beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik handeln

Die sexuelle Differenz im Nebel

Von Antje Schrupp

Zur Notwendigkeit, das Gespräch zwischen Frauen und Männern auf neue Füße zu stellen

Boys are Stupid

Der Geschlechterkonflikt als T-Shirt-Motiv ...

„Schuldgefühle sind eine sehr schlechte Basis für freie Beziehungen“ – mit diesem Hinweis endet ein Artikel von Traudel Sattler, mit dem sie in der aktuellen Ausgabe der „Via Dogana“ (der Zeitschrift des Mailänder Frauenbuchladens, Juni 2007) unter der Überschrift „Der Anti-Maskulinismus ist ein Hindernis“ die Diskussion über das Verhältnis von Frauen und Männern aufgreift, die seit einiger Zeit in diesem Forum geführt wird.

Ich finde diesen Hinweis sehr wichtig, denn tatsächlich geht es nicht um eine Frage der Schuld und Unschuld – eine Spur, zu der eigentlich schon Dorothee Markerts Vorschlag geführt hat, die Praxis der Wahrheits- und Versöhnungskommissionen, wie es sie nach dem Ende des Apartheid-Regimes in Südafrika gegeben hat, aufzugreifen: Denn diese Versöhnungskommissionen waren ja gerade keine Gerichtsverfahren, die Schuld feststellen und bestrafen sollten, sondern Orte, an denen es darum ging, zuzuhören, was die anderen zu sagen haben. Das Aussprechen der Wahrheit als solche war das Prinzip, und diese Wahrheit des Erlebten und Erzählten sollte eben gerade nicht ein Instrument zur Findung von Strafen, Rechtsansprüchen, Wiedergutmachungsmaßnahmen sein.

Dass wir in der Diskussion dieser Spur, die Dorothee Markert gelegt hat, erst einmal nicht gefolgt sind, sondern schnell bei der Frage gelandet sind, ob dieses oder jenes Verhalten zwischen Frauen und Männern nun gerecht oder ungerecht war, wer sich nun dementsprechend schuldig zu fühlen habe oder zu sprechen sei und wer nicht, hängt vermutlich damit zusammen, dass wir Konflikte, und schon gar solche, in denen Opfer und Täter bzw. Täterinnen involviert sind, eben unweigerlich in Kategorien von Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld einzuordnen gewohnt sind.

Erst kürzlich hat ja Maria Katharina Moser in ihrem Buch „Von Opfern reden“ unter anderem gezeigt, wie problematisch es ist, auf Seiten des Opfers automatisch Unschuld zu unterstellen bzw. die Anerkennung des Opferseins an den Nachweis von dessen Unschuld zu knüpfen.

Im Bezug auf unsere Diskussion heißt dies, dass das Eingeständnis von Fehlern – etwa dem einer Männer abwertenden Haltung und ihrem so begründeten pauschalen Ausschluss – erstens überhaupt nicht bedeutet, die Schuld von Männern zu relativieren, und zweitens, dass die Motivation dafür, solche Fehler nicht zu wiederholen und die durch sie verursachten Schäden zu beheben, nicht notwendigerweise etwas mit Schuldgefühlen zu tun hat.

Traudel Sattler weist darauf hin, dass eine veränderte Haltung gegenüber Männern vor allem eine Folge der gewonnenen Freiheit ist. Sie schreibt: „In all diesen Jahren ist, für mich und für andere, geschehen, dass wir uns eine Position der Souveränität erobert haben: Die einfache Anti-Männer-Haltung, die Dorothee beklagt, ist gefallen, nicht aus Reue, sondern weil sie hinderlich und uns selbst lästig geworden ist.“ Von diesem Standpunkt der Souveränität aus, die aus der Praxis der Beziehungen unter Frauen entstanden ist, ist jede prinzipielle Abgrenzung von Männern keine Befreiung des weiblichen Begehrens, sondern dessen Begrenzung.

Stupid Girls

... funktioniert auch in der Gegenrichtung.

Doch ich glaube, dass Dorothee Markert recht hat mit ihrer Auffassung, dass es nicht nur darum geht, eine überholte Praxis gewissermaßen wie selbstverständlich ad acta zu legen, sondern auch um die Heilung von Traumata, jedoch in einem nicht moralischen Sinne. Der Begriff „Trauma“ ist dabei vielleicht missverständlich, weil er auf psychologische, also individuelle Prozesse hindeutet. Zumindest in meiner Generation, also bei den heute um die 40-Jährigen, sind wohl wenige Männer oder Frauen persönlich „traumatisiert“, sie fühlen sich weder als Opfer noch als Täter oder Täterinnen. Aber sie sind sozusagen Gefangene in einer verfahrenen symbolischen Situation, in der sowohl die Worte als auch eine gute Praxis für einen „interkulturellen Dialog“ der Geschlechter fehlen.

