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Monika Barz: Strukturelle Missstände erkennen und verändern!

Von Juliane Brumberg

Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die weniger prominenten vielen „Frauen aus der zweiten Reihe“ wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

 

Fotos: Juliane Brumberg

Als ich bei ihr eintreffe, ist Monika Barz mit der Verarbeitung der vielen Zwetschgen beschäftigt, die dieser Herbst ihr beschert hat. Für solche Hausfrauen-Tätigkeiten kann sie sich mehr Zeit nehmen seit ihrer Verrentung vor zwei Jahren. Daneben ist sie ungebrochen politisch aktiv, mehrfach klingelt das Telefon während unseres Gesprächs und sie trifft Verabredungen mit ihren politischen und privaten Freundinnen.

„Ich persönlich habe viel Glück gehabt.“ Dieser Satz fällt mehrfach. Sie gehört nicht zu denjenigen, die immer jammern müssen, nein, sie packt die Probleme an und hat eine Leidenschaft dafür entwickelt, strukturelle Missstände zu erkennen und anzuprangern. Den Blick für Ungerechtigkeiten in der Geschlechterkonstellation hat sie schon in der Familie mitbekommen: „Die klassische Situation: wir Töchter mussten nach dem Essen Küchendienst machen, mein älterer Bruder nicht. Da habe ich als Mädchen aufbegehrt. Es war nicht individuell bedingt, sondern etwas Strukturelles. Dafür hatte ich aber als Kind noch keine Worte.“

Auch in der Schule war sie politisch aktiv: „Amnesty, Vietnam, Notstandsgesetze – das interessierte mich alles. In der SMV hatte ich allerdings das Gefühl, dass ich mit den anderen Mädchen nicht politisch diskutieren konnte, die hatten anderes im Kopf. Politik war für mich männlich und das war interessant. Ich habe mich deshalb zu den Jungen geschlagen.“ In dieser Haltung ist sie 1972 nach Karlsruhe zum Studium für das Grundschullehramt gegangen. Und ist heute noch überrascht und erschrocken über sich selbst: „Ich habe ja mal Mathe studiert. Wenn ich etwas nicht verstanden hatte, habe ich immer die Jungen gefragt. Anderen Mädchen habe ich da nichts zugetraut. So patriarchal waren die Strukturen in mir.“ Für sie ein Beweggrund, sich bis heute immer wieder selbst in Frage zu stellen.

Ringen um lesbische Identität

Doch dann sollte es nicht mehr lange dauern, bis die junge Monika sich dem feministischen Blick und für die Frauenbewegung öffnete: „An der ASTA-Tür hing ein Veranstaltungshinweis mit dem Thema ‚Her-Story‘. „Da hat es bei mir Klick gemacht. Was haben eigentlich Frauen für eine Geschichte? History ist ja auf Männer bezogen.“ Und so wurde sie Teil der Frauenbewegung und hat schon als junge Studentin, die zufällig in Karlsruhe gelandet war, große bundesweite Demos gegen den § 218 mitorganisiert. „Ich hatte das Glück, dass ich mich da hineinschmeißen konnte. Andere Frauen waren schon zwei, drei Jahre vor mir da.“ Das waren große Möglichkeiten, viel zu lernen und Erfahrungen zu sammeln.

Lernbegierig und politisch aktiv blieb sie auch während ihrer ersten Anstellung als Grundschullehrerin und studierte berufsbegleitend nicht nur Diplompädagogik an der Universität Tübingen, sondern gehörte dort auch zu den Gründerinnen des Frauenhauses.

In dieser Zeit begann auch das Ringen um ihre lesbische Identität. „Mit 23 und in der damaligen Zeit hatte ich noch kein Bild dafür, dass es eine lesbische Lebensform geben könnte, ich kannte keine Lesben, die ihre Frauenbeziehung offen und selbstbewusst lebten. Entweder lebten sie sie versteckt – oder randständig in der Subkultur. Das war für mich kein Vorbild.“ Sie hat sechs Jahre gebraucht, bis sie sich – nicht ohne Schmerzen – aus der langjährigen Beziehung zu ihrem Freund lösen konnte und 1982 der Liebe wegen zu einer Frau nach Norddeutschland zog.

