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Rubrik denken

Heilige Theresen, die nichts hervorbringen

Von Dorothee Markert

Auf dem Markt des Glücks

Eine Frau wie die Alte mit den Wollknäueln können wir auch immer wieder unter uns finden, davon ist Luisa Muraro überzeugt. Sie berichtet von der Begegnung mit einer dieser Frauen, die sich zusammen mit Persönlichkeiten in eine Schlange stellte, die mit zahlreichen Titeln geschmückt waren. Mit keiner dieser Personen konnte sie es aufnehmen, was sie ziemlich einschüchterte, aber nicht entmutigte. Sie vertraute Luisa Muraro an, dass sie seit ihrer Kindheit mit der Gewissheit gelebt habe, für etwas Großes bestimmt zu sein. Und diese mit ruhiger Stimme hervorgebrachte Aussage stand in deutlichem Kontrast dazu, dass sie aus einem ganz gewöhnlichen Umfeld stammte, das von Mühsal und geringen Einkünften geprägt war. Zudem waren ihre Einstellungen und Verhaltensweisen eher dazu angetan, himmlischen Ruhm zu gewinnen als irdischen, doch religiöse Begriffe wie „Glaube“ wollte sie nicht auf sich beziehen, schließlich strebte sie ja nach Größe im irdischen Sinn. 

Zu diesem Thema eines Begehrens nach Größe, das sich am Realen bewähren soll, fällt Luisa Muraro einer der bedeutendsten britischen Romane des 19. Jahrhunderts ein, Middlemarch, von Mary Ann Evans 1871 unter dem Pseudonym George Eliot veröffentlicht (Auf Deutsch: Middlemarch, eine Studie des Provinzlebens. Aus dem Englischen übersetzt von Ilse Leisi. Manesse Verlag, Zürich 1962). In der Einleitung schreibt die Autorin über „die heiligen Theresen, die Gründerinnen von nichts“. Zu diesem Bild wurde sie durch die Erfahrungen der berühmten spanischen Heiligen aus dem 16. Jahrhundert angeregt, Theresa von Avila, die ihr großes Begehren in Klostergründungen und die Einflussnahme auf die Gestaltung ihrer Welt umsetzen konnte. Mit dem Bild der Theresen, die nichts gründeten, beschreibt George Eliot jene Frauen (und Männer), deren ebenfalls großes und starkes Begehren angesichts der Realität immer schwächer wurde und schließlich als unhaltbare Illusion erlebt wurde, was zu schmerzlichen Gefühlen von Niederlage und Enttäuschung führte. Der ganze Roman entfaltet sich um diese großartige gedankliche Erfindung herum. Gegen Ende des Romans klagt die Protagonistin Dorothea Brooke-Casaubon: „Es gibt keinen Schmerz, an den ich so oft gedacht habe, – etwas Großes zu lieben und es zu erreichen versuchen und dennoch vollständig zu scheitern“ (zit. nach Muraro, S. 18).

George Eliot siedelt Middlemarch etwa ums Jahr 1830 in der englischen Provinz an, versetzt ihren Roman also in eine politisch sehr aufgeheizte Zeit. Doch sie schrieb ihn 30 Jahre später, als das Bürgertum sich von einer revolutionären Kraft immer mehr zur konservativen Klasse gewandelt hatte. Die Erfahrung der politischen Ernüchterung zeigt sich im Roman in einer ähnlichen Desillusionierung, die aber durch die weibliche Protagonistin mehr im Geheimen und im persönlichen Leiden erlebt wird: Diese sehnt sich danach, sich einer großen Sache zu widmen, hat aber einen Gelehrten geheiratet, der sich immer mehr als engstirniger Mann und mittelmäßiger Forscher entpuppt. Die Erfahrungen vieler Menschen jener Zeit finden so ihren Widerhall in einem Anderswo, in einem weiblichen Inneren, wo die Veränderungen sich nicht wie in der historischen Realität unmerklich von Tag zu Tag und im Leben von vielen Einzelnen vollziehen, sondern deshalb nicht wahrgenommen werden, weil sie im Verborgenen bleiben und keinen öffentlichen Ausdruck finden.

