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Rubrik erzählen

Altern heißt immer wieder Lernen

Von Monika Krampl

Foto: Monika Krampl

Meiner Erzählung „Wie sich die 50-jährige das Altwerden vorstellte – und wie die 67-jährige es erlebt“ von 2017 folgte in diesem Forum 2019 die Erzählung „Hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag“.

Nun ist einige Zeit ins Land gegangen und ich habe mich gut eingerichtet im meinem 72. Lebensjahr. Meinte ich…

Und wieder bin ich dabei zu lernen.

Zurzeit lerne ich, wie es ist, als „begriffsstutzig“ = langsam im Kopf / etwas nicht geistig voll erfassen zu können / schwer von Begriff / etc. – angesehen zu werden. Dies passiert in vielen Fällen, wenn ich darum bitte „langsam und lauter zu sprechen“.

Ich bin schwerhörig. Und trotz meiner Hörgeräte brauche ich das „Lauter und vor allem auch langsamer“, um verstehen zu können. Zum einen kommt das (noch nicht) Gehörte verspätet an, muss es doch erst durch mein Hörgerät; zum anderen werden mit dem Lauterstellen meiner Hörgeräte auch die Hintergrundgeräusche lauter.

Mein HNO-Arzt sagte zu mir „Sie sind schwerhörig, und auch mit den besten Hörgeräten werden sie nicht mehr so gut hören, wie sie einmal gehört haben“. Eine klare Ansage. Dafür bin ich ihm dankbar.

Dies alles wird noch verstärkt durch meine LongCovid-Symptome mit Müdigkeit (bis zu einem fast andauernden Erschöpfungszustand), Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen, Schwindel, Wortfindungsstörung, Zittrigkeit etc. etc.

Nun befinde ich mich gerade in einem FachärztInnen-Marathon, um untersuchen zu lassen, ob organisch alles in Ordnung ist. Mein Hausarzt schreibt: 2019 schwere Lungenentzündung, damals noch nicht als Covid diagnostiziert. Pat. vermutet LongCovid? Fragezeichen?

Dieses Fragezeichen erlebe ich nun bei verschiedenen (nicht bei allen) ÄrztInnen. Manche tun so, als hätten sie noch nie etwas von LongCovid gehört. Andere bezweifeln. Das Fragezeichen.

Ja, wer soll es denn diagnostizieren, wenn nicht ich? Ich habe seit eineinhalb Jahren alle LongCovid-Symptome. Und ich – ja, ich – erlaube mir, dies auch als LongCovid zu diagnostizieren.

Und nochmals ja, ich bin langsam im Kopf – ich ehemalige Schnelldenkerin und alles sofort Begreifende, die höflich und respektvoll behandelt wurde. Jetzt bin ich nicht mehr schnell / ich brauche Zeit zum hören / ich bin so manches Mal auf der Suche nach einem Wort / ich kann mich schwer konzentrieren / ich bin zusehends erschöpft / – jedoch – dumm bin ich deshalb nicht.

Ich werde jetzt lernen, wie ich damit umgehe, als schwierige, begriffsstutzige und sich selbst diagnostizierende alte Frau behandelt zu werden.

Als funktionierende alte Frau habe ich einen einen äußerst höflichen und respektvollen Umgang mit mir erhalten.

Jetzt nicht mehr.

Jetzt muss ich lernen ihn einzufordern – trotz und mit aller Beeinträchtigungen.

Ich lerne.

Leicht fällt es mir nicht.

Autorin: Monika Krampl
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.05.2022

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sonja sagt:

    Das möchte ich voll unterschreiben!
    Und mich nicht länger sinnlos darüber aufzuregen, das will ich auch lernen!
    Gruß von Sonja
    P.S.:Dankbar für diesen Artikel!

  • Claudia Lodders sagt:

    Sehr schön dieser Begriff : insichhineinwachsen.
    Zeit für Eigenzärtlichkeit ist jetzt dran. So geht es mir Arthrose geplagten, humpelnden 70jährigen auch.
    Erdstolze Grüße, Claudia von der Tauber

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Hallo Monika, danke für deinen Bericht,
    auf den ich dir sofort antworten möchte, denn du schreibst -rückblickend- am Schluss:
    „Als funktionierende alte Frau habe ich einen äußerst höflichen und respektvollen Umgang mit mir erhalten“… im Gegensatz zu heute.
    Wo -frag ich dich- hat sich wirklich was verändert?
    Du hast dich früher als “funktionierende Frau“ doch an gängigen Normen orientieren lassen. Und das scheint so geblieben,
    wenn du dich heute selbst als mißfunktionierende Frau (gesehen) siehst.
    Also rutschst du damit auf dieser Werteskala nach unten. Logisch!