Beruflich war sie dort in der Erwachsenenbildung an der Evangelischen Heimvolkshochschule Loccum tätig. „Das war Basis-Frauenbildungsarbeit, unter anderem mit Kirchenvorsteherinnen und Bäuerinnen. Dort konnte ich etwas über das Frau-Sein vermitteln, das war immer feministisch.“ Parallel dazu hat sie an ihrer Promotion gearbeitet und sich vor Allem für lesbische Frauen in der Kirche engagiert.

Neue Lebensformen entdecken

Zur Illustrierung ihrer feministischen Geschichte zeigt Monika Barz mir das Fotobuch über ihre politischen Aktivitäten, das ihre Freundinnen ihr anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes zusammengestellt haben.

„Ich hatte meinen Beruf und war frei und souverän, deshalb konnte ich auch souverän in der Kirche bestehen. Dieses Gefühl, als lesbische Frau sündig zu sein, hatte ich zum Glück nie. Aber wieviele Frauen habe ich erlebt, die genau darunter gelitten haben! Es ist zudem eine existenzielle Bedrohung, wenn jemand aufgrund seiner Liebe Angst haben muss, seine Arbeit zu verlieren. Wenn Du Feministin bist und die Hälfte Deiner Mitschwestern wird wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert, dann wird das ein politisches Thema.“ Damals ging es beim Kampf um Homosexualität in der Kirche nur um Männer. „Wir lesbischen Frauen in der Kirche waren total unsichtbar“. Doch es rührte sich was. Unter dem harmlosen Begriff ‚Lebensformen‘ etablierten sich die berühmten Lesben-Tagungen an der Evangelischen Akademie Bad Boll, über die zunächst nur über Mund-zu-Mund-Propaganda informiert wurde. Und Monika Barz war dabei. Die Studienleiterin Herta Leistner holte die junge Frau aus der Frauenbewegung als Honorarkraft dazu. Zusammen mit einer dritten Frau, Ute Wild, veröffentlichten sie in der Folge 1987 das Buch ‚Hättest Du gedacht, dass wir so viele sind? Lesbische Frauen in der Kirche.‘ Das schlug ein wie eine Bombe, wurde ein grandioser Erfolg und trug viel zu Veränderungen in der kirchlichen Landschaft in Deutschland bei.

Das Buch nahm Monika Barz zum Anlass, sich bei ihrem Arbeitgeber in Loccum zu outen und ein Gespräch zu suchen. Der Vorstand meinte daraufhin: „Monika, wir sind stolz, dass Du bei uns bist.“ Sie selbst kommentiert das so: „Ich persönlich machte positive Erfahrungen, die strukturellen Diskriminierungen sind jedoch da und dagegen arbeite ich.“

Mit Feminismus Veränderungen erreichen

1993 verschlug es sie wieder zurück nach Baden-Württemberg. An der kirchlichen Fachhochschule in Reutlingen hatten die Studentinnen, denen in ihrer Ausbildung nur dank des Engagements von Nebenamtlichen Themen wie „Gewalt an Frauen“ usw. angeboten wurden, 10 Jahre um eine fest verankerte Professur zu dieser Thematik gekämpft. Diese wurde nun eingerichtet. „Mit der Bezeichnung ‚Frauen und Mädchen in der sozialen Arbeit‘ war sie mir auf den Leib geschnitten, aber es gab sehr viele Bewerbungen. Mein großes Glück war, dass ich mich sowohl im Beruf, als auch im Ehrenamt um Geschlechterfragen gekümmert hatte. In Norddeutschland war ich im Stadtrat, hatte gelernt, Probleme aufzuzeigen und dort den Frauennotruf mitgegründet. Ich war keine Frau, die am Schreibtisch Feminismus macht, sondern wusste, wie man vernetzt und Veränderungen einleitet. Das war mein Plus.“ Monika Barz bekam die Stelle und hat sie 23 Jahre ausgefüllt. „Ich musste dort nicht für die feministischen Themen kämpfen, sondern war dafür angestellt worden.“ Hier wird deutlich, dass es nicht nur Glück, sondern das Glück der Tüchtigen war.

