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TRANSALPIN. Verena Lettmayers Reisebericht von einer Alpenüberquerung

Von Jutta Pivecka


Vorab: Ich mag die hohen Berge nicht. Die tiefen, engen Täler und die steilen, spitzen Höhen erfüllen mich seit je weniger mit Erhebung als mit Beklemmung. Verena Lettmayers Reisetagebuch „Transalpin. Der lange Weg. Zu Fuß von Salzburg nach Triest“ ist daher für mich keine Reiseanleitung, um einen eigenen Trip zu unternehmen.

Und dennoch hat es mir viel Freude bereitet, dieses Buch zu lesen und  – vor allem – anzuschauen. Denn es enthält neben dem Text auch viele Fotografien, nicht nur von „schroffen Schönheiten“ wie dem Berg Jalovec in den Julischen Alpen in Slowenien, sondern auch von Berghütten und Wanderschuhen, Wegweisern und Nebelbänken, Bächen und Wiesen, von Wanderinnen und zum Schluss: vom Meer.

SONNTAG, 1. Juli 2018, Frankfurt am Main:

„Ich bin aufgeregt. Da hilft nur Vertrauen. Auf das Unverfügbare.“

Verena Lettmayer ist eine passionierte Wanderin, die sich nicht nur die heimischen hessischen Mittelgebirge erwandert hat, sondern auch schon mal ausgefallenere Routen und Wandertypen erprobt,  wie z.B. ein 24stündiges Wandern. Dass sie über die nötige Wanderlust und Hartnäckigkeit verfügt, ebenso wie über die körperliche Fitness, bezweifelte also niemand, als sie begann von diesem Projekt zu erzählen, dass sie sich im Sommer 2016 mit Wandergefährtin Ruth Luxendorfer in den Kopf gesetzt hatte: einmal quer über die Alpen wandern von Österreich bis an die italienische Adria.

MITTWOCH, 4. Juli 2018, Glanegg bei Salzburg:

„Anfangen. Wenn ich einmal losgelaufen bin, wird alles anders. Das weiß ich.“

In „Transalpin“ erzählt Lettmayer, wie sie ihren Plan der Alpenüberquerung umgesetzt hat. Was mir besonders gefällt, ist, dass es kein Selbstfindungsbuch oder Pilger-Reisebericht geworden ist, sondern eine schlichte und spannende Beschreibung einer außergewöhnlichen, auch außergewöhnlich herausfordernden Reise. Die 31tägige Wanderung über die Alpen im Sommer 2018 hat die Wanderinnen an Grenzen gebracht und weitermachen lassen, Hindernisse und Unwägbarkeiten sind aufgetaucht und umgangen (im Wortsinne) worden, bis hin zum Ziel, dem Mittelmeer, an dessen Ufer auch die Hitze (34 Grad) erträglicher wurde.

Zwischendurch wird erlernt („Online-Tutorial“), wie der Rucksack am besten bepackt werden sollte („Die leichten Sachen kommen nämlich nach unten, während die schweren Sachen nach oben, aber eher außen, vom Rücken weg“ platziert werden sollten), auch wird entdeckt, dass der Rucksack sich seitlich an der Unterseite öffnen lässt („Dies wird sich später am Tag noch als existentiell erweisen.“

FREITAG, 20. Juli 2018, Hermagor (603m) -> Dolinza Alm (1460m)

„Und dann. Kommt das Gewitter. Und es kommt immer näher und wird immer lauter, und der Regen wird immer heftiger…und mir wird ganz anders; jedesmal, wenn es blitzt, zucke ich zusammen, nein, nein, wir sollten nicht hier draußen sein! (…) Jedenfalls, ich  mag schon jetzt nicht mehr, aber ich denk´ mir, das muss jetzt sein! Und so stapfen wir los…und erreichen auch bald den Sattel, und da steht auf dem Schild, dass es nur noch 50 Minuten sind! Ach… das Leben ist wieder lebenswert! Sogar der Regen lässt nach und der Wind zerteilt die Wolken in wilde Nebel.“

Lettmayer und Luxendorfer sind die Alpenüberquerung nicht als sportliche Leistungsshow mit Zeitdruck, auf der Jagd nach Höhen- und Kilometerrekorden angegangen, sondern haben von Anfang Erholungstage eingeplant. Dabei hat sich ihre freiberufliche Tätigkeit endlich einmal als Vorteil erwiesen, denn Angestellte können Arbeitgeber nur selten davon überzeugen, ihnen 6 Wochen am Stück freizugeben. Allerdings muss eine solche Reise eben auch finanziert werden, besonders wenn noch der Verdienstausfall hinzukommt. Verena Lettmayer hat das erfolgreich mit Crowdfunding geschafft. 

Am 5. August 2018, einem Samstag, reisten die Wanderfreundinnen von Triest wieder mit dem Fernbus nach Hause. Und jetzt liegt dieses schön gestaltete Wandertagebuch von Verena Lettmayer vor, das jede Etappe schildert, slowenische Vokabellisten und praktische Tipps inklusive, so dass es auch durchaus für andere Frauen (nicht für mich, wie oben schon gesagt) eine Inspiration und Anleitung sein kann, eine ähnliche Wandertour zu planen.

Im Epilog von „Transalpin“ schließt Lettmayer: 

„Also was sind denn nun mögliche Erkenntnisse, die ganz alltäglichen? Sich vorbereiten und einfach loslaufen. (Anfangen). Pausen machen. Auf die innere Stimme hören. Einfach weiterlaufen. Eine Etappe nach der anderen bewältigen. Für sich sorgen. Offen sein für andere Orte, andere Eindrücke, andere Menschen. Sich reduzieren und Ballast abwerfen. Es sich gutgehen lassen.“

Verena Lettmayer: TRANSALPIN. Der lange Weg. Zu Fuß von Salzburg nach Triest. 2019

(16 Euro + 2 Euro Porto) zu beziehen über verenalettmayer@posteo.de

https://verenalettmayer.wordpress.com/category/projekte-projects/

Autorin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 08.07.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sammelmappe sagt:

    Das hast du schön zusammengefasst. Es ist ein wunderbares Buch und liegt bei mir auf dem Stapel neben dem Bett. Das ist eine meiner Auszeichnungen, denn dort liegen nurdie Bücher, die mir am Herzen liegen und in die ich immer wieder reinschauen möchte.

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