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„Feminismus macht das Leben schön!“

Von Cornelia Roth

Cornelia Roth hat das Buch „Wir Alphamädchen“ gelesen

AlphamädchenVor ein paar Monaten haben einige junge Frauen (Meredith Haaf, Susanne Klingner, Barbara Streidl) ein Buch herausgebracht mit dem Titel „Wir Alphamädchen: Warum Feminismus das Leben schöner macht“. Sie wollen den Feminismus wieder in die öffentliche Diskussion bringen und Bewegung in festgefahrene Themen. Das macht mir gute Laune.

Auslöser für das Buch war die Demografiedebatte, in deren Verlauf den Frauen das Kinderkriegen erneut als ihre „eigentliche Bestimmung“ zugewiesen wurde und dann gleich noch die Schuld an einer möglicherweise schwierigen sozialpolitischen Zukunft der BRD.

Aber das ist nur ein Punkt unter vielen. Die Autorinnen ärgern sich über Rollenklischees, die jetzt als Biologie daherkommen („Mars, Venus“), über den unguten Einfluss des Themas „Schönheit“ in unserer Gesellschaft, über die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern, über das ungelöste Thema Vereinbarkeit von Beruf und Kindern, weil Kinder immer noch nicht als gesellschaftliche Aufgabe und gemeinsames Projekt von Frauen und Männern gelten.

Was ist neu? Das Beste zuerst: Die Autorinnen jammern nicht herum, sondern versuchen einen neuen Anlauf, und das mit einem optimistischen Selbstbewusstsein, das Spaß macht. Sie wenden sich an Frauen und Männer. An Frauen, längst bekannte Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten auch wirklich in eigenes Verhalten umzusetzen. Und an Männer, sich am Projekt Feminismus zu beteiligen, weil es einleuchtend ist und auch sie dabei gewinnen. Und an beide, für gesellschaftliche Veränderungen einen neuen Anlauf zu nehmen, der Frauen und Männer auf gleicher Augenhöhe sein lässt, nicht nur individuell, sondern auch kulturell und materiell.

Nun kann ich finden, dass die Ziele umfassender gesteckt werden sollten, gerade weil die Einschränkung der weiblichen Freiheit eng verknüpft ist mit einem System und einer Kultur der Abwertung in unserer Gesellschaft von allen und allem, was schwach, sehr jung, alt, undynamisch, nichthierarchisch, nichtlinear, nichtverwertbar usw. ist. Sprich: alles, worum Frauen sich traditionell so zu kümmern hatten, ist genauso wie sie selbst, nichts wert oder schlimmer. Und daran ändert sich ja nichts automatisch dadurch, dass Frauen mehr Teilhabe an dieser Kultur fordern oder erlangen.

Aber das macht doch nichts! Denn es steht ja jederfrau und jedermann frei, solche Gedanken und Ziele in die Diskussion hineinzubringen oder sich darum produktiv zu streiten. Zumal die Autorinnen sich in ihrem Buch unter dem Titel „Partizipation“ für Weltgestaltung durch Frauen („Eine Frage der Ehre“) stark machen und auch für den Blick über den eigenen Teller- und Landesrand hinaus.

Die Autorinnen äußern auch Kritik an Entwicklungen in der zweiten Frauenbewegung. Vor allem an der Abgrenzung und Separation von den Männern, bis dahin, dass es als halber Verrat – galt? oder zu gelten schien? – wenn Frauen mit Männern liiert waren und auch noch Freude am Sex hatten. Und sie kritisieren Rechthaberei und Dogmatismus, die im Verlauf der Bewegung entstanden. Der Separatismus ist ein Thema, das auf diesem Forum ja auch schon mehrfach diskutiert wurde.

Ein bisschen habe ich die letzten Jahre die ganz praktischen Probleme gesellschaftlicher Struktur wie Kinderbetreuung, Steuersystem, ungleiche Bezahlung usw. verdrängt oder meinte, sie müssten individuell gestaltet werden, weil ich die ewige Jammerei satt hatte – und habe. Aber jetzt entsteht vielleicht für diese Themen in den Händen junger Frauen (und Männer) neuer Schwung. Nicht nur als Fordern an „den Staat“, sondern als Versuch, aktiv zu gestalten, umzugestalten für ein besseres Leben.

Die Autorinnen des Buches haben eine Webseite mit dem Namen www.maedchenmannschaft.net, auf der unter einzelnen Themenstellungen diskutiert werden kann. Eine Aufzeichnung einer Diskussionsveranstaltung zwischen „alten Emanzen“ und „neuen deutschen Mädchen“ kann man am 03.08.08 um 22.05-23.00 Uhr im BR2 „Zündfunk“ hören.

Zu dem Thema Bewegung unter jüngeren Frauen gibt es auch einige Diskussionsbeiträge auf diesem Forum, zum Beispiel Dorothee Markerts Rezension von „Feuchtgebiete“ oder Andrea Günters Artikel „Der Kampf um Wohlbehagen“, und von Antje Schrupp in einer Vortragsstichpunktesammlung.

Und jetzt das Buch: Meredith Haaf, Susanne Klingner, Barbara Streidl: „Wir Alphamädchen: Warum Feminismus das Leben schöner macht“. Verlag Hoffmann und Campe, 19,95 EUR.

Autorin: Cornelia Roth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 25.07.2008

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