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Davos ist überall Oder: Wie ich versuche, Ökonomie wieder zur Oikonomia zu machen

Von Esther Gisler Fischer

Wirtschaften ist etwas anderes als Geldvermehrung. Foto: Ina Praetorius

Wirtschaften ist etwas anderes als Geldvermehrung. Foto: Ina Praetorius

Die Bündner Bergstadt Davos und mit ihr die gleichnamige Talschaft befand sich in den vergangenen Tagen wieder einmal in einer mehr oder weniger selbstauferlegten Geiselhaft: Es tagte das „Weltwirtschaftsforum“, das WEF, dieses Jahr zum Thema „Die vierte industrielle Revolution“. Wie jedes Jahr nahmen vermeintliche Größen aus Politik und Wirtschaft teil. Wie jedes Jahr gaben sie vor, an den Lösungen für die Probleme unserer Welt zu arbeiten. Ein Mandat der Zivilgesellschaft, dies zu tun, haben sie nicht. Die Schweizer Steuerzahler_innen dürfen aber für die Kosten der Bewachung durch Militär und Polizei aufkommen, während anderswo gespart wird, was das Zeug hält.

Was ist Wirtschaft?

Arbeitsteiliges Wirtschaften ist eine gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität.“ So definiert der emeritierte St. Galler Wirtschaftsethiker Peter Ulrich in seinem Buch „Integrative Wirtschaftsethik“ die Ökonomie. Haben die Leute am WEF und all die anderen, die ständig von „Wirtschaft“ sprechen, diese Definition verstanden?

Am 11. September 2015  besuchte ich in Bern eine Tagung des evangelischen Hilfswerkes „Brot für alle“. Noch bis 1991 hatte dieses Hilfswerk „Brot für Brüder“ geheißen. Unter dem Titel „Hunger, Wut & Wandel“ sprach ein Wirtschaftsethiker mit Namen Edouard Dommen. Er definierte Wirtschaft sogar als „Befriedigung der Bedürfnisse von Bedürftigen“, argumentierte dann aber, als gäbe es diese seine eigene Definition nicht. Auch er reduzierte, wie das WEF seit jeher, das Wirtschaftsgeschehen aufs Geld. Moderiert wurde der Anlass von der Philosophin Barbara Bleisch. In ihren An- und Abmoderationen zitierte sie ausschließlich Männer. Keine einzige Frau.

Ist Wirtschaft Männersache?

Nach dem Vortrag durften wir, das Publikum, Fragen stellen. Nur Fragen, keine alternativen Positionen waren erlaubt, als seien wir alle Unwissende, die sich an unangefochtene Expert_innen wenden. So verpackte ich also folgendes Statement in eine Frage, wobei ich mich vom Begriff „Scheißologie“ leiten ließ, der im „ABC des guten Lebens“ vorkommt:

„Wir haben von Arbeit nur gehört als Erwerbsarbeit; von unbezahlter Care-Arbeit war bislang nie die Rede. Wir alle würden aber nicht hier sitzen, wenn in unserer Kindheit nicht jemand für uns gesorgt hätte, wenn uns eine Bezugsperson – höchstwahrscheinlich weiblichen Geschlechts – nicht zum Beispiel die Windeln gewechselt hätte. Vermutlich wurde diese Person nicht bezahlt. Wenn Ökonomie nun als ‚Befriedigung der Bedürfnisse gerade der Bedürftigsten’ definiert ist, müssten Sie dann nicht solche Leistungen einbeziehen? Wenn ein gutes Leben für alle Menschen auf unserem Planeten möglich werden soll, dann muss die Ökonomie wieder ihre ursprüngliche Bedeutung annehmen, also ‚Lehre vom Haus Welt’ werden, sprich: von ihrer Pervertierung zu einer bloßen Geldlehre befreit werden.“

In der Pause bekam ich ein paar positive Rückmeldungen auf meine Intervention, zum Beispiel von der Frau, die am Nachmittag ein Zukunftsgespräch zum Thema Care leitete.

Ich selbst besuchte den Workshop zum Thema „Bien vivir-Vivir bien“. Dieses andine Konzept des „guten Lebens“ ist seit einigen Jahren in den Verfassungen der Staaten Bolivien und Ecuador verankert und umfasst sowohl einen Ausgleich in den Beziehungen unter Menschen wie auch zur Mitwelt und den natürlichen Ressourcen. Es sprachen drei Männer, und ich erfuhr nichts Neues. Weibliche Autorität kam erst zum Zuge, als Frauen auch in diesem Gespräch aus der ihnen zugewiesenen Rolle als Fragestellerinnen ausbrachen und ihre Kenntnisse ins Spiel brachten. Auch hier erwähnte ich das „ABC des guten Lebens“ als Projekt einiger engagierter Frauen aus Europa.

Zum Schluss der Veranstaltung war die Verabschiedung des in Pension gehenden Geschäftsleiters des Hilfswerks an der Reihe. In seiner Rede sprach er von „der Kirche“ als „Arbeitgeber“, worauf sich mir die imaginären linguistischen Nackenhaare stellten. Sein Nachfolger überraschte den abtretenden Chef mit einem Büchlein zum Thema „Entwicklung neu denken“, in dem Beiträge von achtzehn Männern und drei Frauen versammelt sind…

Wirtschaft ist Care!

Dass Wirtschaft dringend wieder auf ihre ursprüngliche Bestimmung als „gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität“ zurückgeführt werden muss, wird heute vielen Menschen langsam, aber sicher klar. Dazu gehört ganz wesentlich, sich Gedanken darüber zu machen, wie Care– und Erwerbsarbeit gerechter verteilt werden können. Das heißt auch: Welche Regeln müssen die multinationalen Konzerne, die sich jedes Jahr in Davos versammeln, einhalten, damit ihre Geschäfte sozial- und mitweltverträglich werden? Wie sorgen wir dafür, dass die „vierte industrielle Revolution“, also der vermehrte Einsatz von Robotern, der Menschheit und nicht nur den Reichsten der Reichen zugute kommt? Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen? Wie aber müsste dieses gestaltet sein, damit es den Care-Arbeitenden nützt? – Zu dieser letzten Frage ist in der Schweiz soeben eine Frauenbewegung „9. Januar“ ins Leben gerufen worden. Denn voraussichtlich im Juni 2016 werden wir über die „Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ abstimmen. In dieser neuen feministischen Bewegung für das „BGE“ engagiere ich mich.

Wir alle können jederzeit, in Alltagsgesprächen und auf Veranstaltungen, in Social Media, durch Leserinnenbriefe und noch viel mehr, dazu beitragen, dass die nur noch so genannte Ökonomie“ zu ihrer lebensdienlichen Bedeutung zurück findet, in Davos und überall.

Autorin: Esther Gisler Fischer
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 26.01.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Danke Esther für deinen wichtigen Beitrag! Ich habe am TV mehre WEF Panels verfolgt. Mir ist dabei aufgefallen: Wenn Frauen beteiligt waren, stand oft – nicht immer – ein erweiterter Ökonomiebegriff im Raum, immerhin…

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