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Rubrik denken

Diana Sartoris Einleitung: Ein Mehr an Feminismus

Von Dorothee Markert

Diotima: Femminismo fuori sesto

Im Januar 2017 ist ein neues Buch der Philosophinnengemeinschaft Diotima erschienen, in dem neun Autorinnen der Frage nachgehen, was Feminismus sei. Wie beim Diotima-Buch, Das Fest ist hier, werde ich die für mich wichtigsten Gedanken kapitelweise hier vorstellen. Die Einleitung schrieb Diana Sartori, von der wir bereits einige Texte über Teresa von Avila und die Zusammenfassung des Kapitels über den „Sprung auf der Stelle“ aus „Das Fest ist hier“ veröffentlicht haben.  Diana Sartori arbeitet gern mit sprachlichen Assoziationen, die ich leider nur teilweise wiedergeben kann. Durch den ganzen Text ziehen sich Ableitungen des Begriffs „sesto“ aus dem Buchtitel, der sowohl „Ordnung“ als auch „der Sechste“ bedeutet. Es geht um das „Außerhalb“ der Ordnung, das Aus-der-Ordnung-Bringen und um Versuche, eine Ordnung (wieder) herzustellen, sowie um den sechsten Sinn, einen neuen, stimmigen Gemeinsinn.[1]

Sartoris Einleitung beginnt mit dem Satz: „Dies ist kein Buch über den Feminismus, sondern ein feministisches Buch“ (S. 1). Ausgangspunkt ihres Nachdenkens ist die gegenwärtige Situation der Unordnung, „die Leben, Bewusstsein und die Koordinaten von Sinn erschüttert, die wir zur Orientierung brauchen“. Während der „Gemeinsinn“ uns in eine bestimmte Richtung drängt, nämlich dazu, wieder zur alten Ordnung zurückzukehren, brauchen wir einen Gemeinsinn, der wirklich gemeinsam und allgemein ist. Wenn wir die gegenwärtige Unordnung genauer untersuchen, über die viel gesprochen und geschrieben, die aber auch erlitten wird, bekommt sie eine andere Bedeutung und Tonlage, denn aus Sicht des Feminismus ist jede etablierte Ordnung so lange eine Unordnung, wie sie ihr Gleichgewicht aus der Unfreiheit der Frauen bezieht, aus ihrer Bereitschaft, an den ihnen zugewiesenen Plätzen zu bleiben. Das gilt auch für das Gleichgewicht der in der kapitalistischen Moderne propagierten Geschlechtergleichheit oder für das in der jetzigen globalisierten Ordnung angestrebte Gleichgewicht, das allumfassende Indifferenz, also Gleichgültigkeit, Teilnahmslosigkeit und das Auslöschen jeglicher Differenz erforderlich macht.

Das Mehr an Freiheit, das der Feminismus gebracht hat, hat mit der jetzigen Unordnung zu tun, mit einer radikalen Veränderung der Koordinaten, die jene Ordnung und ihren Sinn aus den Angeln gehoben hat, real und symbolisch. Der Traum einer harmonischen wiederhergestellten Ordnung, die jegliche Differenz ausmerzt, dieser tödliche Traum, verwandelt sich global in den Albtraum menschlicher Leben außerhalb jeglicher Ordnung, in Ausgestoßene und Abgewiesene. Um nicht zur Ausschussware der neoliberalen Freiheit zu werden, scheint die einzige Möglichkeit zu sein, sich in eine wiederhergestellte Ordnung einzufügen.

„Doch eine lange Geschichte hat aus den Frauen Expertinnen gemacht, das Leben, die Körper und die menschlichen Beziehungen zu erhalten, hat ihnen einen Spürsinn dafür gegeben, wie sie dafür Wege finden können, dann wieder andere und immer weitere Möglichkeiten, wobei sie jede Ressource nutzen, um das Schicksal eines Menschseins als Ausschussware zu vermeiden, von sich selbst ausgehend und von dem, was am stärksten dabei hilft, neue Wege zu finden, der Freiheit“ (S. 2). Der Feminismus ist Teil dieser Geschichte. Er ist eine aufrührerische Bewegung, die jede Rückkehr zu einer Ordnung verhindert, die jenen tödlichen Kreis wieder schließen könnte. Dass er wieder geschlossen wird, verhindert der Feminismus, „der sich ereignet hat, sich aber auch jetzt ereignet. Sein Leben besteht darin, sich immer wieder und immer von neuem zu ereignen“ (S. 3). Er atmet mit dem Atem jeder einzelnen Frau, die Atem holt, die tiefer atmet, und dann bekommt diese Inspiration einen weiteren Atem, wird zur Sprache und inspiriert die Gegenwart mit weiteren Stimmen, bis hin zu einer erneuten auslösenden Situation.[2]

„Es gibt kein Ende, keine Definition, keine Begrenzung des Feminismus als Bewegung weiblicher Freiheit.“ Er beginnt ständig neu, während er weitergeht. Wer einen Zirkel ergreift, um den Kreis des Feminismus zu begrenzen, tut das üblicherweise, um Ziele zu skizzieren. Um den Inhalt zu umreißen und zu bestimmen, um ihn in eine „quadratische“ Form zu bringen. Aber es gibt keine Quadratur des feministischen Kreises, es gibt keine Differenzialrechnung, die seine Fläche und Ausdehnung berechnen könnte, „es gibt immer eine weitere Frau, die den Unterschied, die Differenz des Feminismus ausmacht, die sich nicht einreden lässt, ein ‚Weniger’ zu sein, geschweige denn, dafür da zu sein, den Kreis zu vervollständigen.“

