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Rubrik handeln

Sich den realen Bedürfnissen zuwenden

Von Antje Schrupp

Wie Erst- und Zweitrangiges sich zueinander verhalten

In ihrem Bericht vom Weltwirtschaftsgipfel in Davos hat Ina Praetorius die These aufgestellt, dass die globale Unordnung, die sich etwa in der Unfähigkeit der Industrienationen zeigt, angemessen auf den Klimawandel zu reagieren, etwas damit zu tun hat, dass in der gängigen symbolischen Ordnung Erst- und Zweitrangiges miteinander verwechselt wird. Dies war Ausgangspunkt für eine Diskussion auf der Mailingliste „Gutes Leben“, die wir hier dokumentieren.

Beteiligt haben sich (in der Zeit vom 4. bis 15. Februar 2007) Elisabeth Volkart, Andrea Trenkwalder-Egger, Ina Praetorius, Antje Schrupp, Maria Moser, Ursula Knecht-Kaiser, Michaela Moser und Thomas Groebly.

Elisabeth Volkart:

Ina und ich sind aus Davos zurück. Es herrscht schon fast grosse Einigkeit, dass Handeln gefragt ist. Nur bei den meisten stellen sich die Fragen innerhalb des herrschenden Systems. Atom wird als Option gesehen und gepuscht, weil die fossilen Energien offensichtlich problematisch geworden sind. Zumach sieht das anders. Uranvorkommen sind auch beschränkt. Ein Denken ausserhalb von Wirtschaftswachstum und ausserhalb des freien Marktes sind gefragt. Zurück? Auftrennen? Auflösen? Neu gestalten? wie? was?

Andrea Trenkwalder-Egger:

Liebe Ina, für mich hast Du in Deinem Bericht über Davos etwas genau auf den Punkt gebracht: die Gewohnheit, zweitrangige vor erstrangigen Fragen zu stellen. „Geld statt den Bedürfnissen, dem Freihandel statt der Subsistenz, dem Dogma statt der Realität, dem Tod statt der Geburt“ usw. Hat das nicht damit zu tun, dass wir von einem linearen Zeitbegriff ausgehen und nicht von einem zyklischen? Im linearen Zeitverständnis wird die Potentialität, das Zukünftige, immer wichtiger genommen als die Aktualität, die Gegenwart. Dazu fällt mir eine Vorlesung von Gerburg Treusch-Dieter ein: Sie sah hinter der Debatte „Aktualität oder Potentialität“ eine Auseinandersetzung um die Frage, wer ist wichtiger für die Reproduktion, der Vater oder die Mutter? Sie ging davon aus, dass diese Frage im 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. heftig diskutiert wurde (vor allem in den Tragödien) und zugunsten der Väter (Potentialität, Same = Geist) und gegen die Mütter (weiblicher schwangerer Körper, Aktualität = geistlose Materie) entschieden wurde. Athene, die als Kopfgeburt Zeus gilt, hat diesen Streit mitentschieden.

Ina Praetorius:

Schon mehrere DenkerInnen (Irigaray, Adorno … ) haben diesen Zusammenhang untersucht: Das „Weibliche“ wird identifiziert mit den erstrangigen Fragen – der primären Daseinsvorsorge – und gleichzeitig wird es abgewertet, also gegenüber den zweitrangigen Fragen – Theorie, Staatsbildung, Recht, Geld – für minderwertig erklärt. Wenn ich es richtig sehe, lokalisiert nicht nur Treusch-Dieter, sondern einige andere diesen Umkehrungsmechanismus in der griechischen Antike (zum Beispiel die bekannte Höhlengleichnisauslegung in Irigarays „Speculum“, Muraro setzt als Anfangspunkt Parmenides, also schon die Vorsokratiker). Die Konsequenz habe ich in meinem Davos-Text – gegen Schwarzer – so gezogen, dass ich sage: Das Hauptproblem, mit dem wir es heute zu tun haben und zu dessen Lösung Feministinnen mit ihrer Analyse viel beitragen können, ist nicht die „Benachteiligung“ von irgendjemandem, sondern diese Unfähigkeit, sich dem Ersten (der Geburt, den wirklichen Bedürfnissen, dem realen Strickzeug…) zuzuwenden.

