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Das Böse als Produkt gescheiterter Sinnsuche

Von Carola Meier-Seethaler

Bei den Diskussionen und Beiträgen in unserer Internetzeitung und untereinander ging es überwiegend darum, wie wir dem Bösen oder dem Negativen begegnen können.

Ich habe mich dabei immer wieder gefragt, was ist denn nun eigentlich „böse“? Nicht jede gewaltsame Handlung, nicht jede Aggression, auch nicht der Tod an sich ist böse. Wird eine Tat erst zu etwas Bösem durch die jeweilige Situation, in der es geschieht? Hängt die Frage, ob etwas böse ist, nicht auch von der jeweiligen Kultur ab? Bei meinem Nachdenken über eine Definition erinnerte ich mich an das Buch „Das Gute und das Böse“ von Carola Meier-Seethaler, in dem sie an Hand von vielen Abbildungen über die mythologischen Hintergründe des Fundamentalismus in Ost und West geschrieben hat.

Jetzt auf das Thema angesprochen, stellte Carola Meier-Seethaler uns ein Manuskript zur Verfügung, das in anderem Zusammenhang entstand und nicht innerhalb der Diskussion unseres Internetforums geschrieben wurde. Sie setzt sich darin mit dem Bösen auseinander, indem sie unter anderem auf die Erklärungsmodelle von Freud, Hobbes und Fromm zurückgreift. Für mich ist dieser Aufsatz eine hilfreiche Ergänzung bei meiner Definitionssuche, zumal die Autorin darin auch die Frage aufwirft, inwieweit eine Gesellschaft nicht auch Verantwortung für die Mittel trägt, die sie zur Verbreitung des Bösen zur Verfügung stellt. (Juliane Brumberg)

Das Böse als Produkt gescheiterter menschlicher Sinnsuche

Schlange

Seit 4000 Jahren erscheint das Böse mythologisch in der symbolischen Gestalt des Drachens oder der Schlange. Foto: Juliane Brumberg

Wenn wir Struktur und Hintergründe des Bösen erkennen wollen, so ist es zunächst von dem allgemeineren Begriff des Übels abzugrenzen. Dies scheint mir besonders vordringlich, weil es in der Religionsgeschichte häufig eine Vermischung beider Phänomene gab.

Das Übel ist im Sinne von Naturgegebenheiten zu definieren, seien es Krankheit und Tod oder Naturkatastrophen wie Erdbeben, Dürre und Überschwemmungen sowie die Bedrohung des Menschen durch wilde Tiere oder Pflanzengifte. Ursprünglich standen die Menschen solchen Naturphänomenen hilflos gegenüber und schrieben sie göttlichen oder dämonischen Mächten zu. Unter monotheistischen Religionen bestand dann die Neigung, alle Übel einem satanischen Prinzip anzurechnen, das sich in der Gestalt eines Teufels personifizieren lässt. Dabei vermischt sich das Übel mit dem moralisch Bösen insofern, als der Teufel die Menschen zum Bösen verführt. In diesem religiösen Kontext bedeutet die Hinwendung des Menschen zum Bösen eine Übertretung der göttlichen Ordnung und damit Sünde.

Von diesem Zusammenhang will ich in meinem Beitrag gänzlich absehen, weil ich der Überzeugung bin, dass es  d a s  Böse nicht gibt, und der fundamentalistische Kampf gegen die verschiedenen Achsen des Bösen zu verheerenden Kriegen auch im Namen der Religion geführt hat. Ich will mich auf das rein menschlich fassbare Böse konzentrieren und wähle als Referenzpunkte die möglichen Störungen menschlichen Zusammenlebens sowie die negativen Eingriffe in die Balance der lebendigen Umwelt. Auf die kürzeste Formel hat dies Erich Fromm gebracht: Das gute Handeln entspringt einer lebensfördernden Einstellung, der von ihm so genannten Biophilie, das schlechte Handeln einem lebensverneinenden Impetus, den er mit Nekrophilie bezeichnet. Führt die lebensfördernde Haltung zu konstruktiven Prozessen, so die lebensverneinende zu destruktiven Aktivitäten. Dabei ist nach Fromm das aggressive Verhalten, das im Dienst der Verteidigung und des Lebensschutzes steht, vom destruktiven, lebensfeindlichen Verhalten zu unterscheiden.

