selbst, indem sie sich dem Recht des Mannes auf ihren Körper unterwirft und diesen für seine Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung stellt, ist der tiefste Ausdruck des Erfolgs jener männlichen, einmal initiierten Unterwerfung der Frau. Das wird auch dann so bleiben, wenn die Frau – vermeintlich gleichberechtigt und aus scheinbar freiem Entschluss – diese Handlung zu einer Dienstleistung oder gar Care-Arbeit umdefiniert.
    Einzig in patriarchalen und darüberhinaus marktfixierten Strukturen können Menschen auf die Idee kommen, der Körper -und untrennbar von diesem natürlich die Seele – sei eine Ware, die Frau mit Freude zu Markte trägt wie Rüben oder Kartoffeln.
    Natürlich sollten Frauen unter freien (postpatriarchalen) Bedingungen ihre Sexualität in vielfältiger Weise leben können, aber sie werden sich nicht prostituieren (müssen).
    Noch mussten sie es irgendwann unter jenen Bedingungen, die vor patriarchalen Verhältnissen jahrzehntausende bestanden haben.

  • Ute Plass sagt:

    @Anne Busch – „Unter freien Bedingungen, unter denen die female choice, als eines der beutendsten Naturgesetze überhaupt, wirklich wieder gelebt werden darf – und nichts anderes würde ich mir für die Zukunft wünschen – gibt es überhaupt keine Notwendigkeit von Prostitution. Weil es weder eine Bedürftigkeit in diesem Sinne gibt, noch eine dazugehörige Vorstellung von deren Befriedigung.
    Und das gilt eben für Frauen und für Männer.“

    Was verstehst du unter „female choice“?

  • Anne Busch sagt:

    Liebe Ute Plass,
    es gibt einen sehr guten Text zur female choice, der alles Wesentliche konzentriert zusammenfasst. Dort sind außerdem weiterführende links und Literaturangaben zu finden. Sonstige Definitionen im Netz greifen viel zu kurz und sollten mindestens patriarchatskritisch gelesen werden. 😉

    http://gabriele-uhlmann.de/wordpress/385/

    „Die female choice ist das oberste Naturgesetz der Evolution. Im folgenden Artikel beschreibe ich die vielen Funktionen und unterschiedlichen Formen der female choice. Sie ist das Erfolgsgeheimnis der menschlichen Evolution, unseres Menschseins, denn sie bedingte die Zusammenarbeit beider Geschlechter in der Sippe, in der die Mütter und Kinder stets im Zentrum der Fürsorge standen. Die female choice als Basis dieser Kooperation kommt daher nicht der Frau allein zugute, sondern allen Menschen. Sie ist nicht nur ein Frauenrecht, sondern ein echtes Menschenrecht, und die Männer täten auch im eigenen Interesse gut daran, sie zu achten. Die Unterdrückung der female choice macht das Patriarchat erst möglich und ist die Ursache sämtlicher menschengemachter Probleme, mit denen die Weltgemeinschaft heute zu kämpfen hat.“ (Gabriele Uhlmann)

  • Das älteste Gewerbe der Welt, oder Kriege d.h. organisierte Gewalt habe es schon immer gegeben, sagt man.
    Wir Frauen aber sind die stillen oder schweigenden Mittäterinnen. Wie meine Sappho sagt:“Blick ich dich ganz flüchtig nur an, die Stimme stirbt, eh sie laut ward“…Diese Ohnmacht müssen wir Frauen überwinden.

  • Ute Plass sagt:

    Danke, Anne Busch, für die weiteren Informationen zu meiner Frage.

    Den Glauben, dass Frauen “ein bestimmtes von Mutter Natur, der Evolution, vermachtes Wahlrecht (female choice) besitzen, teile ich nicht.