Das Schicksal all jener, die man als Gescheiterte bezeichnen könnte, wenn sie nicht dadurch geadelt wären, dass sie einmal nach etwas Großem strebten, wird schon in den letzten Zeilen der Einleitung vorweggenommen: „Hier und da kommt eine Heilige Theresa auf die Welt, die nichts gründet und deren Schluchzen und Herzklopfen aus Liebe zu einem nicht erreichten Guten sie durchbebt und sich dann verliert, anstatt sich in einem denkwürdigen Unternehmen zu verdichten“ (zit. nach Muraro, S. 19). Von Dorothea wird im Nachwort gesagt, ihre reiche Natur sei wie jener große Strom, deren Lauf der persische Herrscher Kyros gebremst hatte, indem er ihn in viele Kanäle umleitete, die keinen großen Namen mehr auf der Erde hatten. George Eliots Bezugnahme auf diese von Herodot erzählte Episode zeigt, wie sehr sie, die praktisch Autodidaktin war, die Gelehrsamkeit schätzte.

Luisa Muraro untersucht nun genauer, wer oder was die Niederlage Dorotheas verursacht hat und was wir daraus lernen können. George Eliot entgegnet denen, die den Grund in einer natürlichen Unterlegenheit der Frauen sehen, es gäbe große Unterschiede von Frau zu Frau. Sie denke an jene Frauen, die, wie beispielsweise Dorothea, Schwäne wären, wenn sie einen Ausweg fänden, einen lebendigen Strom, der sie aus dem Teich der Entenküken herausführen würde. Den lebendigen Strom mit besseren Chancen für Frauen gleichzusetzen, hält Luisa Muraro für eine falsche Interpretation. Zwar litt auch Mary Ann Evans unter den sozialen Nachteilen ihres Geschlechts, doch das war nicht ihr eigentliches Thema, obwohl sie diese Nachteile keineswegs ignorierte. Sie fasst eine menschliche Erfahrung von Frauen in Worte, um grundlegende Lebenserfahrungen von Frauen und Männern zu beleuchten.

Virginia Woolf schreibt in einem Artikel über George Eliot, diese offenbare in ihrer Erzählung Middlemarch viel von ihrer eigenen Persönlichkeit. Dorothea trage in sich einen Anspruch, der vielleicht unvereinbar sei mit den Gegebenheiten der menschlichen Existenz. Bei dieser überraschenden Aussage fühlt sich Luisa Muraro gleich wieder auf den Sklavenmarkt zurückversetzt, wo eine alte Frau den schönen und klugen Joseph kaufen will, aber nicht die Mittel hat, um für ihn zu bezahlen. Im Unterschied zu ihrer Protagonistin Dorothea ließ George Eliot sich in ihrem Leben nicht von ungünstigen Umständen bremsen, durch nichts und niemand ließ sie ihren starken Lebensstrom aufteilen und kanalisieren. Doch beim Blick auf ihre Werke nimmt die feinsinnige Leserin Virginia Woolf wahr, dass George Eliots Heldinnen mit ihrem offensichtlichen Scheitern auch das verborgene Scheitern der Autorin tragen. Die Diskrepanz zwischen dem Schicksal der Heldinnen, das auf Tragik und Resignation zuläuft, und ihrem eigenen Lebensweg als herausragende Persönlichkeit in der Kultur ihrer Zeit, hält Luisa Muraro für zweitrangig angesichts dessen, was sie gemeinsam haben. Und das sei ein übervolles Maß an Bewusstsein und Sehnsucht, die beide dazu bringen, etwas zu wollen, was sie gleichsam gar nicht wissen, etwas Übermäßiges im Hinblick auf die Gegebenheiten menschlicher Existenz.

In der Einleitung zu Middlemarch finden wir noch eine weitere Erklärung für das Scheitern der „später geborenen“ Theresen. Für Theresa von Avila waren ihre Gründungen möglich, weil sie von einem starken Glauben und einer symbolischen und sozialen Ordnung getragen wurde, die ihrer geistigen Größe Gelegenheiten boten, welche nicht zu eng und beschränkt waren. George Eliot schreibt, die später geborenen Theresen hätten eine solche Unterstützung durch die sie umgebende Kultur nicht gehabt. Die Frage ist also, welche symbolische Hilfe das weibliche Begehren mit dem Untergang jener religiösen Kultur verloren hat, in der Theresa von Avila aufblühen konnte. Im Nachwort wiederholt und bekräftigt George Eliot jene historische Erklärung mit der Aussage, das Medium, durch das Theresa von Avilas Aktionen aufloderten und Form gewinnen konnten, sei leider für immer verloren. Und so gestaltet sie auch den Aufbruch und die Herausforderung im Roman, die in der Einleitung noch offen erscheinen. Im Nachwort ist alles verloren, mit derselben Endgültigkeit wie in der Aussage, dass das Vergangene eben Vergangenheit ist.