Diese psychoanalytische Sicht des moralisch Bösen beschäftigt sich bereits mit den Motivationen menschlichen Handelns. Dem geht aber zunächst die phänomenologische Auslegeordnung voraus, was wir denn konkret als moralisch böse Akte empfinden.

Als erstes kommen uns rücksichtslose und grausame Akte in den Sinn: anderen Schaden zufügen, sie verletzen, sie quälen bis hin zu Folter und Mord. Wenn auch nicht so ausgeprägt wie etwa im Buddhismus, so schliesst dies auch im westlich-kulturellen Kontext das Quälen und das unnötige Töten von Tieren ein.

Ebenso allgemein ist die Ächtung von Diebstahl, Betrug und Verleumdung als offensichtliche Missachtung der Rechte und Ansprüche anderer. Wie die verschiedenen Fassungen der Menschenrechtserklärungen zeigen, geht es aber schon auf dieser Ebene um mehr als um materielle Werte. Missachtung der Rechte anderer, Übervorteilung uns Ausbeutung sowie jede Form von Demütigung sind immer zugleich ein Verstoss gegen die Würde der Person, die allerdings erst im nach-feudalen und nach-kolonialen Verständnis allen Menschen zugebilligt wird.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Zoologen und Soziobiologen darauf hingewiesen, dass schon höhere Tiere Vorformen einer moralischen Gemeinschaftsordnung besitzen. Vor allem unter Primaten gilt nicht einfach das Recht des Stärkeren, sondern Alphatiere – seien sie männlichen oder weiblichen Geschlechts – haben auch soziale Verantwortung für die Gruppe und für die Jungtiere zu übernehmen.

Zweifellos bot der Gruppenzusammenhalt evolutionäre Vorteile, dennoch greift es zu kurz, ausschliesslich daraus die menschliche Moralentwicklung ableiten zu wollen. Sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht bringt das menschliche Reflexionsbewusstsein eine völlig neue Dimension in die Motivation, die Zielsetzung und in den Ablauf von Handlungen.

Schon Primaten bemühen sich um einen angemessenen Rang in der Gruppe, doch Menschen suchen darüber hinaus Selbstidentität, und das heisst Bedeutung für ihr eigenes Dasein und dessen Sinn im Blick auf die Gruppe und auf das gesamte Leben.

Dazu kommt ein hohes Mass an Einfühlung, eine Fähigkeit, die zwar auch schon unter höheren Tieren zu beobachten ist, doch erst Einfühlung plus Reflexionsbewusstsein machen bedingungslose Liebe ebenso möglich wie Grausamkeit.

Wenn wir vom moralisch Bösen sprechen, so stehen Grausamkeit und alle Formen des Sadismus an erster Stelle. Leider belegt die Menschheitsgeschichte eine Kette von Kriegen mit ihren Gräueltaten gegenüber Feinden, der Versklavung und Ausbeutung von Unterworfenen, aber auch der Knechtung und Vergewaltigung von Frauen.

Von den Erklärungsmodellen für diese traurigen Sachverhalte möchte ich vier herausgreifen, wenn sie auch nur sehr summarisch abgehandelt werden können.

Erstens: Freud sprach bekanntlich vom Todestrieb, den er nach der erschütternden Erfahrung des Ersten Weltkriegs dem Lebenstrieb zur Seite stellte. Dieses späte Theoriekonstrukt hatte jedoch viel weniger Plausibilität für sich als seine allgemeine Libido-Theorie, die sich auf die sexuelle Triebstruktur stützte. Für die menschliche Grausamkeit gibt es kein Äquivalent in der Triebstruktur der übrigen Säugetiere, und deshalb ist es auch unangebracht, von bestialischer Grausamkeit zu sprechen. Das tierische Beuteverhalten ist zwar brutal, aber die innerartlichen Aggressionen halten sich in Grenzen.