    Mir ist nicht einsichtig, warum es biologistischer Argumentationen bedarf zur Beantwortung/Klärung der Fürsorgeaufgaben für Hilfebedürftige und deren besonderen Schutz u. Pflege. So bereitet mir die Bezugnahme auf die Tierwelt als Rechtfertigung u. Erklärung für eine “ female choice” auch eher Unbehagen, da mit dem Verweis auf ein“oberstes Naturgesetz d. Evolution” Frauen wieder mehr auf (reine) Natur- denn Kulturschaffende reduziert werden. Mit ‘female choice’ , so scheint mir, werden rückwärtsgewandte Paradies-Sehnsüchte bedient, und ich befürchte, dass dies eine der Fallen ist, aus der sich Frauenbewegte doch erst befreit haben bzw. sich weiter befreien wollen. Nur weil die Gebärmutter der Ort ist, an dem Leben heranwachsen kann, heißt das doch nicht, dass Gebärmutterträgerinnen damit über eine Art von Code verfügten, dem der Plan für das gute Leben aller innewohnen würde. Das Bedürfnis u. Bestreben über die jahrhundertealten, negativen, destruktiven Projektionen auf die Gebärmutter aufzuklären kann ich sehr gut nachvollziehen, und halte ich für eine Art von Pflichtaufgabe. Allerdings brauche ich dazu keinen ‘female-choice-Glauben’ und keine, aus der Zeit gefallene, Kultpraxis, die bestimmte
    Organe/Körperteile als Fetisch einsetzt um darüber gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu beeinflussen. Soll nun nicht heißen, dass ich nicht was für magisches (Wunsch)Denken übrig habe. 🙂

  • Anne Busch sagt:

    Hhm. Über diese Antwort, Ute Plass, bin ich nun doch einigermaßen erstaunt, samt altbackenem Biologismusvorwurf. Glaubte doch vielmehr ich, dass Frauenbewegte sich nun langsam aus dieser rückwärtsgewandten Sichtweise befreit hätten.
    Das ist ungefähr so, als würde man einen Physiker, der die Wirkungsweise der Gravitationskraft erklärt, kopfschüttelnd mit dem Argument zurechtweisen, man habe sich doch schon längst von derlei simplem Naturalismus befreit und befinde sich doch hoffentlich langsam in höheren – weil kultürlicheren – Umlaufbahnen. 😉
    Denn weder handelt es sich hier um irgendeine mysteriöse Fetischisierung irgendwelcher Körperteile, noch um die Beschwörung eines gebärmütterlichen Geheimcodes, noch um das Recycling irgendeiner alten Kultpraxis, noch um einen female-choice-GLAUBEN, noch um romantisch verklärende Paradiessehnsüchte, sondern vielmehr um wissenschaftlich fundiertes WISSEN.
    Dessen Aneignung natürlich nicht beim bloßen Überfliegen eines kleineren Artikels fix erledigt ist, sondern durchaus weitreichender geistiger Anstrengung und Erarbeitung sehr unterschiedlicher Informationen Bedarf. Dafür aber könnte ein solcher Artikel durchaus Anregung sein, wenn frau bereit wäre alte, längst überholte Vorurteile zu überdenken.
    Aber die Angst vor den Fesseln patriarchaler Denkstrukturen sitzt eben doch tief und damit die Sorge Frau könnte wieder auf Kind, Heim und Herd zurückgeworfen werden.
    Selbstverständlich ist das Wissen um die Wirkungsweise der female choice natürlich nur ein – wenn auch sehr wesentlicher – Baustein, um unsere Lebensverhältnisse grundsätzlich und aus einer evolutionären Sicht ganz neu zu verstehen. Vor allem aber sind diese Informationen als Grundlage notwendig, um überhaupt begreifen zu können, nicht nur wie das Patriarchat entstanden ist und sich über die ganze Welt ausbreiten konnte, sondern vor allem wie es zu beseitigen wäre. Ohne die Kenntnis solcher Zusammenhänge bleibt alles Bemühen – auch das um die „Beantwortung/Klärung der Fürsorgeaufgaben für Hilfebedürftige und deren besonderen Schutz u. Pflege“ ein blindes, mühsames Ringen mit und um das abertausendköpfige Symptom des Patriarchats, dessen Protagonistinnen nicht erkennen wollen, was in der Tiefe seine Wirkmechanismen am Leben erhält.

