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Rubrik denken

Zerrbilder des Feminismus

Von Dorothee Markert

Femminismo fuori sesto

Das zweite Kapitel im Diotima-Buch über den Feminismus stammt von Ida Dominijanni, einer in Rom lebenden Journalistin und Philosophin, die zusammen mit drei anderen Frauen einen Text zu den Silvesterereignissen von Köln und ihrer medialen Verzerrung geschrieben hat, den wir damals auch auf unserer Seite veröffentlicht haben. Das Wort „spettri“ kommt auch in jenem Text vor und wurde dort mit „Schreckgespenster“ übersetzt. Ich fand für den Titel von Dominijannis Kapitel im Diotima-Buch den Begriff „Zerrbilder“ passender.

Ida Dominijanni beginnt ihren Text mit der Feststellung, heute werde allgemein zugegeben, dass es sich beim Feminismus um eine Revolution gehandelt habe, was zu Beginn des Jahrtausends noch nicht so gewesen sei. Allerdings werde dies meistens sofort durch einschränkende Adjektive wieder relativiert: „Kulturelle, nicht politische Revolution“ oder „verfehlte Revolution“, oder „halbe Revolution“, werde sie zum Beispiel genannt. Trotzdem könne das als Schritt nach vorn und als eine Art Anerkennung gesehen werden. Doch dieser Fortschritt werde „von einem dicht gedrängten Zug von Gespenstern und einem Zug von Hexenjägern begleitet, von Projektionen, unauflösbaren Missverständnissen, falschen Zuschreibungen und überraschenden Anklagen“ (S.23). Das findet Ida Dominijanni nicht ungewöhnlich, denn Revolutionen und ihre Wieder-Vergegenwärtigungen werden immer von Fantasmen begleitet, was sicherlich auch mit dem messianischen Aspekt revolutionärer Versprechen zu tun hat. Als Beispiele für überraschende Anklagen nennt Dominijanni den Vorwurf an die Feministinnen, sie hätten sich nicht oder nicht deutlich genug zu den Ereignissen von Köln geäußert, worauf im oben verlinkten Artikel ausführlich eingegangen wird. Außerdem berichtet sie von der Anklage, die Feministinnen hätten zum „Berlusconi-Gate“ in Italien geschwiegen, woran man sehe, dass der Feminismus tot sei.

Der Vorwurf zu den Ereignissen von Köln bringe zugleich das „Zerrbild des Feminismus in seiner Mainstream-Variante“ (S. 25) ans Licht. Dem Feminismus wird hier nur dann eine Existenz und ein mögliches Fortdauern zugestanden, wenn er bestimmte Bedingungen erfüllt. Er muss sich der neoliberal-demokratischen Religion unterwerfen, er muss also dem dreifachen Dogma von Markt, Rechten und dem Zwang zur Gleichstellung folgen. Dies ist eng mit der Vorstellung verbunden, wir würden das, was wir durch die feministischen Kämpfe innerhalb und gegen die westliche Zivilisation erreicht haben, in Wirklichkeit den großzügigen, spontanen Gaben dieser Zivilisation verdanken. Und daher könne es keine Kämpfe für weibliche Freiheit in anderen Breiten und anderen Kulturen geben.

Das zweite Zerrbild des Feminismus kommt laut Dominijanni aus einer ganz anderen Ecke, es sei aber politisch durchaus mit dem ersten Zerrbild kompatibel. Hier wird nicht bezweifelt, dass der Feminismus existiert hat und weiterhin existiert und dass er Wege des Denkens und der Politik eröffnet hat. Auch an dem, was er erreicht hat, besteht dort kein Zweifel. Trotzdem wird der Feminismus für überwunden gehalten, weil sein tragendes Subjekt – „Frau“ – sich aufgelöst habe, da dies eine Bezeichnung ohne Bezeichnetes sei, nur performativ gebraucht und unbestreitbar normativ; ein Pfeiler, bzw. der Pfeiler der heterosexuellen Normativität, die es zu bekämpfen gelte statt des Phallo-Logozentrismus. Den Feminismus habe es gegeben, aber nun sei es Zeit, ihn ins Archiv zu verschieben. Stattdessen müsse einer Vervielfachung der Konflikte Raum gegeben werden, die der Vielzahl der Beteiligten entspreche, von Körpern, Geschlechtern, Sexualitäten.