Tüchtig blieb sie nicht nur im Beruf, sondern auch im Ehrenamt. Das Leben von lesbischen Frauen war weiterhin ihr Thema. „Wir sind noch lange nicht so weit, dass alles gut ist“. In meinem Golfclub wurde anfangs hinter vorgehaltener Hand geredet ‚Die ist ja vom anderen Ufer‘. Als ich häufiger mit einer verheirateten Frau auf dem Golfplatz unterwegs war, kam die gleich mit ins Gerede. Die subtile Abwertung ist immer noch da. Oder ich begegne jungen Mädchen, die Angst haben, von ihren Eltern aus dem Haus geschmissen zu werden, wenn sie sich als lesbisch outen.“ Monika Barz kann sich aber auch über die umgekehrte Situation aufregen: „Wenn ich heute eine lesbische Lehrerin sehe, die denkt, sie müsse sich als voll beamtete Frau verstecken, dann krieg ich die Krise.“

Obwohl Monika Barz überwiegend in kirchlichen Einrichtungen gearbeitet hat und sich besonders für lesbische Frauen in der Kirche engagiert hat, versteht sie sich nicht als klassische Kirchenfrau. Bei ihr stand nicht die Theologie im Mittelpunkt, sondern immer das politische Anliegen.

Strenge Maßstäbe für Abgeordnete und für sich selbst

Als die Grünen ab 2011 die Landesregierung in Baden-Württemberg stellten, nutzte sie die Gunst der Stunde und ihre politischen Erfahrungen, um Akzeptanz und gleiche Rechte auf Landesebene aktiv einzubringen. „Dazu haben wir das LSBTTIQ-Netzwerk gegründet in dem sich über 90 Gruppierungen und Initiativen aus dem Bereich der Bürgerrechts- und Selbsthilfeorganisationen für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen in Baden-Württemberg zusammengetan haben. Das ist ein Erfolgsmodell. Jede und jeder im Sprecherrat muss für alle Buchstaben sprechen. Wir diskutieren ausführlich und nur Konsensentscheidungen werden weitertransportiert.“

2011 und 2016 stand sie außerdem auf der Landesliste der GRÜNEN für die Bundestagswahl. Doch bei den GRÜNEN ist sie mittlerweile ausgetreten – auch das ist Monika Barz: „Als unsere grünen Landtagsabgeordneten nach der Wahl ein Bündnis schmiedeten, um ihre Diäten bzw. ihre Altersversorgung zu erhöhen, da bin ich noch am Tag des Beschlusses ausgetreten. Das kann man doch nicht machen!“