Luisa Muraro sieht hier einen Mangel des Romans, einen nicht zu Ende gedachten Gedanken. Denn einem objektiven historischen Urteil darf dieses Thema nicht anvertraut werden, ein Thema, das nur von jenen verstanden wird, die fähig sind, ein Begehren jenseits ihrer Reichweite zu nähren und ihre eigene Inadäquatheit nicht so zu interpretieren, dass damit das Begehren selbst in Frage gestellt wird. Und diese Menschen gibt es, wie Muraro zu Beginn des Kapitels gezeigt hat. 

An dieser Stelle erklärt Luisa Muraro nun den Titel, den sie diesem Kapitel gegeben hat: „Von Defiziten profitieren“. Er stammt aus einer Laude, einem Lobpreis des göttlichen Lichts, von Jacopone da Todi am Ende des Mittelalters geschrieben. In dem kurzen Text fasst er die große Entdeckung seiner Zeit in Worte, die von der Mystikerin Margarete Porete und anderen Frauen der Beginen-Bewegung gemacht wurde. Luisa Muraro meint sogar, in diesem Text klinge bereits eine Grundidee des späteren Kapitalismus an. Sie paraphrasiert den Text folgendermaßen: „Oh Reichtum, der erworben werden kann, wenn man alles verloren hat! Noch nie hat man eine solche Verwandlung gesehen. … Du machst aus dem Mangel einen Gewinn …“ (S.25).

Der weibliche Vorteil, der Gewinn, den wir einsammeln können, wenn wir „auf den Markt gehen“, ist, dass wir das „Geld“ unseres historischen Nachteils dabeihaben. Dass dies kein Ding der Unmöglichkeit ist, haben viele Menschen bewiesen und beweisen es noch. Luisa Muraro selbst hat es aus der Politik der Frauen gelernt. Die angebliche Festgelegtheit der historischen und kulturellen Umstände ist wie ein Deckel, der über die Erfahrung des Scheiterns gelegt wird, und diese Interpretation finden wir besonders oft bei Frauen. Wenn wir den Namen „Frau“ bzw. einen weiblichen Vornamen tragen und dabei den Maßstäben dieser Welt vollständig unterworfen bleiben, bedeutet das automatisch ein Weniger, ein Begrenztsein und Vermindertsein, gerade in der symbolischen Kompetenz, die die Sprache allen geben müsste aus der einfachen Tatsache heraus, dass sie existieren und sprechen. „Doch wenn sie weder auf ihren Namen noch auf ihre Kompetenz als Sprechende verzichtet, werden die Maßstäbe dieser Welt relativ, es sind Maßstäbe von Männern. Und mit bloßem Auge ist zu erkennen, dass sie dann die Welt vom Standpunkt eines Anderswo aus sieht, zu dem sie ganz leicht hinübergleiten kann, was die mutigsten Denker und unangepasstesten Heiligen mit Neid erfüllt“ (S.22).

Die historische Erklärung, die George Eliot für das Scheitern ihrer Heldin heranzieht, hat die symbolische Wirkung, die ursprüngliche Spannung aufzuheben. Denn nun wendet die Autorin jenem Anderswo, das der fruchtbare Ausgangspunkt war, den sie gefunden hatte, den Rücken zu. Zu Beginn des Romans war eine Sie sich ihrer selbst bewusst geworden und hatte die Kraft gefunden, sich damit zu konfrontieren, ohne sich mit dem sozialen Theater der Gesellschaft zu verwechseln, die sich ständig in die eine oder andere Richtung verändert. Als dann das weibliche Innere einem unpassenden Maßstab unterworfen wird, verkümmert es, ebenso wie der Roman.

