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Täter oder Gedankenlosigkeit? – Die Kölner Vorfälle im Licht von Arendts ‚Banalität des Bösen‘ und der ‚HeForShe‘-Kampagne

Von Lena Holzäpfel

Angeregt durch den Text „Islamisches Frauenbild und Sexismuskritik – Autoritätsanalyse statt Wertediskurs“ von Andrea Günter  hat Lena Holzäpfel sich in Bezug auf die Vorfälle in Köln über Hannah Arendts Theorie von der Banalität des Bösen und die ‚HeForShe‘-Kampagne Gedanken gemacht. Sie startet den Versuch, eine Sichtweise jenseits der Identifizierung von Männern als Täter zu auszudifferenzieren

In der Silvesternacht 2015/2016 wurde der Kölner Hauptbahnhof zum Symbol für sexistische Übergriffe. R_B_by_Eckhard-Rahaus_pixelio.de

In der Silvesternacht 2015/2016 wurde der Kölner Hauptbahnhof zum Symbol für sexistische Übergriffe.  Foto: R_B_by_Eckhard-Rahaus_pixelio.de

Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln lassen sicherlich nicht nur einen Schluss oder eine politische Lösung zu, denn sie stellen uns vor eine grundsätzliche moralische Problemstellung: Zum einen sind die sexuellen Angriffe auf Frauen klar zu verurteilen. In der Absicht, Taschen und Wertgegenstände zu rauben, wurden Frauen auf gewalttätige und erniedrigende Weise gezielt sexuell belästigt. Berichten zufolge soll das Angrapschen, Ausziehen, Verletzen und in wenigen Fällen auch das Vergewaltigen der meist jungen Frauen dabei mehr als nur eine Diebstahlmasche gewesen sein: Den in großen Gruppen auftretenden alkoholisierten und nach Zeugenangaben arabisch und nordafrikanisch aussehenden Männern hat es Opferberichten zufolge Spaß gemacht, Frauen zu bedrängen und zu erniedrigen.

Zum anderen jedoch hat dieses traurige Ereignis dazu geführt, dass sich die durch die Flüchtlingspolitik verursachte Verunsicherung vieler Deutschen in ein offenes Misstrauen gegenüber der Politik und in eine Angst vor den ankommenden Flüchtlingen und ihrer Kultur gewandelt hat. Selten ist die Politik so ratlos gewesen, selten ist die mediale Diskussion so polemisch und unsachlich gewesen und doch zugleich war der ‚Aufschrei‘ der Bevölkerung und der Medien aufgrund dieses Vorfalls definitiv berechtigt. Leider hat der Vorfall wie ein Katalysator gewirkt für die Fremdenangst, die bei vielen mit dem Zustrom der Flüchtlinge zugenommen hat. Nach Ansicht vieler Bürger_innen haben sich die Vorurteile gegen Flüchtlinge aus dem arabischen Raum mehr als bestätigt und so werden Flüchtlinge, ihre Religion und ihre Herkunftskultur pauschal vorverurteilt.

Während es für die drängendste Frage, nämlich der nach der zukünftigen Verhinderung solcher Taten, keine zuverlässigen Antworten zu geben scheint, suchen Bürger_innen nach Wegen, mit der Situation umzugehen. Einige Frauen hatten nach den Ereignissen ernsthafte Ängste, nachts aus dem Haus zu gehen. Diese Verunsicherung kann auch als eine Reaktion auf die Generalisierungen und die blinden Schuldzuweisungen in Politik und Medien gesehen werden. Bis jetzt, sechs Monate nach dem Vorfall, sind die kriminalistischen Fakten, was die Ereignisse angeht, jedoch dünn. Nur 15 von circa 1000 Männern sind bis jetzt festgenommen worden, darunter ein Algerier, der im März als erster Verdächtiger wegen sexueller Nötigung angeklagt wurde.   Nach den Aussagen vieler Opfer kann man davon ausgehen, dass die Täter aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum stammen, dass sie also Migranten sind. Ob sie erst kürzlich als Flüchtlinge eingereist sind, ist nicht bewiesen. Wahrscheinlich handelt es sich bei den Vorfällen in Köln um ein geplantes Verbrechen, das nur von einer sehr kleinen Minderheit von Immigranten aus den benannten Kulturräumen verübt worden ist.

Welche Fragen stellen sich nach den Vorfällen in Köln?