Ein grosses Problem ist nun, dass unsere ganze Kultur auf diesem Umkehrmechanismus beruht. Wenn zum Beispiel Michaela jetzt eine Dissertation schreibt und dafür konkrete Beziehungen, Armutsbekämpfung, unmittelbare eigene Bedürfnisse etc. für eine gewisse Zeit zurückstellt, dann tut sie genau dies: Sie ordnet eine „zweitrangige“ Frage (Zusatzqualifikation, Wissenschaft) dem primären Bedürfnis vor. Ist es aber deshalb schlecht, dass Michaela eine Diss schreibt? Alles, was wir „Fortschritt“ nennen, von dem wir täglich profitieren, beruht ja eigentlich auf dieser Fähigkeit, primäre Bedürfnisse gegenüber sekundären (Erfindungen machen, Eisenbahnen bauen, Geld anlegen…) zurückzustellen. Mit anderen Worten: die Verachtung des sogenannt „Weiblichen“ schafft das, was wir „Kultur“ nennen und was jetzt in Form von Umweltproblemen gewissermassen zurückschlägt.

Das Problem heute (zum Beispiel in Davos, zum Beispiel hinsichtlich des Klimawandels) wäre dann wohl, in einer Kultur, die sich daran gewöhnt hat, das Zweite vor dem Ersten ins Auge zu fassen (wir alle tun es ja bereits: Wir schauen, dass wir genug Geld zum Leben haben und trauen uns nicht, aufs Leben selbst zu setzen), wieder zu lernen, dem Ersten (den Beziehungen, der Geburt…) Gewicht zu geben. Ein Feminismus à la Schwarzer („Hausarbeit ist eben nicht sexy“ etc.) hilft uns dabei nicht weiter. Im Gegenteil. Meine ich.

Antje Schrupp:

Ich sehe die Diskussion nicht so positiv wie du, Ina, in dem ersten Teil deines Davos-Berichtes. Ich halte es auch für keinen Zufall, dass Zumach und Nguiffo auf grüne und linke Traditionen zurückgreifen wollen, die feministischen lassen sich hier nicht einfach hinzufügen, sie wurden nicht einfach nur „vergessen“. Ich glaube, es genügt nicht, wenn wir – auch wenn das durchaus interessant ist – Parallelen sehen zwischen dem Denken der Bezogenheit und den Männer-Mainstream-Debatten, die gibt es natürlich. Aber diese gab es, behaupte ich, schon immer, auch schon zu Zeiten Platos oder sogar der Vorsokratiker und überhaupt die ganze Geschichte durch. Was fehlt, und was meiner Ansicht nach ein Dreh- und Angelpunkt ist, ist das Fehlen weiblicher Autorität. Das, was Frauen sagen, wird erst dann wichtig, wenn Männer es auch sagen. Warum das so ist, das kann ich mir nicht richtig erklären. Aber von daher ist der alte Streit: Wer ist wichtiger für die Geburt der Kinder, der Vater oder die Mutter? – eben noch immer irgendwie am Laufen, auf einer symbolischen Ebene.

Ina Praetorius:

Wahrscheinlich stimmt es, dass ich die Beiträge der beiden nicht-neoliberal argumentierenden Männer zu positiv sehe. Sie waren die einzigen, die dezidiert dafür plädiert haben, dass es zum Marktfundamentalismus Alternativen gibt, dass also das scheinbar unbestritten „Höhere“ (dem ein unbenanntes „Weibliches“ untergeordnet bleibt) nicht unbestritten das Höhere ist. Aber das reicht nicht. Was wirklich gefehlt hat, war weibliche Autorität. Auf jedem Podium, das wir besucht haben  (eins, ausgerechnet das mit Micheline Calmy-Rey, war schon voll, als wir kamen), sass eine Frau (Gret Haller SP/CH, Franziska Teuscher Grüne/CH, eine 17 Jahre alte Schülerin aus Genf, eine amerikanische Demokratin). Keine war irgendwie bemerkenswert. Alle wirkten auf mich, anders als die beiden erwähnten „alternativen“ Männer, irgendwie nett und brav. Obwohl alle durchaus ein bisschen vernünftige Sachen gesagt haben. Ich glaube, es stimmt, was Du sagst: Notwendig sind nicht einfach die fast-richtigen Analysen. Es reicht auch nicht, den linken Analysen irgendwie die feministische Tiefenschärfe hinzuzufügen, wie ich es in meinem Text mache.