    Ja, deine/meine Einschränkungen und Schwernisse im Alter sind heftig.
    Und der Alltag fordert viel von uns, manchmal scheint es zu viel.
    Aber mein Schwerbehindertenausweis und mein Selbstwertgefühl –
    die haben nichts miteinander zu tun!:
    ich war und bin doch immer 100-prozentig die, die ich je bin!
    Jedenfalls lebe ich das so und lasse keinerlei andere Be/Entwertung zu.
    Freilich muss man das erst lernen, und es braucht etwas geduldige Zeit;
    Geduld nicht mit den andern, sondern erst Geduld mit sich selbst.

    “Ich werde jetzt lernen, wie ich selbst damit umgehe, eine “schwierige, begriffsstutzige und sich selbst diagnostizierende alte Frau“ :-) zu sein“.
    Humor hilft mir dabei ungemein!

  • piri sagt:

    Da möchte ich wohl gerne mit unterschreiben, denn lernen oder besser meine neuen Schwächen akzeptieren können, möchte ich solange ich lebe. „Man ist so alt, wie ne Kuh und lernt immer noch dazu!“ Ich möchte immer ich bleiben und auf keinen Fall mich verbiegen. Dazu war ich mir als junge Frau zu schade und das will ich auf keinen Fall jetzt noch lernen – etwas, was ich nicht lernen will. Dafür lieber noch Fallschirmspringen oder später mal Rollatorfahren.

  • Ulrich Wilke sagt:

    “Schlimm ist das Alter”,
    ein Kenner spricht.
    Doch schlimmer ist,
    man wird es nicht.

    Heinz Erhardt

  • Anna Blietschau sagt:

    Liebe Monika, zunächst: meine Tante ist 100 Jahre und drei Wochen alt geworden.
    Sie war auch schwerhörig. Sie hatte kein Höhrgerät. Kam damit einfach nicht klar. Wenn ich sie besuchte, saßen wir uns gegenüber. Ich habe sie angesehen und etwas lauter und vor allem deutlich gesprochen. Sie hat dann alles verstanden. So einfach kann das sein. Bei den sog. Familienfeiern saß sie nur rum. Niemand hat mit ihr geredet, weil sie ja nichts hörte. Sie wollten sich einfach nicht auf sie einstellen. Dabei wäre es so einfach gewesen. In den letzten Jahren ihres Lebens ist sie dann gar nicht mehr hingegangen. Ich finde, die anderen können sich auch drauf einstellen. Wenn eine im Rollstuhl sitzt, dann sag ich ja auch nicht, nun geh mal eben die Treppe hoch.
    Meine Tante hat jeden Tag Zeitung gelesen. Politik hat sie besonders interessiert.
    Natürlich gingen ihre Gedanken nicht mehr so schnell. Ich habe gewartet, bis sie formuliert hat, was sie sagen wollte. Man kann es alten Leuten auch manchmal echt schwer machen. Das finde ich ärgerlich.
    Zu deinem long-covid kann ich leider nicht viel sagen, nur, dass ich hoffe, dass es bald besser geht.
    Ich selber bin jetzt 71 Jahre alt. Ich habe eine Schwerbehinderung, die im Alter nicht mehr so einfach zu händeln ist. ( Ich habe eine komplexe PTBS ) Was ich in früheren Jahren noch konnte, geht jetzt nicht mehr, weil die mentalen Kräfte abnehmen. Deshalb kann ich an vielen Veranstaltungen nicht mehr teilnehmen. War bitter, ist mittlerweile jedoch akzeptiert.
    Stattdessen bin ich im Internet nun mehr unterwegs. Kann mich zu unterschiedlichen Themen mit ganz unterschiedlichen Leuten austauschen.
    Musste mit dem Internet viele neue Sachen lernen. Hat aber Freude gemacht.
    Alles Gute für dich!! Anna
    P.S.: Meine Tante verstarb 2015. Ich vermisse sie immer noch. Sie fehlt mir.

