beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

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Kapitel 11: Notwendigkeit und Wertschätzung der Familien- und Hausarbeit

Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn“ wird der Text hier im Forum erstmals online veröffentlicht. Dies ist das 11. Kapitel: Familien- und Hausarbeit

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Freiheit, Gleichheit, Selbstausbeutung

Ina Praetorius stellt einen aktuellen Sammelband vor, der als Wissensquelle für eine postpandemische Politik des guten und gerechten Zusammenlebens genutzt werden kann.

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Aus der Zeit gefallen (7) – Von Klassen, Generationen und anderen Frauen

In der siebten Folge (Mai 2021) sprechen wir auf Einladung von Maria Coors über die Bücher “Bodentiefe Fenster” (2016) und “Schäfchen im Trockenen” (2019).

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Sorgearbeit fair teilen – oder Sorgekrise überwinden?

Der Deutsche Frauenrat fordert in einer Kampagne, Care-Arbeit fair zu verteilen. Elfriede Harth findet das nicht genug und stellt die weitergehenden Vorschläge des Netzwerks Care-Revolution vor.

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Die Politik der Frauen ist Politik

Es ist falsch, die Politik der Frauen als etwas Partikulares zu verstehen, schreibt Lia Cigarini vom Mailänder Frauenbuchladen. Es kommt darauf an, sie auch Männern zu vermitteln.

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Die Kundin: Dokumentarfilm über das Leben und Wirken von Marlies Krämer

Der Film von Regisseur Camilo Berstecher Barrero ist noch bis zum 23. Mai im Online-Stream des Münchner Filmfestival zu sehen.

Sich verletzbar schreiben

Von Kathleen Oehlke

Wieviel Persönliches geben AutorInnen beim Schreiben über sich preis? Und wo ist die Grenze, wenn es um psychische Krankheiten oder persönliche Verletzungen geht? Diesen und anderen Fragen gingen AutorInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen kürzlich in der Diskussionsreihe „Mental Health und Literatur“ nach. Sie wurde vom Literaturforum im Brecht-Haus veranstaltet und fand Ende April in Form von Podiumsdiskussionen und Lesungen statt. Besonders eindrücklich fand ich den Programmpunkt „Verletzbarkeit als emanzipatorische Praxis“ mit Paula Fürstenberg, Lea Schneider und David Wagner. Verletzbarkeit, was für ein Wort im Vergleich zur Verletzlichkeit! Ich sehe es praktisch vor mir, wie ein verletzliches Pflänzchen klein und zart dasteht und hofft, dass es irgendwie durchkommt, wenn überhaupt. Und auf der anderen Seite die starke Frau, die ihre Rüstung ablegt und allen zeigt, was ihr wichtig ist und wo sie verletzbar ist.

Das Thema hat mich stark an unser Schreiben hier auf bzw-weiterdenken erinnert, bei dem wir oft von uns selbst ausgehen und Persönliches preisgeben. Und abwägen, ob es nicht zu persönlich ist, zu heikel vielleicht. Und ehe ich den Gedanken richtig gefasst hatte, wurden in der Diskussion auch schon die Italienischen Denkerinnen genannt, an deren Tradition wir mit unserer Art des Denkens und Schreibens ja anknüpfen.

Nochmal zurück zur Wortwahl: Bei Verletzbarkeit geht man davon aus, dass es jemanden gibt, der verletzen könnte, denkt die LeserInnenschaft schon mit. „Kann ich das jetzt schreiben? Und falls ja, mit welchen Reaktionen muss ich rechnen? Halte ich diese Reaktionen aus? Wenn nein, lieber nicht schreiben.“ Schade, Denkblockade, hier geht es leider nicht weiter.

Bild: Kathleen Oehlke

Wenn wir die Welt verstehen wollen, können wir die persönliche Ebene nicht ausblenden, denn wir gehören ja zur Welt. Wir wollen doch verstehen, was strukturelle Probleme sind, was persönliche Prägungen, wie die miteinander verwoben sind. Wenn wir ableiten wollen, wie ein gutes Leben für alle gelingen kann, werden wir das aufdröseln müssen.Die öffentliche Seite, nun gut, die lässt sich auch aus einer gewissen Distanz noch ganz gut durchdenken. Aber die persönliche, psychologische Ebene, die geht ans Eingemachte. Und wir brauchen das Reden über diese Seite. Sonst wäre es, als würde man ums Problem kreisen und genau, wenn es spannend wird, doch wieder abbiegen. Weil: Das ist zu persönlich, zu privat. Womöglich hat es mit dem Elternhaus zu tun, und man möchte ja auch niemandem auf den Schlips treten, also warten, bis die Eltern tot sind, aber dann haben sie ja noch immer mich geprägt. Also warten, bis ich tot bin, aber dann kann ich nicht mehr denken. Also alles heimlich aufschreiben und hoffen, dass es jemand findet und posthum veröffentlicht oder zumindest in die Debatten einbringt. Und dann dauern Veränderungsprozesse eben mal schnell mehrere Generationen. Man schützt sich so vielleicht selbst vor Verletzungen, aber Emanzipation ist so nicht zu haben.

Autorin: Kathleen Oehlke
Eingestellt am: 29.05.2021

beziehungsweise…

… ist ein Internetforum, das, von Beziehungen unter Frauen ausgehend – daher der Titel – , ein philosophisches und politisches Gespräch ermöglicht. Es ist aus dem Wunsch der Initiatorinnen heraus entstanden, eine Plattform für Ideen zu schaffen, die ausgehend von der weiblichen Liebe zur Freiheit die Welt verstehen und Gesellschaft gestalten. Es bietet eine Möglichkeit, Gedanken zu entwickeln und zu diskutieren, unterschiedliche Projekte und Netzwerke miteinander in Kontakt und ins Gespräch zu bringen, Informationen auszutauschen, sich inspirieren zu lassen, neue Ideen zur Welt zu bringen. An diesem Projekt kann sich grundsätzlich jede Frau aktiv beteiligen, die in irgendeiner Weise mit einer der Redakteurinnen oder Autorinnen in Beziehung tritt.

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Illustration: Annekatrin Zint