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Rubrik denken

Frausein, Körperlichkeit, Schwangerwerdenkönnen

Von Antje Schrupp, Jutta Pivecka

Über die Bedeutung des Körpers für das Frausein diskutierten die bzw-Redakteurinnen Jutta Pivecka und Antje Schrupp; wir dokumentieren das Gespräch in vier Teilen. Im ersten Teil ging es um die Frage: Wer ist eine Frau?, im zweiten um die Bedeutung der biologischen Geschlechterdifferenz. Dieser dritte Teil vertieft das Thema „Frausein, Körperlichkeit, Schwangerwerdenkönnen”.

Foto: Andreas Rodler/Flickr.com (cc by-nc)

Foto: Andreas Rodler/Flickr.com (cc by-nc)

Antje: Eigentlich bräuchten wir zwei Begriffe, einen für „Frau” in dem politischen Sinn, den ich im vorigen Teil unseres Gesprächs skizziert habe, also als Bezeichnung für eine Person, die sich in den aktuellen Geschlechterdiskursen bewusst als Frau positioniert. Aber dann brauchen wir auch noch einen Begriff für Personen mit einem Körper, der möglicherweise schwanger werden kann (oder früher mal schwanger werden konnte). Das „Sternchen”, mit dem manche Feministinnen das Wort Frau heutzutage markieren, soll ja darauf verweisen, dass beides nicht deckungsgleich ist, dass „Frau” ein gesellschaftliches Konstrukt ist. Ich selber benutze das Sternchen allerdings genau umgekehrt, nämlich dann, wenn ich tatsächlich einmal speziell Menschen mit einem biologisch weiblichen Körper meine. Das ist nämlich der Sonderfall. Normalerweise ist, wenn jemand das Wort „Frau” benutzt, fast immer die soziale Konstruktion „Frau” gemeint. Von daher braucht man da auch kein Sternchen, denn „Frau” ist ganz einfach der Begriff für ein gesellschaftliches Konstrukt.

Jutta: Das stimmt. Trotzdem, glaube ich, würden viele ihr Selbstverständnis durch eine solche Bedeutungsverschiebung des Wortes „Frau” nicht abgebildet finden. Es bliebe rein akademisch. Ich kann auch nachvollziehen, wenn Frauen sich dadurch angegriffen fühlen, weil sie sich ihr Empfinden nicht weglassen nehmen wollen, dass ihr Bewusstsein als Frau und ihr weiblicher Körper eine Einheit sind und nicht voneinander zu trennen sind. Auch mein Frausein definiere ich zuerst nicht als politische Position. Und es positionieren sich ja ohnehin nicht alle, die biologisch eine Frau sind, als „politische Frauen”. Umgekehrt ist  das ist ja auch nicht so.

Antje: Das ist leider das Problem, sage ich jetzt als politische Aktivistin, als Feministin. Ich werbe dafür, dass Frauen verstehen, wie wichtig es wäre, dass sie ihr Frausein in seiner politischen Bedeutung verstehen. Aber das ist sozusagen in meinem Hinterkopf. Im Alltag spreche ich das Sternchen ja auch nicht mit, ich benutze das Wort „Frau” wie die meisten Leute für beides. Aber die Diskussion darüber zu führen, was wir denn eigentlich meinen, wenn wir „Frau” sagen, die finde ich wichtig. Und deshalb bin ich nicht einverstanden, wenn manche Feministinnen sagen, darüber bräuchten wir gar nicht nachzudenken, weil das Doppel-X-Chromosom sozusagen schon alles entscheidet. Weil das Frausein damit eindeutig definiert und sicher bewahrt sei. Ich glaube nicht daran, dass die Existenz von Frauen auf einer materiellen biologischen Ebene gesichert ist. Das halte ich für riskant. Ich glaube, dass wir das Frausein nur auf der politischen und diskursiven Ebene retten können, sonst könnte es irgendwann bloß noch Folklore sein.

Jutta: Das glaube ich nicht.

Antje: Naja, es gibt inzwischen viele Leute, denen es nicht mehr unmittelbar einsichtig ist, warum Schwangerwerdenkönnen irgend eine besondere Bedeutung haben sollte.