Wie kann man es schaffen, ohne Polemik, ohne politische Machtkämpfe, ohne Vorverurteilungen möglichst konstruktiv mit diesem Problem umzugehen? Die wichtigen Fragen, die sich aus den Vorfällen ergeben, sind: Wie können Frauen vor solchen Übergriffen geschützt werden? Wie können Berührungsängste zwischen den Kulturen abgebaut werden? Wie können Vorverurteilungen von Flüchtlingen vermieden werden? Da dieser Beitrag den Charakter einer ethischen Reflexion trägt, geht es darin um ethische Erwägungen, die möglicherweise Menschen helfen können, engagiert dafür einzutreten, dass sowohl Frauen als auch Migranten in unserer Gesellschaft freundlich und respektvoll begegnet wird und dass entschieden gegen jegliche Form von verbaler, sexualisierter und körperlicher Gewalt vorgegangen wird. Die UN-Kampagne ‚HeForShe‘ richtet sich in diesem Sinne an Männer aller Kulturen und Länder, damit sie sich in ihrem eigenen Leben für mehr Geschlechtergerechtigkeit einsetzen können.

Es ist insbesondere nach den Vorfällen in Köln essentiell, dass Frauenrechte, Männerrechte und Rechte von Migranten nicht gegeneinander ausgespielt werden. In der Realität ist das nicht einfach, denn ähnliche Vorfälle wie in Köln hat es in geringerem Ausmaß auch in anderen Städten gegeben, auch in Freiburg. Aus konkretem Anlass hat die linksliberale Szenenkneipe White Rabbit im Januar intern erwogen, ein Einlassverbot für Migranten einzuführen. Dieses Einlassverbot ist nie praktiziert worden, es ist jedoch ein Beispiel für das moralische Dilemma, das aus der dargestellten Situation erwachsen kann.

Wie kann daher ein übergeordneter ethischer Ansatzpunkt dafür gewonnen werden, das Bewusstsein für Frauen- und Fremdendiskriminierung zu schärfen? Die ‚HeForShe‘-Kampagne geht den frauendiskriminierenden Aspekt an. Wird sie mit Hannah Arendts Theorie über die Banalität des Bösen verbunden, wird ihr ethisches Profil zum einen schärfer. Zum anderen können die damit gewonnenen Gesichtspunkte auch auf den stereotypen Umgang mit Fremden übertragen werden. Wer die eigenen Werte dazu gebraucht, Flüchtlinge und ihre Kultur pauschal zu verurteilen, handelt ungerecht und autoritär. Autoritäres Denken und Handeln können gesellschaftlicher Diskriminierung zugrunde liegen, in autoritären Staaten wie in demokratischen, gegenüber Frauen wie gegenüber Migranten. Wer sich gegen die Diskriminierung von Frauen einsetzt, sollte diese Mechanismen im Diskurs nicht reproduzieren.

Die Vorfälle von Köln und die öffentliche Debatte, die sie ausgelöst haben, können als ein Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Probleme gesehen werden, genauer gesagt als ein Ausdruck von Sexismus und Fremdenangst. Im Folgenden wird es vor allem um den gesellschaftlichen Umgang mit Sexismus und Frauenfeindlichkeit gehen. Wie können Arendts Theorie und ‚HeForShe‘ möglicherweise auch gerade in der aktuellen politischen Lage dazu beitragen, Frauenrechte einzufordern und zu fördern, und somit auch die Solidarität zwischen den Geschlechtern und den sozialen Zusammenhalt zu stärken?

Um dieser Frage nachzugehen, soll in einem ersten Schritt Arendts Theorie von der Banalität des Bösen vorgestellt werden, als ein gedankliches Modell, um diskriminierendem Handeln ohne Schuldzuweisungen zu begegnen. Diese Vorgehensweise lenkt den Blick auf psychologische, überindividuelle und gesellschaftliche Mechanismen, die die Gedankenlosigkeit begünstigen, die hinter frauenfeindlicher Gewalt und anderen Diskriminierungen von Frauen stehen kann. Die Kampagne ‚HeForShe‘, die in einem zweiten Schritt näher beleuchtet wird, verzichtet ebenso wie Hannah Arendt auf Schuldzuweisungen, denn alle Männer sind bei ‚HeForShe‘ eingeladen, sich zu engagieren. Inwieweit die Kampagne die Zielgruppen der ‚Engagierten‘, der ‚Aufgeschlossenen‘ und der ‚Uninteressierten‘ erreichen kann, soll anhand von fiktiven Personen- und Handlungsbeispielen reflektiert werden. Dabei werden die Möglichkeiten der Kampagne, gedankenlos handelnde Menschen zu erreichen, besonders im Fokus stehen. Inwieweit und auf welche Weise kann ‚HeForShe‘ dabei helfen, Gedankenlosigkeit zu überwinden und mehr Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen? Inwiefern kann sie in der aktuellen politischen Situation nach den Vorfällen in Köln Perspektiven aufzeigen, auch in Bezug auf das Problem der Fremdenfeindlichkeit?