Feminismus ist kein Eigenname, sondern ein Name für alle, es ist ein Wort, das zur Verfügung steht. Aber es ist kein Wort der Indifferenz. Es ist ein Name, der immer wieder von einer einzelnen als Eigenname angenommen wird. Eine eignet sich ihn an, doch er wird trotzdem nie zu ihrem wirklichen Eigentum. Immer wieder eignet sich eine Frau ihn an, wenn sie sich in einem Engpass zwischen Notwendigkeit und Freiheit befindet, um unpassende Dinge zu tun, damit andere sie sich aneignen, außerhalb der Ordnung, aber eingebunden in eine andere Ordnung, die in jenem Namen einen weiteren, offeneren Horizont findet.[3]

Es gibt Streit über den Feminismus, Konflikte über diesen Namen. Man könnte sagen, er ist ein Schlachtfeld. Aber dieser kriegerische Ausdruck passt nur, wenn der Feminismus sich in Fronten, in Schlachtlinien[4] einordnen lässt. Doch es gibt mehr Möglichkeiten in diesem Spiel, und der Feminismus steht quer zu jeglicher Formierung und Frontenbildung, er will etwas anderes und er will mehr. Und wenn der Kampf härter wird, braucht es ein Mehr an Feminismus.

[1] dissestata, fuori di sesto, un sesto senso, dissesto, l’assesto, riassesto, riassestar

[2] respira del respiro, prende fiato, inspirazione, ispira

[3] proprio (zu eigen), appropriare, fare cose improprie perché siano appropriate (Unangepasstes tun, damit andere es sich aneignen)

[4] Auch hier stellt Diana Sartori sprachlich einen Zusammenhang her zwischen den oben gebrauchten Begriffen quadro (Quadrat)/ quadratura und den Worten squadra (Winkel, Dreieck und Gruppe,Truppe) und squadrare (viereckig zuschneiden/zurechtstutzen)

 

Diotima: Femminismo fuori sesto. Un movimento che non può fermarsi. Napoli, Januar 2017

(Feminismus außerhalb jeglicher Ordnung. Eine Bewegung, die nicht zum Stillstand kommen kann)

Link zum nächsten Abschnitt der Serie

 

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 21.03.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Und wann dürfen wir auf Deine Übersetzung ins Deutsche hoffen und auf die Publikation, liebe Dorothee? Schade, dass ich das Buch nicht auf der Stelle lesen kann!

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe @Gudrun Nositschka,
    leider wird es bei dieser zusammenfassenden Übersetzung und kapitelweisen Veröffentlichung auf bzw-weiterdenken bleiben, da ich mich dem unendlichen Ärger mit dem italienischen Verlag wegen der Lizenz und den Mühen der Geldbeschaffung nicht mehr aussetzen werde. Nur zu übersetzen, das wäre wunderbar!

  • Bettina Schmitz sagt:

    auch von mir herzlichen Dank für diesen Bericht / Überblick. finde es sehr schade, dass es keine deutsche Übersetzung geben wird und kann die Gründe dafür sehr gut verstehen. dann folge ich mal den Darstellungen und lese vielleicht doch mal wieder auf Italienisch … und sende erstmal Grüße und Dank auch an Antje Schrupp, durch die ich auf den Text aufmerksam wurde, obwohl ich schon regelmäßig bzw wie eine wunderbare Ärztin konsultiere 🙂

  • Dorothee Markert sagt:

    Da das Übersetzen, Zusammenfassen und gegebenenfalls auch Kommentieren eines Diotima-Buchs eine viel anstrengendere Arbeit ist als die reine Übersetzung und zudem den Vorteil hat, dass die Gedanken schneller in die deutschsprachige Welt kommen, als das mit dem langwierigen Prozedere einer Übersetzung plus Publikation möglich wäre, wirkt es ziemlich demotivierend auf mich, dass die einzigen Kommentare hier meine (geschenkte) Arbeit abwerten, indem sie das Ergebnis gegenüber einer wörtlichen Übersetzung als etwas Minderwertiges hinstellen. Auch zeigen die Verkaufszahlen bei den bisher schon von uns übersetzten Büchern und die wenigen Reaktionen darauf nicht gerade, dass es nichts Dringenderes zu tun gibt, als solche Übersetzungen zu liefern. Ich bemühe mich sehr, das Wesentliche der Texte herüberzubringen. Bei „Das Fest ist hier“ schickte ich meine Texte sogar an Chiara Zamboni mit der Bitte, mich auf etwaige inhaltliche Fehler hinzuweisen. Ich denke zudem, dass diese kurzen zusammengefassten Texte den Lesegewohnheiten vieler heutiger LeserInnen eher entgegenkommen als die Idee, ein ganzes Buch mit auch in einer guten Übersetzung immer noch recht schwer verständlichen philosophischen Texten lesen zu müssen.

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