In den letzten Jahren hat sie ein weiteres Thema auf der Agenda, bei dem sie sich mit Leidenschaft und Vehemenz engagiert: Gegen Prostitution. Mit Schrecken hat sie wahrgenommen, wie durch die Liberalisierung des Prostitutionsgesetzes im Jahr 2002 Deutschland zum Mekka von Prostitution und Frauenhandel wurde. Um zu erklären, warum sie sich in dieser Thematik erst seit kurzem so deutlich positioniert, holt sie weit aus: „Als Lesbe habe ich Jahrzehntelang erleben müssen, dass ich gesetzlich diskriminiert werde, weil ich Frauen liebe und meine Sexualität mit ihnen teile. Eine staatliche Normierung menschlicher Beziehung und Sexualität lehne ich grundsätzlich ab. Das hatte ich fälschlicherweise lange Zeit auf die Prostitution übertragen, weil es ja angeblich auch dort um Sexualität geht. Aber: Es ist eine patriarchale Mär, so zu tun, als ginge es bei Prostitution um Sexualität. Bei Prostitution geht es um die älteste Form männlicher Macht und Gewalt. Heute bin ich soweit, zu sagen, dass Prostitution Sexualität kaputt macht.“ Sie berichtet, dass die Mehrzahl der Prostituierten aufhören würden, wenn sie könnten und aktuell darüber klagen, dass die Freier immer dreister in ihren Forderungen werden, nach dem Motto‚ ‚ich habe ja dafür bezahlt‘. Die Liberalisierung der Prostitution findet sie höchst bedenklich. „Ich schaue mir die Wirkung an und die ist: Frauenkörper sind käuflich, Frauen werden zur Ware. Derzeit sind in Stuttgart über 90 Prozent Nicht-Deutsche in diesem Gewerbe, meist osteuropäische Armutsprostituierte. Gibt es welche, die anschließend reich sind und deshalb aufhören?“ fragt sie provozierend.

In Stuttgart wirkt sie an einem Runden Tisch gegen Prostitution mit, versucht dort Bündnisse zu schmieden und Ausstiegshilfen zu organisieren. Sie ist Mitglied bei ‚SISTERS – für den Ausstieg aus der Prostitution‘ und hat die bundesweite Kampagne von SISTERS und dem Landesfrauenrat Baden-Württemberg ‚RotlichtAus‚ mitinitiiert. Auf diese Weise hat sie plötzlich Verbündete unter den streng Evangelikalen in Baden-Württemberg, von denen sie als lesbische Frau diskriminiert wird. Das bereitet ihr durchaus Kopfschmerzen. Mehr aber treibt sie die erbittert ausgetragene Polarisierung unter den deutschen Feministinnen um, unter denen es eine große Gruppe von Befürworterinnen liberaler Sexarbeitsregelungen gibt. „Mein Herzensanliegen ist es, diese Kluft zu überwinden und die Positionen zusammenzuführen, wenigstens, was die Ausstiegshilfen angeht.“ Und wenn man die Zähigkeit und das Verhandlungsgeschick der Professorin im Ruhestand beobachtet, traut man ihr zu, dass ihr das gelingen wird.

Eine Bestätigung ihrer politischen Arbeit erhielt Monika Barz im Dezember 2017: das Bundesverdienstkreuz. Für sie war das „eine wunderschöne Abrundung meines lesbisch-feministisches Wirkens“. Sie erzählt, dass diese Würdigung die gesamte Community gestärkt und geehrt hat. In der Folge hat sie darüber nachgedacht, welche Frau aus der ‚zweiten Reihe‘ sie für diese hohe staatliche Ehrung vorschlagen könnte. „Ich finde, dass wir Feministinnen dieses Instrument für uns nutzen und Frauen aus unserem Umfeld vorschlagen sollten. Das macht zwar viel Arbeit, aber es hat große Wirkung“.

Mehr Infos:

Monika Barz, Herta Leistner, Ute Wild, Hättest Du gedacht, dass wir so viele sind? Lesbische Frauen in der Kirche, Kreuz Verlag Stuttgart 1987, 236 S.

Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger und die Malerin Waltraud Beck vorgestellt.

 

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Ein wunderschönes Portrait; danke Juliane!

  • Anne-Käthi Zweidler sagt:

    Ich bin ganz gerührt über die Anerkennung, die Monika Barz zuteil wurde. Wir Frauen müssen uns dringend mehr öffentlich und auch privat anerkennen. Das gibt Kraft. Anerkennung, auch wenn man politisch nicht einer Meinung ist. Diese Differenz aber nicht gehässig austragen, sondern neue Möglichkeiten zur Zusammenarbeit finden. Monika Barz ist ein Vorbild für mich. Danke Juliane.

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