Jutta: Das nehme ich anders wahr. Es ist nämlich nicht so, dass du Jungen oder Mädchen darauf stoßen müsstest: Hoppla, da gibt es einen Unterschied, denn ein Mädchen kann schwanger werden. Jedes Mädchen macht die Erfahrung der Monatsblutung. Und daraus ergeben sich Fragen. Die eben in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich beantwortet werden. Die „Seins-Ebene” bleibt.

Antje: Auf einer faktischen Ebene hast du damit recht, aber wir leben doch in einer Zeit, wo klar ist: In dem Moment, wo du menstruierst, musst du sofort die Pille nehmen. Keine Kinder zu kriegen ist das Normale, und wenn es doch einmal vorkommt, sollen Schwangerschaft und Geburt möglichst nicht auffallen und keine große Rolle spielen.

Jutta: Wirklich? Ich finde nicht, dass das stimmt. Nur für einen winzigen Ausschnitt der Gesellschaft. Vor allem weltweit…

Antje: Weltweit ist das anders, das stimmt. Ich rede nur von hier.

Jutta: Selbst hierzulande ist es meinem Eindruck nach nicht so. Für viele junge Frauen, die ich unterrichte, ist es nicht selbstverständlich, sich die Pille verschreiben zu lassen. Die sind auch ganz stark mit einer Sexualmoral konfrontiert, die wir vielleicht als antiquiert empfinden, gegen die sie sich aber noch nicht mal wehren, sondern die sie wirklich verinnerlicht haben, an der sie nicht mal eine Kritik haben. Deine Beschreibung gilt meiner Meinung nach nur für ein ganz eng begrenztes Milieu.

Antje: Naja, sie gilt schon für den größten Teil des bildungsbürgerlich geprägten Milieus in Deutschland.

Jutta: Ja, das bildungsbürgerliche. Aber für alle anderen, und das sind doch immer noch die meisten, gilt das eben nicht. Die betreiben nicht aktiv Familienplanung. Und für viele ist Kinderkriegen immer noch eine Selbstverständlichkeit und nicht etwas, wofür oder wogegen man sich entscheidet.

Antje: Aber dieses Milieu, von dem ich rede, ist in Deutschland sicher kein winzig kleines. Und was den politischen Diskurs betrifft, so ist es sogar ein sehr großes, der Mainstram nämlich. Du hast natürlich recht, dass es sich anders darstellt, wenn wir die Gesellschaft insgesamt anschauen. Aber dann stellt sich das Problem auch wieder gar nicht, weil die Menschen aus den anderen Milieus selten meine Texte lesen oder sich dafür interessieren, ob ich Frau mit Sternchen schreibe oder ohne.

Jutta: Aber wir leben ja nicht auf einer Insel.

Antje: Wenn ich mit Menschen spreche, die nicht in dem feministischen, bildungsbürgerlichen Diskurs drin sind, dann mache ich das ja auch nicht zum Thema. Aber wenn ich über diese Themen publiziere oder dazu blogge, dann bewege ich mich eben innerhalb eines bestimmten Diskurses, der nun einmal nicht von der gesamten Bevölkerung geführt wird, sondern von einem bestimmten Teil davon. Und für diesen Teil ist die Frage, was „Frau” bedeutet, wichtig. In diesem Diskurs wird gefragt, wofür man die Unterscheidung zwischen Frauen und Männern eigentlich noch braucht. Dass diese Unterscheidung heute so folkloristisch inszeniert wird, mit den ganzen Geschlechterstereotypen, dem Rosa und Blau für Kinder, hängt meiner Meinung nach genau mit dieser Unsicherheit zusammen. Die Geschlechterklischees werden ja gerade von bildungsbürgerlichen Eltern völlig unkritisch inszeniert, mit Cupcakesbacken und Deko-Orgien zu Kindergeburtstagen. Diese ganze sterotype Geschlechterperformanz ist ja heute viel größer ist als in den 80ern und 90ern, und zwar gerade in den bildungsbürgerlichen Milieus. Meiner Meinung nach ist das eine Folge davon, dass die substanzielle Bedeutung von Geschlecht verlorengegangen ist, weshalb eine künstliche inszeniert werden muss. Denn in diesem Milieu ist das Schwangerwerdenkönnen nur noch ein mögliches Detail unter vielen anderen im Lebenslauf. In diesem Milieu ist auch die Idee sehr verbreitet und beliebt, dass die Folgen des Kinderkriegens paritätisch unter Frauen und Männern aufgeteilt werden können, dass es also abgesehen von diesen neun Monaten der Schwangerschaft keinerlei Unterschied mehr gibt, denn „Papa kann auch stillen”, wie ein Buchtitel heißt. Und vieles davon stimmt ja. Man kann fast alles paritätisch aufteilen, wenn man das tatsächlich will. Das heißt, unsere Gesellschaft ist von diesem Diskurs ausgehend bereits so umgebaut worden, dass das Schwangerwerdenkönnen im Leben von Frauen eine viel viel geringere Rolle spielt als zu anderen Zeiten und in anderen Regionen der Welt. Und die Utopie ist, dass es irgendwann möglichst gar keine Rolle mehr spielen soll, wer das Kind jetzt eigentlich geboren hat. Aus dieser Situation heraus kommt meiner Meinung nach die verbreitete Ratlosigkeit in Bezug auf die Bedeutung von Geschlecht, die sich dann in Klischees äußert. Meine Antwort darauf wäre, als Alternative zu den Stereotypen: Man muss das Frausein politisch verstehen.