Arendts Banalität des Bösen: Das Konzept der Gedankenlosigkeit als Chance

Männer, die Frauen diskriminieren, sind bei ‚HeForShe‘ nicht automatisch Täter, was allerdings nicht heißt, dass sie nicht ihr Verhalten ändern müssen. Um diese Differenzierung zu verstehen, ist es nun hilfreich, die philosophische Theorie von Hannah Arendt zur Banalität des Bösen heranzuziehen. Diese Theorie besagt, dass es Böses gibt, ohne dass ein Täter existiert, der explizit Böses tut oder Böses beabsichtigt. Andere Gründe für die bösen Wirkungen der Handlungsweisen eines Menschen können Gedankenlosigkeit, verinnerlichte Klischees, Gewohnheit, Vorschriftsgläubigkeit, vermeintliche Selbstverständlichkeiten im sozialen Miteinander und Selbstgerechtigkeit sein.

Arendts Theorie besagt in keinster Weise, dass die Männer, die in der Silvesternacht sexualisierte Gewalt an Frauen ausgeübt haben, im juristischen Sinne nicht als Täter gesehen werden sollten. Sie besagt auch nicht, dass diese Männer nicht böse waren oder gewesen sein können. Im Grunde geht es darum, die Banalität des Bösen zu thematisieren und im Konzept der Gedankenlosigkeit eine gesellschaftliche Chance zu sehen, um gegen Frauenfeindlichkeit vorzugehen und für die Gleichberechtigung der Geschlechter einzutreten.

Gedankenlosigkeit bedeutet, dass Klischees, Vorurteile und festgesetzte Selbstverständlichkeiten nicht reflektiert werden, dass sie vielleicht nicht einmal bewusst wahrgenommen werden. Darin liegt die Banalität des Bösen begründet: Wer nicht bewusst nachdenkt, handelt unbewusst.

Jeder Mensch kann gedankenlos handeln und niemand ist frei von Vorurteilen, Klischees und unreflektierten Gewohnheiten, denn diese sind fest im persönlichen und gesellschaftlichen Leben verankert. Demnach geschehen Verhaltensweisen, die Böses hervorrufen, Hannah Arendt zufolge oftmals aus Gedankenlosigkeit und nicht aus einem bösen Willen heraus. Wie kann es der Kampagne ‚HeForShe‘ gelingen, die auf Aufklärung und neue Partizipationsmöglichkeiten gegen Frauenfeindlichkeit setzt, Männern in ihrem persönlichen Leben Auswege aus unbewusstem Denken und Handeln gegenüber Frauen aufzuzeigen?

Die ‚HeForShe‘-Kampagne: Zielsetzung, Vorgehensweise und Einflussmöglichkeiten

Die UN-Kampagne ‚HeForShe‘ heißt alle Männer rund um den Globus willkommen, für Frauenrechte und damit auch für Männerrechte einzutreten. Diese Kampagne ist für die genannte Problematik besonders interessant, weil sie international operiert. Das heißt, dass Männer und Frauen lokal, in ihrem persönlichen Leben und in politischen Aktionen dafür eintreten, die momentanen Hindernisse zu mehr Gleichberechtigung zu überwinden. Simultan werden so zum Beispiel in Malawi Kinderehen abgeschafft und es wird in Deutschland für mehr Gleichberechtigung am Arbeitsplatz gekämpft. Emma Watson, die Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen für die Gleichstellung der Geschlechter, lädt Männer aus aller Welt mit den folgenden Worten  dazu ein, für die politische, ökonomische und soziale Gleichberechtigung von Frauen einzutreten:

„Wie können wir in der Welt Veränderung bewirken, wenn nur die Hälfte der Welt dazu eingeladen ist, [] am Gespräch teilzunehmen? Verehrte Männer, ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um Sie hiermit offiziell einzuladen. Geschlechtergerechtigkeit ist auch Ihre Sache.“

Das Charakteristische an der aktuellen UN-Kampagne ‚HeForShe‘ ist demnach, dass Männer nicht vom feministischen Diskurs und feministischen Aktionen ausgeschlossen, sondern ausdrücklich willkommen geheißen werden – so dass sie nicht qua Geschlecht gebrandmarkt sind als Sexisten, Unterdrücker, Gewalttäter und so weiter. Es wäre natürlich auch unfair, Männer in dieser Weise unter Verdacht zu stellen. Ohne Verdacht oder Verurteilung wendet sich die Kampagne nicht nur an Männer, die sich der Problematik bewusst sind, sondern besonders auch an Männer, die bisher unbewusst die gesellschaftliche Geschlechterungerechtigkeit zementiert haben.

Vielleicht liegt die Stärke der Kampagne genau im Verzicht auf Vorwürfe, in der höflichen Einladung, im Verständnis von Feminismus als Geschlechtergerechtigkeit für Frauen und Männer. Wer im Internet als ‚HeForShe-Man‘ an der Kampagne teilnimmt, unterschreibt mit seiner Verpflichtung eine lange Liste von hohen persönlichen und gesellschaftlichen Ansprüchen und Zielen. Ein ‚HeForShe-Man‘ toleriert weder Diskriminierung noch Gewalt gegenüber Frauen und setzt sich persönlich entschieden gegen diese ein, wenn er Zeuge eines Vorfalls ist. Er glaubt an gleiche gesellschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten beider Geschlechter und versteht, dass das Wohlergehen von Frauen eng verknüpft ist mit dem der gesamten Menschheit.

Zum einen kann uns diese Kampagne zeigen, dass es in jedem Land der Welt Aufgaben gibt, deren Bewältigung notwendig ist, um mehr Gleichberechtigung zu erreichen. Zum anderen zeigt sie auch auf, dass bestimmte Werte in keinem Land relativierbar sind, darunter die Selbstbestimmung des Individuums, der Zugang zu Bildung und die persönliche Unversehrtheit. Leider sind es in vielen Ländern gerade die Frauen und Mädchen, denen diese Rechte nicht gewährt werden. Es zeichnet die Kampagne aus, dass jede_r angesprochen wird und nicht verurteilt wird. Wenn eine solche Kampagne sinnvoll ist und somit Veränderung bewirken kann, und wenn dabei Männern generell nicht unterstellt werden soll, dass sie aus Boshaftigkeit mit ihrem unreflektierten Verhalten zur gesellschaftlichen Unterdrückung von Frauen beitragen, wie kann man sich dann die Möglichkeiten des Einflusses von ‚HeForShe‘ vorstellen?

Zunächst möchte ich eine Einteilung der Zielgruppe ‚Männer‘ entlang der Erscheinungsweisen, gedankenlos zu handeln, vornehmen und untersuchen, inwiefern die Kampagne die verschiedenen Gruppen erreichen kann. Diese Einteilung ist im Grunde eine künstliche Einteilung, die dazu dienen soll, zu reflektieren, wie die Möglichkeiten des Einflusses der Kampagne sich bei ausgewählten möglichenEinstellungen gegenüber der Problematik darstellen. Dabei sollen keine Stereotypen bedient oder Verallgemeinerungen angestellt werden, sondern es sollen mittels der Reflexion verschiedene Möglichkeiten der Resonanz der Kampagne mit fiktiven Beispielen dargestellt werden, die zum Teil meine eigenen Erfahrungen widerspiegeln.

Demnach besteht die Zielgruppe aus ‚Engagierten‘, ,Aufgeschlossenen‘ und ‚Uninteressierten‘. Die ‚Gedankenlosen‘ werden als eine Untergruppe der ‚Uninteressierten‘ besonders im Fokus stehen, da ihr Denken und Handeln Aufschluss geben kann über die überindividuellen Mechanismen der Gedankenlosigkeit. Weiterhin laden die folgenden theoretischen Konzepte und Erwägungen den/die Leser_in dazu ein, die genannten psychologischen und gesellschaftlichen Mechanismen der Diskriminierung auf andere Felder zu übertragen, da sie zum Beispiel auch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zugrunde liegen können.