  • Ute Plass sagt:

    Liebe Anne Busch,
    ist es nicht so, dass die Sehnsucht nach einem friedfertigen Zusammenleben aller Menschen in dieser unserer Welt uns beiden ein gemeinsames Anliegen und Antrieb für unser Engagement ist? Ich vermute es jedenfalls und empfinde Freude bei dem Gedanken, auch wenn wir unterschiedliche Sichtweisen und Annahmen darüber haben, wie dahin zu kommen sei. Ich denke aber auch, dass wir im Aushalten dieser unserer Differenz, also im Einigsein über unsere Uneinigkeit, bereits etwas beitragen zur Vision einer echten Weltgemeinschaft. 🙂

  • Anne Busch sagt:

    Na, daran besteht doch auch meinerseits überhaupt kein Zweifel, liebe Ute Plass!
    Das Aushalten von Diversität ist doch DAS Überlebensmodel schlechthin… 😉
    Und doch ist es die Reibung aneinander, nicht das Aushalten, das letztlich weiterführt. Diese setzt den Willen zum friedlichen, achtsamen Miteinander einerseits voraus, andererseits aber unbedingt auch die Offenheit, denn erst dann wird Entwicklung überhaupt möglich.
    Dabei geht es gar nicht so sehr darum irgendeiner anderen Meinung zugänglich zu sein, um diese zu übernehmen. Denn Meinungen oder gar Borniertheiten zu allem und jedem gibt es wie Sand am Meer. Es geht mir also keineswegs darum, von der Richtigkeit meiner Meinung zu überzeugen. Das wäre ja vermessen und auch gar nicht gewünscht.
    Es geht mir für mich vielmehr immer um die so umfassend als irgend mögliche, unvoreingenommene Aneignung von Wissen und darum, auch andere eben dazu anzuregen. Dieser Prozess macht es doch erst möglich, eigene, scheinbar unumstößliche Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen.
    Dazu gehört für mich die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte biologistischer Argumentation genauso wie die Aufarbeitung der Ursachen und Mechanismen einer (auch von Feministinnen seit langem gern eingesetzten) Abwehrreaktion, nämlich Biologismus zu unterstellen.
    Das alles halte ich für eine notwendige Voraussetzung, um überhaupt ein Recht zu haben, Einfluss zu nehmen.
    So wünschenswert es ist, sich zu engagieren, so sehr liegt es auch in unserer Verantwortung einem solchen Einsatz Tiefe zu verleihen. Damit dieses vielstimmige Orchester im besten Sinne machtvoll erklingen kann.

    Wieso – könnte ich also nun abschließend fragen – schließen die Wirkmechanismen einer “female choice“ ein Kulturschaffen von Frauen überhaupt aus. Ganz im Gegenteil ist doch das eine vom anderen gar nicht zu trennen. Waren doch gerade Frauen in einer Zeit, in der die female choice noch gelebt wurde die Trägerinnen kultureller Entwicklung. Nicht nur beruhen unsere Menschwerdung zu einem großen Teil auf der sozialen Kulturleistung von Frauen, sondern unzählige andere Errungenschaften, sind das kulturelle Erbe, das wir vor allem Frauen verdanken. Wenn wir allerdings nur die Zeit patriarchaler Verhältnisse, also etwa die letzten 6000 Jahre, als kulturvoll zu betrachten bereit sind und diese als Maßstab für Kultur versus Natur begreifen, bestätigen und bekräftigen wir wieder und wieder die eben patriarchal-kulturell institutionalisierte Abwertung des Weiblichen.
    Wieso sollte also das allmähliche Erkennen biologischer evolutionärer Gesetze – die nun einmal die Grundlage unseres Lebens auf der Erde sind, ob wir das wollen oder nicht –, ein Unbehagen oder gar eine Gefahr für die Frauenbewegung darstellen. Könnte es nicht vielmehr zu eben genau der Erkenntnis führen, dass es überhaupt keine Trennung gibt und geben sollte zwischen Natur und Kultur. Und dass die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen durch den Menschen selbst, eben genau mit dieser Abkopplung und Negation von natürlichen Bedingungen zusammenhängt.