Jutta: Ich glaube, wir haben hier eine der Ursachen unseres Dissens freigelegt. Denn ich nehme die Situation tatsächlich anders wahr. Es gibt dieses Milieu, das du beschreibst, aber aus meiner Perspektive ist das nicht so prägend. Das ist für mich sogar bezogen auf die – sagen wir mal – biodeutsche Gesellschaft nur ein Ausschnitt. Immer noch gehen viele von klaren Zuschreibungen aus und halten am Ideal der Vater-Mutter-Kind-Familie fest, die auch zum Teil aus religiösen Gründen nicht in Frage gestellt wird. Es besteht unter diesen Frauen auch eine sehr große Sicherheit, dass es so richtig ist. Früher fand man diese Auffassung vielleicht stärker in christlichen Kreisen, heute eben in einer sich anders zusammensetzenden Gesellschaft auch und ganz ähnlich in muslimischen Gemeinden. Da lebt durchaus die Überzeugung fort, dass Kinderkriegen zum Frausein gehört.

Antje: Ja, aber das ist doch blöd, das will ich doch nicht so haben! Mich interessiert doch, wie wir diese überkommenden traditionellen, unhinterfragten Geschlechterzuschreibungen wegbekommen können. Die sind doch nichts, womit ich mich zufrieden gebe!

Jutta: Ich bin mit dir einig darin, dass ich diese starren Rollenzuschreibungen auflösen will. Aber ich glaube eben, dass das leichter gelingen kann, wenn wir nicht grundsätzlich in Frage stellen, dass es Männer und Frauen gibt. Wenn ich diese Differenz, die auch eine biologische ist, nämlich aufgebe, dann wollen viele schon nicht mehr zuhören, weil ihnen das so absurd erscheint wie zu sagen, es gibt keine Gravitation oder so. Deshalb kann ich viel mehr erreichen, wenn ich diese Rollenzuschreibungen konfrontiere mit den biologischen Fakten. Dann zeigt sich nämlich, was veränderbar und gesellschaftlich verhandelbar ist und was nicht. Was mit Macht zu tun hat und mit bestimmten Arbeitsverhältnissen zum Beispiel und was mit dem Mann- und Frausein selbst. Es gibt nämlich für die allerallermeisten Zuschreibungen eben keinen biologischen Grund. Aber trotzdem gibt es einen biologischen Grund dafür, dass wir Männer und Frauen unterscheiden.

Antje: Ja, ich laufe ja nun auch nicht durch die Gegend und rufe dauernd aus: „Frauen und Männer gibt es nicht!” Aber es geht mir durchaus um die Vermittlung einer politischen Bedeutung der Geschlechterdifferenz, und in diesem Zusammenhang finde ich, dass es eben in problematische Diskurse gehen kann, wenn man das Frausein einfach an der Biologie festmacht. Wenn ich die weibliche Differenz zum Hebel machen will für andere Arten von Politik, für andere Arten von Interessen, andere Begehren und so weiter – und das will ich -, dann ist erfahrungsgemäß die Versuchung groß, sich auf die Biologie zu stützen und die Anstrengung der Politik zu umgehen. Das haben ja viele Feministinnen gemacht, wenn sie zum Beispiel unter Rückgriff auf Biologisches behauptet haben, Frauen wären von Natur aus friedliebender, unaggressiver, mehr auf Ausgleich bedacht und so weiter.