Fresko

Nach der jüdisch-christlichen Mythologie ließ sich Eva als erste von der Schlange zur Sünde verführen und verstrickte damit Adam und die ganze Menschheit in die Mächte des Bösen. Hier ein Fresko in St. Nikolaus in Klerant/Südtirol. Foto: Juliane Brumberg

Zweitens: Thomas Hobbes sprach vom Kampf aller gegen alle als Urzustand der Menschen vor der Errichtung einer Zentralgewalt. Allerdings widerspricht sein Vergleich mit den Wölfen nicht nur der wohlgeordneten Sozialstruktur dieser Spezies, sondern auch seinem eigenen psychologischen Ansatz. Sah er doch den Grund für Krieg und menschliche Gewalt nicht in einem angeborenen Aggressionstrieb, sondern in der Furcht jedes Einzelnen vor der Stärke der anderen, die er prophylaktisch niederschlagen müsse. Erst der gegenseitige Gewaltverzicht unter gleichzeitiger Errichtung des staatlichen Gewaltmonopols könne den Kampf aller gegen alle eindämmen.

Psychologisch nachvollziehbar ist diese Theorie vor dem Hintergrund der furchtbaren englischen Bürgerkriege zu Lebzeiten von Hobbes (1588-1679) sowie aus der Perspektive seiner eigenen Biographie: Seine Mutter kam aus Angst vor der anrückenden spanischen Armada vorzeitig in die Wehen und gebar unter diesen negativen Vorzeichen ihren Sohn. In seiner lateinisch abgefassten Selbstbiographie schreibt später Hobbes, seine Mutter habe Zwillingen das Leben geschenkt, ihm und der Furcht.

Die Verallgemeinerung der gegenseitigen Furcht zu einem gewissermassen paranoischen Urzustand der Menschheit lässt sich aber nicht aufrecht erhalten, nachdem die ethnologische Forschung über friedliche Stammeskulturen in verschiedenen Teilen der Welt berichtet hat. So etwa Ruth Benedikt in den 30er Jahren über Indianerstämme, die nicht einmal ein Wort für Krieg kannten.(1)

Drittens: Eine weit verbreitete Theorie unterstellt für Gewalt und Krieg rationale Beweggründe wie Mangel an Ressourcen oder das angeblich natürliche Streben nach Herrschaft, Besitz und Reichtum. Richtig daran ist, dass der Mangel an Ressourcen infolge von Klimaverschlechterungen bereits vor Jahrtausenden zu Völkerwanderungen und kriegerischen Verdrängungsmechanismen geführt hat. Auch gab und gibt es aus den verschiedensten Gründen Zustände von Unterdrückung und extremer Armut, die rational nachvollziehbare Aufstände zur Folge haben. Doch wurden die daneben bestehenden irrationalen Kriegsmotive bei weitem unterschätzt. Der überwiegende Teil der historisch belegten Kriege von der Antike bis heute wurde nicht aus Not geboren, sondern aus Macht und -Profitgier sowie aus ideologisch verblendetem Herrschaftswahn. Dazu bemerkt der bekannte Gräzist Cecil Maurice Bowra wörtlich:

„Mit ihrer stürmischen, selbstherrlichen Vitalität (…) stürzten sich die Griechen als einzelne und als Volk mutwillig in die grössten Gefahren.(…) So beweist eine Stadt ihre Vitalität dadurch, dass sie anderen Städten ihren Willen aufzwingt. Der Wunsch, sich hervorzutun, zehrt von der Erniedrigung des anderen, und griechische Männer wie griechische Städte befriedigten auf diese Weise ihren Ehrgeiz“(2). Eine solche Motivation ist aber kaum als rational zu bezeichnen. Hätte unsere Geschichtsschreibung den makedonischen Alexander oder den Ostgotenkönig Theoderich nicht den Grossen genannt und später Karl V. und Napoleon glorifiziert, so hätten wir vielleicht aus der Geschichte des Grössenwahns etwas lernen können.

