beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik unterwegs

Nicht „Vater Staat“ sondern Mutterland

Von Ingrid Maria Bertram

Visionen auf dem Internationalen Muttergipfel 2008

Muttergipfel

Die Organisatorinnen des Kongresses stellen sich vor. Foto: Juliane Brumberg

Die hervorragend besetzte Referentinnenliste lockte vom 23. bis 25. Mai 2008 um die 450 Frauen in das Kongresszentrum Karlsruhe, und diesen wurden unter dem Motto „Die Ordnung der Mutter – Wege aus dem Patriarchat in eine Gesellschaft des Gleichgewichts“ viele spannende Gedanken, Thesen und Modelle geboten.

„Wenn wir von der Mutter sprechen, meinen wir jede Frau, sei sie jung oder alt, denn jede Frau hat die Potenz einer Mutter, auch, wenn sie selbst keine Kinder zur Welt bringt, warum auch immer. Worin sich ihre Mutterkraft verwirklicht, entscheidet sie selbst. Jede Frau hat die Potenz einer Mutter, weil sie Vertreterin derjenigen Hälfte der Menschheit ist, die das Leben fortsetzt“ – diese Worte standen am Anfang des Programmtextes zum „Internationalen Muttergipfel“.

Die Frauen, die dort waren, werden das, was sie gehört, gesehen, gefühlt und gedacht haben, in die Welt hinaustragen. Nicht in die Welt der Medien und der offiziellen Berichterstattungen, sondern in die Welt der Frauen. In unsere gemeinsame Welt, die es allem äußeren Anschein zum Trotz gibt – und schon immer gegeben hat. „Denn,“ so sagte Annette Kuhn, Professorin im Haus der Frauengeschichte in Bonn, „es gibt ein matriarchales Muster, das sich in der Spirale der Zeit vom Frühbeginn der Menschheit an (dazu zeigte sie die Darstellung der Gebärenden Göttin von Chatal-Hayouk, Türkei, 6200 v.Chr.), als die Frauen alles erfunden haben, die Sprache, die Symbole, die Werkzeuge, die Sesshaftigkeit, und als sie die Herrinnen der Tiere wurden, bis in die Gegenwart in allen Jahrhunderten patriarchaler Geschichte nachweisen lässt“.

„Im Spiegel der Vernunft“, erklärte Annette Kuhn weiter, „gehe ich einen Weg von innen nach außen und umgekehrt, indem ich eine Verankerung in meiner historischen Erinnerung suche. Und jedes Mal muss ich auf diesem Weg meine Bahnen spinnen, wie eine Spinne im Netz. Wir gingen und gehen mit FrauenVernunft durch die Räume der Geschichte, die voller matriarchaler Kraft und Fantasie sind, mit der wir das Dilemma, das die Männer sich selbst und den Frauen im Patriarchat bereitet haben, überlebt haben und überleben. Jede Frau ist Symbolträgerin und bewegt sich in der symbolischen Ordnung der Mutter. Sie muss sich den Spiegel vorhalten und sich fragen, wie sie mit sich selbst, mit ihrem Sohn, mit ihrem Geliebten, umgeht. Ihre matriarchale Vernunft kann sie in ihrem eigenen Spiegel erkennen, in dem sie durchaus verführerisch sein, aber auch nein sagen kann. Wir haben alles, was wir brauchen, sobald wir Einsicht genommen haben in die matriarchale symbolische Ordnung, indem wir die Differenzen unter uns wahrgenommen und die Gesetze des gerechten Tausches selbst aufgestellt haben. Denn wir sind die Symbolträgerinnen.“

Luisa Muraro von der Philosophinnengemeinschaft „Diotima“ aus Verona sprach von einem „weiblichen Kontinuum“, in das jede Frau aufgrund ihres Geschlechtes in der weiblichen Genealogie eingebettet ist. Das matriarchale Muster zeigt sich also nicht nur in der Spirale der Zeit, sondern ganz konkret im weiblichen Kontinuum im Leben einer jeden Frau. Und es ist ihre „matriarchale Vernunft“, die sie dieses erkennen lässt und mit der sie das weibliche Kontinuum pflegen kann, indem sie „ein Bewusstsein von der Beziehung zur eigenen Mutter bekommt und in Verhandlung mit sich selbst und der Figur der Mutter tritt“, so Luisa Muraro.