Warum braucht es auch in Davos mehr, nämlich weibliche Autorität? Ein Antwortversuch: Weil diejenigen, die das vermeintlich Niedrige verkörpern, also weibliche Körper, selbst von sich ausgehend öffentlich zu sprechen beginnen müssen, wenn der unsichtbare Konsens, dass weibliche Körper die stumme Unterseite des „sexy“ Höheren bedeuten, sich auflösen soll. Irgendwie paradox ist mein Gefühl, dass ich mir Frauen wünsche, die so raumgreifend sprechen wie Alice Schwarzer, aber etwas anderes sagen.

Maria Moser:

In deinen Überlegungen, Ina, scheint mir eine Differenzierung erforderlich – nämlich was erstrangig und zweitrangig und das Beispiel von Michaelas Diss angeht. Ich finde, man kann nicht sagen, dass sich Michaela Zweitrangigem zuwendet, wenn sie ihre Diss schreibt – auch nicht, wenn das bis zu einem gewissen Ausmaß auf Kosten von unmittelbarer Beziehungspflege und Aktivismus geht.

Die diskutierte Frage von erst- und zweitrangig bezieht sich meines Erachtens erst mal auf den Akt der Bedeutungsgebung und des Denkens: im von dir/euch kritisierten Denken wird dem zweitrangigen mehr Bedeutung gegeben. Die Frage ist nun, ob Michaela oder jede andere auf dieser liste, wenn sie denkt und ihre Gedanken redend oder schriftlich veröffentlicht, das auch tut. Eine Dissertation zu schreiben ist in erster Linie genau das: ein Akt des Denkens und der Bedeutungs- und Wissensproduktion. Ein solcher Akt ist meines Erachtens nicht den zweitrangigen Dingen zuzuordnen. Sonst bräuchten wir hier nicht gemeinsam denken, sondern könnten uns – pointiert gesagt – darauf konzentrieren, das Erstrangige zu tun, zu gebären, zu stricken, wirklichen Bedürfnissen (was immer das auch sein mag) folgen …

Eine Dissertation schreiben und die wirklichen Bedürfnisse, Aktivismus, Geburt, Beziehungspflege, reales Stricken (und welche Beispiele sonst noch für das im main/malestream als zweitrangige bestimmte genannt wurden) als Alternativen zu beschreiben und sie wiederum deiner/unsererseits mit den wertenden Attributen erst- und zweitrangig zu versehen, ist meines Erachtens eine ähnlich falsche Alternative wie Aktion oder Kontemplation. Ich war immer der Meinung, in der Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit geht es darum, Dinge neu zusammenzudenken, und nicht einfach erst- und zweitrangig umzukehren.

Natürlich ist schon klar, dass sich die Frage des richtig-Denkens von falschen Erst- und Zweitrangigkeiten auf das, was wir tun, auswirkt. Vor allem aber darauf, wie wir was tun und welche Bedeutung wir dem, was wir tun, geben. Kurzum: Dass die Verachtung des Weiblichen kultur schaffen soll, scheint mir ein zu unmittelbarer Schluss.

Ina Praetorius:

Du hast natürlich vollkommen Recht, Maria: Das Ganze gerät immer wieder zu dualistisch, vor allem dann, wenn ich mich gegenüber den dualistischen Denkstrukturen anderer abgrenze, was in Davos logischerweise dauernd passiert. Allerdings finde ich doch, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer Dissertation und dem Denken, das wir zum Beispiel hier in der Liste treiben. Beides ist Denken, und Denken ist, wie Du richtig sagst, nicht das Zweitrangige gegenüber dem Erstrangigen (zum Beispiel Kochen oder Stricken). Aber „Dissertation schreiben“ bedeutet nicht einfach Denken, sondern auch: sich akademischen Zwängen unterwerfen. Um diese Tatsache, dass auch wir selber in patriarchalen Widersprüchen drinstecken, auch wenn wir noch so sehr neu benennen wollen, können wir uns nicht herumdrücken.

Antje Schrupp:

Diese Unterscheidung zwischen „realem, erstrangigem“ Denken und dem „zielgerichteten, zweitrangigen“ (in Diss, Buch, sonstwas münden sollendes) Denken finde ich sehr hilfreich. Weil ich ansonsten nämlich Marias Hinweis darauf, das Denken durchaus erstrangig ist, sehr unterstütze. Der Gegensatz des „mit den Händen“ und „mit dem Kopf“ arbeiten überzeugt mich ganz und gar nicht. Zum Beispiel schreibe ich diese Email mit den Händen, es ist ein körperlicher Akt, und die Email wird real, sie fliegt nämlich raus in die Welt zu euch und ich kann sie nicht zurückholen (was mir schon häufiger in Mailinglisten-Debatten ganz körperlich-real schlaflose Nächte bereitet hat, wenn ich mir über die Wirkung des von mir geschriebenen nicht sicher war)….