Auch die spätere Konzeption vom gewinnsüchtigen „homo oeconomicus“ zeugt von einem höchst einseitigen Menschenbild. Kaum eine Spezies bedurfte für ihre Evolution einer so hohen Fähigkeit an Fürsorge und sozialer Kompetenz wie der Mensch, dessen Nachkommen in einer beispiellosen Hilflosigkeit zur Welt kommen. Und noch heute hat bei vielen indigenen Kulturen die Solidarität und die gegenseitige Hilfsbereitschaft unter den Mitgliedern der Gemeinschaft einen hohen Stellenwert. Ganz abgesehen davon, dass der homo oeconomicus immer nur ein Mann sein konnte, weil man den Frauen stets die Rolle der selbstlosen Dienerin zugeschrieben hatte. Im Zeitalter der Gleichberechtigung stehen wir vor der Wahl, entweder die Frauen die männliche Biographie und den männlichen Karriereweg kopieren zu lassen und damit auf Kinder zu verzichten, oder die Männer dazu zu bewegen, die Betreuungsaufgaben mit den Frauen zu teilen, was eine grundsätzlich Wandlung unseres Berufssystems bedingt.

Viertens: Das in meinen Augen potenteste Modell zur Erklärung von Gewalt und Krieg entwickelte Erich Fromm in seinem Werk „Anatomie der menschlichen Destruktivität“. Sein Ausgangspunkt ist die existentielle Grundsituation des Menschen, die mit seinem Selbstbewusstsein und seinem Wissen um den eigenen Tod gegeben ist. Angesichts der Unabwendbarkeit von Krankheit und Tod und der damit verbundenen Sinnfrage stehen dem Menschen nach Fromm grundsätzlich zwei Weg offen: Zum einen der kreativeWeg, auf dem er versucht, die Gesetze der Natur zu verstehen, die Leiden des Lebens zu lindern und die besten Entfaltungsmöglichkeiten für alle Mitglieder der Gemeinschaft zu schaffen. Diese positive Zuwendung und die konstruktive Auseinandersetzung mit Gefahren stärkt zugleich das Bewusstsein der eigenen Kraft und der eigenen Bedeutung für die Gruppe.

Scheitert er auf diesem Weg, so bleiben nur mehr oder weniger destruktive Strategien: das Versinken in die Depression oder die Verzweiflungsaggression, wenn Ohnmachtsgefühle seine Selbstwahrnehmung überschwemmen. Fromm definiert die Destruktivität alspervertierte Schwäche, nämlich als den Versuch, eigene Ohnmacht in ein illusionäres Allmachtsgefühl zu verwandeln. In der Folter wird dann die ultimative Macht über den anderen erlebbar(3). Wir können diese Mechanismen heute sehr gut bei Jugendlichen beobachten, die keine Perspektiven haben. Ob als Einzeltäter oder als Gewalttäter in der Gruppe, destruktive Handlungen wachsen sehr viel besser auf dem Boden psychischer Schwäche und Minderwertigkeitskomplexen als auf dem eines gesunden Selbstbewusstseins. Wenn sich Jugendliche mit Gewalttätern identifizieren, so beziehen sie daraus das trügerische Gefühl der Selbstermächtigung, und im Extremfall wird diese illusionäre Stärke im feigen Gruppenüberfall auf Schutzlose demonstriert. Dabei ist die Verwandtschaft zwischen Ohnmachtsgefühlen, Versagensängsten und lähmender Langeweile nicht zu übersehen, was zu einem Kippeffekt zwischen Depression und Aggression führen kann. Dafür spricht, dass in den vergangenen Jahrzehnten unter Jugendlichen nicht nur die Intensität der Gewalt zugenommen hat, sondern auch die Neigung zum Suizid.