Wem grundsätzlich Gleichberechtigung am Herzen liegt, der wird die Kampagne wahrscheinlich als Ansporn nehmen, um persönlich noch mehr für die Sache der Geschlechtergerechtigkeit zu tun und andere von der Idee zu begeistern: Auf Websites und über die sozialen Netzwerke kann der Link, um sich als ‚HeForShe-Man‘ zu verpflichten, geteilt werden. Interessanterweise könnte bei manchen ‚Engagierten‘ selbst auch eine deutliche Veränderung eintreten: Wer nämlich politisch aktiv beziehungsweise gesellschaftlich engagiert ist, läuft Gefahr, selbst einer Ideologie aufzusitzen. Manche ‚Engagierte‘ sehen möglicherweise Männer, die mit ihrem Verhalten Frauen diskriminieren oder auch nur gesellschaftlich im Verdacht stehen, dies zu tun, als Täter, ja, als Feind, mit dem sich nicht reden lässt und der gerecht bestraft werden muss. Zu sehen, dass ‚HeForShe’ alle Männer einlädt, könnte das Gerechtigkeitsempfinden eines solchen Aktivisten unter Umständen stören und ihn vielleicht dazu bringen, sich näher mit den ‚anderen‘ auseinanderzusetzen, denn alle sitzen in einem Boot bei ‚HeForShe‘. Konkret könnte dies zum Beispiel bedeuten, die Gruppe ‚männliche muslimische Flüchtlinge‘ differenzierter zu betrachten und diese Menschen gleichberechtigt am Kampf für Frauenrechte teilnehmen zu lassen. Denn dieses Interesse haben über 1700 Flüchtlinge kurz nach den Vorfällen in Köln in einem öffentlichen Brief an Kanzlerin Merkel  kundgetan, genauso wie auch einige ‚deutsche‘ Männerinitiativen sich nach den Vorfällen gegründet haben.

Wer noch nicht aktiv für die Gleichberechtigung der Geschlechter eintritt, aber grundsätzlich offen dafür ist, kann von den Argumenten der Kampagne überzeugt werden, die von prominenten Männern unterstützt wird, wie etwa von Barack Obama. Die ‚Aufgeschlossenen‘ haben vielleicht selbst Vorurteile, die sie nun, ohne für sie beschuldigt zu werden, in einem anderen Licht sehen können. Dazu trägt auch bei, dass die Kampagne ebenso gegen die Diskriminierung von Männern ist, die viele schon am eigenen Leib erfahren haben. Die ‚Aufgeschlossenen‘ werden somit eingeladen, an der Diskussion teilzuhaben und sich in ihrem eigenen Leben zu engagieren – sie werden als Person angesprochen, ihre Einstellung zählt. Wer sich darüber hinaus engagieren möchte, den lädt ‚HeForShe‘ dazu ein, in lokalen, regionalen und nationalen Gruppen aktiv zu werden. Wer sich zum Beispiel aus dem Kreis der ‚Engagierten‘ und der ‚Aufgeschlossenen‘ für die Sache begeistert, für den gibt es dort vielfache Betätigungsmöglichkeiten. Generell stellen sich diese Gruppen auf die jeweiligen Gegebenheiten und Hauptprobleme ihrer Einflussregion ein und folgen gleichzeitig der internationalen Agenda der Kampagne. Sie organisieren vielfältige Veranstaltungen, wie etwa Podiumsdiskussionen, Workshops, Flash Mobs, Fundraising und vieles mehr.