Handeln von Nicht-Handeln unterscheidet sich nicht dadurch, ob es mit den Händen oder mit dem Kopf geschieht. Beim Handeln ist, wie Hannah Arendt treffend beobachtet hat, nämlich immer sowohl der Geist als auch der Körper involviert. Denn aus Denken wird erst dann Handeln (also etwas Reales), wenn ich das private, intime (das Gespräch nur mit FreundInnen, das Denken nur in mir selbst) verlasse und real etwas in der Welt tue. Durch öffentliches Sprechen zum Beispiel. Sprechen braucht ja auch einen Körper, der spricht. Und aus mit den Händen etwas tun wird nur Handeln, wenn das Denken dabei beteiligt war.

Noch eine vielleicht hilfreiche Unterscheidung, die mir im Zusammenhang mit unserer Diskussion gekommen ist. Erstrangig/zweitrangig bezeichnet ja nicht dasselbe wie wichtig/unwichtig oder besser/schlechter oder höher/niedriger. Sondern es bezeichnet, genau genommen, eine Reihenfolge. Das zweite kann überhaupt erst erfolgen, wenn das erste schon war oder der Ausgangspunkt ist. Das Problem, das in Inas Davosbericht beschrieben ist, dass das Zweitrangige vor dem Erstrangigen geschieht, dreht sich deshalb vielleicht eigentlich gar nicht um Dualismen, sondern um eine Verkehrung der sinnvollen Reihenfolge. So wie eine Dissertation nur geschrieben werden kann, wenn vorher eine „erstrangige“ Weise des Denkens passiert ist. Das Problem sind also keineswegs Dissertationen als solche, sondern wenn Leute Dissertationen schreiben, sich vorher nicht Denken wollen, sondern nur den Titel haben.

So gesehen gewinnen die Aufzählungen von Ina: „also dem Geld statt den Bedürfnissen, dem Freihandel statt der Subsistenz, dem Dogma statt der Realität, dem Tod statt der Geburt, Gott statt der Welt, dem Gesetz statt den Beziehungen usw“ einen anderen Sinn: Das sich Beschäftigen mit Geld ist dann ein Problem, wenn vorher nicht die Bedürfnisse gesehen werden, das Dogma dann, wenn die Realität aussen vor geblieben ist, usw.

Ina Praetorius:

Ja genau. So meinte ich das. In der Aufzählung in meinem Davosbericht würde demnach aber besser „vor“ statt „statt“ stehen, also eine Präposition, die eine Reihenfolge und nicht eine, die einen Ersatz anzeigt.

Michaela Moser:

Gestern habe ich bei Gustavo Gutierrez gelesen: ‚the first act is involvement in the liberation process … theology comes afterwards as a second act‘ – in diesem Sinne versteh auch ich selbst die Arbeit an meiner Diss als ‚zweitrangig‘ bzw. eben als ‚zweiten Akt‘. Das bringt vielleicht auch das ‚vor‘ und ‚zuerst‘ gut zum Ausdruck – der erste Akt kommt nun mal vor dem zweiten – was ja nicht hießt, dass der zweite nicht wichtig ist (im Theater kämen wir ja auch nicht auf die Idee, das so zu sehen). Es geht um  eine Reihenfolge und darum, welche Reihenfolge (mehr) Sinn macht und quasi zu ‚einem guten Ende‘ bzw. eben zum guten Leben führt.

Ursula Knecht-Kaiser:

Was Ina diagnostiziert ist auch mein Eindruck: „das WEF ist eine Gelegenheit, übers Ganze nachzudenken“. Dazu habe ich gegenüber den vorhergehenden Jahren mehr Ernsthaftigkeit, Sorge und Verantwortungsgefühl bei Manchen herausgespürt. Sicher lag’s vor allem am Klima-Wandel-Schock (unterdessen hat auch die UBS reagiert und will ihre Anlage-Strategie dem Klima-Wandel „anpassen“ – Grossbanken sind kein schlechtes Indiz für „Wandlungen“).

