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Ausbeutung und Sorgearbeit bei Christine Delphy

Von Elfriede Harth

Gedanken zur ökonomischen Theorie einer französischen Feministin aus der Perspektive einer Frau in Deutschland.

Ich möchte auf diesem eher dem Differenz-Feminismus verpflichteten Blog den Ansatz einer materialistischen Feministin vorstellen, der vielleicht neues Licht auf die Debatte um Care-Arbeit werfen könnte.

cdChristine Delphy ist eine französische Soziologin, die nach 1968 in Paris den MLF (Mouvement de Liberation des Femmes) mitgründete. Sie spielte eine führende Rolle in der Bewegung zur Reform der Gesetzgebung in Sachen Verhütung und Abtreibung und engagierte sich für die Rechte von Lesben. Sie stand Simone de Beauvoir sehr nahe und gab mit ihr eine feministische Zeitschrift heraus (Nouvelles Questions Féministes).

Delphy gehört zu den Feministinnen, die sich schon früh kritisch mit dem Marxismus auseinandersetzten, ohne diesen deshalb voll zu verwerfen – und zwar nicht nur wegen persönlicher Erfahrungen mit real existierenden und agierenden männlichen Marxisten, sondern vor allem aus theoretischen Gründen. Inzwischen ist sie eine der wichtigsten Denkerinnen in Sachen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Frankreich und eine der Mitbegründerinnen von Féministes pour l’égalité, „Feministinnen für die Gleichheit“.

Ihre Hauptthese in diesem Zusammenhang besagt, dass Frankreich eine „Kastengesellschaft“ sei: Die Sozialstrukturen und ihr ideologischer Überbau seien so gestaltet, dass die Nachkommen von Menschen, die aus den französischen Ex-Kolonien in Afrika und Nordafrika nach Frankreich einwandern, keine Möglichkeit haben, Gleichheit zu erreichen, obwohl dieser Anspruch doch seit der Französischen Revolution an den Fassaden vieler öffentlicher Gebäude prangt: „Liberté, Egalité, Fraternité“, „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Denn sie bilden laut Delphy eine Kaste, aus der sie nicht heraus dürfen. Frauen werden dabei auf eine besonders perfide Art instrumentalisiert, um jegliche Form der Überwindung dieses Kastenwesens zu unterbinden. Bestes Beispiel dafür sei die Auseinandersetzung um den muslimischen Schleier: Nur die Debatte um die Prostitution hat wahrscheinlich die Feministinnen ähnlich stark polarisiert.

Hier möchte ich aber Christine Delphys Gedanken zur Arbeit vorstellen, die im Kontext von Familie geleistet wird. Es geht dabei vornehmlich um Care-Arbeit, beschränkt sich jedoch nicht nur auf diese.

Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen Produktionsweisen

Delphys Hauptthese ist, dass in unserem gegenwärtigen Wirtschaftssystem mehrere Produktionsweisen nebeneinander bestehen. Sie sind miteinander verwoben, können aber doch klar voneinander unterschieden werden:

Erstens die kapitalistische Produktionsweise, in der die Klasse der Kapitaleigner die Klasse der Lohnabhängigen ausbeutet.

Zweitens die Sklaverei, in der Sklavenhalter andere Menschen zum Arbeiten zwingen und sich den Ertrag dieser Arbeit aneignen, zum Beispiel in der Zwangsprostitution oder in Betrieben, wo Menschen arbeiten, die durch Menschenhandel dorthin gekommen sind.

Drittens die Produktionsweise der Haus-Arbeit („mode de production domestique“), Delphy nennt sie die patriarchalische Produktionsweise. In dieser beuten Männer Frauen und teilweise auch Kinder aus, und sie ähnelt stark der feudalistischen Leibeigenschaft. Die Frau arbeitet gratis, der Mann sorgt lediglich für ihren Lebensunterhalt. (Das hat übrigens das deutsche Soziologenpaar Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim in ihrem Buch Das ganz normale Chaos der Liebe“, ähnlich gesehen, wenngleich sie nicht den harten Begriff der Ausbeutung verwenden.)