Ida Dominijanni verweist auf die breit geführte Auseinandersetzung zwischen dem Denken der Geschlechterdifferenz mit der Gender- und Queertheorie, zu der sie ebenfalls beigetragen hat.[i] Sie kritisiert die Gleichsetzung zwischen Feminismus der Geschlechterdifferenz und Heteronormativität, die historisch nicht nachweisbar sei. Im Gegensatz zum eigenen konstruktivistischen Ansatz wirke sich dieses Zerrbild des Feminismus sogar dahingehend aus, dass es zu einer Re-Naturalisierung der Geschlechterdifferenz beitrage, während es im Feminismus darum gehe, der Geschlechterdifferenz Bedeutung zu geben. Und obwohl jener Ansatz subversiv sein und gegen festgelegte Identitäten wirken wolle, bewirke er genau das Gegenteil, nämlich eine Segmentierung von Identitäten, was zu einer Neutralisierung des Konflikts führe, anstatt zu einer Radikalisierung. Die Vervielfachung (der Körper, Geschlechter und Sexualitäten) könne nämlich leicht in einen Pluralismus der Identitäten umkippen, vor allem wenn sie von der Forderung nach institutioneller und juristischer Anerkennung begleitet sei. Und dies stehe in perfektem Einklang mit der herrschenden politischen Ordnung.

Beide Zerrbilder bewirken also eine Neutralisierung. Zum alten Neutrum liberal-demokratischer Geschlechtergleichheit der Moderne kommt ein neues Neutrum post-moderner Äquivalenz hinzu, das mit neoliberalen Begriffen auf den neuesten Stand gebracht worden ist. Während das erste Fantasma das Gleichheitsprojekt der Moderne erfüllt, verliert sich das zweite in postmoderner Beliebigkeit.

Dass es beim Thema Feminismus in so großem Maß zu solchen Verzerrungen kommt, hat mit der Nähe des Feminismus zum Paradigma der Moderne zu tun, das er aber nicht teilt, wie Luisa Muraro einmal sagte. Er gehe tief hinein in dieses Denken, „in sein stummes und zum Schweigen gebrachtes Inneres […], um es von innen heraus zu öffnen, nicht für ein wie auch immer Gestaltetes ‚Danach’, sondern für ein ‚Mehr’“ (Luisa Muraro, zit. S. 27).

Andere Gründe für ein Missverstehen des Feminismus mit der Gefahr der Produktion von falschen Bildern haben mit zum Feminismus gehörenden Eigenschaften zu tun: „Mit seinem situationsbezogenen, kontingenten, unvorhersehbaren Charakter; mit seiner Nicht-Fassbarkeit, seiner Nicht-Reduzierbarkeit auf klar definierte Ziele“ (S. 28); mit seiner Zeitlichkeit, die nicht zu der moderner Politik passe; mit seiner Weigerung, sich an einer Politik der Stellvertretung zu beteiligen. Der Feminismus sei da und sei nicht da, er komme und gehe, er zeige sich und verschwinde wieder, er verfasse keine Programme, er sei nie dort, wo man ihn vermute, er reagiere nicht auf Appelle, er lasse sich nicht in bestehende Fronten eingliedern, er überschreite jede Definition, er repräsentiere nicht alle Frauen und lasse sich durch keine Frau repräsentieren.

Es gebe aber auch ganz reale Gründe für Missverständnisse: Dass von einer feministischen Bewegung gesprochen wurde und dass diese die Aktionsformen sozialer Bewegungen wie Demonstrationen und Kundgebungen übernommen hat, führte zwar zu öffentlicher Sichtbarkeit, doch dahinter verschwindet die viel breitere Veränderung, die der Feminismus eingeleitet hat, das In-Bewegung-Bringen weiblicher Subjektivität, „die geschieht, wo sie geschieht und wo sie nicht vorgesehen ist; die das Subjekt verändert, das diese Erfahrung macht, sowie den Kontext, in dem es handelt; eine Subjektivität, die Differenz hervorbringt und nicht einer vorgegebenen Differenz folgt; die ein ‚Wir’ auf politischem Weg ins Leben ruft und es nicht essentialistisch voraussetzt, […]; die die eigenen existenziellen Maßstäbe nicht der Anerkennung durch Justiz und staatliche Institutionen anvertraut, denn sie räumt dem Urteil einer anderen Frau und dem Wagnis freier Aktion einen höheren Stellenwert ein; die von Anfang an, nicht erst seit gestern oder vorgestern, die durch Phallozentrismus und Zwangsheterosexualität (was nicht dasselbe ist!) normierten und normativen Beziehungen zwischen den Geschlechtern untergräbt“ (S. 28) und sich gegen jede Regulierung gelebter Sexualität wendet.

Eine gewisses Maß an Produktion von Zerrbildern gehöre zum Leben, zur Politik und zum Realen. Mit den Fantasmen müsse man zu leben lernen, zitiert Dominijanni an dieser Stelle Derrida, und darüber hinaus könne man immer etwas aus ihnen lernen.

Am Ende ihres Textes führt Ida Dominijanni Fragenkomplexe auf, die weiter untersucht werden sollten. Unter anderem stellt sie folgende Fragen:

– Wie kann die politische Bewegung für weibliche Freiheit neu entworfen werden in einer Zeit, in der der Begriff „Freiheit“ reduziert wird auf die Freiheit des Marktes und die Freiheit der Rechte, wobei die Frauen und der Feminismus in beiden Bereichen so dargestellt werden, als gehe es um Privilegien?