Warum werden wichtige weltpolitische und ethische Anliegen (ich sag‘ das jetzt mal ganz generell), die Frauen schon seit langem auch öffentlich ansprechen, erst gehört, wenn Männer sie laut sagen?? Es hängt, davon bin ich überzeugt, mit der „weiblichen Autorität“, die nicht als solche wahrgenommen wird, zusammen, wie du, Antje, anmerkst. Müssen wir darauf warten, bis die Männer ausgesprochen haben, was unser Herzensanliegen ist, um es dann nachplappern zu dürfen? (Manche Frauen sind ja ganz erfolgreich im Nachplappern, im Zuge der vermeintlichen „Gleichstellung“). Wie kommen wir zu einer „authentischen weiblichen Autorität“ (ohne Umwege), damit unsere Einsichten und das Wissen um das „gute Zusammenleben“, um die „richtige Reihenfolge“ etc. hörbar werden? Diese (unsere) Einsichten haben meines Erachtens auch noch nicht gerade viele Frauen erreicht. Dazu eine Erfahrung aus meiner Labyrinthplatzarbeit: Im vergangenen Herbst hatte sich die ganze Abteilung „Stadtplanung und Stadtentwicklung München“ (15 Frauen und Männer) anlässlich einer dreitägigen Zürich-Exkusion auch auf den Labyrinthplatz eingeladen und liess sich von mir und anderen Frauen informieren. Als ich unter anderem davon sprach, dass wir den Labyrinthplatz auch als „Öffentlichen Haushalt“ betrachten und uns als „öffentliche Hausfrauen“, reagierte eine junge Stadtplanerin kritisch ablehnend – vermutlich findet sie Hausarbeit nicht „sexy“, wo hingegen einem älteren „bestandenen“ Stadtplaner dieses Bild des „öffentlichen Haushalts“ unmittelbar einleuchtete.

Die Frage nach „Autorität“ würde ich gerne weiterdiskutieren. Du, Dorothee Markert, hast in bzw-weiterdenken bereits wichtige Impulse dazu veröffentlicht, auch dazu, dass und wie wir mit „unserem Feminismus“ ins Gespräch mit den Männern kommen können/sollen, weil dieses Gespräch für die Welt (nicht mal so sehr für uns) lebensnotwendig ist. Müssen wir uns – vorläufig – darauf konzentrieren (und damit abfinden), unsere Anliegen und Einsichten einflussreichen Männern, die bereit sind uns zuzuhören, zu vermitteln, damit sie auf diesem Weg wenigsten Gehör finden in einer breiteren Öffentlichkeit? Im Interesse der Welt vielleicht gar nicht so daneben?

Thomas Groebly:

Ich bin froh, Antje, dass Du den (vermeintlichen) Dualismus von Ina aufgelöst hast. Mir leuchtet Gewichtung oder die Vor- und Nachordnung ein. Mir fällt in dieser hektischen Zeit der Klimadiskussion auf, wie genau diese Ordnung gestört ist. UBS (eine Schweizer Bank) gibt Anleitung, wie man mit der Erwärmung noch mehr Geld verdienen kann. Die USA subventionieren die Ethanolproduktion so, dass die Mexikaner den erhöhten Maispreis nicht mehr bezahlen können. In der Schweiz wird uns als Lösung der Klimaproblematik gleich ein neues Kernkraftwerk untergejubelt, am liebsten im Schnellverfahren ohne ärgerliche demokratische Kontrollen. Alle diese und noch viele andere Geschichten passen für mich präzise in diese Unordnung hinein. Man versucht die Klimaproblematik (ich bin ja froh, dass das nun eingesehen wird) mit der Vorordnung des Geldes, der Dogmen, des Freihandels, dem Tod, der Welt und den Gesetzen zu lösen.

Wie darauf zu reagieren? Ich weiss es nicht. Mir scheint, dass da eine immanente Systemblindheit besteht: Der Banker sieht nicht, dass das Geld unwichtig ist, der Politiker dass Freihandel zweitrangig ist etc. Warum nicht die NGO davon überzeugen, attac, greenpeace etc.?

Ich beschäftige mich seit längerem mit der Landwirtschaft und da passt dieses Bild der Verkehrung von erst- und zweitrangigem sehr gut. Letztlich bin ich überzeugt, dass eine langfristig gute bäuerliche Landwirtschaft, welche Lebensmittel, als Mittel zum Leben erzeugt, nur mit guten Beziehungen zum Boden, zu den Tieren, zu den Menschen gelingen kann. Technische und ökonomische Zugänge zerstören die bäuerlichen Grundlagen, biologisch, sozial, kulturell und letztlich auch ökonomisch. Wie kann man die „mühsamen“ Arbeiten des Alltags zum Ersten machen?