Dass die Beziehungen zwischen Frauen und Männer auf vielfältige Weise beschädigt sind, ist eine Tatsache, die sich schwer leugnen lässt, und sie bedeutet eine Herausforderung für uns unabhängig von der Frage, wer daran schuld ist. Diese Herausforderung anzugehen auf der Suche nach Möglichkeiten für ein gutes Leben und in dem Wunsch, die weibliche Differenz in der Welt tätig werden zu lassen, hat nichts mit Reue oder Wiedergutmachung zu tun, sondern ist eine Frage der politischen Einschätzung. Ich glaube nicht, dass sich das Problem auf der Ebene individueller Beziehungen zwischen Frauen und Männern lösen wird – obgleich dies ganz sicher ein wichtiger Weg ist. Denn ich beobachte, dass das, was zwischen Frauen und Männern in persönlichen Beziehungen gut funktionieren kann, in dem Moment nur allzu leicht „umkippt“, wo das Gespräch im Raum der Öffentlichkeit stattfindet – zum Beispiel indem jener antifeministische „Gestus“ sich Bahn bricht, von dem ich an anderer Stelle geschrieben habe, oder indem Frauen doch wieder als Repräsentantinnen ihres Geschlechtes gesehen werden oder auftreten (eine schlechte Angewohnheit, die die Männer inzwischen ebenso wie die feministische Politik der Forderungen und Rechte übernommen haben, zum Beispiel in Bewegungen wie dem „Väteraufbruch“ oder anderer Lobbyarbeit).

Auf der anderen Seite hat sich der alte feministische „Anti-Maskulinismus“ auf eine sehr schlechte Weise in die Alltagskultur hinein breitgemacht, wie zum Beispiel in dem aktuellen Kinospot der „Marienhof“-Werbung, wo bemitleidenswert Alltags-untaugliche Männer als Folie für superkompetente Frauen herhalten müssen. Dass die Männer die Bösen sind und es unter Frauen so kuschelig schön ist, ist inzwischen zum gängigen, von Frauenzeitschriften verbreiteten Klischee geworden – und wird durchaus mit dem Label „weibliches Selbstbewusstsein“ versehen, also einer deutlichen Anspielung auf frauenbewegte Tradition. Letztlich wird dadurch aber nur weibliche Verantwortungslosigkeit zementiert. Was also am Anfang der Frauenbewegung eine neue, befreiende Praxis war, ist heute vom Gesichtspunkt weiblicher Freiheit her betrachtet nicht nur überholt, sondern kontraproduktiv.

Die ungeklärte, möglicherweise traumatische Geschichte des Geschlechterkonflikts, den unsere Kultur in den vergangenen drei Jahrzehnten durchlebt hat, ist meiner Ansicht nach auch die Ursache eines Phänomens, das die Mailänderinnen in den Vorbereitungen für ihre aktuelle Via-Dogana-Ausgabe diskutiert haben und auf das Traudel Sattler ebenfalls in ihrem Artikel hinweist: Dass manche junge Frauen eine ungute, übergroße Sensibilität für die Probleme der Männer an den Tag legen, dass sie sich – nach Ansicht Sattlers – zu sehr um das Wohlergehen der Männer sorgen. Und sie stellt die Frage, ob nicht auch hier „ein Schuldgefühl im Spiel ist, der Wille, sie für eine männliche Benachteiligung zu entschädigen, die dem Ende des Patriarchats geschuldet ist“ – was, wenn das so wäre, in der Tat eine sehr schlechte Basis für freie Beziehungen wäre.