Frauen werden, so Delphy, in allen drei heute existierenden Produktionsweisen ausgebeutet; keine bietet ihnen die Möglichkeit, der Ausbeutung zu entkommen. Männer dagegen können selbst zu Ausbeutern werden, wenn sie sich nämlich die Gratis-Arbeit von Frauen in der patriarchalen Produktionsweise aneignen. Das finde auch im großen Stil statt, Hausarbeit ist nichts Marginales.

Der Anteil von Frauen an den Erwerbstätigen steigt beständig. Immer mehr Frauen erarbeiten sich ein eigenes Einkommen und hängen somit in ihrer Existenzsicherung weniger als früher von Männern ab. War die Hausfrau noch 1970 das erstrebenswerte gesellschaftliche Idealbild einer Frau, so hat sich das grundlegend geändert. Heute wird erwartet, dass Frauen erwerbstätig sind und ihre Existenz durch Erwerbsarbeit selbstständig sichern. Doch die wachsende finanzielle Unabhängigkeit von Frauen wird keineswegs begleitet von einer Verringerung ihrer Ausbeutung innerhalb der patriarchalischen Produktionsweise: Frauen erledigen laut Delphy in Frankreich achtzig Prozent der anstehenden Haus-Arbeit. Ich nehme an, hier in Deutschland ist es ähnlich.

Die (marxistische) Linke sieht in darin eine intensivierte kapitalistische Ausbeutung. Das Abwälzen der Care-Arbeit auf die Frauen, so die marxistische Analyse, erlaube es den Kapitalisten, niedrigere Löhne zu zahlen (an Männer und an Frauen). Somit erhöhe sich ihr Profit. Andererseits spare die Privatisierung dieser unbezahlten Arbeit dem Staat Ausgaben für Einrichtungen der gesellschaftlichen Fürsorge. Wären nicht (hauptsächlich) Frauen für diese Sorge-Arbeit verantwortlich, müsste die Zeit für Erwerbsarbeit für alle Erwerbstätigen (also auch und gerade für die Männer) gesenkt werden, zum Schaden für die Kapitalisten, und es müssten mehr Investitionen in öffentliche Einrichtungen getätigt werden, zum Schaden der staatlichen Sparprogramme.

Heterosexuelle Ehe und patriarchalische Produktionsweise

Diese Argumentation stützt sich jedoch laut Christine Delphy auf einen Denkfehler. Sie geht nämlich stillschweigend davon aus, dass „der Erwerbstätige“ ein verheirateter Mann ist, dass er also eine Frau hat. Das Ernährermodell aus den Zeiten der Industrialisierung erweist sich also im ökonomischen Denken als unverwüstlich. Dabei sieht die Realität auch anders aus: Unterschlagen wird die große Anzahl der Single-Männer und der erwerbstätigen Frauen, die entweder ebenfalls Singles sind oder jedenfalls keine Ehefrau haben, die für sie die Reproduktionsarbeit macht.

Single-Männer machen auch Haus-Arbeit. Im Durchschnitt zwar etwas weniger als unverheiratete Frauen, aber sie sorgen doch zum Großteil für sich selbst. Sobald sie allerdings mit einer Frau zu einem heterosexuellen Paar werden, verringert sich die Zeit, die sie für Haus-Arbeit aufbringen, und zwar unabhängig davon, ob es in dieser Paarkonstellation Kinder gibt oder nicht. Die heterosexuelle Partnerschaft (um nicht nur von Ehe als juristischem Begriff zu sprechen, obwohl diese das zugrundeliegende Muster abgibt) ist also die Institution, die der patriarchalischen Produktionsweise das Überleben garantiert. In dieser Institution wird von einem Menschen Gratisarbeit für einen anderen erwachsenen Menschen erledigt. Es handelt sich größtenteils um Sorge-Arbeit, kann aber auch para-professionelle Arbeit sein.