    In diesem Sinne herzliche Grüße!

  • Ich möchte mich u.a. zum Biologismusvorwurf bezüglich meines Textes http://gabriele-uhlmann.de/wordpress/385/ äußern.
    Wie wollen wir einem Erdogan entgegentreten, der die Gleichberechtigung für unnatürlich hält? Oder den Maskulisten, die das auch behaupten? http://www.spiegel.de/politik/ausland/erdogan-lehnt-gleichberechtigung-von-mann-und-frau-ab-a-1004690.html
    Wenn wir ihnen mit nichts weiter als Gender und Feminismus entgegentreten, also ideologischen Konzepten, dann haben wir in Wahrheit NICHTS und nochmal NICHTS entgegenzusetzen! Dann steht Aussage gegen Aussage. Ideologie gegen Ideologie. Dann gibt es den Krieg, den wir jetzt haben.

    Mir kommt es darauf an, das anthropologische Wissen zu verbreiten, dass GLEICHBERECHTIGUNG DURCH UND DURCH BIOLOGIE IST. Die female choice sorgt auf natürliche Weise dafür. Die Natur ist nicht biologistisch und sie benachteiligt weder Frauen noch Männer. Das Pfund mit dem wir also wuchern können, unser selbstbewusstes Frau- und Muttersein, verunglimpfen die Gendermainstreamer als biologistisch und machen sich damit genaugenommen Erdogan gleich.
    Wenn Gleichberechtigung nur eine kulturelle Errungenschaft wäre, dann bestünde keinerlei Hoffnung, dass wir jemals weltweit zu ihr zurückfinden. Denn Kultur wird im Patriarchat immer über die Natur gestellt, und nur daraus bezieht das Patriarchat seine Energie. Es zieht seine Energie aus der Unterdrückung der female choice.

    Die HEILIGE HOCHZEIT, die Anne Busch oben anführt, ist dafür DAS Symbol schlechthin. Es geht in diesem Ritual um die Aneignung sog. weiblicher Macht (vermeintlicher Macht, denn Patriarchen können nur in dieser Kategorie denken) mit dem Mittel der Unterdrückung der female choice, dies öffentlich im Staatsritual mit einer Vergewaltigung zur Schau gestellt. Das Ritual finden wir heute verweltlicht in der Prostitution, in den Kriegsvergewaltigungen, in sexuellem Missbrauch etc.. „Sperma Care“ ist in diesem Sinne nichts weiter als das Dafür-Sorge-Tragen, dass der Mann weiterhin die Oberhand behält.
    In meinem Buch „Der Gott im 9. Monat“ http://www.amazon.de/dp/3738639012 habe ich beschrieben, dass es dem Patriarchen darum geht, sich die Natur der Frau einzuverleiben, um die Allmacht zu erringen, die Unsterblichkeit, die Macht über Leben und Tod. Das versucht er nicht nur mit Unterdrückung zu erreichen, sondern auch damit, dass er der Frau das Frau- und Muttersein madig macht. Was uns keine Freude mehr bereitet, kann der Patriarch ergreifen und seine Willkür darüber ausüben. Begreifen wir doch endlich wie KOSTBAR unsere Fähigkeiten sind, so kostbar, dass die Patriarchen in ihrem Gebärneid sie uns wegnehmen wollen! Und ziehen wir uns nicht selbst gegenseitig herunter in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem Patriarchat.
    Erdogan will uns auf die Mutterrolle zurückwerfen, schreibt der SPIEGEL. Das ist Gender-Soziologen-Vokabular, aber Muttersein IST KEINE ROLLE. Diesem Irrtum sind doch auch Erdogan und seine patriarchalen Ahnen schon erlegen, nur drückt er es weniger intellektuell aus. Mütter spielen buchstäblich weder im Patriarchat noch sonst wo eine Rolle. Wir befinden uns aber sprichwörtlich im falschen Film. Das habe ich in meinem Text ausgeführt. „Rolle“ ist ein moderner Begriff für „Gefäß“, dieses Wort wurde einst dafür benutzt. Aber eine Mutter ist kein Gefäß, in das ein Embryo vom Mann hineingepflanzt wird, kein Gefäß, das nach der Geburt leer ist und weggeworfen werden kann…kein Anhängsel, das nach der Geburt das Kind dem Patriarchen schenkt, überlässt, aushändigt, ausliefert.
    Ein Topf wird nach dem Kochen abgewaschen und in den Schrank gestellt, ein Topf wird BENUTZT, so wie ein Schauspieler eine Rolle „spielt“, weil es anderen gefällt.