Wenn jemand einer Sache gegenüber engagiert oder aufgeschlossen ist, ist diese Person meist bereit, das eigene Handeln zu reflektieren. Schwieriger gestaltet es sich jedoch, die ‚Uninteressierten‘ zu erreichen, zu denen auch die politisch ‚Gedankenlosen‘ gehören. Die Gruppe der ‚Uninteressierten‘ teilt sich demnach auf in Menschen mit anderen Werten und ‚Gedankenlose‘. Einem fiktiven 65-jährigen Geistlichen, der zu den Menschen mit anderen Wertegebilden gehört, sind vielleicht Werte wie die Zugehörigkeit zu Gott, wie Gelehrsamkeit und Frieden persönlich wichtig. Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist demnach einfach nicht sein wichtigstes Thema. Demzufolge müsste man sein Denkvermögen, seinen Affekt  und sein Bedürfnis nach einem Wertesystem ansprechen. Hier könnten ein ‚Engagierter‘, ein ‚Aufgeschlossener‘ oder die ‚HeForShe‘-Gruppen tätig werden. Wenn jedoch ein ‚Uninteressierter‘ die öffentlichen Diskussionen über Geschlechtergerechtigkeit vollkommen ignoriert, können nur öffentliche, unbequeme und zugleich ansprechende Aktionen, beispielsweise von ‚HeForShe‘-Gruppen, oder das persönliche Umfeld ihn für die Sache gewinnen, denn persönliche Erfahrungen können bei werteorientierten Menschen manchmal viel verändern.

Nun kommt die Gruppe, der die Kampagne Unbehagen bereitet. Unbehagen kann eine Chance sein und auch die ‚Gedankenlosen‘ aufrütteln. Unbehagen zeigt, dass jemand in irgendeiner Weise in Verbindung steht mit dem, was ihm Unbehagen bereitet. Es ist ein starkes Gefühl, mit dem man in irgendeiner Weise zurechtkommen muss, sei es durch Unterdrückung des Gefühls, durch Flucht, oder durch Inangriffnahme dessen, was Unbehagen bereitet.

Gedankenlosigkeit überwinden mit ‚HeForShe‘: Drei fiktive Beispiele

In allen drei unterschiedenen Gruppen taucht das Phänomen der Gedankenlosigkeit auf. Alle handeln so, dass sie andere Menschen mehr oder weniger diskriminieren, überhaupt handelt keiner immer reflektiert und niemand ist davor gefeit, Vorurteile zu haben. Gedankenlosigkeit zeichnet sich dadurch aus, dass ein Handeln zu unreflektiert ist, Klischees, Vorurteile und Vorschriften nehmen das Denken ab. Handlungsweisen werden für selbstverständlich gehalten, die es nicht sind.

Wie können Männer, die Frauen aus Gedankenlosigkeit und nicht aus bösem Willen heraus diskriminieren, von der Kampagne angesprochen werden? Um dieser Frage nachzugehen, wird der Fokus auf Beispielen von Menschen liegen, deren Handeln in besonderem Maße unreflektiert ist. Alle Menschen handeln zu einem bestimmten Grad gedankenlos. Zum Verständnis ist es jedoch wichtig, sich Menschen vorzustellen, die als Prototypen für  Menschen dienen können, deren Leben von alltäglicher Gedankenlosigkeit besonders geprägt und eingeschränkt ist. Im Folgenden werden sie ‚Gedankenlose‘ genannt. Es ist schwierig, an das Denk- oder Gefühlsvermögen dieser Menschen zu appellieren, wie es zum Beispiel bei den ‚Uninteressierten‘ mit ausgebildetem Wertegefüge möglich ist. Die ‚Gedankenlosen‘ sind sich, Arendt zufolge, dessen, was ihr Handeln beeinflusst, nicht bewusst. Die Frage ist nun, ob und wie gedankenlos handelnde Männer angesprochen und bewegt werden können oder ob der Verzicht auf die Kategorisierung ‚Täter‘ der Gedankenlosigkeit nur freien Raum lässt.

Natürlich besitzen diese Menschen Vorstellungen von der Welt und den Menschen um sie herum. Diese Vorstellungen sind jedoch geprägt von vorgefertigten, unreflektierten Gedankengebäuden. Klischees und Vorurteile etwa sind tief in der Gesellschaft verankert, sie sind sicherlich kein Einzelphänomen und sie können sogar soziale Bindungen mitbegründen, denn geteilte Vorurteile verbinden. So zeigen ‚Gedankenlose‘ möglicherweise kein ernsthaftes Interesse an aktuellen sozialen Problematiken. Jeder dieser Männer hat seine eigene Geschichte mit eigenen Erfahrungen, die ihn geprägt haben und die berücksichtigt werden müssen. Wie ist es also möglich, aus diesen vorgefertigten Gedankengebäuden einen Ausweg hin zum freien Denken und Handeln zu erreichen? Als Versuch einer Antwort folgen drei fiktive Beispiele.