– Wie kann es gelingen, weiterhin einen Unterschied zu machen (im Singular), in einer Zeit, in der die Unterschiede (im Plural) von der kapitalistischen Produktion und dem demokratischen Pluralismus gleichzeitig hergestellt und neutralisiert, gefördert und diszipliniert werden?

– Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Kritik an der Norm des Phallozentrismus und der Kritik an normativer Heterosexualität?

 

Während ich diesen Text von Ida Dominijanni übersetzte und zusammenfasste, kamen auch mir einige Fragen. Zwar konnte ich ihr Anliegen gut nachvollziehen, den eigenen Feminismus von dem abzugrenzen, was über ihn an Missverständnissen und Zerrbildern verbreitet wird. Auch ich werde manchmal ungeduldig, wenn ich mit Vorwürfen an „den Feminismus“ konfrontiert werde, die mit Feminismus, so wie ich ihn verstehe und nun schon seit Jahrzehnten zusammen mit anderen Frauen vertrete, nicht das Geringste zu tun haben, sondern im Gegenteil dort schon immer kritisiert worden sind.

Zerrbilder des Feminismus zu beschreiben, oder zumindest einige ganz konkrete Missverständnisse, fand ich daher zunächst eine gute Idee. Doch bei den beiden Komplexen, die Ida Dominijanni „Zerrbilder“ nennt, wobei dieser Begriff sogar als „Schreckbilder“ oder „Schreckgespenster“ übersetzt werden könnte, handelt es sich ja nicht nur um Bilder, um Phantasiegespinste, um Fantasmen, sondern um Teile der feministischen Bewegung, bestenfalls um andere Feminismen, mit denen wir nicht einverstanden sind. Ich finde es richtig und notwendig, sie zu kritisieren, so wie es Antje Schrupp beispielsweise in diesem Artikel über Intersektionalität tut. Während ich Ida Dominijannis inhaltliche Kritik an Gleichstellungspolitik auf der einen und Queerbewegung auf der anderen Seite gut nachvollziehen kann, stört mich die Überschrift, unter der das geschieht. Der Vorwurf, es handle sich hier um Zerrbilder des Feminismus, ist mir zu undifferenziert, vor allem deren Gleichsetzung, was die politische Wirkung angeht. Das Letztere würde ich allenfalls als Arbeitshypothese akzeptieren, was es ja vielleicht auch sein soll, wenn ich an die Fragen denke, die Ida Dominijanni am Ende stellt. Auf jeden Fall regt ihr Text zu weiterem Nachdenken und Diskutieren an.

[i] Vgl. Ida Dominjanni, Matrix der Differenz. Zum Unterschied zwischen gender und sexueller Differenz in: Rita Casale, Barbara Rendtorff (Hg), Was kommt nach der Genderforschung? Bielefeld 2008, S. 139-169

 

Diotima: Femminismo fuori sesto. Un movimento che non può fermarsi. Napoli, Januar 2017

(Feminismus außerhalb jeglicher Ordnung. Eine Bewegung, die nicht zum Stillstand kommen kann)

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Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 28.04.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Danke Dorothee, für die Zusammenfassung und auch für die Fragen am Ende. Ich halte es für mich so, das ich mich an der Selbstbezeichnung orientiere: wer von sich selbst sagt, Feministin zu sein. In dem Fall inhaltliche Auseinandersetzung. Wenn sich jemand vom Feminismus distanziert und als Begründung ein Zerrbild anführt, dann kritisiere ich das Zerrbild.

    Ich finde ansonsten insbesondere auch die Parallelisierung von Queerfeminismus und Neoliberalismus schwierig. Natürlich sind feministische Vorstellungen immer auch „Kind ihrer Zeit“, von daher finden sich sicher Berührungspunkte. Aber ich finde vieles davon durchaus interessant, vor allem möchte ich das dahinter anstehende Begehren verstehen, und das ist groß und authentisch, und nicht zu vergleichen mit z.B. Neoliberaler Vereinnahmung feministischer Teilargumente. Mir scheint es manchmal so, als würde hier in manchen traditionell-feministischen Debatten auch ein Zerrbild des Queerfeminismus gemalt, damit man sich nicht ernsthaft die Mühe einer Auseinandersetzung machen muss. Das erinnert mich dann auch an die Zerrbilder, die früher vom Differenzfeminismus gezeichnet wurden, mit denselben Motiven.

    Von daher: Zerrbilder des Feminismus werden nicht nur von außen, sondern oft auch von uns selber gezeichnet. So oder so haben sie die Funktion, dass man die Thesen und Ideen nicht ernst nehmen muss.

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