Sorge-Arbeit, die von einer erwachsenen Person für sich selbst geleistet wird, so Delphy, ist keine Gratis-Arbeit, denn sie wird in dem Augenblick „entlohnt“, in dem der versorgten Person die Sorge zugute kommt: Wenn ein Mann sich rasiert, wird er für diese Arbeit dadurch „entlohnt“, dass er eine Rasur erhält. Da gibt es also keine Ausbeutung.

In einer heterosexuellen Paarkonstellation wird aber der Mann größtenteils von seiner Frau versorgt, die zusätzlich zu ihrer eigenen Selbst-Versorgung die Sorge um Wäsche, Einkäufe, Reinigung, Kochen, usw. für ihren (erwachsenen) Mann gratis übernimmt. Der Kapitalismus profitiert davon – anders als es die marxistische Vorstellung von Reproduktionsarbeit annimmt – durchaus nicht. Denn ob verheiratet oder nicht, auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt werden alle Männer gleich entlohnt. Ein Single-Mann wird ja nicht etwa höher bezahlt, erhält also keine Entschädigung dafür, dass er nicht über eine Frau verfügt, die gratis für ihn die Sorge-Arbeit erledigt. Dabei muß er, wenn er diese Arbeit nicht selbst macht, von seinem Einkommen für Dienstleistungen bezahlen (Hemdenwaschen und Bügeln, Kochen, Putzen, etc..), die die Ehefrau für den verheirateten Mann kostenlos erbringt.

Wenn Kinder in dieser Paarkonstellation hinzukommen, erhöht sich der Grad der Ausbeutung. Denn im Allgemeinen erledigen die Frauen nicht nur ihren Anteil der Sorgearbeit an den gemeinsamen Kindern, sondern übernehmen gratis auch einen Großteil der Sorge-Arbeit, die eigentlich der Vater erledigen müsste. Und sie erbringen diese Sorge-Arbeit weiterhin für beide, wenn sie sich von ihren Männern trennen, aber die Kinder behalten. Also bildet laut Delphy die Klasse der (verheirateten) heterosexuellen Männer eine Ausbeuterklasse, die sich die Sorgearbeit ihrer Frauen kostenlos aneignet.

Aber die Männer eignen sich im Rahmen dieser „häuslichen Produktionsweise“ (mode de production domestique) nicht nur die Sorge-Arbeit ihrer Frauen an, sondern auch jede andere Arbeit, die sie oder andere Familienmitglieder innerhalb der Familie leisten. Wenn ein Mann Handwerker ist oder sonst selbstständig, also nicht lohnabhängig, und seine Frau im Betrieb mitarbeitet, so wird die Frucht ihrer (kostenlosen) Arbeit und die Frucht der (kostenlosen) Arbeit aller anderen Familienmitglieder von ihm auf dem Markt verkauft als sein Produkt. In Frankreich werden Ehefrauen in solchen Fällen, anders als in Deutschland, nicht sozialversichert und erarbeiten sich also auch keine eigenen Rentenansprüche. Auch in Deutschland war das lange so. Hier war bis vor wenigen Jahrzehnten sogar gesetzlich festgelegt, dass die Arbeitskraft der Frau dem Ehemann gehörte – er musste bis in die 1970er Jahre einwilligen, wenn sie erwerbstätig (also außer Haus tätig) sein wollte.

Warum können erwachsene Menschen verschiedenen Geschlechts, die in einer WG als Singles zusammenleben, durchaus jede und jeder für sich selbst sorgen? Und warum verwelkt diese Fähigkeit der Selbst-Sorge bei Männern, sobald sie Teil eines heterosexuellen Paares werden?