Jutta: Und genau davon möchte ich auch weg. Aber es würde mich zum Beispiel schon interessieren: Wie wird mit Menstruation umgegangen, welche gemeinsamen und unterschiedlichen Erfahrungen haben wir, nämlich Frauen, damit. Das ist ein Thema, da brauche ich mich mit Männern nicht drüber zu unterhalten. Oder mit Frauen, die biologisch keine Frauen sind. Ein anderes Thema wäre das Gebären. Das ist für mich persönlich eine traumatische Erfahrung gewesen, und es interessiert mich, darüber mit biologischen Frauen zu reden und nicht mit Menschen, die nicht gebären können.

Antje: Aber dich würde vielleicht interessieren, was ein Transmann dazu sagt, der auch geboren hat.

Jutta: Ja, jemand, der geboren hat. Aber sonst nicht.

Antje: Da kannst du doch sagen: Ich will jetzt reden mit allen, die schon mal menstruiert haben.

Jutta: Ich finde es schlichter und charmanter, dann zu sagen: mit Frauen. Frausein ist für mich auch etwas Biologisches. Und ich finde es falsch, das nicht auszusprechen, weil es missbraucht werden kann. Das Biologische ist der Ursprung der Differenz, und es geht nicht weg.

Antje: Ich würde sagen, das Biologische ist der Anlass für die Differenz, nicht der Ursprung. Ja, das geht nicht weg, aber…

Jutta: Und es ist für mich auch kein Ziel, diese aus meiner Perspektive ursprüngliche Differenz wegzukriegen. Das ist so ein Punkt, bei dem ich mich häufig mit jüngeren Feministinnen auch im Ziel nicht einig fühle. Ich will die Differenz nicht weghaben.

Antje: Das musst du mir nicht sagen. Ich doch auch nicht!

Jutta: Gerade auch die Differenz zwischen Mann und Frau will ich gar nicht weghaben. Das erinnert mich dran: Ich habe eine Fortbildung besucht, da sollte man sich aufstellen und eine Wand stand für  “100 Prozent Frau” und die andere für „100 Prozent Mann” und für mich war das gleich klar:  “100 Prozent Frau”. Denn es gibt an mir nichts, was ich als „Nicht-Frau” empfinde.

Antje: Auch da bin ich völlig mit dir einer Meinung. Diese Vorstellung, es gäbe sozusagen fließende Übergänge zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, ist ein kolossaler Irrtum. Das ist ganz und gar nicht der Fall, sondern Frauen sind qua Frausein zu 100 Prozent Frauen, sie können gar nichts Männliches machen, weil…

Jutta: Offenbar fühlen sich andere anders.

Antje: Es gibt Menschen, die sich vielleicht weder als männlich noch als weiblich fühlen oder sich nicht zuordnen lassen. Aber wenn wir mit Begriffen wie „Männlichkeit” und „Weiblichkeit” operieren, dann liegt es ja an uns, was wir darunter verstehen. Ich bin jedenfalls total dagegen, es als fließenden Übergang zu verstehen. Männlichkeit und Weiblichkeit hängen für mich an der jeweiligen Person, das heißt auch an dem Körper der Person, die Frau oder Mann ist. Das sehe ich genauso wie du. Nur dass ich die Frage, auf welche Weise es an dem Körper dieser Person hängt, anders beantworte als du. Erst da kommt unser Dissens ins Spiel: Ich sage, es hängt an dem Körper einer Person nicht deshalb, weil sie zwei X-Chromosomen hat, sondern weil sie sich hinstellt, als körperliches Wesen, und sagt: Ich bin eine Frau.

Jutta: Das ist jetzt aber Sprachfetischismus, so als könne die Bezeichnung definieren, was sie bezeichnet.

