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Forum für Philosophie und Politik

Rubrik Blitzlicht

Gendergerecht schenken?

Von Juliane Brumberg

„150 Adventskalender für Flüchtlingskinder gespendet“ stand kürzlich in meiner Heimatzeitung, „in zwei Ausführungen jeweils für Mädchen und Buben“. Sind ausgerechnet Adventskalender das, was Flüchtlingskinder brauchen? Klar, die Jungen bekommen die blaue Piratenvariante mit Lagerfeuer, Fernrohr, Säbel und Pistole, die Mädchen den „Ankleidespaß“ mit Hütchen, Halskette, Handtasche und schulterfreiem Oberteil. Ist gut gemeint auch wirklich gut? Da lernen also die Flüchtlingsjungen und Flüchtlingsmädchen gleich, welche Accessoires ihnen in der neuen Heimat zustehen. Als meine Kinder klein waren, wurde noch geschlechtsneutrale „Waldweihnacht“ mit allerlei Tieren und Bäumen angeboten. Aber da gab es auch noch keine gegenderten Gewürzgurken, knackig&kräftig mit blauem Etikett der Gurken-Bub sowie knackig&lieblich in rosa das Gurken-Madl.

2015_12_Gewürgurken_gegendertGeschlechterstereotype können durchaus nützlich sein – vielleicht gerade in Zeiten, in denen Frauen und Männer nicht nur im Berufsleben, sondern auch im Familienalltag fast dieselben Anforderungen erfüllen müssen – weil sie vereinfachen und die Orientierung erleichtern. Um handlungsfähig zu sein, brauchen wir Ordnung und Kategorien. Stereotype sind etwas anderes als Vorurteile. Sie formulieren generalisierende Ansichten über soziale Gruppen, wobei häufig Auf- und Abwertendes mitgeliefert wird. Sie tragen dazu bei, eigene Unsicherheiten zu vermindern und Widersprüche auszublenden. Die Festschreibung der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit durch Rollenstereotype schränkt Wahlmöglichkeiten ein. Problematisch sind sie vor allem dann, wenn sie, wie etwa bei Kinderspielzeug, unbewusst wirken und Machtverhältnisse konstruieren: Jungen sind stark und geben den Ton an, Mädchen sind klein und niedlich, sie müssen gefallen. Das sind die Rollenstereotypen, die jene Selbstabwertung von Frauen fördern, die deren Benachteiligung erst möglich macht.

Zum Glück gibt es seit vier Jahren die Initiative pinkstinks, „eine junge Protestorganisation, die gegen Produkte, Werbe- und Medieninhalte agiert, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen.“ Pinkstinks geht davon aus, dass die „Pinkifizierung“ Mädchen und Jungen gleichermaßen betrifft und will diesem Trend entgegenwirken – mit Theaterarbeit an Schulen, Vorträgen, Kampagnen gegen „Germany’s next Topmodel“ und sexistische Werbung sowie durch Gespräche mit der Politik. Zur Zeit werden Unterschriften für eine Petition gesammelt, die das Verbot von geschlechterdiskriminierender Werbung fordert. Was 2012 mit einer Kampagne gegen sexistische Bikiniwerbung auf Leuchtlitfaßsäulen in Hamburg begann, ist zu einem gemeinnützigen Verein geworden, der nicht nur medienwirksam Öffentlichkeitsarbeit betreibt, sondern auch intensive Lobbyarbeit in Berlin leistet. Vereinsgründerin Stevie Schmiedel, eine promovierte Genderforscherin, weiß auf achtsame und überaus kompetente Weise von der Seriosität und der Wichtigkeit ihrer Anliegen zu überzeugen. Inzwischen kümmern sich mehrere weibliche und männliche Mitarbeiter_innen um den stets aktuellen Internetauftritt. In einem Modellvortrag wird anschaulich erklärt, wie es dazu gekommen ist, dass kleine Mädchen pink lieben. „Wir wollen niemandem aufzwingen, seine Töchter nicht mit Barbie spielen zu lassen. Wir wollen lediglich aufweisen, warum sie das tun, und was es für unsere Welt bedeutet.“

 

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Brigitte Leyh sagt:

    Bravo! Gerade vor Weihnachten ein ganz wichtiger Hinweis, damit die Schenkenden – sofern sie willig sind – die Schlupflöcher finden, mit deren Hilfe sie Pinkifizierung und Stereotypisierung ausweichen können.

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