  • Nächstes Jahr werde ich achtzig. Ich kann zum Glück noch laufen tagsüber, abends ab 17. Uhr muss ich die Beine hochlegen, wegen einer Nervenerkrankung darin. Sitzen kann ich nur etwa eine Stunde lang, dann muss ich herumgehen, was Theater und Kino, Lesungen in der Bibliothek usw. unmöglich macht. Irgendwann werde ich im Rollstuhl sitzen deshalb war vor sieben Jahren die Diagnose, seitdem gehe ich täglich mindestens eine Stunde spazieren, manchmal auch vier.
    Die Hörgeräte nützen nicht viel, draußen kann ich sie nicht tragen, weil Menschen und Umwelt unerträglich laut sind. Außerdem kann man sich an den Batterien arm kaufen, denn die halten kaum einen Tag.
    Arm bin ich trotzdem, denn meine Rente reicht gerade so. Behandelt werde ich oft, hauptsächlich von fremdem medizinischen Personal, als sei ich bissel plemplem – was mich rasend machen könnte, weil ich immer schon spontan war, da muss ich mich zusammenreißen; zum Glück aber nicht beim Hausarzt und Zahnarzt.
    Dass ich das Gen zum Altwerden habe, macht mir unter diesen Umständen Sorge. Allerdings hoffe ich, dass ich dadurch das Glück haben werde, zu erleben, was aus meinen Enkeln wird (die kleine ist erst 4 Jahre).
    Wir Alten werden immer mehr und die Kassiererinnen oft ungeduldig…..
    Danke für den Artikel!
    Lieben Gruß Gerel

  • Margot Müller sagt:

    Liebe Monika, liebe Frauen,

    ich werde noch dieses Jahr siebzig. Seit ich am Stock gehe und weisse Haare habe werde ich meist behandelt als sei ich schwachsinnig. Die long Covid Symptome habe ich auch seit zwei Jahren. Ich mache dagegen etwas was “Somatic Experiencing” heisst. Es hilft.
    Ich würde gerne eine Plattform oder einen Blog gründen wo sich Seniorinnen austauschen können. Zum Beispiel über die Qualität unterschiedlicher Hilfsdienste (Pflege, Haushaltshilfe etc.) Und sich gegenseitig Tipps geben. Welche haben Interesse? Wie können wir in Kontakt kommen?

  • seit ich alt bin und nicht mehr arbeite, existiere ich für viele und Politiker nicht mehr. Ältere haben nichts mehr zu sagen und werden nicht ernstgenommen in einer jungen Stadt, jungen Welt. Schwächere werden weggedrängt, das erlebe ich überall. Ärzte wollten mich nicht mehr behandeln, weil ich ihnen zu alt war.

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Liebe Monika. Du schreibst, als funktionierende alte Frau war man respektvoll und
    höflich zu Dir und jetzt nicht mehr… Es macht mich traurig, das zu lesen und ich
    bin wieder mal erleichtert, in Ostfriesland an der Küste meinen Alterssitz zu
    haben. Ob im Supermarkt (Kasssiererinnen) oder im Krankenhaus (Pflegepersonal)
    besonders “begriffsstutzige” oder “unbeholfene” alte Frauen erfahren hier
    herzliche Zuwendung. Zugezogenes Personal mit Wortfindungsproblemen und
    Begriffsstutzigkeit der Alten ergänzen sich hier auf angenehme Art und Weise.
    Beste Grüße von Johanna Helen

  • Johanna Schier-Lorek sagt:

    Margot, Du schreibst sinngemäß, “wie können wir in Kontakt kommen über Themen , die
    Seniorinnen und ihre Erfahrungen mit Krankenhäusern und anderen sozialen Einrichtungen, die sich vorrangig an Ältere richten, betreffen.”
    Spannende Idee. Hast Du schon einen Blog oder Ähnliches auf die Beine gestellt?
    Ich bin überzeugt davon, es sind Viele, die Interesse haben und sich melden.
    Beste Grüße, Johanna Helen

  • Dorothea Seifert sagt:

    Ja, auch von mir vielen Dank für diesen Impuls zum Thema Altwerden-Sein. Ich finde, es ist ein sehr wenig angesprochenes Problem und führt dazu, dass Alte sich zurücknehmen und in dieser Gesellschaft verschwinden, weil nicht mehr interessant. Ich werde im nächsten Jahr 80, habe diverse Einschränkungen, die mich nerven. Ich wünsche mir sehnlich mehr Gelassenheit und Akzeptanz zu entwickeln. Wäre sehr an einem digitalen Austausch interessiert und habe große Lust, mich mit anderen auszutauschen. Das führt meiner Erfahrung nach immer zur Erweiterung des eigenen, oft verengten, Blickwinkels. Und den braucht es! Wir können einfach gar nicht weiterkommen im alleine vor uns hin wurschteln!
    Mit herzlichem Gruß, Dorothea

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