Die Rolle der gesellschaftlichen Institutionen

Christine Delphy lehnt jede psychologische Erklärung einer besonderen Natur von Frauen ab. Sie sieht die Wurzel dafür, dass Männer sich in einer heterosexuellen Paarbeziehung gratis die (Sorge-)Arbeit von Frauen aneignen, in verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen: Staat, Arbeitsmarkt, sexuelle Arbeitsteilung…

Die Paarbeziehung stellt heute das Leitbild des Zusammenlebens dar, in einer Gesellschaft in der viele Menschen Angst haben vor Einsamkeit. Andere Formen des Zusammenlebens sind inzwischen (oder noch?) exotisch. In ihrer großen Mehrheit versuchen die Menschen, in Paarbeziehungen zu leben – überwiegend in ihrer heterosexuellen Variante. Dabei bringen Männer ihren Gender-Vorteil auf dem Arbeitsmarkt in die Beziehung ein (Gehaltsunterschiede, Pay Gap), Frauen dagegen ihren Gender-Nachteil. Diese objektiven und strukturellen Tatsachen bilden dann die Grundlage für jedes Verhandeln innerhalb der Beziehung: sei es über Arbeitsteilung, wer in Elternzeit geht, daheim bleibt, wenn ein Kind krank wird, etc… wieviel Eigenarbeit ein Mann auf eine Frau abwälzen kann.

Frühkindliche Sozialisation, sexuelle Arbeitsteilung, Mutterbild, Arbeitsmarkt

Schon die früheste Sozialisation flößt Kindern ein, dass sie – je nach Geschlecht – gewisse Eigenheiten, Fähigkeiten und Möglichkeiten haben, die ihre Identität ausmachen („die Hellblau-Rosa-Falle“), und die sie dann „natürlicherweise“ für eine bestimmte sexuelle Arbeitsteilung prädestinieren. Diese sexuelle Arbeitsteilung bildet aber den wichtigsten Aspekt der Geschlechteridentität, welche wiederum zutiefst im Individuum verwurzelt und grundlegend prägend ist: Wir sind, was wir tun oder nicht tun. Alles andere wird nur draufgesetzt. „Ich bin ein Mädchen“ ist so gut wie deckungsgleich im Empfinden mit: „Ich bin ich“. „Ich bin ein Junge“ kann nicht getrennt werden von: „Ich bin ich“ und bildet die unbewusste Grundlage für das gute Gewissen, mit dem Männer erwarten, dass Frauen gewisse Dienste – gratis – für sie erbringen, und sogar dafür, sie notfalls mit Gewalt einfordern zu dürfen.

Das herrschende Mutterbild bringt mit sich, dass Frauen „ganz natürlich“ die Hauptrolle in der Sorge-Arbeit Kindern gegenüber übernehmen, von sich aus und weil es die Gesellschaft so erwartet. Sie können diesem Erwartungsdruck nur sehr schwer widerstehen. Allerdings, meint Christine Delphy, gibt es heute Mädchen, die nicht mehr so ticken. Sie lehnen – „ganz natürlich“ – die hergebrachte symbolische Ordnung ab, wonach sie Männern irgendwelche Dienste schulden würden. Das, so hofft sie, wird vielleicht eine Veränderung bringen.

Der Arbeitsmarkt beutet die Frauen noch mehr aus als die Männer, wie schon vielfach erwiesen. Er tut es durch die „Bevorzugung des Mannes“ – Männer werden Frauen gegenüber bevorteilt und damit überhaupt erst in die Lage versetzt, ihre Frauen daheim auszubeuten. Sie werden besser bezahlt, bekommen die besseren Jobs, etc…  Andererseits wird die „moralische Pflicht“ der Frauen, Sorge-Arbeit für Dritte in der Familie zu leisten, von den Arbeitgebern genau dafür benutzt, die „Bevorzugung des Mannes“ zu rechtfertigen (lieber diese einzustellen, ihnen die verantwortungsvolleren Jobs zu geben und sie besser zu bezahlen).

Der patriarchalische Staat

Auch dem Staat kommt eine Schlüsselrolle bei der Ausbeutung der Frauen durch ihre Männer zu. Er subventioniert nämlich verheiratete Männer und fördert sogar die Ausbeutung ihrer Frauen. Das geschieht zum Beispiel durch das Ehegattensplitting und durch die Familienversicherung und die Rentenberechtigung von Witwen. Beim Ehegattensplitting werden die Einkommen der beiden Eheleute zusammen veranlagt und durch zwei geteilt. Wenn er 60 verdient und sie 40, dann ergibt das eine Summe von 100, diese geteilt durch zwei ergibt 50. Zu versteuern sind diese 50. Auch wenn er 100 verdient und sie Null, werden 50 versteuert. Bei Unverheirateten, die 100 verdienen, müssen 100 versteuert werden. Der Ehemann, der 60 bzw. 100 verdient aber nur 50 versteuert, wird so von den anderen, die den vollen Satz angerechnet bekommen, sowie von den erwerbstätigen Frauen subventioniert. Erwerbstätige Frauen zahlen doppelt: für sich und dafür, dass verheiratete Männer ihre Frauen ausbeuten können.