Antje: Nein, der Körper muss das Pfand schon einlösen. Es geht nur bei einer Person, die das Frausein verkörpert, es kann nicht nur ein Lippenbekenntnis sein. Sie muss also tatsächlich dafür einstehen, dass sie eine Frau ist. Fürs Frausein reicht es nicht, sich mal irgendwo im Internet einzuloggen und einen Frauennamen zu geben oder einen weiblichen Avatar. Man kann das Frausein nicht faken, nicht so tun als ob, sondern man muss es wirklich sein, und an dieser Verkörperung entscheidet es sich meiner Meinung nach auch, und nicht an der Art und Weise, wie dieser Körper beschaffen ist. Das gilt im Übrigen für Cis- und für Transfrauen gleichermaßen. Das alles verhindert ja nicht, dass wir unter der Überschrift „weiblich und Frau sein“ auch über Menstruation und Schwangerwerdenkönnen sprechen. Es können ja sowieso nicht alle Frauen schwanger werden, und es menstruieren auch nicht alle Frauen, selbst wenn man nur die XX-Menschen betrachtet. Und wir reden unter Frauen doch über viele Themen, ohne auf der Notwendigkeit zu bestehen, dass alle Frauen von diesen Themen betroffen oder an ihnen interessiert sein müssen.

Im vierten und letzten Teil dieser Serie gegt es in einem weiteren Sinne um Biotechnologien: Darf man mit dem eigenen Körper machen, was man will? Wie verhält es sich mit Leihmutterschaft?

 

Autorin: Antje Schrupp, Jutta Pivecka
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 12.06.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Eine sehr interessante Serie, danke Euch dafür!

    Antje schreibt:

    „Diese Vorstellung, es gäbe sozusagen fließende Übergänge zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, ist ein kolossaler Irrtum.“

    Warum? Es gibt doch das 3.Geschlecht, den Hermaphrodismus und Pseudohermaphrodismus, bei denen die Körperlichkeit (!) eben nicht eindeutig, sondern „vermischt“ erscheint. In manchen Kulturen haben diese Menschen ja sogar einen eigenen sozialen Status, etwa in Indien (und westliche Pornografie kennt den Sektor „Shemales“).
    Und sie sind doch ganz gewiss nicht „100% Frau“ oder „100% Mann“.
    Als nochmal etwas Anderes verstehe ich Menschen, die sich lediglich psychisch als „im falschen Körper“ empfinden (dazu hab ich letztens kommentiert).

    Antje:

    „Es gibt Menschen, die sich vielleicht weder als männlich noch als weiblich fühlen oder sich nicht zuordnen lassen. Aber wenn wir mit Begriffen wie „Männlichkeit” und „Weiblichkeit” operieren, dann liegt es ja an uns, was wir darunter verstehen. Ich bin jedenfalls total dagegen, es als fließenden Übergang zu verstehen.“

    Mir fehlt da eine schlüssige Begründung. Denn:

    Männlichkeit und Weiblichkeit können m.E. biologisch oder sozial/psychologisch definiert werden.

    -> Biologisch gibt es unklare/vermischte Individuen (Merkmale sowohl als auch), also liegt es doch nahe, dies als ein Zwischenreich, als ein Übergangsfeld zu begreifen.

    -> Sozial/psychologisch gesehen gibt es bei jedem Geschlecht eine Mehrheit, die faktisch den traditionellen, klischeehaften Zuschreibungen entspricht – und eine nicht ganz kleine Minderheit, die anders ist: als Frau männlicher (von den Zuschreibungen her gesehen) und als Mann weiblicher (dito).

    Als in der 2.Frauenbewegung Sozialisierte ist mir die Ablehnung der rollenklischeehaften Zuschreibungen vertraut, die sagt: jede kann alles sein, auch das, was traditionell als „männlich“ bezeichnet wird (und als Mann eben auch „weiblich“). Das führte bei vielen und auch bei mir zu einem Selbstverständnis „in erster Linie Mensch“ – denn was bleibt, wenn man alle Geschlechterklischees wegdenkt? Lediglich die Biologie, das Menstruieren und Schwangerwerdenkönnen, die körperlichen Geschlechtsmerkmale. Und da scheint es, siehe oben, ein Übergangsfeld zu geben.
    Als Alternative zu dieser Denkweise kann man die klassischen Zuschreibungen auch akzeptieren, versteht sich selbst dann aber umso mehr als Beispiel für ein „Übergangsfeld“, wenn das eigene Fühlen und Erleben nicht den Erwartungen an „Weiblichkeit“ entspricht.