Dass diese Zunahme an destruktiven Impulsen auch mit der ständigen Präsenz von Gewaltbildern in den Medien zu tun hat, steht für mich als Psychologin ausser Frage, obwohl dies von verschiedenen Seiten hartnäckig geleugnet wird.

Fakt ist ebenfalls, dass mehr als 80 Prozent aller Gewalttäter männlichen Geschlechts sind. Das hat mit der althergebrachten Gewalt- und Kriegsverherrlichung zu tun, deren irrationaler Anteil im illusionären Identitätsgewinn für den Mann besteht. Auch der Machismo, derdie Herrschaft der Männer über die Frauensichern soll, ist als Kompensation für eine ursprünglich empfundene Schwäche zu deuten. Gegenüberder zentralen Rolle der Frau mit ihrer Fähigkeit, Kinder zu gebären und mit dem eigenen Körper zu ernähren, musste sich der Mann seine soziale Bedeutung erst schaffen und fand sie zunächst als Jäger und später leider auch als Krieger. Wie sehr der Mann die Gebärfähigkeit der Frau zu kompensieren versuchte, beweisen die unzähligen Mythen vom Gebärakt männlicher Götter und Heroen: die Kopf-oder Schenkelgeburt des Zeus ebenso wie die Vorstellung indigener Völker von der Wadengeburt(4) oder die Praxis der Couvade (Männerkindbett). Dazu kommen die Kopfjäger-Mythen, bei denen das Töten bzw. den Tod erleiden als Äquivalent für das weibliche Leben-Geben verstanden wird(5).

Die so oft ihre Selbstidentität stärkende Gewaltbereitschaft de Männer heisst jedoch nicht, dass Frauen zu keinem destruktiven Handlungen neigen, doch reagieren sie ihre Frustrationen und Ohnmachtsgefühle anders ab. So in Form weniger spektakulären Bosheiten wie Mobbing, Intrigen und ähnlichen Listen der Ohmacht. Erst in jüngster Zeit greifen auch Mädchen und junge Frauen zu körperlicher Gewalt aus falsch verstandener Gleichberechtigung bzw. um nicht als das schwache Geschlecht zu gelten. Auch werden Kinder nicht nur Opfer väterlicher, sondern, – wenn auch seltener – Opfer mütterlicher Gewalt.

Allerdings fand die patriarchale Gesellschaftsideologie ihre geistige Stütze seit mehr als 2000 Jahren in den patriarchalen Religionen. Wie schon im griechischen Mythos die Gestalt der Pandora die Übel der Welt hervorbringt, so liess sich in der jüdisch-christlichen Version Eva als erste zur Sünde verführen und verstrickte damit Adam und die ganze Menschheit in die Mächte des Bösen. Seit 4000 Jahren erscheint dieses Böse in der symbolischen Gestalt des Drachens oder der Schlange, und der Drachenkampf ist das Idealbild für den edlen Mann in seinem Kampf für das Gute gegen das Böse. Nur haben wir vergessen, dass ursprünglich dieses zu bekämpfende Ungeheuer weiblichen Geschlechts war. Das beginnt mit dem babylonischen Mythos vom jungen Sonnengott Marduk, der die alte Muttergöttin Tiamat in Gestalt eines Drachens in Stücke schlägt, setzt sich fort im jüdischen Mythos, wenn Jahwe den weiblich verstandenen Leviathan als Sinnbild des Chaos tötet, oder in der griechischen Sage, in welcher der Zeussohn Perseus die Schlangengöttin Medusa köpft.

In der christlich-jüdischen Tradition ist es der Erzengel Michael, der den Luzifer – nun als männlich verstandenen – Satan in den Abgrund stürzt, und im Mittelalter tritt der Heilige Georg als Drachentöter auf, um die europäischen Ritter in den Kreuzzug gegen die Ungläubigen zu führen(6). Jedenfalls bedarf es stets eines Feindbildes, um den radikalen Kampf des Guten gegen das Böse zu rechtfertigen.