Wir haben das ja alles längst delegiert. Habe eben eine vorgekochte Bio-Rösti aus dem Beutel gedrückt, weil es mir zu mühsam war, Kartoffeln zu kochen usw. Der Salat war dann doch nicht vorgeschnitten. Obwohl ich manchmal solches convenience-food-Zeugs kaufe, weil ich froh bin, nicht zu lange in der Küche zu stehen, mache ich die Erfahrung, dass es ungeheuer gut tut, mal das Getreide zu mahlen, Hefe anzusetzen, kneten und zu Backen. Auch das Aufräumen der Küche gehört dazu. Wenn ich mir die Zeit nehme und so mit meiner Tochter (19) in der Küche stehe, dann ist das eine wunderbare Erfahrung. Es gibt so einen direkten Bezug zum Leben. Aber ehrlich gesagt, weiss ich nicht, ob ich das immer machen will. Die Vorordnung muss aber wohl nicht immer so real sein, sondern auch mental, in der Beachtung und Anerkennung, in der Dankbarkeit über alle diese Wunder der Natur etc.

Ursula Knecht-Kaiser:

Zu unserer Diskussion ist mir noch eingefallen was die „Italienerinnen“ sagen: „Theorie produzieren heisst Praxis beschreiben“. Die Praxis geht voraus: Keine „gutesleben-Praxis“ ergibt auch keine „gutesleben-Theorie“. Allerdings, die gute „gutesleben-Theorie“, wie viele von euch sie Texte (zum Teil mühsam, wie wir vernommen haben) webend produzieren, wirkt sich wieder auf meine „gutesleben-Praxis“ aus, usw. Und noch dies: Theorie kommt ja bekanntlich von theorein=schauen. Luisa Muraro hat es mal so ausgedrückt: „Theorie = sehen machen, was ist“.

Elisabeth Volkart:

Zur Energie: Ich glaube nicht, dass sich alles lösen lässt mit Effizienzsteigerung. Ich glaube, dass auch mühsame Prozesse nötig sein werden. Immer heisst es, man könne das Rad nicht zurückdrehen. Auftrennen, zurückschrauben, zurückbuchstabieren, zurückstricken ist nicht chic. Bei der Energiedebatte dachte ich, dass auch Schwieriges vor uns liegt. Wie sieht das denn mit dem Reisen rund um den Globus aus zum Beispiel? Was heisst, auf die Welt gesehen, lieb Gewordenes loslassen? Es täte vieles weh, nicht nur den anderen, auch mir. Es ist mir wichtig, stellvertretend für anstehende Veränderungen ganz konkret etwas zu lösen, selber, ich für mich.

Etwas zu den Frauen in Davos: Haben wir vielleicht die patriarchalen Spielregeln selber so internalisiert, dass uns die Frauen eher fade vorkamen? Langsam, weberisch, nicht im Gewohnten autoritär. Vielleicht müssen Frauen selber immer wieder neu die Autorität der Frauen entdecken, die oft in nicht abgekürzten Prozessen daherkommt. Vorordnung, Vorwaschen, Umordnen ist vielleicht wirklich nicht so sexy, jedoch verdiente dies unsere Solidarität.

Michaela Moser:

Kurze Zwischenbemerkung zum Attribut ’sexy‘ … das ich eigentlich generell unpassend finde im Zusammenhang mit diesen Fragen. Kochen zum Beispiel macht mir meistens sehr große Freude – das ist aber eine ganz andere Qualität als ’sexy‘, das für mich für eine eher oberflächliche, kurzlebige Attraktion steht … Insofern ist Hausarbeit natürlich nicht sexy, aber auch nicht das Schreiben einer Dissertation … was aber noch lange nichts darüber aussagt, mit wieviel Herz, Leidenschaft, Freude … ich bei der Sache bin.

‚Sexy‘ und ähnliche Worte sind für mich PR-Slang – verwende ich natürlich auch – aber eigentlich ‚passt‘ es nicht, da es uns ja – so wie ich das verstehe – um ein Begehren geht, das ‚tiefer‘ liegt…, um Anerkennung, die über eine kurzfristige Begeisterung hinausgeht … Und viele der Kränkungen kommen doch oft (wenn auch natürlich nicht nur, das ist mir schon klar) auch von so einem oberflächlichen, gedankenlosen Umgang miteinander und mit wichtigen Lebensprozessen…

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 25.02.2007

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