Vergnügliches beim Muttergipfel

Vergnügliches auf der Bühne im Zusammenhang mit der Zeitschrift MatriaVal. Foto: Juliane Brumberg

Wenn ich in den zahlreichen Vorträgen, bei den künstlerischen Darbietungen, bei den Diskussionen und den Gesprächen mit Frauen beim Mittagessen und in den Pausen, bei den Gesprächen an den Ständen, an den Bücher- und Informationstischen, wenn ich in alledem einen alles verbindenden roten Faden gefunden habe, so ist es der einer „matriarchalen Vernunft“, die jede Frau besitzt, ob es ihr bewusst ist oder nicht. Wie diese mit unbezwingbarer Logik und in vielen Sprachen benannt wurde, wie sie sichtbar und fühlbar gemacht wurde, und wie sie begann, in ihrer ganzen Kraft aufzuleuchten, war für mich ein sehr bewegendes und zugleich unendlich befreiendes Erlebnis bei diesem Kongress und ist es noch.

In vielen Sprachen aus aller Welt wurde gesprochen, wobei deutlich wurde, dass die matriarchale Vernunft bereits globalen Charakter angenommen hat. Wir hörten zum Beispiel Dr. Malika Grasshoff vom Stamm der Kabylen (Berberinnen) in Nordafrika, die junge Mutter Pyndaplin Massar vom Stamm der Khasi in Indien, Isabelle My Hanh Derungs aus Vietnam, Wengji Wang und seine Nichte Sadama von der matriarchalen Gesellschaft der Mosuo in China, oder aus Mexiko Maria Meneses von den „starken Müttern“ von Juchitàn, um nur einige VertrerInnen indigener Völker zu nennen. Hinzu kamen noch die Referentinnen aus Deutschland, Italien, Österreich, aus der Schweiz, den USA und Kanada.

Die Frauenbewegung habe ein Problem mit der Mutterfrage, sagte Mariam Irene Tazi-Preve aus Österreich. Das sehe ich auch so. Aber ist das nicht verwunderlich, wo doch inzwischen jede Feministin klar erkannt haben müsste, dass das patriarchale System in all seinen Ausprägungen versagt hat, weil es keine matriarchale Vernunft besitzt? Und schlimmer noch, dieses System der Gewalt und der kriegerischen weltweiten Zerstörung weigert sich seit Jahrtausenden hartnäckig, zur Vernunft zu kommen. Was bedeuten würde, sagt Tazi-Preve, dass Frauen und Männer vom patriarchalen Glauben abfallen müssten. Dass die politisch und sozial geforderte Trennung von der Ursprungsfamilie aufgehoben und statt der falschen politischen und ökonomischen Familienbilder das Bild einer matriarchalen Gesellschaftsordnung als der einzig vernünftig funktionierenden in die Köpfe und die Herzen der Menschen einzieht.

„Wir brauchen keinen Vater Staat, aber ein MutterLand“, sagte Heide Göttner-Abendroth unter tosendem Applaus der ZuhörerInnen. „Wir brauchen keine EU, keine Supermächte, aber wir brauchen die Vision des von Frauen gebildeten symbolischen Clans mit geistig und spirituell miteinander übereinstimmenden symbolischen Schwestern und Brüdern, mit symbolischen Müttern und Großmüttern, mit den dahinein geborenen Kindern und den jungen Frauen, die dort Schutz und Geborgenheit finden. Es könnten sich blühende, autarke Regionen bilden, durchaus mit moderner Technologie, aber nur soviel, wie wir brauchen. Wir könnten klein anfangen, wie eine Graswurzel-Entwicklung, aber sie wäre von großer politischer Bedeutung. Sie wäre eine Neuschöpfung von hohem sozialen Rang. Wir könnten mit unserem Wissen das Patriarchat endlich verlassen!“ Und dann fügte sie noch hinzu:  „Aber wir sind ja schon längst dabei!“

Weitere Artikel zum „Muttergipfel“

Juliane Brumberg: Viele Vorträge rund um das Thema Matriarchat

Juliane Brumberg: Macht der Frauenbeziehungen

Bettina Schmitz: „Labyrinth„, ein Gedicht, passend zu den Themen des Internationalen Muttergipfels

Zuschrift:  Cornelia Roth: Konkrete oder symbolische Ordnung der Mutter?

Autorin: Ingrid Maria Bertram
Redakteurin: Ursula Pöppinghaus
Eingestellt am: 02.06.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

Verweise auf diesen Beitrag

Weiterdenken