    MutterSEIN in der matrifokalen Sippe, also unter Wahrung der female choice, bedeutet in erster Linie Glück und Selbstbestimmung. Dieses Glück vererbt sich direkt und epigenetisch auf die Kinder. Matrifokalität bringt keine frustrierten jungen Männer hervor, die Bomben werfen, oder unglückliche Frauen, die sich prostituieren müssen. Keine Frau MUSS unter Matrifokalität Mutter werden, keine Lesbe, kein Schwuler wird diskriminiert, sondern sie werden aufgefangen und in der Sippe geliebt und gebraucht. Welcher Mann sich darum reißt, mit Kindern leben zu wollen, wird nicht als Väterrechtler per Gericht einer Mutter die Kinder wegnehmen können, sondern findet in der Sippe ausreichend Betätigungsfelder, die ihn keinen Cent kosten. Ebenso ist sexueller Frustration vorgebeugt, weil niemand ein Treuegelöbnis leisten muss. Treue findet in der Sippe statt, auf natürliche Weise, durch verwandtschaftliche Bindung, durch sich gegenseitiges Versorgen. Die Sexualität ist davon völlig getrennt und braucht keine Treue. Frauen und Kinder sind in der Sippe vor Übergriffen geschützt, weil keine Ideologie Tätern Rückhalt gibt, und weil die Sippenmitglieder füreinander Verantwortung empfinden.

    Schon heute leben sog. alleinerziehende Mütter vor, dass es die natürlichste Sache der Welt ist, nicht von einem Mann abhängig zu sein. Sie erleben den Rückhalt ihrer Mütter und Schwestern, sind also gar nicht allein, und werden es nie wieder sein. Reich wird frau so vielleicht nicht, aber zufrieden. Wenn nur die nächste Generation es genauso macht, sind wir auf einem guten Weg.

  • Ute Plass sagt:

    @Gabriele Uhlmann –
    Die italienischen Philosophin Luisia Muraro verweist ebenfalls darauf, wie es uns gelingen kann, dass das Patriarchat zu Ende gehen kann:
    «Es geht darum, eine Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen, die symbolischer Natur ist, die im Denken stattfindet. Wir sprechen aus, was auch vielen anderen Frauen, mit denen wir Kontakt haben, aus ganz unterschiedlichen sozialen Verhältnissen und Altersstufen, aufgefallen ist: dass nämlich die männliche Überlegenheit, diese Vorrangstellung des Mannes, die in meiner Jugend noch ganz selbstverständlich war, dass es die heute so nicht mehr gibt. Sie verliert ihre Bedeutung, weil immer mehr Frauen nicht mehr daran glauben. Das spürt man an der Art und Weise, wie Frauen sprechen, wie sie Entscheidungen treffen. Das meinen wir, wenn wir vom Ende des Patriarchats sprechen: Es ist zu Ende, weil die Frauen nicht mehr daran glauben, weil sie ihm keinen Kredit mehr einräumen.«
    http://antjeschrupp.de/interview-luisa-muraro