Bis heute besteht das Wesen und die Tragik des Fundamentalismus jeglicher Provenienz im Versuch, das moralisch Böse zu substantialisieren oder auf eine bestimmte Personengruppe zu projizieren. Nur so kann von einer Achse des Bösen die Rede sein, die bestimmte Religionen, Kulturen oder Gesellschaftssysteme negativ stigmatisiert. Dabei scheint die trügerische Überzeugung, das schlechthin Gute zu vertreten, das Feindbild dringend zu benötigen, um den Kampf des Guten gegen das Böse aufrecht zu erhalten.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse der jüngsten Fundamentalismus-Forschung von Martin Riesebrodt, wonach Fundamentalismus in allem Kulturen zu finden und weltweit mit einer Abwertung des Weiblichen verbunden ist(7). Dies hängt nicht nur mit der Angst des Mannes vor sexueller Verführung und sexueller Abhängigkeit zusammen, sondern auch mit der Angst vor Alter und Tod. Denn Vergänglichkeit und Sterblichkeit als Antipoden des Geborenwerdens haften in der patriarchalen Ideologie dem Weiblichen an. Zusammen mit ihrer Nähe zur Sünde entstand im christlichen Mittelalter das Bild der Hexe und deren Verbindung mit Tod und Teufel.

Um diesen Teufelskreis, – hier im wahrsten Sinn des Wortes – zu durchbrechen, müssen wir uns vom Ideal des Drachenkampfes endgültig verabschieden. Das schliesst nicht aus, dass es zur jugendlichen Selbsterfahrung und Selbstbewährung gehört, Gefahren bestehen und Widerstände überwinden zu können. Aber diese Gefahren sind keine Chimären, sondern ganz reale natürliche Widerwärtigkeiten oder menschengemachte Übel.

Heute erleben wir in den Massenmedien eine Re-Mytholo-gisierung, die in seltsamem Widerspruch zur Verwissenschaftlichung unserer Welt steht. Doch ist die scheinbar so rationale Wissenschaft selbst nicht vor Mythen gefeit. Gegenwärtig macht sie sich auf, die Endlichkeit und Sterblichkeit zu besiegen und damit das Leben selbst durch ein technisch beherrschbares, postbiologisches Zeitalter zu ersetzen. Seit Francis Bacon wurde ja auch die Natur zum Feindbild und zur Hexe, welcher der Prozess gemacht werden muss. Wenn dann Kybernetikern wie Hans Moravec die Neuschöpfung der Menschen als perfekte Roboter vorschwebt, die als fleischlose „Geistkinder“ nicht mehr sterblich sind, so äussert der Kollege Joseph Weizenbaum den Verdacht, die Motivation dazu könne eigentlich nur der männliche Gebärneid sein (8). Dazu wäre zu ergänzen, dass es sich um die Illusion handelt, ein besseres Leben hervorzubringen, als es Frauen je möglich war.

Die lebendige Natur, von der wir ein Teil sind, weder als heilig noch als dämonisch wahrzunehmen und die ihr immanente Tragik nicht zu verleugnen, war und ist die Aufgabe der Aufklärung. Dass damit die Ehrfurcht vor dem Leben und das Mitgefühl mit allen lebendigen Wesen verbunden sein kann, legte Albert Schweitzer mit seinem Lebenswerk überzeugend dar (9).

Wenig verträglich mit dieser Sicht ist allerdings die neoliberale Vorstellung vom profitorientierten „Winner“-Typus und vom alle Lebensbereiche durchdringenden Wettbewerb. In diesem Geist aufwachsend, sehen sich junge Menschen zum überdurchschnittlichen Erfolg geradezu verdammt. Bleibt er aus, stellen die modernen Medien den Fluchtweg in die grenzenlose virtuelle Welt jederzeit zur Verfügung. Und die profitorientierten Anbieter wissen genau, welche Anreize am sichersten von eigenen Problemen ablenken: Sex and Crime.