  • Christine Wartberg sagt:

    „Offenbar fühlen sich andere anders.“

    Ja, deshalb mische ich ich kurz ins Gespräch ein und beschreibe:

    Ich habe geboren. Das erste Mal war ein sehr traumatisches Erlebnis, die beiden anderen nur sehr schmerzhaft, weil ich zu Hause gebar. Ich konnte mich bewegen. Meine Hebamme sah meine besondere Veranlagung im Liegen keine Wehen zu bekommen.

    Ich sehe klassisch weiblich aus, habe also die besonderen weiblichen Rundungen.

    Mir gefallen enge Hosen an schlanken Männern – anders ausgedrückt knackige Männerhintern.

    Ich bin biologisch eindeutig eine Frau.

    Und trotzdem würde ich nie bei der Wand 100% Frau stehen.

    Schon als Kind wollte ich mit den Buben spielen und nicht Puppe mit meiner Schwester. In der Schule raufte ich mit den Burschen. In der Oberstufe war das dann Armdrücken.

    Ich war sehr gut in Mathematik. Ich stelle mir Dinge räumlich vor. Ich gehe gerne Details forschend nach.

    Ich habe eine Selbstverständlichkeit was ich tue und denke.
    Beim feministischen Lesekreis liesen mich meine Mitstudentinnen nicht mitmachen, weil „du hast das nicht not, du trittst sowieso so selbstbewusst auf.“

    Vom Verhalten bin ich anscheinend Männlich – ich will aktiv sein, denken, mitreden, gestalten. Und weil ich das für mich als Möglichkeit beanspruche bin ich ewig eine Exotin, anders und im Beruf auch ausgebremst.

    Mir ist es völlig egal ob ich mich männlich oder weiblich fühle, ich will machen was ich gut kann, ich will dass alle, egal aus welchem Milieu, mit welcher Veranlagung ihre Möglichkeiten leben und ihre Bedürfnisse wahrnehmen können. Ich will dass wir nicht Schubladen auf- und zu machen, sondern die Unterschiedlichkeit von einander sehen, achten und schätzen.

    Es ist mir egal ob ich Frau bin – das spielt außerhalb meiner Beziehung keine Rolle, ich will Mensch sein. In meiner ganz speziellen Besonderheit. Ob wir durch Neudefinition von Frau dazu kommen? Meine Hoffnung beim Kennenlernen des unbestimmten /uneindeutigen/beiderlei Geschlechts war, dass
    dadurch diese fixe Zweiteilung der Welt aufhört. Gekommen ist die Behauptung einer Genderideologie, das Einzementieren von Frau/Mann sein.

    Zum eigentlichen Thema der Diskussion:
    Schwanger werden können hat eine Bedeutung – weil es Verantwortung bedeutet (als Frau besonders auch meinem eigenen Körper gegenüber) und weil das Wunder des Lebens direkt erfahrbar ist. Für beide Geschlechter.
    Schwanger werden können als Merkmal von Frau? Problematisch. Was ist mit dem wachsenden Anteil an Frauen die nicht schwanger werden können? Hannah lässt grüßen.

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Auf einer Insel leben,das ist nicht automatisch ein Rückständiges Leben haben oder führen abseits vom Festland.

  • Sollten wir vielleicht uns alle als „Geborene“ – Männer, Frauen und was es noch an Geschlechteridentitäten gibt – in den Diskurs einbeziehen? Da gab es eine, die schwanger wurde, vielleicht ungewollt, und dazu Ja gesagt hat, vielleicht nicht nur freudig, vielleicht mit Vorbehalten und Ängsten. Vielleicht war sie eine Leihmutter. Aber sie hat ein Kind, uns, zur Welt gebracht. Sonst gäbe es dich und mich nicht. Das ist das Geschenk jener an die Welt, die schwanger werden können und bereit sind, ein Kind auszutragen: Dass ein neues menschliches Wesen in die Welt kommt und mit ihm neue Anfänge möglich werden. Es ist die politische Bedeutung des schwanger werden Könnens.