  • Im Grunde ist es ja gar kein Wunder, dass wir Frauen, die ja ebenso wie die Männer sich seit 7000 Jahren im patriarchalen Denken üben, wenn auch unfreiwillig, uns eine andere Gesellschaft als die patriarchale gar nicht vorstellen können. Dabei gibt es auch heute (noch und trotz allem!) matrifokale Gemeinschaften, die uns das vorleben, dort wird aber nicht oder nur von wenigen hingesehen. Das Vorzeige“modell“ unter den indigenen matrifokalen Sippen sind sicher die Mosuo aus Südchina. Fragt doch mal eine Mosuo-Frau, was sie sich unter Treue vorstellt, was für sie Ehe bedeutet, welche Bedeutung der Vater ihres Kindes für sie hat, ob es Machtspielchen wie im Patriarchat gibt, eine Hierarchie, welche Rolle Männer spielen, ob es psychische Probleme gibt, wie ihre Kinder aufwachsen usw. Keine dieser Frauen ist unterdrückt. Keiner der matrifokalen Männer möchte mit einen patriarchalen tauschen, selbst wenn die sich über sie lustig machen (sie entgegnen selbstbewusst: Und ihr? Ihr schlagt eure Frauen.) Es ist ein ganz anderes Zusammenleben, das wir patriarchal geschädigten Frauen noch nicht einmal mehr denken können. Genau deshalb ist auch der Feminismus, der von all diesen Fakten, die hier genannt wurden, keine oder nur vereinzelt Ahnung hat, kontraproduktiv, weil er in patriarchalen Dimensionen denkt. Der Biologismus ist ein gutes Beispiel. Ich selbst habe mal all die Aspekte, die das Patriarchat ausmacht, in einem Blogartikel zusammen gefasst. Ich hoffe, er macht deutlich, wie umfangreich sich das Patriarchat in unseren Leben verankert hat und wie heimtückisch es alle guten Ansätze, es abzuschaffen, zu unterwandern versteht:
    https://suedelbien.wordpress.com/2015/08/06/zweck-und-wirkung-des-patriarchats/

  • Ute Plass sagt:

    Ein hörens/lesenswerter dlf-Beitrag der ebenfalls zum Weiterdenken anregt.

    „Keine Unterschiede machen
    Mann. Frau. Schwarz. Weiß. Unser Denken und unsere Sprache beruhen auf Unterschieden. Mit dem Unterscheiden fängt das Denken an, behauptete der noch junge Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel in jungen Jahren. Und hatte recht – wie unrecht.

    Denn mit dem Unterscheiden fängt auch die Dummheit an. Frauen werden ausgeschlossen, noch immer, das ist Alltag. Das Ausschließen ist ein historisches Erfolgsmodell, könnte man sagen und Frauen hatten nun mal nicht das Sagen. Die Neuzeit aber hat die Unterschiede nivelliert. Die Demokratien behaupten stolz von sich, sie hätten sie abgeschafft. Alle Menschen sind gleich. Und manche gleicher. Immer noch. Gleicher, weil reicher, eloquenter, gebildeter, weißer, männlicher. Gleicher, weil mächtiger. Martin Zeyn unternimmt eine essayistische Annäherung an ein Denken, das nicht mehr ausschließt. Denn: Gesellschaften funktionieren nur als Ganzes. Ohne auszuschließen.“

    Vollständige Sendung:
    http://www.deutschlandfunk.de/philosophie-keine-unterschiede-machen.1184.de.html?dram:article_id=334406

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