Es gibt eine falsche Schlussfolgerung aus der Erfahrung der alten Frau auf dem Sklavenmarkt: Das Begehren am verwirklichten Realen zu messen. Denn das Reale ist mehr als die Realität der Fakten. Diese wirkt nämlich wie eine Wand, an die wir immer wieder getrieben werden und von der wir uns aufhalten lassen, aus Unwissenheit, aus Angst und Konformismus. Oder damit wir als rigoros, rational und realistisch gelten. Doch von dieser Wand können wir uns lösen, wenn wir akzeptieren, ins Dunkle zu schauen oder abzuwarten, bis wir mehr sehen oder bis wir fliegen lernen. Das sind Bilder dafür, dass das Reale undenkbar bleibt, solange wir nicht auch an das Mögliche denken und sogar an das Unmögliche, auf das sich das Begehren richtet.

Es gibt aber auch einen weiblichen Realismus, der den Erfahrungen und dem Begehren von Frauen treu bleibt, und dieser hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem Realismus der Positivisten und Soziologen. Jenen Realismus erreicht man durch einen Sprung in eine scheinbare Leere, die sich jedoch als Übergang und Durchgang herausstellt. Ohne Glauben oder Vertrauen kann keine den Sprung wagen, und von diesem Vertrauen nährt sich die Politik des Symbolischen, die einzige Politik jenseits der Politik des Machtgewinns und Machterhalts. George Eliot ahnt, wie kostbar dieser Weg ist, aber sie sieht ihn nur noch von Ferne leuchten, als eine Möglichkeit längst vergangener Zeiten. Sie merkt nicht, dass jener Reichtum aus ihr selbst strahlt und ihr künstlerisches Werk erhellt. 

In der Darstellung George Eliots scheitern die Theresen aus demselben Grund, aus dem auch sie letztlich scheitert, obwohl Middlemarch unzweifelhaft ein großartiger Roman ist und auch sie als Autorin viel Erfolg im Leben hatte. Der Grund ist, dass die Theresen und sie selbst sich am verwirklichten Realen messen. Vielleicht bewirkt ein solcher Maßstab bei einer Frau noch mehr, dass sie zur Verliererin wird, als bei einem Mann. Es spielt keine Rolle, ob sie wirklich scheitert oder im Gegenteil sogar erfolgreich ist, vielleicht verliert sie im zweiten Fall sogar noch mehr. Denn da gab es jene besondere Qualität in einem Werk, die am verwirklichten Realen nicht gemessen werden konnte, und doch unterwarf die Autorin sich seinem Maßstab und machte sich selbst klein, trotz ihres Erfolgs. Der Roman über Dorothea Brooke-Casaubon entsteht und entwickelt sich unabhängig von jenem Maßstab, doch schließlich unterwirft er sich ihm doch. Der symbolische Horizont, der das Werk ermöglicht hat, schließt sich, bevor das Werk vollendet ist. Und wer es liest, erlebt dies als schmerzlich, als ob es zu früh dunkel würde.

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Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 20.06.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    „Eine Frau wie die Alte mit den Wollknäueln können wir auch immer wieder unter uns finden, davon ist Luisa Muraro überzeugt.“
    und ich bin davon überzeugt, dass sich diese (für mich) nur „finden läßt“,
    wenn ich diese(s) vorher in mir entdeckt habe…

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Liebe Dorothea,
    danke für die Zusammenfassung dieses wichtigen Buches von Luisa Muraro. Ich habe mir tatsächlich noch nie die Zeit genommen, es auf Italienisch zu lesen, und kann dieses Versäumnis jetzt dank Dir zumindest teilweise beheben. Aber ich wollte Dich darauf aufmerksam machen, dass der persische Herrscher „Ciro“ auf Deutsch freilich „Kyros“ heißt. Du brauchst nur bei Wikipedia nachzuschauen, um zu erfahren, wie eine historische Persönlichkeit auf Deutsch heißt. Den gleichen Fehler hast Du schon einmal in einer Übersetzung von Chiara Zamboni gemacht, wo Du den römischen Kaiser Mark Aurel als „Marco Aurelio“ bezeichnet hast. Bei Wikipedia ist es eigentlich ein Leichtes, den jeweiligen Eintrag zu einer historischen Persönlichkeit zu finden und dann den entsprechenden Eintrag auf Deutsch zu finden, um zu erfahrenen, wie diese bestimmte Persönlichkeit auf Deutsch heißt!

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke für den Hinweis, dass Ciro auf deutsch Kyros heißt (und Marco Aurelio Mark Aurel). Ich heiße übrigens Dorothee, nicht Dorothea.

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Herrlich!

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