  • Antje Schrupp sagt:

    @ClaudiaBerlin – Entschuldige bitte, dass ich erst jetzt antworte. Die Antwort liegt schon in deinem Kommentar mit drin: Das Narrativ von den „Zwischenstufen“ zu akzeptieren bedeutet unweigerlich, auch die Klischees und Zuschreibung zum Frausein zu akzeptieren, denn nur auf dieser Folie ergibt das einen logischen Sinn. Oder man rettet sich ins neutrale „Menschsein“. Es ist eine politische Entscheidung von mir, diese Alternative nicht zu akzeptieren 🙂

    Was die Biologie betrifft, so finde ich die Analyse mit den Zwischenformen nicht sinnvoll. Menschen sind groß oder klein, behaart oder unbehaart etc., aber warum sollte man das geschlechtsbezogen interpretieren? Die einzige biologische Differenz, bei der das imho einen Sinn hat, ist das Schwangerwerdenkönnen, und da gibt es eben gerade keine Zwischenformen sondern nur ja oder nein.

    Was die „weiteren“ Geschlechter betrifft, von denen du schreibst: Ja, da kann man nicht sagen, sie seien 100 Prozent Männlich oder 100 Prozent weiblich. Aber es besteht ja trotzdem keine Notwendigkeit, ihre Position im „Dazwischen“ anzugeben, also etwa „30 Prozent weiblich, 70 Prozent männlich“. Man kann genauso gut sagen, sie sind 100 Prozent Geschlecht xyz – also eben etwas Anderes. Das wäre das, was ich bevorzugen würde. Der Ursprung des ganzen GEnder-Dilemmas liegt meiner Meinung nach darin, dass man Geschlechter nicht als unterschiedliche betrachtet hat, sondern als komplementäre Gebilde, die zusammen „ein Ganzes“ oder sowas ergeben müssen.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Christine Wartberg – nur kurz zu deiner letzten Frage: Dass es auch Frauen gibt, die nicht schwanger werden können, ist meiner Ansicht nach kein Einwand. Erstens ist nicht gesagt, dass eine Frau, die nicht schwanger werden kann, das auch weiß. Auf jeden Fall wissen es die wenigsten Frauen von Geburt an, das heißt, sie hatten eine Zeit, in der sich nicht sicher waren, ob sie vielleicht schwanger werden können, im Gegensatz zu Männern, bei denen von Geburt an 100% sicher ist, dass sie nicht schwanger werden können. Und zweitens ist das Argument auch deshalb nicht stichhaltig, weil wir ja auch den Satz „Menschen können sehen“ nicht für falsch halten, bloß weil es auch einige Menschen gibt, die nicht sehen können. Würde jede Ausnahme es schon verhindern, dass man eine entsprechende Aussage macht, könnten wir gar nicht allgemein mehr sprechen, sondern nur noch Aussagen über konkrete Einzelfälle treffen. Ich könnte zum Beispiel nicht sagen „Montags um acht fährt ein Zug nach Wetzlar“, weil er bestimmt auch schonmal ausgefallen ist. Eine solche Kultur und Sprache, in der nur über konkrete Einzelfälle gesprochen wird, ist zwar sicherlich denkbar, aber es ist nicht unsere – und warum sollte wir ausgerechnet in Bezug auf dass Sprechen von „Frauen“ diese Regel haben?

  • blaue_jacke sagt:

    „Denn in diesem Milieu ist das Schwangerwerdenkönnen nur noch ein mögliches Detail unter vielen anderen im Lebenslauf.“

    Nein, Frau Schrupp. Was Sie meinen, ist vielleicht das tatsächliche Schwangerwerden. Faktisch ist die Option Schwangerwerden ein ganz eintscheidender Faktor in der Sozialisation von Frauen. Und zwar unabhängig davon, ob sie wirklich schwanger werden. Welche Berufe ergreifen sie, welche Rolle in der Famiele werden sie Spielen, welche Interessen pflegen sie … oder auf den Punkt gebracht: Welchen Platz im Geschlechterverhältnis nehmen sie ein?

  • blaue_jacke sagt:

    „Schon als Kind wollte ich mit den Buben spielen und nicht Puppe mit meiner Schwester. In der Schule raufte ich mit den Burschen. In der Oberstufe war das dann Armdrücken.

    Ich war sehr gut in Mathematik. Ich stelle mir Dinge räumlich vor. Ich gehe gerne Details forschend nach.“

    Und das alles kann / darf man nicht „als Frau“?

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