Seit kurzem gibt es immerhin den partiellen Widerstand gegen die Überflutung mit Porno- und Gewaltbildern, nachdem die Verbreitung von Kinderpornographie verboten und gerichtlich verfolgt wird. Alle anderen Sensationsanreize wie Killerspiele, sadistische Szenen und so genannt harte Pornos unter Erwachsenen werden weiterhin verharmlost und im Namen der (Gewerbe-)Freiheit hingenommen.

Wenn wir uns fragen, was das Böse heute vom gestrigen Bösen unterscheidet, so haben sich die Inhalte des moralisch Bösen kaum verändert, wohl aber dessen räumliche Ausdehnung in unserer globalisierten Welt. Nie waren Anregung und Anstiftung zum Bösen so einfach zu handhaben wie im Zeitalter der digitalen Kommunikation, derer sich Hassprediger, Terroristen und Sexualstraftäter ebenso selbstverständlich bedienen wie Durchschnittsmenschen auf der Suche nach dem „escaping entertainment“. Dabei wäre zu bedenken, ob eine Gesellschaft nicht auch Verantwortung für die Mittel trägt, die sich zur Verbreitung des Bösen zur Verfügung stellen. Das betrifft den globalen Waffenhandel ebenso wie den Frauen- und Kinder-Handel, sowie das Geschäft mit menschenverachtender Pornographie und Bildern exzessiver Gewalt. Das allen diesen Aktivitäten Gemeinsame sind die Milliardengewinne, die sich mit den Frustrationen, den Ängsten und unerfüllten Begierden von Menschen erzielen lassen. Doch seit die Habgier von der Todsünde zur Tugend des Shareholder Values mutierte, scheint es politisch nicht opportun zu sein, sich dagegen aufzulehnen.

Im Übrigen stellt diese Lagebeurteilung keinen Widerspruch zur oben genannten Diagnose dar, wonach das Böse ein Produkt des Scheiterns auf dem Weg zur Sinnsuche sei. Denn auch Habgier und die Anhäufung von Geld sind nur der schäbige Ersatz für verfehlte Lebenskreativität auf der persönlichen und der mitmenschlichen Ebene.

Anmerkungen

(1) Ruth Benedict: Patterns of Culture 1934, deutsch: Urformen der Kultur, 1955, S.28

(2) Cecil Maurice Bowra: Griechenland von Homer bis zum Fall Athens. In: Kindlers Kulturgeschichte, Bd.2, München 1974, S.70f.

(3) Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität, In: Gesamtausgabe DVA Stuttgart 1980, 262

(4) Jaques Lizot: El hombre de la pantorilla prenada, Caracas 1973

(5) Brigitte Hauser Schäublin: Die Frauen in Kararau(Papua New Guinea, Basel 1977

(6) Carola Meier-Seethaler: Das Gute und das Böse. Mythologische Hintergründe des Fundamentalismus in Ost und West, Stuttgart 2004

(7) Martin Riesebrodt: Die Rückkehr der Religionen. Fundamenalismus und der Kampf der Kulturen, München 2000, S.120ff

(8) Joseph Weizenbaum: Künstliche Intelligenz als Endlösung der Menschenfrage. Klagenfurter Beiträge zur Technikdiskussion, Heft 32, 2000, S.15

(9) Carola Meier-Seethaler: Macht und Moral. 16 Essays zur Aufkündigung patriarchaler Denkmuster, Zürich 2007

Autorin: Carola Meier-Seethaler
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 17.11.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Brunhild Krüger sagt:

    Ein Zitat aus dem Buch „Tschick“ des kürzlich verstorbenen Autors Wolfgang Herrndorf:
    „Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. Wenn man Nachrichten guckte: Der Mensch ist schlecht. Wenn man Spiegel TV guckte: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.“

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