Einer ist vielleicht so unsicher, dass er sich mittlerweile an die xenophoben Vorurteile, starren Vorschriften und Frauenklischees hält, die bei ihm auf der Arbeit an der Tagesordnung sind. Er tut dies, um dazuzugehören und nicht das Risiko einzugehen, gemobbt zu werden, er ist sozusagen ein Mitläufer. In diesem Fall wäre es hilfreich, ihn als Ortsgruppe von ‚HeForShe‘ zu einer Gemeinschaftsaktivität einzuladen. Wenn ihm die Mitglieder und der Gruppenzusammenhalt gefallen, wird er versuchen, dazuzugehören, denn seine Vorurteile hat er ja nur übernommen, sie sitzen nicht tief. Ihm werden schnell seine wackeligen Thesen ausgehen, was ihm Angst machen wird. Aber gleichzeitig wird er merken, dass er bei ‚HeForShe‘ als Person eingeladen ist und nicht nur als Ja-Sager wie bei der Arbeit.

Ein anderer gibt sich Selbstbewusstsein, indem er auftritt wie ein Schläger, um die Häuser zieht mit den Kumpels, Diebstähle begeht und nicht darüber nachdenkt, warum er Frauen so abschätzig begegnet. Das gehört wohl zu seiner Rolle, sie gibt ihm Sicherheit und erspart ihm Selbstzweifel. Es wäre vorteilhaft, ein mediales Vorbild dieser jungen Zielgruppe für die Kampagne zu gewinnen, zum Beispiel aus einer Männerdomäne wie dem Rap. Die ‚Gedankenlosen‘ brauchen meist einen Anstoß von außen, der eine wahre Motivation darstellt, zum Beispiel: „Ich unterstütze mein Idol, auch im Kampf um Geschlechtergerechtigkeit“. Gleichzeitig müssen sie aus ihrer Komfortzone herausgebracht werden, sie müssen gefordert werden, mit ihrem Unbehagen konstruktiv umzugehen.

Der nächste, ein afrikanischer Mann aus dem ländlichen Raum, lässt seine Töchter keine weiterführende Schule besuchen. Er fügt sich somit einfach in die vorherrschende gesellschaftliche Denkweise, er handelt aus Gewohnheit und nicht gegen besseres Wissen. ‚HeForShe‘ argumentiert dazu, dass gerade für arme Länder in sozialen Notlagen die Gleichberechtigung, und dabei vor allem die Bildung der Mädchen und Frauen, wichtig seien, um soziale und wirtschaftliche Verbesserungen zu erlangen. Möglicherweise kann der afrikanische Vater mit der Zeit verstehen, dass gerade die Bildung aller seiner Kinder für die Zukunft seiner Familie und auch für die Zukunft seines Landes eine wichtige Rolle spielt und dass die Bildung aller Menschen es ermöglicht, moderne und effektive Strategien zu finden, um die Sicherheit und den Lebensstandard seiner Familie nachhaltig zu verbessern.

Welche Perspektiven eröffnet das Konzept von ‚HeForShe‘ in der aktuellen gesellschaftlichen Situation?

Die Kampagne ‚HeForShe‘ zählt heute 772 000 Männer und Frauen. Wie viele ehemals ‚Gedankenlose‘ darunter sind, denen die Kampagne neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten eröffnet hat, lässt sich nicht nachvollziehen – wohl aber lässt sich feststellen, dass die Kampagne gedankenlos handelnde Männer erreichen kann und somit einen bedeutenden Beitrag dazu leisten kann, mehr Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Indem Menschen persönlich, medial und vor Ort, in Aufklärungsprozesse eingebunden werden, können individuelle und gesellschaftliche Reflexionsprozesse angestoßen werden. Männern aus unterschiedlichen Ländern, in unterschiedlichen Lebenssituationen und mit unterschiedlichem Bildungsniveau, werden so neue Partizipationsmöglichkeiten und Perspektiven eröffnet. So können alle, Männer wie Frauen, persönlich wie gesellschaftlich, von neuen Handlungsmöglichkeiten profitieren, die nicht nur der Geschlechtergerechtigkeit dienen, sondern auch der Lebenszufriedenheit, der Identitätsbildung und dem sozialen Zusammenhalt.