Krankenkasse: Der verheiratete Ehemann zahlt nur einen Beitrag und erhält eine Versicherung für zwei Personen. Der Staat subventioniert ihn also aus den Steuern aller. Formell kann zwar auch ein Mann bei seiner Frau mitversichert sein, aber das ist die Ausnahme, die eigentlich nicht so im Sinne des Erfinders war. So trägt der (Wohlfahrts-)Staat vielfach dazu bei, dass Frauen nicht erwerbstätig werden und für ihren Lebensunterhalt sorgen (indem sie sich dabei ausbeuten lassen!), sondern gratis für ihre Männer arbeiten. Doch nicht der nutznießende Ehemann trägt die verschiedenen Risiken (wie das Risiko der Altersarmut der Hausfrauen) und bezahlt für die Vorteile, in deren Genuss er kommt. Das tun die anderen Steuerzahler. Die Allgemeinheit subventioniert das patriarchalische System und die Klasse der Männer. (Auf eine humorvolle und eindrückliche Weise wird diese ganze Problematik, die hier in Deutschland ganz ähnlich ist, auch von dem Kabarettensemble Die Anstalt in der Sendung von 28. April 2015 thematisiert.

Und was ist mit vielen, wenn nicht allen anderen Aspekten der so genannten „Familienpolitik“, wie die Bereitstellung von Kitas, Ganztagsschulen, Kinderkrippen, staatlichen Zuwendungen für Alleinerziehende, Geschiedene, etc…?  Es handelt sich laut Delphy um Investitionen in Dienstleistungen „für Frauen“. Sie sollen Frauen ermöglichen, „Familie und Beruf“ zu vereinbaren. Dieses Problem scheinen Männer nicht zu haben, da sie ja, wenn sie eine Familie haben, eine Frau da ist, die ihnen den Rücken frei hält. Diese öffentlichen Institutionen sollen also die Sorge-Arbeit, die Frauen gratis in den Familien leisten, ersetzen, wenn Frauen eine Erwerbsarbeit ausüben.

Es ist doch so, dass wenn eine Frau eine Erwerbsarbeit aufnehmen will, sie oder das Paar die Ausgaben, die für die Inanspruchnahme dieser staatlichen Dienstleistungen entstehen, mit dem Lohn, der der Frau in Aussicht gestellt wird, vergleichen, um zu entscheiden, ob „es sich rechnet“, dass sie eine Erwerbsarbeit aufnimmt. Warum werden diese Ausgaben nicht auf das gesamte Familieneinkommen aufgerechnet, wo bleibt der Anteil des Mannes an Krippen- Kita- und Hortgebühren? Er kann als Vater doch nur erwerbstätig sein, weil daheim jemand die Kinder versorgt. Oder eben, weil es diese öffentlichen Einrichtungen gibt, die die Gratis-Arbeit der Frau daheim ersetzen, wenn diese erwerbstätig ist.

Aber warum sollen alle Steuerzahler den Anteil der nicht geleisteten (und nicht bezahlten) Sorge-Arbeit der Männer zahlen? Für Christine Delphy sind viele dieser staatlichen Hilfen, zum Beispiel auch für Alleinerziehende (zu neunzig Prozent Mütter) nichts anderes als ein Einspringen des Staates für Männer, die sich ihrer Verantwortung für ihre Kinder – finanziell wie zeitlich – entziehen und die ganze Arbeit auf die Frauen abwälzen. Der Staat (die Allgemeinheit) subventioniert also laut Delphy die Drückebergerei der Männer und zahlt den Frauen, die den Anteil der männlichen Sorge-Arbeit für Kinder erledigen, eine (ungenügende) Kompensation dafür.