Ich glaube allerdings nicht, dass die Ursache für das von vielen Frauen (nicht nur von jüngeren) geforderte Interesse an einem ernsthaften Dialog mit Männern ein Schuldgefühl ist. Sie sind viel zu „emanzipiert“, um über eine eventuelle Benachteiligung von Männern besorgt zu sein, und das Patriarchat halten zumindest die jungen Frauen für etwas, das schon vor Urzeiten abgeschafft wurde. Außerdem kenne ich keinen Mann unter sechzig, der sich ernsthaft über den Verlust alter patriarchaler Privilegien beklagen würde. Nicht Schuldgefühle, sondern Ratlosigkeit ist es, was ich bei vielen Frauen und Männern – und auch bei mir selbst – beobachte. Wir sind (wiederum nicht, was die persönlichen Beziehungen zu Frauen und Männern angeht, sondern was die symbolische Geschlechterordnung, das öffentliche Sprechen über die sexuelle Differenz betrifft) verheddert in einem Durcheinander von abstrusen Biologismen, feministischen Pseudo-Radikalitäten, politisch korrekten Genderdiskursen und antifeministischen wie antimaskulistischen Attitüden, sodass es kaum noch möglich ist, etwas Vernünftiges zu sagen, ohne in irgend ein dubioses Fahrwasser zu geraten. Die Rede von der Geschlechterdifferenz hat ihre Unschuld verloren, sie hat den Kontext feministischer Debatten längst verlassen, sie wabert überall herum und richtet dabei oft mehr Schaden als Nutzen an. Dass sie zurzeit als Legitimation für eine neoliberale Politik des sozialen Ausschlusses, wenn nicht gar gleich zur Legitimation von Kriegen herhalten muss, ist da nur die Spitze des Eisberges.

Offenbar ist hier genau jene Arbeit noch nicht geleistet, die Dorothee Markert einfordert und die ebenfalls mit dem Ende des Patriarchats zusammenhängt: dass nämlich nach wie vor ziemlich unklar ist, auf welcher Basis eine neue Ordnung stehen könnte. Heute, über zehn Jahre nach dem roten Sottosopra der Mailänderinnen, das das Ende des Patriarchats thematisierte, ist das vielleicht sogar noch unklarer als damals. Im Bezug auf die weibliche Differenz hat die Konfusion eher zugenommen, sie ist jedenfalls weit davon entfernt „ein universelles Zeichen von Menschlichkeit“ anzunehmen, wie das Sottosopra noch optimistisch ausmalte. Oder anders gesagt: Die „Politik der Frauen“ weiß nach wie vor nichts von sich selbst, und zwar deshalb, weil im allgemeinen Gender-Tohuwabohu immer unklarer wird, was eine Frau überhaupt ist (was meines Erachtens auch ein Grund für die gegenwärtige Renaissance alter Biologismen ist, die aber eigentlich nur auch nur Folklore sind). Und selbst wir, die wir vielleicht glauben, etwas über die Politik der Frauen zu wissen, haben nicht nur immer weniger Worte, sondern möglicherweise auch immer weniger Anlass darüber zu sprechen, weil diese Politik mit fortschreitender Emanzipation selbst verschwinden könnte.

Das postpatriarchale Nachdenken über ein neues Verständnis von den Interessen, Wünschen und Begehren, die Frauen und Männer verbinden (oder auch trennen), scheint mir zurzeit einer der wenigen Orte zu sein, an denen sich eine freie Bedeutung der sexuellen Differenz überhaupt noch sinnvoll artikulieren kann. Das Interesse vieler Frauen an einem Dialog mit Männern, selbst wenn es vielleicht zuweilen übertrieben erscheint, ist eine gute Grundlage für diesen Weg, denn es weist auf ein Begehren hin, die eigenen Anliegen in einer gemeinsamen Welt zu Gehör zu bringen und wirksam werden zu lassen. Und es findet durchaus Antwort in dem offenen Interesse von manchen, ich würde sogar sagen, von vielen Männern an dem, was Frauen zu sagen haben. Ich zumindest begegne diesem Interesse in letzter Zeit immer öfter, und oft auch an überraschender Stelle. Meiner Erfahrung nach ist der Bezug auf den Feminismus (und nicht nur auf eine „Politik der Frauen“) bei solchen Gesprächen oft notwendig, um überhaupt noch die sexuelle Differenz auf eine freie Weise thematisieren zu können. Dies setzt jedoch ein echtes Interesse am anderen voraus und damit auch die Bearbeitung von eventuellen „Traumatisierungen“, eine selbstkritische Haltung und die Offenheit, sich selbst und die eigenen Positionen in Frage stellen zu lassen.

Vielleicht muss an diesem Punkt dann sogar doch noch mal die Frage der Gerechtigkeit aufs Tapet. „Es gibt eine schlechte Art zu glauben, man habe Rechte, und eine schlechte Art zu glauben, man habe keine“ schreibt Simone Weil, und: „Man muss dankbar sein, wenn man gerecht behandelt wird. Umgekehrt darf man niemals versuchen, den anderen auf andere Weise Gutes zu tun, als durch gerechte Behandlung.“ Die Frage nach einer in diesem Sinne gerechten „Behandlung“ von Männern zu stellen und sie offen und öffentlich zu thematisieren ist keine moralische Angelegenheit, sondern eine Notwendigkeit, wenn die Rede von der weiblichen Differenz heute einen Sinn haben soll.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 04.07.2007

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