Es ist gerade der soziale Zusammenhalt, der nach den Vorfällen in Köln spürbar ins Wanken geraten ist: Schon vor diesen Vorfällen sind viele Menschen besorgt gewesen angesichts der Herausforderungen, die die Flüchtlingskrise an uns stellt. Die sexuellen Belästigungen in der Silvesternacht haben das Gefühl der Hilflosigkeit bei vielen Bürgern in mehrfacher Hinsicht potenziert: Zum einen waren die Frauen und ihre Begleiter den Angriffen praktisch ausgeliefert, zum anderen ist die Ohnmacht der Polizei und der Politik gegenüber diesen Taten offenkundig geworden. Die Angst vor „den Fremden“ hat so zugenommen.

‚HeForShe‘ bietet ein Konzept, das Menschen aller Kulturen einbezieht und so die gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten beider Geschlechter erweitern kann. Wie Hannah Arendt schreibt, ist Gedankenlosigkeit oft die Ursache für diskriminierendes Handeln, dies gilt sowohl für Frauenfeindlichkeit, als auch für Fremdenfeindlichkeit. Wie in den Beispielen beschrieben, fangen Reflexionsprozesse und Handlungsveränderungen im Kleinen an, wenn die Bewusstwerdung über das eigene Denken und Handeln angeregt wird und Menschen die Möglichkeit gegeben wird, etwas zu verändern – und zwar im Hier und Jetzt, im eigenen Leben, unabhängig von Herkunft und Lebenssituation. Gedankenlosigkeit zu überwinden, heißt, das eigene Denken und Handeln zu reflektieren und dies auch anderen Menschen zu ermöglichen, indem man sie aktiv in gesellschaftliche Prozesse mit einbezieht.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Hanne Hutzler sagt:

    Liebe Lena Holzäpfel,
    vielen Dank für die feinen Gedanken und vor allem den Ansatz!
    Mir fehlt leider eine Begründung für die Vermutung, es handele sich um ein abgesprochenes (also bandenmäßiges) Verhalten gegenüber Frauen, zumal Sie selbst schreiben, dass die reine Faktenkenntnis bezüglich Kölns äußerst dünn ist.
    In einem philosophischen Essay finde ich die auch sonst epidemisch um sich greifende Formulierung „in keinster Weise“ kaum erträglich, weil es sich sowohl grammtisch („kein“ ist kein Adjektiv, das gesteigert werden könnte) als auch logisch („kein“ drückt bereits aus, was mit „keinster“ beteuert werden soll) um einen ganz und gar unbedachten Ausdruck handelt (ich könnte auch „gedankenlos“ schreiben…)
    Außer dem Rückgriff auf die „Gedankenlosigkeit“ fehlt mir ein wenig mehr aus der Arendschen Theorie der „Banalität des Bösen“ und auch etwas mehr Einbeziehung von Machtstrukturen innerhalb unserer Gesellschaft inklusive der völlig heuchlerischen Krokodilstränen, die plötzlich angesichts von Frauenunterdrückung fließen.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Gedankenlos sind für mich intiutive Handlungen. Sobald ich ein Kind weinen höre, gehe ich ohne nachzudenken auf die Straße, um mich zu vergewissern, dass dem Kind kein Unbill droht. In der Sylvesternacht waren die verbalen und tätlichen Übergriffe auf Frauen in mehreren Städten (Köln, Düsseldorf, Dortmund, Hamburg, Berlin, vermutlich noch mehr) weder gedankenlos noch intuitiv, sondern überwiegend verabredet. Ich will nicht ausschließen, dass es auch Mitläufer gab. Wenige Frauen berichteten auch von muslimischen Helfern!
    Missachtung von Frauen, die sich nicht nach den verschieden patriarchalen Verhaltensnormen der jeweiligen – angeblich von Gott offenbarten – Religion verhalten, werden als ungehorsam (Gott und dem Mann gegenüber) bewertet und sind demnach sexuell vogelfrei. Meine Ausführungen dazu stelle ich gern zur Verfügung, sie stehen auch auf der Webseite von Luise Pusch. Wie lange hat es gedauert bis Frauen z.B. in den demokratischen Verfassungen gleichberechtigt genannt worden sind? Das ging nur mit Druck und Aufbegehren durch Frauen (auch von denkenden Männern mit Empathie)Dennoch ist das alte patriarchale Denken über Frauen keineswegs aus unserem Alltag verschwunden. Meine Sorge ist, dass es wieder an Virulenz zunimmt, befördert von den patriarchalen Religionen und dem Turbo – Kapitalismus.

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