Mögliche Lösungen?

Christine Delphy wirft der Frauenbewegung vor, dass sie zwar von der Unterdrückung der Frauen spricht, aber nicht den Mut hat zu sagen, dass die Männer mehr bekommen, als ihnen zusteht, weil sie Frauen „enteignen“. Für sie ist Gratisarbeit die radikalste Form der Ausbeutung, und sie plädiert daher nicht dafür, diese „gerecht zu verteilen“, sondern vielmehr, sie abzuschaffen. Aber sie sieht aufgrund der strukturellen Gegebenheiten große Schwierigkeiten, dass Frauen, die mit ihrem Ausbeuter in der gleichen Wohnung leben, das Problem individuell lösen können.

Ihrer Ansicht nach müsste auf der Ebene des Staates angesetzt und alle Privilegien gestrichen werden, die der Staat Männern zukommen lässt: kein Ehegattensplitting mehr. Verheiratete Männer müssten ihre Frauen wie Angestellte bezahlen und Sozialabgaben für sie entrichten, wie jeder Arbeitgeber. Nicht nur, wie es in Deutschland schon geschieht, für mitarbeitende Angehörige in einem Familienbetrieb, sondern auch innerhalb der Familie. Das würde Klarheit schaffen, und der Staat würde aufhören, die patriarchalische Produktionsweise zu unterstützen und zu fördern.

Klingt radikal. Wie würde sich das auf das Zusammenleben in der Familie auswirken? Was ist es denn, was Familien zusammenhält?

Die unterschiedliche Wertigkeit von Zeit

Delphy geht es um die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen. Frauen sollten ein eigenes Einkommen haben, das ihnen Unabhängigkeit garantiert, sodass sie weniger fremdbestimmt leben können. Sie lehnt einen Hausfrauenlohn ab, weil dieser die sexuelle Arbeitsteilung nur zementieren würde. Frauen arbeiten sehr viel. Sie arbeiten sehr viel mehr als Männer. Aber sie werden enteignet und ausgebeutet, und andere profitieren von den Früchten ihrer Arbeit. Es könne jedoch nicht akzeptiert werden, dass diese Arbeit entwertet und enteignet wird. Frauenarbeit wird als weniger wertvoll angesehen. Durch die vielen Privilegien, die Männer genießen, haben sie Zeit, um erwerbstätig zu sein und damit ein Einkommen zu verdienen. Es wird ihnen auch ein Recht auf Freizeit eingeräumt, Zeit, um sich zu erholen und fernzusehen. Frauen müssen sich die Zeit erkaufen, wenn sie sich durch eine Erwerbstätigkeit Zugang zu einem eigenen Einkommen schaffen wollen und daneben all die Haus- und Sorgearbeit erledigen, die ihnen aufgrund ihres Geschlechts „natürlicherweise“ zukommt. Ein Recht auf Erholung und Freizeit bleibt da praktisch nicht. Denn die Zeit der Männer hat einen gesellschaftlich höheren Wert als die Zeit von Frauen. Und das ist der Grund, warum die Arbeit von Männern als wertvoller angesehen und besser bezahlt wird. Das ist der Grund, warum die Arbeiten, die als weiblich gelten, die Hausarbeit und die Sorgearbeit, als unbedeutend angesehen werden. Darin drückt sich nicht nur die Geschlechterdiskriminierung zwischen Frauen und Männern aus, sondern auch die Hierarchisierung zwischen den Geschlechtern und allem, was vom Geschlecht bestimmt wird, ganz besonders die sexuelle Arbeitsteilung.

Abschließende Gedanken

Als Feministin versuche ich, Christine Delphys Gedankengänge zu verstehen und gleichzeitig in mich hineinzuhorchen, welches Echo sie in meiner persönlichen Erfahrungswelt bewirken. Ja, es besteht eine große „Bevorzugung der Männer“ auf dem Erwerbsmarkt, der uns Frauen in der Regel benachteiligt. Ja, die Sorgearbeit für Kinder und Familie wird hauptsächlich von Frauen erledigt. Und damit kann eine Frau kein eigenes Einkommen erwirtschaften und keine eigenen Rentenansprüche erwerben. Es findet Ausbeutung statt, auch wenn die Ausgebeuteten ihre Arbeit gerne verrichten. Spätestens in dem Augenblick, wo sich ein Paar trennt, das sich auf eine Arbeitsteilung geeinigt hatte, in der die Frau auf ein eigenes Einkommen oder auf einen Teil davon verzichtet, um dem Mann „den Rücken freizuhalten“, wird diese augenscheinlich.

Andererseits ist die Arbeit mit Menschen zumindest für manche Menschen eine sehr erfüllende und sinnstiftende Aufgabe. Besonders wenn ausreichend Zeit dafür da ist und nicht die Angst um das nackte Überleben das Leben bestimmt. Und bestimmte Arbeiten sind einfach unabdingbar, zum Beispiel Kochen, Putzen, Kinderaufzucht, Pflege von Kranken. Care-Arbeit. Sie müssen nicht als „Dreckarbeit“ oder als erniedrigende Tätigkeiten empfunden werden, sondern können durchaus Lust und Freude bereiten. Sie zu erledigen kann an sich schon befriedigend sein und ihren Wert nicht erst dadurch erhalten, dass sie „entlohnt“ werden. Andererseits brauchen wir ein Einkommen, um leben zu können. Um arbeiten zu können.

Muss Arbeit immer eine Ware sein? Und muss ein Einkommen immer mit Arbeit verbunden sein? – Ich glaube, eine mögliche Lösung für diese Fragen bietet das Bedingungslose Grundeinkommen. Statt verheiratete Männer zu subventionieren, könnte der Staat in der Tat diese Ressourcen zur Finanzierung eines BGE verwenden. Alle Frauen (und Kinder) hätten ein eigenes Einkommen und damit eine ganz andere Basis, um innerhalb einer Paarbeziehung Verhandlungen zu führen und Entscheidungen zu treffen. Der Zusammenhalt innerhalb einer Paarbeziehung oder einer Familie würde eine andere Grundlage bekommen.

Kann Zusammenhalt nur bestehen, wenn Menschen materiell voneinander abhängen? – Es macht zumindest nachdenklich, dass das in der Zeit von 1968-1976 experimentell eingeführte BGE in einigen Orten in den USA und Kanada spürbar zu Ehescheidungen führte. Konservative Politiker setzten (aus diesem Grund?) dem Experiment ein Ende. (Weitere Infos und Links dazu in diesem Text, letztes Drittel).

Ich stimme mit Christine Delphy darin überein, dass wir von klein auf so sozialisiert werden, dass wir für eine sexuelle Arbeitsteilung geprägt werden, die die Gesellschaft reproduziert, das heißt, wir entwickeln eine Identität, die dafür sorgt, dass wir später bereit sind Aufgaben möglichst widerstandslos zu übernehmen und so auszuüben, dass die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse bestehen bleiben.

Aber ich frage mich, ob Veränderung nicht inzwischen eines der Merkmale unserer Gesellschaft ist. Nicht nur dass die technische Entwicklung tiefgreifende Veränderungen des Alltags und der menschlichen Beziehungen, ja der traditionellen Anthropologie mit sich bringt (denken wir nur an die Reproduktionsmedizin, an die ganze Genderdebatte!) Auch die Geburtlichkeit, von der Hannah Arendt spricht, spielt da eine Rolle. Die Tatsache, dass Menschen geboren werden, die gar keine „Vergangenheit“ haben, sondern sich diese erst in ihrem Bewusstsein erschaffen müssen. Jeden Tag werden Menschen geboren, die die Welt entdecken und sich zu eigen machen müssen, und es auf ganz unterschiedliche, neue Weise tun. Und so ist es nicht erstaunlich, dass – wie es selbst Christine Delphy feststellt – heute Mädchen gibt, die „anders ticken“. Es sind sicherlich immer noch viel zu wenige. Aber es gibt sie und man erfährt es.

Und der ganze „demographische Wandel“ ist ja auch ein untrüglicher Indikator dafür, dass sich vieles ändert. Die Lebensspanne der Menschen wird sehr lang und ermöglicht uns Erfahrungen (auch körperliche) zu machen, die früher nicht möglich waren.

Am spannendsten finde ich aber vielleicht die Idee mit der unterschiedlichen Wertigkeit der Zeit. Und ich könnte mir vorstellen, dass da ein Angelpunkt liegen könnte, an dem wir ansetzen können, um vieles umzuwerten und die Care-Revolution zu verwirklichen. Daher: Mut zur Entschleunigung!

Autorin: Elfriede Harth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 04.08.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elfriede Harth sagt:

    Noch ein Zusatz, als Kommentar, aus der Rede von Jasmina Prpic, die sie anläßlich der Verleihung des Elisabeth-Norgall-Preises 2015 in Frankfurt am Main, hielt.

    <>

    Die ganze Rede kann gefunden werden auf der Webseite von Anwältinnen ohne Grenzen e.V., deren Gründerin Jasmina Prpic ist. http://anwaeltinnen-ohne-grenzen.de/

  • Elfriede Harth sagt:

    Ein zweiter Versuch mit dem oben erwähnten Zitat aus Jasmin Prpics Rede, der vorhin nicht erschien:

    <>

  • Ich finde auch: der Denkansatz bei der unterschiedlichen Wertigkeit der Zeit ist in diesem Ansatz sehr spannend. Da sollten wir dran bleiben, auf verschiedenen Ebenen. Es ist schon mal sehr interessant, den eigenen Alltag unter diesem Aspekt zu beobachten: Wie verändert sich die Wertigkeit meiner eigenen Zeit je nachdem, mit welchen Tätigkeiten ich die Zeit „fülle“? Was ist sorgfältiges Kochen wert, was Bloggen, was „wissenschaftliches“ Schreiben, was Gespräche führen, was „Nichtstun“…? Womit messe ich, womit messen andere den Wert meiner Zeit? Ist die Wertigkeit der Zeit jetzt, im heissen Sommer, möglicherweise anders als im Winter, spielen also auch Gegebenheiten eine Rolle, die mit „Ausbeutung“ erstmal nichts zu tun haben?
    Wenn ich diese Zusammenfassung des Denkens von Christine Delphy lese, dann fällt mir (nämlich) auf, dass ich Denkansätze, die sich ausschliesslich auf Unterdrückung und Ausbeutung fokussieren, nicht mehr gewöhnt bin. Mir fehlt in solchen Denkansätzen das, was mir, nach einer langen Zeit des Linksseinwollens, zuerst beim Befreiungstheologen Enrique Dussel begegnet ist: die „Alterität“, also die Offenheit dafür, dass die Ausgebeuteten vielleicht in ihrer Existenz noch ganz andere Dimensionen wahrnehmen, die mir entgehen, wenn ich nur Unterdrückung und nicht auch Freiheit sehe. Gerade in der Care-Debatte scheint es mir wichtig, immer beides im Blick zu haben: Ausbeutung und Freiheit, Unsinn und Sinn. Du, Elfriede, deutest das ja auch an, indem du darauf hinweist, dass die Ausgebeuteten ihre fremdbestimmte Arbeit manchmal auch „gerne verrichten“. Warum wohl? Weil Care sinnvoll ist! Ich meine: das Bestehen darauf, dass Care vernünftig, notwendig und sinnvoll ist, schwächt nicht, sondern stärkt die Analyse der Ausbeutung.

  • Hier weitere sehr spannende Aspekte zu Care, die über den deutschsprachigen Kontext hinaus reichen: http://antjeschrupp.com/2015/08/06/die-care-debatte-in-einem-globalen-kontext/

  • Ute Plass sagt:

    Auch hier geht es um die verschiedenen Wertigkeiten von Zeit. http://www.nachdenkseiten.de/?p=27065#h07

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